Versuchter Mentalitätswandel

1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Berichtet: In Kassel fand vom 24. bis 26. September die erste Zukunftswerkstatt der evangelischen Kirche statt
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Es geht um die Zukunft des Protestantismus im 21. Jahrhundert. Jetzt zog die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine erste Bilanz des Reformprozesses.

Im Zentrum der Tagung mit Diskussionsforen und Werkstattgesprächen stand eine Rede des scheidenden EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber. Er forderte einen Mentalitätswandel in der evangelischen Kirche ein. »Wir sind durch eine Phase des Traditionsabbruchs gegangen, der sich auf die Vertrautheit mit dem christlichen Glauben und die Bindung an unsere Kirche negativ auswirkt«, sagte Huber im Eröffnungsvortrag. Aufgabe einer Volkskirche sei es aber, die Botschaft »von der freien Gnade Gottes« an »alles Volk auszurichten«. Scharfe Kritik übte Huber an der Selbstbezogenheit von Teilen des Protestantismus: »Wir sind im eigenen Milieu gefangen.«

Gegen die Milieuverengung des Protestantismus
Berührungsängste sorgten dafür, dass der Kirche der Zugang zu überlasteten Müttern ebenso schwer falle wie zu Hartz-IV-Empfängern. Und Teile der Kirche trügen Züge eines Lebens auf Pump: »Wir fordern die Kräfte von beruflich wie ehrenamtlich Mitarbeitenden bis zum Äußersten, ohne nach Notwendigkeit und Sinn der geforderten Aktivitäten zu fragen.« Falsch sei auch die »Verwohnzimmerung« des Protestantismus. »Es steht uns nicht offen, uns nur um die zu kümmern, die schon da sind«, sagte Huber. »Weil es um Hilfe und Heil Gottes für alle Menschen geht, können wir nicht ­unter uns bleiben.«

Vielen seiner Zuhörer musste Huber das indes nicht mehr sagen. Denn die Zukunftswerkstatt in Kassel war vor allem ein Treffen derer, die ohnehin schon an der Zukunft der evangelischen Kirche arbeiten. Es war ein Treffen einer protestantischen Elite. EKD-Synodale und Kirchenfunktionäre, aber auch zahlreiche Engagierte aus den rund 100 »Projekten guter Praxis«, die im Foyer der Kongresshalle Infostände hatten, bildeten die 1200 Teilnehmer.
Einige meldeten sich kritisch zu Wort. So warnte etwa die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Ellen Ueberschär, vor einer missionarischen Überforderung der evangelischen Kirche. Und als am Abend des Eröffnungstages Hunderte Menschen mit brennenden Kerzen vor dem Kongresszentrum ein Nachtgebet feierten, erinnerte die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann daran, dass Jesus nie »eine Elitetruppe rekrutiert« habe. Seine Jünger hätten Fehler gehabt und die ersten Gemeinden seien voller Streit gewesen. »Aber wir gehen in diese Nacht, mit dem Vertrauen, dass wir an unserem Ort, an dem wir gestellt sind, wirken können«, sagte die Bischöfin.

Warnung vor dem Wunsch nach eine Elitetruppe
Und auch der Hamburger Theologieprofessor Fulbert Steffensky wandte sich am Abschlusstag gegen jeden Zentralismus und jede Gleichheit. Protestantismus gebe es immer nur im Plural. »Die Gottesdienste im lutherischen Hamburg sehen anders aus als die der Reformierten in Emden«, so der Theologe. Einförmigkeit sei nie ein Ideal. »Der Protestantismus kennt ja nicht ein Depot von Wahrheiten, das von Kirchenleitungen verwaltet und von ihnen verkündet wird«, so Steffensky. »Sie wird gefunden im Dialog, manchmal auch im Streit unter den Geschwistern.«
Zum Abschluss aber zogen die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt durch die Kasseler Innenstadt. Denn mit ­hohem Symbolgehalt hatten die Mitarbeiter aus dem Projektbüro für den Reformprozess im Kirchenamt der EKD eine Prozession an das Ende der Zukunftswerkstatt gesetzt: einen gemeinsamen Aufbruch der Protestanten. Und auch Bundespräsident Horst Köhler marschierte mit. Er forderte die Kirchen auf, auf die Fragen der Menschen zu hören und zeigte sich dankbar dafür, dass beide großen Kirchen »die Zukunftsthemen nicht scheuen«.

