Maßstäbe gesetzt

22. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kirchenpolitik: Synode bestimmt Ende Oktober Nachfolge des EKD-Ratsvorsitzenden Huber

Seit sechs Jahren das öffentliche Gesicht des Protestantismus: Bischof Wolfgang Huber Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Seit sechs Jahren das öffentliche Gesicht des Protestantismus: Bischof Wolfgang Huber Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Sechs Jahre lang hat Wolfgang Huber die rund 25 Millionen Protestanten in Deutschland ­repräsentiert.

Als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat der versierte Theologe so viel bewegt wie kaum einer seiner Vorgänger. Wer nach den Ratswahlen bei der Synode am 27. Oktober in Ulm an die EKD-Spitze rückt, ist noch offen. Doch ­soviel steht fest: Die Messlatte liegt hoch. Huber, der dem neuen Rat nicht mehr ­angehören wird, hat mit seinen Auftritten in der Kirche, den Medien und der poli­tischen Öffentlichkeit Maßstäbe für die gesellschaftliche Strahlkraft des Protestantismus gesetzt.

Als wichtigstes Projekt nennt der 67-Jährige die tief greifende Reform der EKD und ihrer Landeskirchen, die vor drei Jahren unter dem Titel »Kirche der Freiheit« angeschoben wurde. »Ich hoffe, dass dies über die sechs Jahre hinaus fortwirken wird«, sagt Huber. Der geforderte Umbruch stieß zunächst auf große Vorbehalte. Inzwischen ist die Einsicht in die Notwendigkeit gewachsen, denn die Kirche verliert nach allen Prognosen bis 2030 ein Drittel der Mitglieder und sogar die Hälfte ihres Budgets. Das erfordert die Konzentration auf Kernaufgaben und den schmerzhaften Abschied von manchen Arbeitsfeldern.

Im September hat die EKD in Kassel eine Zwischenbilanz der Reformen gezogen. Bei der Zukunftswerkstatt steht Huber noch einmal vor 1200 Teilnehmern im Rampenlicht und erntet Applaus für seine gründliche Analyse. Seine strahlende Zufriedenheit ist aber wie verflogen, nachdem einige kritische Stimmen zu Wort ­gekommen sind. Plötzlich steht auf der Bühne der Professor, der für seine Sicht der Dinge kämpft und Widerspruch streng zurückweist.

Dass der Spitzen-Protestant weniger pastorale Wärme ausstrahle als etwa sein Vorgänger Manfred Kock, ist moniert worden. Doch auch Kritiker erkennen an, dass Huber mit seiner intellektuellen Schärfe die evangelische Kirche profiliert hat. Er wendet sich dagegen, dass vor lauter Verständnis für Andersdenkende die Klarheit evangelischer Positionen auf der Strecke bleibt. Unter seiner Führung artikulierte die EKD mehr Selbstbewusstsein – etwa mit der Forderung an Muslime, dass es keinen Dialog zwischen den Religionen ohne ein klares Bekenntnis zum deutschen Gemeinwesen geben kann. Auch gegenüber der katholischen Kirche fand die EKD deutliche Worte, nachdem der Vatikan erneut den Protestanten abgesprochen hatte, »Kirche im eigentlichen Sinne« zu sein.

Huber, der sich selbst und seinem Umfeld ein enormes Maß an Tempo und Leistung abverlangt, entstammt dem bürgerlichen Bildungsmilieu. Als er 1942 im deutsch besetzten Straßburg geboren wird, ist sein Vater Ernst Rudolf Jura-­Professor. Seine Mutter Tula, ebenfalls ­Juristin, ist Tochter des früheren Reichsaußenministers Walter Simons. Wolfgang Huber setzt sich mit der NS-Belastung seines Vaters auseinander und tritt nach Theologie-Studium und Vikariat 1968 in die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg ein.

Huber wird zu einem der Vordenker des Linksprotestantismus, lehrt in Marburg Sozialethik und in Heidelberg systematische Theologie. 1985 leitet er als ­Präsident den Kirchentag in Düsseldorf. Für die SPD steht er 1993 vor einer Bundestagskandidatur, doch er entscheidet sich für das Bischofsamt in der Hauptstadt. Das hat er noch bis zum 14. November inne. Dann wird er festlich verabschiedet und sein Nachfolger Markus Dröge als neuer Bischof für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz eingeführt.

Eine Rückkehr in die Parteipolitik schließt Huber aus: »In diesen Bereich gibt es keinen Weg zurück«, sagt er. Das bedeute aber nicht, dass er ein unpolitischer Mensch werde. Seine Enttäuschung über den SPD-geführten Berliner Senat und das Scheitern des Volksbegehrens »Pro Reli« sitzt tief. Huber plant erst einmal Urlaub und mehr Zeit für seine Frau Kara, für Kinder und Enkel. Im Winter wird er für eine gewisse Zeit an eine Hochschule in Südafrika gehen, doch wird man sicher weiter von ihm hören: »Und wenn ich gefragt werde, mich zu dem einen oder anderen Thema zu äußern, werde ich das gegebenenfalls auch tun.«

(epd) Thomas Schiller

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