Verbindlich für beide Seiten

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Sie wurde als großer Durchbruch gefeiert: die »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre«. Ein Gespräch mit dem Erfurter Professor Josef Freitag.

Miteinander oder nebeneinander? Nicht immer sind sich katholische und evangelische Christen so nahe, wie die Kirchenfahnen beim ersten Ökumenischen ­Kirchentag 2003 in Berlin. 	Foto: Harald Krille

Miteinander oder nebeneinander? Nicht immer sind sich katholische und evangelische Christen so nahe, wie die Kirchenfahnen beim ersten Ökumenischen ­Kirchentag 2003 in Berlin. Foto: Harald Krille

Mit diesem Dokument gibt es eine klare Verbindlichkeit für Katholiken und Lutheraner in Bezug auf die Frage nach dem Heil«, erklärt der Erfurter katholische Dogmatikprofessor Josef Freitag. »Was den Spaltungsgrund zwischen den Kirchen in der Reformation ausmachte, nämlich die Frage der Rechtfertigung, ist mit der ›Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre‹ überwunden.« Die Rechtfertigungslehre sei Kernstück lutherischen Glaubens, so der Theologe: Allein aus Gnade, nicht aufgrund guter Werke ­erlange der Mensch das Heil, werde er »gerechtfertigt«. Dies drücke aus, dass Gottes Zuwendung zum Menschen unverdient, nicht die Folge guter Werke, sondern im Gegenteil erst Befähigung zu guten Werken sei.

Vor genau zehn Jahren am 31. Oktober 1999 wurde dies als gemeinsame Erklärung in Augsburg feierlich unterzeichnet. Stellvertretend für den Lutherischen Weltbund (LWB) unterzeichnete der protestantische Theologe Christian Krause, damals LWB-Präsident, und für die katholische Seite Kardinal Edward Cassidy vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen. »Der Päpstliche Rat hat
das Lehramt der katholischen Kirche vertreten. In den lutherischen Kirchen gibt es keine verbindliche Lehrmeinung. Das heißt konkret, dass der Lutherische Weltbund nicht die eine Stimme der lutherischen Kirche ist«, betont Freitag. Darum sei das Zustandekommen dieser Erklärung, mit so breiter Unterstützung aus den evangelisch-lutherischen Landessynoden, umso erfreulicher.

Freitag weiter: »Das Dokument ist natürlich kein Dogma. Aber auch kein einziger Beschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils ist als Dogma formuliert worden. Und dennoch gilt das Konzil als die höchstverbindliche Lehrinstanz. Daher ist auch diese Erklärung für jeden Gläubigen verbindlich, denn sie ist im Namen der gesamten römisch-katholischen Kirche unterzeichnet worden.«

Die Erklärung sei in einem langjährigen Arbeitsprozess gemeinschaftlich mit den Vertretern des Lutherischen Weltbundes formuliert worden, im sogenannten differenzierten Konsens. Dies bedeute, dass sich die Kirchen über die Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre einig seien. In weiteren Fragen gäbe es durchaus noch ­ Unterschiede, »aber diese sind nicht mehr trennend, denn es gibt nun ein gemeinsames Fundament«.
Was in den vergangenen Jahrzehnten schon im Dialog zwischen Einzelnen innerhalb der Ökumene gelungen sei, zum Beispiel auf Ebene der Gemeinden, das sei mit der ­Gemeinsamen Erklärung zwischen den Kirchen als Ganzes gelungen. »Dies war das erste konkrete Ergebnis des katholisch-lutherischen Dialogs seit der Reformation«, betont Freitag. Das Neue, was das Dokument nun mitbringe, sei eine neue Haltung, die die Kirchen zueinander einnehmen. »Die Kirchen haben sich mit dieser ­Erklärung vorgenommen, ab jetzt die Anliegen des anderen bei den ­eigenen Entscheidungen zu berücksichtigen.«

Die Verbindlichkeit eines solchen Dokumentes zeige sich darin, inwieweit es tatsächlich rezipiert wird. »Dazu muss man die Dokumente natürlich überhaupt erst lesen und kennenlernen«, fordert der Dogmatiker. Es sei nach zehn Jahren der Unterzeichnung der Erklärung noch viel ­Engagement nötig, die Botschaft des Dokuments unter das Volk der Gläubigen zu bringen. »Erst wenn wir es uns zu eigen gemacht haben, können wir über weitere Fragen nachdenken, wie zum Beispiel die gemeinsame Abendmahlsfeier, die Sakramente und die Frage des Amtes.«

Dabei geht es aus katholischer Sicht vor allem um Fragen, die zuerst innerhalb der lutherischen Kirchen behandelt werden müssten. Dies habe auch der damalige Protest von mehr als 250 evangelischen Theologieprofessoren gegen die »Gemeinsame Erklärung« gezeigt: »Die Frage nach der Rechtfertigung ist eine Frage nach der Identität der lutherischen Kirche. Im Dialog der Konfessionen sollten wir uns dessen stets bewusst sein«, resümiert Freitag.

