Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur – ein Porträt

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Herta Müller schildert in ihren Werken das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und Heimatlosigkeit. Foto: epd-bild

Herta Müller schildert in ihren Werken das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und Heimatlosigkeit. Foto: epd-bild

Die aus Rumänien stammende deutsche Autorin Herta Müller erhält den diesjährigen Nobelpreis für Literatur. Die Schwedische Akademie der Wissenschaften ehrt eine Schriftstellerin, die zwei große Themen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in ihren Werken aus eigener existenzieller Erfahrung schildert: das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und die genauso individuelle wie kollektive Wahrnehmung von Heimatlosigkeit.

Nitzkydorf ist ein kleines unbekanntes Dorf in Westrumänien. Schotterpisten und Gänseherden, die Kirche in der Dorfmitte und Häuser, von denen der Putz bröckelt, kennzeichnen dieses Dorf. Hier ist die neue Nobelpreisträgerin geboren.

Es war eine in vieler Hinsicht über Jahrhunderte durchaus geordnete deutsche Welt, in die die Autorin am 17. August 1953 hineingeboren wurde. Die Banater Schwaben dominierten Dörfer wie Nitzkydorf bis ins 20. Jahrhundert. In diese Ordnung kleiner deutscher Minderheitendörfer fiel die Weltgeschichte mit ihren banalen wie brutalen Fehlentwicklungen ein, mit ihren entscheidenden historischen Einschnitten und Wendepunkten.
Herta Müllers Vater war ein ehemaliger SS-Soldat, der sich seinen Lebensunterhalt später als Lkw-Fahrer verdiente. Ihre Familiengeschichte spiegelt die politische Geschichte: Die Mutter war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrelang zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert, der Großvater war als wohlhabender Kaufmann und Bauer von den Kommunisten enteignet. So haben das Nazi-Regime, die Sowjets und die rumänischen Kommunisten die Familiengeschichte geprägt.

Doch besonders tiefe Spuren hat bei Herta Müller die selbst erlebte Diktatur hinterlassen: der Kommunismus in Rumänien. Wie ihr früherer Ehemann, der Schriftsteller Richard Wagner, litt sie als Intellektuelle unter den Zwängen des Systems und fasst diese Erfahrungen vor allem seit ihrer gemeinsamen Auswanderung in den Westen 1987 in Prosa und Poesie.

1973 bis 1976 studierte Herta Müller Germanistik und rumänische Literatur an der »Universität des Westens« in Temeswar. Ab 1976 arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wurde aber 1979 entlassen, weil sie sich weigerte, mit dem Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten. Ihr erstes Buch »Niederungen« lag danach vier Jahre beim Verlag und durfte erst 1982 in einer zensierten Form erscheinen.

Messerscharf zeigt Müller die Perfidien und Absurditäten des Systems sowie die kollektiven und individuellen Folgen der totalen Niederlage Deutschlands für die Deutschen in Rumänien. In ihrem aktuellen Roman »Atemschaukel« beschreibt sie die Deportation der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges und die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin. In »Der Fuchs war damals schon der Jäger« zeichnet sie Bilder der allgegenwärtigen Bedrohung und der Angst, der Demütigung und der Aussichtslosigkeit in der Spätphase des damaligen Systems nach. In »Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt« schildert sie den Kampf um die Auswanderung.

Nach der Auswanderung zählt Müller mit Autoren wie Norman Manea und Richard Wagner zur rumänischen Exilliteratur, die sich eben auch sehr beklemmend in der Sprache der deutschen Minderheit äußert. Ihre Werke werden in über zwanzig Sprachen übersetzt. Sie verschafft sich mit ihren exklusiven Themen Gehör in der deutschen Literaturlandschaft und weit darüber hinaus und hat auch vor dem Literaturnobelpreis zahlreiche deutsche wie internationale Prämien entgegennehmen können.

Auch im Exil kommt sie nicht wirklich zur Ruhe. Die Securitate versucht, sie als Kollaborateurin im Westen zu diskreditieren, manche Funktionäre der Landsmannschaften greifen entsprechende Vorwürfe auf. Doch Herta Müller zählt neben Richard Wagner und Eginald Schlattner heute zu den prominentesten Stimmen der rumäniendeutschen Literatur, auch wenn sie jetzt seit langem in Berlin lebt.

Herta Müller sagt in ihrer Literatur mehr über die Motive zur Auswanderung aus einem kommunistischen System und die Flucht nach vorn als manches Sachbuch. Sie bietet litera­rische Psychogramme der Emigration in die Freiheit und schildert Erfahrungen dieser Grenzüberschreitung. Als Grenzgängerin zwischen den Welten wird sie zu einer literarischen Zeugin der Heimatlosigkeit der Moderne, der sie in ihrem Werk besonders nachspürt. Letztlich hat genau dies ihren Nobelpreis möglich gemacht. Sie zeichne »mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit«, wie es in der Preisbegründung heißt.

Jürgen Henkel

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