Das Geheimnis ist gelüftet

8. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Forschungsprojekt bringt neue Erkenntnisse über Cranachs Maltechnik

Eigentlich ganz einfach: Mithilfe einer Paustechnik konnten schnell Vorlagen für neue Porträts geschaffen werden, wie Mechthild Most zeigt. Foto: Anja Sokolow

Eigentlich ganz einfach: Mithilfe einer Paustechnik konnten schnell Vorlagen für neue Porträts geschaffen werden, wie Mechthild Most zeigt. Foto: Anja Sokolow

Es ist im Prinzip wie im Kindergarten«, beschreibt die Berliner Restauratorin Mechthild Most eine der Arbeitstechniken aus der Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn Lucas dem Jüngeren. Teilweise sei es ganz banal gewesen, wie Bilder im Atelier dieser bedeutenden Maler der Renaissance vorbereitet worden seien, sagt Most und macht es vor: Mit zerstoßener Zeichenkohle bestäubt sie transparentes Papier, legt es auf ein Buchenholzbrett und darüber eine Folie mit einem skizzierten Porträt Martin Luthers. Most zeichnet die Linien nach und wenige Minuten später sind die Umrisse auf dem Holz sichtbar. Auf dieser Basis könnten nun ein Ölgemälde oder eine ganze Porträt­serie des Reformators entstehen. »Damals gab es zwar noch keine Folie, aber gefettetes Papier oder dünne Tierhäute haben auch ihren Zweck ­erfüllt«, erklärt die Restauratorin.

Dass in der Anfang des 16. Jahrhunderts gegründeten Werkstatt in Wittenberg nicht nur künstlerisch höchst anspruchsvoll, sondern auch äußerst effektiv gearbeitet wurde, war bekannt. Schließlich sind in etwa 80 Jahren rund 4000 bis 5000 Arbeiten für kirchliche und weltliche Auftraggeber entstanden, von denen heute noch 1000 erhalten sind. »Wir konnten jetzt jedoch erstmals nachweisen, dass mit diesem einfachen und wirtschaftlichen Verfahren gearbeitet wurde«, erklärt Most. Vermutungen darüber habe es schon länger gegeben.

Der Erkenntnis ging jahrelange Forschungsarbeit voraus. Restauratoren, Kunsthistoriker und Naturwissenschaftler haben seit 2005 im Auftrag der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg Cranachs Gemälde aus dem Berliner Jagdschloss Grunewald für einen neuen Bestandskatalog unter die Lupe genommen. Mithilfe von optischer Mikroskopie, Röntgen- und Infrarotbildern haben sie die Maltech­niken und Beschaffenheit der Bilder ­untersucht. Infrarotbilder von Porträts machten etwa die Paustechnik sichtbar: »Die Strichführung zeigt, dass Cranach oder seine Mitarbeiter den Durchdrückstift an- und abgesetzt haben müssen«, erklärt Most. Darüber hinaus zeigten Analysen des Passionszyklus (1537/38) aus dem alten Dom auch, dass Cranach d. Ä. ein sehr sicherer Zeichner gewesen ist. Er suchte bei seinen Vorzeichnungen für neue Gemälde nicht nach Kompositionen, sondern jeder Strich saß sofort – aus Sicht der Wissenschaftler ein »beeindruckendes Phänomen«.

Das neue Wissen über die Maltechniken ist Teil der Ausstellung »Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern«, die ab dem 31. Oktober im Schloss Charlottenburg in Berlin zu sehen ist. Parallel dazu wird eine zweite Schau mit dem Titel »Kirche, Hof und Stadtkultur« in der Marienkirche gezeigt. Mit insgesamt rund 200 Exponaten würden beide Ausstellungen erstmals Einblicke in die Kunst- und Kulturgeschichte Berlins und der Mark Brandenburg in der Renaissance gegeben, erklärt Kuratorin Dr. Elke Anna Werner.

Mit ihren Gemälden für die Hohenzollern hätten die Cranachs einen nachhaltigen Einfluss auf die Künste in Berlin und Brandenburg gehabt und zum »Image« der Herrscher beigetragen. Die Hohenzollern hatten ­einen
Teil der Gemälde für das Schloss und die Stiftskirche in Auftrag gegeben. Später gelangten die Bilder in das Jagdschloss Grunewald. Zur Sanierung des Hauses wurden sie ausgelagert und erforscht. Der Bestandskatalog soll im kommenden Jahr erscheinen und Grundlage für weitere wissenschaftliche Diskussionen sein, kündigte Mechthild Most an.

Anja Sokolow

»Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern«,
Berlin, Schloss Charlottenburg
31. Oktober bis 24. Januar 2010,
Mittwoch bis Montag 10 bis 17 Uhr,
8,00 Euro, erm. 6,00 Euro

»Kirche, Hof und Stadtkultur« in der Marienkirche,
Marienkirche Berlin Mitte,
Montag bis Sonnabend 10 bis 18 Uhr und Sonntag 12 bis 18 Uhr,
Eintritt frei

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