Privatschulen für Arme

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Bericht: Mikrokredite für die Bildung – private Alternativen ergänzen in Ghana das staatliche Schulsystem

Comfort Amofahs ganzer Stolz: Das neue Wellblechdach ihrer Schule konnte sie Dank eines Mikrokredits finanzieren. Fotos: Uwe Pollmann

Comfort Amofahs ganzer Stolz: Das neue Wellblechdach ihrer Schule konnte sie Dank eines Mikrokredits finanzieren. Fotos: Uwe Pollmann

Hierzulande haben sie den Ruch des Elitären. Doch in Westafrika gibt es Privatschulen für Arme.
Und die zahlen sogar gern ­einen kleinen Obolus.

God bless our homeland Gha­na!« Rund 150 Kinder schmettern beim Morgenappell auf einem sandigen Schulhof die Nationalhymne. Dann marschieren sie stolz und mit schwingenden Armen in die Klassen eines einfachen Holzgebäudes. Die kleine Schule im Dorf Bonuso in Zentralghana ist die Einzige weit und breit. Gegründet wurde sie vor fünf Jahren von der 64-jährigen Comfort Amofah.

»Ich wollte meiner Gemeinde und meinem Land helfen«, sagt die Witwe, die früher als Bäckerin gearbeitet hat. »Ich wollte den Eltern eine Schule für ihre Kinder bieten.« Denn öffentliche Schulen sind in dem 23-Millionen-Einwohner-Land Ghana in Westafrika hoffnungslos überfüllt. 50 bis 80 Kinder sitzen in einer Klasse, sagt Comfort Amofah, deshalb brauche man mehr Schulen.

»Ich wollte meinem Land helfen«
Mit acht Kindern begann die kleine, resolut auftretende Frau: »Anfangs habe ich sie von zu Hause abgeholt, manchmal noch angezogen und dann mitgenommen in das Haus eines Verwandten. Aber als es mehr wurden, mussten wir dort raus und ich habe diese Schule aufgebaut.«

Kleine Klassen, mehr Zuwendung, besserer Lernerfolg

Kleine Klassen, mehr Zuwendung, besserer Lernerfolg

Heute sind 200 Kinder in der privat geführten Grundschule plus Kindergarten angemeldet. Die Wände sind aus Holz, der Boden ist zementiert und vor Regen und Sonne schützt seit Neuestem ein Wellblechdach. Das Geld, ein paar Hundert Euro, bekam die Gründerin von einer Mikrofinanzorganisation – als Kredit. Die Eltern müssen darum etwas Schulgeld zahlen. Das aber mache er gern, sagt ein Bauer, der von den staatlichen Schulen nichts hält: »Deren Leistung ist ­total schlecht. Wenn die Kinder nach Hause kommen, müssen sie keine Hausaufgaben machen. Die tun nichts für die Bildung der Kinder.«

Es gibt mittlerweile Hunderte kleiner Privatschulen in Ghana. Viele können erst dadurch bestehen, dass sie günstige Kredite bekommen. Diese erhalten sie von der ghanaischen ­Mikrofinanzorganisation Sinapi in ­Kooperation mit der christlichen Organisation Opportunity International. »Die meisten Schulen hier haben nichts, nicht mal Bücher«, sagt Sinapi-Chef, Aaron Opoku-Ahene. »Aber mit etwas Unterstützung können sie das kaufen und sich erweitern.« Viele Menschen auf dem Land hätten so Zugang zu besserer Bildung.
In der staatlichen Schulbehörde in der Hauptstadt Accra kann der Leiter dem nur beipflichten. James Nii-Okaiga Dinsey berichtet, dass in den letzten Jahren immer mehr Schüler in die öffentlichen Schulen gesteckt wurden. Doch der Platz blieb gleich. »Die Privatschulen sind eine wichtige Ergänzung. Die Regierung kann nicht allen schulpflichtigen Kindern eine Schulbildung bieten.« Auch das UN-Millenniumsziel, allen Kindern bis 2015 den Zugang zu einer Schule zu ermöglichen, sei ohne die engagierten Schulgründer nicht zu erreichen.

Wichtiger Schritt zu den UN-Millenniumszielen

Und dann ergänzt Dinsey ungefragt: »Viele dieser Schulen sind besser als unsere.« Das sei aber auch kein Wunder, denn der Bildungsetat sei zu klein. Der Behördenleiter bestätigt damit Studien des britischen Bildungsexperten Professor James Tooley, der in Afrika und Asien festgestellt hat, dass Privatschulen in Slums erstaun­liche Bildungserfolge erzielen.

Gefördert werden die Kreditprogramme der ghanaischen Mikrofinanzierer darum auch von Opportunity International Deutschland mit Sitz in Bielefeld. Ghana sei Vorreiter, sagt Geschäftsführer Stefan Knüppel. Auch in Uganda, Kenia, Malawi, Indien und auf den Philippinen fördere man solche Programme.

Knüppel, ein Ex-Manager (der vor einigen Jahren aus einem großen Unternehmen ausgestiegen ist), weiß, dass Bildung ein öffentliches Gut ist: »Eigentlich geht das nicht, dass man für Grundbildung Geld zahlen muss. Aber wenn der Staat dazu nicht in der Lage ist, müssen private Initiativen einspringen.« Die Alternative wäre, dass die Kinder in überfüllten Klassen sitzen oder gar nichts lernen.

Um die Privatschulen für Arme fit zu machen im Bildungswettbewerb, bietet Opportunity in Ghana den Schulgründern einen Austausch untereinander an. Auch Comfort Amofah spricht viel mit anderen Schulen. Mit ihrer Dorfschule ist sie aber noch nicht zufrieden. Mit der Hilfe der Mikrofinanzierer will sie »ein richtiges Schulgebäude aus Stein« bauen. Wenn der jetzige Kredit abbezahlt sei, wolle sie einen neuen aufnehmen. »Dann soll es richtige Klassenräume, Toiletten, einen Computerraum und ein Büro geben.«

Sagt es und ist schon wieder draußen auf dem Schulhof. Denn es ist bereits Mittagszeit in der Dorfschule in Bonuso und die Schüler sind hungrig. Schon steht die drahtige Frau am Essenstand, den zwei Mütter leiten, und hält all ihre Schützlinge zunächst zum Händewaschen an.


Uwe Pollmann

www.oid.org

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