Von Elisa Eichberg

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straube_peter-paulDie Unterzeichnung der »Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« (GE) vor zehn Jahren in Augsburg war ein herausragendes ­Ereignis in den evangelisch-luthe­rischen und römisch-katholischen ökumenischen Bemühungen. Diese Erklärung zeigt, dass aufgrund des ökumenischen Dialogs es nunmehr möglich ist, ein gemeinsames Verständnis der Rechtfertigung durch Gottes Gnade im Glauben an Jesus Christus zu vertreten.
Leider sind auf der theologischen Ebene keine weiteren Schritte gefolgt, zum Beispiel in den Fragen des Amtes oder des Abendmahls. Auf der Ebene der Gemeinden gibt es noch viele Möglichkeiten, intensiver zusammenzuarbeiten, so bei der sozialen Arbeit oder in der Erwachsenenbildung. In Bautzen existiert seit einem Jahr ein »Ökumenischer Domladen«, der sich als christliche Informations- und Begegnungsstätte versteht. Mit großer Vorfreude blicken wir auf den Ökumenischen Kirchentag im Mai 2010 in München. Denn: Wir sollen eins sein, damit die Welt glauben kann.

Dr. Peter-Paul Straube, Rektor des Bischof-Benno-Hauses Schmochtitz, Bildungshaus des Bistums Dresden-Meißen

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schodl_albrecht

Ich lebe mit der ökumenisch ausgerichteten Jesus-Bruderschaft zusammen, die in jedem Mittagsgebet für Einheit und Versöhnung unter den Konfessionen betet. Freilich glaube ich nicht, dass die »Gemeinsame Erklärung« auf dieses in Volkenroda selbstverständliche ökumenische Miteinander großen Einfluss hatte. Wir würden wohl auch ohne ein kirchenamtliches Papier gemeinsame Gottesdienste feiern. Und doch ist es gut, dass die gelebte Ökumene von unten auch in der theologischen Reflexion zu einer gemeinsamen, lehramtlichen Annäherung »von oben« gefunden hat.

Allerdings frage ich mich: Warum ist dieser Prozess nicht weitergegangen? Warum haben wir zehn Jahre nach der Erklärung zur Rechtfertigungslehre noch keine Annäherung im theologischen Verständnis des Herrenmahls erreicht? Hier wünschte ich mir eine gemeinsame Erklärung zum Sakrament des Altars! Das Papier zum Verständnis der Rechtfertigungslehre macht doch vor, dass es möglich ist, Gräben zu schließen, die über Jahrhunderte hinweg unüberwindbar schienen.

Dr. Albrecht Schödl, evangelischer Pfarrer am Kloster Volkenroda/Thür.

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stolze_jurgenDie methodistische Stellungnah­me zur »Gemeinsamen Erklärung« wurde auf der Vollversammlung des Rates Methodistischer Kirchen in Seoul im Jahr 2006 verabschiedet. Darin »bekräftigen der Weltrat Methodistischer Kirchen und seine Mitgliedskirchen ihre grundlegende lehrmäßige Übereinstimmung mit der Lehre, wie sie in der ›Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« … ausgesprochen wird.‹

Im Prozess der Klärung und Formulierung zeigte sich, dass die methodistische Lehre in der Frage von Rechtfertigung und Heiligung durchaus eine Mittelstellung zwischen der katholischen und lutherischen Seite aufweist. Mit der GE haben Katholiken, Lutheraner und Methodisten dokumentiert, dass sie im Verständnis des Zentrums des Evangeliums, einig sind. Darum stellt sie aus methodistischer Sicht einen Meilenstein in der ökumenischen Bewegung dar. Zum anderen stellt die GE einen »Doppelpunkt« dar, der ein weiteres Gehen des gemeinsamen Weges der Kirchen fordert.

Pastor Jürgen Stolze, Magdeburg, Beauftragter für Ökumenische Beziehung der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland

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Hintergrund
Mit der »Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« (GE) ­haben Katholiken und Lutheraner vor zehn Jahren einen jahrhundertealten theologischen Streit beendet. Martin Luthers Lehre von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott löste Anfang des 16. Jahrhunderts die Kirchenspaltung in Europa aus. An die Unterzeichnung wird am
30. Oktober mit einem Gottesdienst und Festakt in Augsburg erinnert.

Aus diesem Anlass ist eine 48-­seitige ökumenische Arbeitshilfe »Unter dem Horizont der Gnade ­erschienen. Darin werden unter ­anderem zentrale Passagen der GE dokumentiert und Anregungen für gemeinsame Gottesdienste und ­Bibelarbeiten gegeben. Sie kann in Einzelexemplaren kostenlos beim Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik, Leostraße 19a, 33098 ­Paderborn, bestellt, oder im Internet heruntergeladen werden.

www.moehlerinstitut.de

Die Beiträge dieser Seite zur GE ­wurden in Zusammenarbeit mit der katholischen Wochenzeitung »Tag des Herrn« erarbeitet.

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