Der Feindschaft verweigert

8. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Porträt: Der palästinensisch-christliche Friedensaktivist Daoud Nassar will auf jeden Fall gewaltfrei bleiben

Auf dem väterlichen Land lädt Daoud Nassar zu ­Friedensbegegnungen ein. Doch seit Jahren muss er um dieses Erbe vor Gerichten kämpfen.

Hält an der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit fest: Daoud Nassar, Foto: Johannes Zang

Hält an der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit fest: Daoud Nassar, Foto: Johannes Zang

Wie bitte? Palästinensischer Friedensaktivist? – Solche Reaktionen kennen Palästinenser. Auch Daoud Nassar weiß um das »Terroristen«-Vorurteil gegenüber seinem Volk. Flugzeugentführungen, Geiselnahmen und Selbstmordattentate haben diesem ein Kainsmal eingebrannt. Während sich manch ein Landsmann gewaltsam gegen die nun seit 42 Jahren bestehende israelische Militärbesatzung zur Wehr setzt, ist die Familie Nassar gewaltlos geblieben. Dabei werden sie immer wieder von radikalen israelischen Siedlern bedroht. Zusätzlich spüren sie immer wieder die bürokratische Gewalt der israelischen Justiz. Wieso? Es geht um Land.

Daoud – zu Deutsch David – besitzt ein 42 Hektar großes Stück Land südlich von Bethlehem, 950 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort lässt sich das nach Westen abfallende Plateau des West-Jordanlandes überblicken, bei guter Sicht ist das Mittelmeer zu erkennen.

Daouds Großvater Daher – daher der Name Dahers Weinberg für das umkämpfte Land – hat dieses 1916 von einem palästinensischen Bauern aus Nahalin gekauft. Später zog er mit ­seiner Familie dorthin. Sie lebten in einer Höhle und begannen, Bäume zu pflanzen, von Granatapfel über Mandel bis zu Feigen und Oliven sowie Rebstöcke.

Einen ersten Einschnitt in die Ruhe auf dem Weinberg brachte das Jahr 1990. Daoud hörte, dass israelisches Militär und jüdische Siedler auf seinem Grundstück gewesen seien, stellte Nachforschungen an und erfuhr, dass das gesamte Gebiet um Dahers Weinberg Staatsland sei; binnen 45 Tagen könne gegen den Bescheid Widerspruch eingelegt werden. Seitdem hat Daoud Nassar keine Ruhe mehr, geht bei Rechtsanwälten ein und aus, muss vor dem Militärgericht erscheinen, Zeugen beschaffen und Gutachten anfertigen lassen. Selbst für das Aufstellen eines Zeltes benötigt er die Zustimmung der Militärbehörde, da sein Grundstück im C-Gebiet des West-Jordanlandes liegt, wo die palästinensische Behörde nichts und Israel alles zu sagen hat.

Einmal teilte diese Behörde ihm mit: »Ein großer Teil des Landes ist nicht kultiviert, was kultiviert ist, gehört euch, der Rest fällt an den Staat.« Daoud musste Augenzeugen bringen, um die Bearbeitung des Landes nachzuweisen. Er gewann 50 Angehörige, Nachbarn und Freunde, um auszu­sagen. Zwischen vier und fünf Stunden mussten sie in der Hitze warten, dann teilte man ihnen mit: »Heute ­haben wir keine Zeit mehr. Kommt morgen wieder.« Daoud gelang es, die Zeugen nochmals zu motivieren. Wieder organisierte er einen Bus zur Militärbehörde. Es habe knifflige Fragen gegeben, erzählt Daoud. Seine Mutter sei vier Stunden lang verhört worden.

Zusätzlich zum Kampf mit Israels Gerichten kommen die Übergriffe ­israelisch-jüdischer Siedler der nahe gelegenen Siedlung Neve Daniel: Einmal rissen sie frisch gepflanzte Ölbäume aus und zerstörten Wassertanks, ein andermal planierten sie mit Bulldozern eine Straße durch sein Grundstück, sie hielten Daouds Mutter auch schon einmal eine Waffe an die Schläfe.