Zum Abschluss neun »Worte der Verlässlichkeit«
Schließlich aber war es wieder der ­Initiator des EKD-Reformprozesses, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, der mit einem Appell zum Widerstand gegen den Zeitgeist und zum Aufbruch in die von Reformen geprägte Reformationsdekade den Zukunftskongress inhaltlich beendete. Neun »Worte der Verlässlichkeit« gab er
den Protestanten mit auf den Weg.

Die in ihrem Stil an die sechs Barmer Thesen erinnernden Aussagen kritisierten unter anderem den neuen Atheismus, Kleinmut und Verzagtheit. Sie stehen wie alle anderen Texte des Zukunftskongresses im Internet zum Download bereit.

Von Benjamin Lassiwe

www.kirche-im-aufbruch.ekd.de

“Worte der Verlässlichkeit”, vorgestellt auf der Zukunftswerkstatt der EKD vom 24. bis 26. September 2009 in Kassel

1. Gottesbegegnung
“Wer Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht.” (Jesaja 44, 20) Christen vertrauen auf Gott, den Schöpfer allen Lebens. Bei ihm suchen sie die Wahrheit über ihr Leben, über Größe und Gebrechen, über Glanz und Grenzen. Christen widerstreiten dem Irrtum, das Leben ohne Gott sei friedlicher und freier, toleranter und lebenswerter.

2. Lebenserneuerung
“Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei.” (Psalm 124, 7) Unsere Seele sehnt sich nach der Befreiung aus den Fallstricken der Selbstüberschätzung und der Unverbindlichkeit. Christen vertrauen darauf, dass ihre Freiheit in der Bindung an Christus eine klare Gestalt gewinnt. Sie widerstreiten der Unwahrheit, dass Besitz, Leistung und Konsum allein ein Leben frei und sinnvoll machen könnten.

3. Hoffnungsleben
“Und bleibe bei dem, was dir dein Herz rät.” (Jesus Sirach 37, 17) Hoffnung ist der Halt eines festen Herzens. Christen bezeugen Gott als Grund und Ziel aller Hoffnung, als “Schutz und Schirm vor allem Argen, als Stärke und Hilfe zu allem Guten”. Sie widerstreiten der Verzagtheit, die sichtbare, vermessbare Welt sei die einzig wahre Welt.

4. Weitergeben
“Gott aber gebe mir, nach seinem Sinn zu reden und so zu denken, wie es solcher Gaben würdig ist.” (Weisheit Salomos 7, 15) Heilige Texte, gewachsene Lehren, gereifte Rituale sind Schätze in irdenen Gefäßen. Ohne Tradition gelingt keine Emanzipation, reine Gegenwärtigkeit ist banal. Christen widerstreiten der Vergesslichkeit; die Schätze des Wissens, des Glaubens und des Tuns weiterzugeben an die nächste Generation, ist ihnen Reichtum, Ehre und Aufgabe.

5. Zusammensein
“Finde ich fünfzig Gerechte …, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben.” (1 Mose 18, 26) Eine Gesellschaft lebt aus Quellen, die sie dankbar annehmen und weiter entwickeln, aber nicht selbst hervorbringen kann. Christen halten die Quelle des Mitgefühls, des Engagements und der Verantwortlichkeit lebendig: es ist die Gemeinschaft mit Gott. Sie widerstreiten dem Kleinmut, dass der Einsatz für die Würde des Menschen, für die Solidarität mit den Schwachen und für die Bewahrung der Schöpfung vergeblich seien.

