Vergessene Minderheit

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Evangelische Deutsche im Banat: Pfarrer legt 380 Kilometer zu den Sonntagsgottesdiensten zurück

Wenn von deutschen ­Gemeinden in Rumänien die Rede ist, denkt jeder zuerst an die traditionsreichen evangelischen Siebenbürger Sachsen. Kaum jemand weiß, dass es im Banat auch evangelische Gemeinden deutscher Provenienz gibt.

Auswanderer aus Birda in der alten Heimat zur Kirchweih. Foto: Jürgen Henkel

Auswanderer aus Birda in der alten Heimat zur Kirchweih. Foto: Jürgen Henkel

Manchmal weiß Walter Sinn aus Semlak im Banat selbst nicht mehr so genau, was er ist: Pfarrer oder Fahrer. Wenn der 50-jährige Pfarrer der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses (A. B.) in Rumänien zu seinen Gemeinden fährt, um dort Gottesdienste zu halten, dann kommen schon einmal 380 Kilometer und drei Gottesdienste an einem Sonntag zusammen. Der Seelsorger betreut rund 200 evangelische Deutsche im Banat, jener ­Region, in deren Metropole Temeswar die Revolution gegen Diktator Ceau­sescu 1989 ihren Ausgang nahm.
Was sich auf den ersten Blick wie eine traumhafte Zahl an Seelen pro Pfarrer anhört, erweist sich bei näherem Hinsehen als Flickenteppich. Die Gemeinden erstrecken sich von Semlak an der rumänisch-ungarischen Grenze aus über das halbe Banat. Dazu gehören die Orte Engelsbrunn, Liebling, Birda, Klopodia und Kleinschemlak. Zum Vergleich: Die Orthodoxe Kirche hat in diesem Gebiet vier Bistümer.

Auch in diesen Gemeinden hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlassen. Lebten 1940 noch über 4000 Gemeindeglieder allein in der Gemeinde Liebling, so flohen im September 1944 binnen weniger Stunden über 2000 Deutsche vor der anrückenden Roten Armee nach Deutschland. Die Lebensbedingungen der Diktatur unter Ceausescu führten dazu, dass ab den 70er Jahren auch noch die restlichen Gemeindeglieder fast vollständig ausgewandert sind. Nach einem Geheimabkommen des Diktators mit Bundeskanzler Helmut Schmidt zahlte die Bundesregierung dem Regime ein Kopfgeld von 8000 Mark pro Auswanderer. Die Freiheit nach 1989 nutzten viele ebenfalls zur Auswanderung. Heute zählt die Gemeinde 30 Seelen.

Seit 1985 ist Sinn nun in Semlak. Heute hat der Pfarrer 120 Seelen im Ort zu betreuen, rund 80 in den anderen Gemeinden. Wobei die Situation nicht überall so endzeitlich ist wie in Engelsbrunn, wo mit Elisabeth Müller und Maria Krumbacher gerade noch zwei alte Frauen leben, beide weit über 70 Jahre alt.

Bis zur Wende gab es immer vier bis sechs evangelische Pfarrer im ­Banat. Die meisten sind ebenfalls ausgewandert, sehr zum Kummer der ­Gemeindeglieder. Pfarrer Sinn hat sich bewusst zum Bleiben entschlossen und dient seinen Gemeinden hier zu einem Bruchteil des Gehalts, das er heute als Pfarrer oder mit einer anderen Arbeit in Deutschland verdienen würde. »Ich muss hier als Seelsorger die Stellung halten und fühle mich verpflichtet, dieses Amt auszuüben, solange es noch geht«, sagt er dazu. Die verbliebenen Deutschen stört es durchaus, dass sie von manchen Ausgewanderten doppeldeutig als »die Zurückgebliebenen« tituliert werden und sie ihr Bleiben begründen müssen.

Es gibt kaum Kinder und Jugendliche, der Pfarrer hält mangels »Kundschaft« keinen Religions- und Konfirmandenunterricht. Alle zwei oder drei Jahre gibt es eine Taufe oder Trauung, dann meist schon aus konfessionellen Mischehen. Neben den Evangelischen leben Orthodoxe, Katholiken und Reformierte vor Ort, die Beziehungen der Kirchen untereinander sind gut. Über Arbeitsmangel braucht sich der Pfarrer trotz der niedrigen Seelenzahlen nicht zu beklagen. Er ist nicht nur Prediger, Seelsorger und Fahrer, sondern auch Handwerker und »Mädchen für alles«, denn die finanzielle Lage der Gemeinden, die mit niedrigen Kirchenbeiträgen zurechtkommen müssen, erlaubt es nicht, immer professionelle Firmen zu beauftragen. Walter Sinn sieht seine Rolle nicht als kirchlicher Konkursverwalter: »Noch leben die Gemeinden wie ein heiliger Rest und wir müssen die Kirchen noch nicht zusperren.« Schmunzelnd verweist er auf Engelsbrunn: »Dort habe ich meist 100 Prozent Gottesdienstbesucher, denn beide Frauen kommen zum Gottesdienst.« Und es werden sogar Kirchen renoviert, auch mit finanzieller Hilfe der ausgewanderten Gemeindeglieder.

Die Renovierung der Kirchen trotz des Niedergangs der Gemeinden hat für Pfarrer Sinn auch eine kulturhistorische Bedeutung: »Die Kirchen sind ein Kulturgut, das nicht zugrunde gehen darf. Wir haben die Aufgabe, diese Kulturgüter aufrechtzuerhalten und zu pflegen, solange es geht. Sie sind ein Beweis der Existenz der Deutschen in diesem Land«, sagt er.

Einen Kampf führt der Geistliche auch um die Rückgabe von enteigneten Gebäuden und Grund. Die Bürgermeisterin von Semlak, Letitia Stoian, verhindert mit allen Mitteln die korrekte Rückgabe, die den Gemeinden dringend benötigte finanzielle Einkünfte bringen würden. Sie missachtet sogar entsprechende Gerichtsbeschlüsse und deklariert Kircheneigentum kurzerhand zu »öffentlichem Besitz«. Jetzt ermittelt die ­rumänische Antikorruptionsbehörde DNA und der kämpferische Pfarrer hat sogar Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht. »Unsere Bürgermeisterin ist kommunistischer als es Ceausescu war«, schimpft er.

Von Jürgen Henkel

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