An manchen Tagen sagt Daoud Nassar Sätze wie: »Es gibt keine Gerechtigkeit« oder »Es geht nur darum, uns müde zu machen. Die Israelis wollen, dass wir mit der Zeit aufgeben.« Der Kampf um sein Land hat ihn bisher 140000 US-Dollar gekostet. Doch der 38-Jährige denkt nicht ans Aufgeben und will auch nicht verbittern. Im Gegenteil, er sucht nach Möglichkeiten der Begegnung. Zu Beginn des 2. Palästinenseraufstandes (2. Intifada) begann er das Projekt »Zelt der Völker«. Dazu gehören beispielsweise internationale Jugendcamps.

Gemeinsame landwirtschaftliche Feldarbeit, Baumpflanzaktionen prägen diese Wochen ebenso wie gemeinsame Sportaktivitäten und die abendlichen Diskussionsrunden am Lagerfeuer. Damit hat Daoud die Vision seines ­Vaters umzusetzen begonnen: einen Ort für Menschen, vor ­allem Jugend­liche, zu schaffen, einen Raum für ­Begegnungen zwischen Kulturen und Religionen. Wer das Grundstück betritt, wird mit der Botschaft auf einem großen Stein begrüßt: »Wir weigern uns, Feinde zu sein.«

In Zeiten, die ungewisser gar nicht sein könnten, bringt Daoud Nassar Christen und Muslime zusammen, manchmal auch Israelis und Palästinenser. Das beflügelt ihn, dann kommen ihm solche Sätze über die Lippen: »Wir haben eine Chance zu gewinnen. Eines Tages muss die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen. Daran glaube ich.«

Von Johannes Zang

www.tentofnations.org

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Der Feindschaft verweigert”
  1. Gerlinde Scherer sagt:

    Was Daoud Nassar geschieht – ist nur durch das Schweigen der westlichen Gemeinschaft möglich.
    Die Anwendung der Menschenrechte hängt nur davon ab auf welcher Seite des Konfliktes man geboren wurde.Den Glauben an die gegenärtige Politikhabe ich durch meinen Einsatz für die Palästinenser längst aufgegeben.
    Es ist genau das gleiche wie die Sanktionen gegen den Gazastreifen.
    Nach meiner Erfahrung läuft das ganze politische Engagement nur noch
    auf wirtschaftliche Interessen und Vorteile hinaus.Dies kann man sehr gut beobachten, wenn man die gegenwärtige Außenpolitk beobachtet. Auch die Auftritte unserer Frau Kanzlerin. In aller Welt (China, Saudi-Arabien, z.B.) fordert sie die Menschenrechte ein, während sie den Bericht des Richters Goldstone kaltherzig abgelehnt hatte.Daoud Nassar kenne ich persönlich, da er unsere Gruppe vor Jahren durch Bethlehem geführt hat. Es ist mir besonders schmerzlich zu sehen, welcher Gewalt und welchem Unrecht er nun hilflos ausgesetzt ist. Wie soll das weitergehen?? Daß man den Staat Israel in den elitären Kreis der OECD-Gemeinschaft aufgenommen hat, bestätigt meine Meinung. Abschließend hoffe ich sehr, dass sich hier eine gute Lösung für Daoud Nassar finden läßt. Auf sich selbst gestellt, wird er dies aber nicht schaffen. Nicht gegen die Gewalt des gegenwärtigen Staates Israel.

  2. Lutz Schuster sagt:

    Frau Gerlinde Scherer zur Info – Landenteignung gibt es nicht nur in Israel. Ihr Leserbrief hierzu – ist israelfeindliche Stimmungsmache.

    Denn die israelischen Brachlandrichtlinie und unser Gesetz für die Landwegnahme für den Braunkohletagebau sind doch fast identisch.
    Wenn sie diesbezüglich Menschenrechtsverletzungen nachweisen wollen dann doch erst die direkten oder die indirekte Enteignung hier in Deutschland. Hier können sie Anfange bei den sächsischen Abwasserbeitragserhebungen für unbebautes Land bis hin zu dem Landeigentum was von der der Hitler-, Russen- oder Ulbrichdiktatur enteignet wurde und dieses von unseren Staat meist anerkannt wurde aber bitte verschonen sie Israel.