6. Innehalten
“Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen.” (Jesaja 30, 15) Der Lärm der Welt macht Menschen taub und stumm vor Gott. Leben aus der Verwunderung über Gottes Gegenwart, Einkehr bei Gott, Atmen mitten im Sturm, Freibleiben in aller Angst – das ist Gebet. Christen widerstreiten der Überheblichkeit, Sinn, Glück und Erfüllung selbst herstellen, ja, sich selbst erlösen zu können.

7. Nachhaltigkeit
“Wer voll brünstiger Gier ist, der ist wie ein brennendes Feuer und hört nicht auf, bis er sich selbst verzehrt hat.” (Jesus Sirach 23, 22) Der Appetit der Gegenwart darf nicht zum Hunger der Zukunft werden. Christen stehen ein für eine Welt, in der auch Kinder und Enkel noch leben können, – schuldenfrei, lastenleicht, unverbaut. Sie widerstreiten der Hoffnungslosigkeit, dass Bescheidenheit, Entschleunigung, Nachhaltigkeit in einer wachstumshörigen Welt unmögliche Tugenden seien.

8. Vertrauen
“Wenn ich ihnen zulachte, so fassten sie Vertrauen.” (Hiob 29, 24) Vertrauen ist das wahre Kapital jedes Zusammenlebens. Christen setzen sich dafür ein, dass dieses Kapital als “Stiftung für das Leben” von niemandem leichtfertig verzehrt wird. Sie widerstreiten dem Irrtum, dass kleine Vertrauensbrüche keinen großen Schaden anrichten.

9. Unterwegs sein
“Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, … den Helm des Heils, und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.” (Epheser 6, 16) Kirchen bieten Heimat auf dem Weg in die Zukunft. Von Gott Gutes zu sagen, ist das Herz ihres Dienstes. Musik ist der Klang ihres Trostes, Bildung die rechte Hand ihres Glaubens und Gerechtigkeit die Farbe ihres Engagements. Christen widerstreiten dem Kleinglauben, zurückgehende Ressourcen könnten Kraft und Klarheit des Wortes Gottes schwächen.

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Versuchter Mentalitätswandel”
  1. Michael sagt:

    Liebe Brüder und Schwestern,

    zunächst freue ich mich über die Aussage von Frau Landesbischöfin Käßmann, das Jesus auch keine Elitegruppe hatte. Ja das ist war.
    Eines müssen wir als Evangelische Kirche begreifen, diesen protestantischen Elite “Blödsinn” brauchen wir nicht. Aber diesen “Glauben” an Jesus Christus!
    Es ist ganz egal was die Zukunft bringt, wir sollten bei allen “Theologischen Streitigkeiten uns im “Geistigen Sinne ” unterhalten, jedoch niemals wieder in einem “Rechtswidrigen Diziplinarverfahren ” wie es die EKMD versucht hat und damit scheiterte. Diese Aktion hat die Glaubwürdigkeit der Kirchenleitung sehr stark geschädigt und leider werden hier die verantworlichen nicht zur Rechenschaft gezogen. ( Jedoch vor Gott werden Sie sich verantworten und da werde ich garantiert wieder darauf eingehen.)

    Michael

  2. Einarsen sagt:

    Vor Gott wollen Sie darauf eingehen? Hm. In der Bibel lese ich leider nichts davon, dass Menschen Ankläger beim Endgericht sind…

    Offenbarung 20: Das Weltgericht

    “11 Und ich sah einen großen, weißen Thron und den, der darauf saß; vor seinem Angesicht flohen die Erde und der Himmel, und es wurde keine Stätte für sie gefunden. 12 Und ich sah die Toten, Groß und Klein, stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken. 13 Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. 14 Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl. 15 Und wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl.”