Mehr als das tägliche Brot

1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Vorschlag: Warum den Erntedanktag nicht einmal als ein Dankfest der Freundschaft feiern?

Güter Gottes: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde  ist voll deiner Güter, Psalm 104, Vers 24, Foto: Rainer Oettel

Güter Gottes: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter, Psalm 104, Vers 24, Foto: Rainer Oettel

Das Erntedankfest umfasst mehr als das tägliche Brot. In seiner Auslegung der vierten Bitte des Vaterunsers (»Unser täglich Brot gib uns heute!«) zählt Luther die Elemente des Lebens auf, die den Hunger von Leib und Seele stillen. An vorletzter Stelle nennt er »die guten Freunde«. Was Freunde wert sind, zeigt sich in Krisenzeiten. Beglückt nehmen wir dann ihre Nähe wahr oder – tief depressiv – eine schmerzhafte Enttäuschung, die in ihrer Härte kaum übertroffen werden kann.

Ost/West-Freundschaften sind bis heute schwieriger
Könnten wir in diesem Jahr den Erntedanktag mal als »Tag der Freundschaft« feiern? Nein, das geht nicht.
In der DDR wurde ein solches Schindluder mit dem kostbaren Begriff getrieben, dass »Tag der Freundschaft« ein unmöglicher Ausdruck für eine unmögliche Sache wäre. Aber wir Christen können auf das Wort »Freundschaft« nicht verzichten. Es ist ja nicht von ungefähr, dass Jesus in seinen Abschiedsreden (Johannesevangelium 14–16) die Beziehung zu seinen Jüngern als Freundschaft charakterisiert und er ihnen zeigt, dass sie nun seine Freunde geworden sind.

Heute ist im mitmenschlichen Bereich nach den familiären Banden die Freundschaft die zweitschönste Beziehung. Ihr Ziel ist es, ein herzliches Gegenüber zu finden, das sich mit der eigenen Persönlichkeit verträgt. »Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns ganz genau kennen und trotzdem zu uns halten«, hat die kluge Maria von Ebner-Eschenbach einmal gesagt. Darum auch ist die berühmte Tapferkeit vor dem Freund schwieriger als die Tapferkeit vor dem Feind.

Sehe ich recht, dann stand im Osten unseres Landes in der Freundschaft die soziale Unterstützung im Vordergrund; zu den erwünschten Eigenschaften des Freundes gehörten unabdingbare Hilfsbereitschaft und Loyalität, während unter dem Selbstverwirklichungsaspekt im Westen vor allem Offenheit und emotionale Anteilnahme gewünscht wurden. Ob das der Grund ist, warum Ost/Ost- und West/West-Freundschaften heute immer noch einfacher sind als eine freundschaftliche Ost/West-Beziehung?

Auf jeden Fall aber ist gelingende Freundschaft eine Gratwanderung von Nähe und Distanzbedürfnis, Gemeinsamkeit und Eigenständigkeit. Freundschaften können ihre Zeit gehabt haben – oder zerbrechen. Verrat und Vertrauensbruch sind sichere Gründe für das Zerbrechen.

Wer sind unsere 15 besten Freunde?
Die Psychologie sagt, dass ein Mensch mit 150 Personen in seiner Beziehungskapazität erschöpft ist und wir durchglühen, wenn wir diese Zahl überschreiten. Höchstens zehn Prozent dieser 150 können gute Freun-
de sein. Im Licht des Erntedanktages und Luthers Vaterunser-Auslegung könnten wir uns an diesem Sonntag einmal darauf besinnen, welche 15 Menschen zu unserem Freundeskreis gehören. »Gute Freunde« – Gott sei Dank, dass es sie gibt! Und dazu ein Wort zum Erntedankfest als Dankfest der Freundschaft des 500-jährigen Johannes Calvin: »Unterdessen wird aber der Fromme … nicht etwa aus der Einsicht, dass die, welche ihm wohltun, ja Diener der Güte Gottes sind, den Schluss ziehen, er könne sie mit Undank übergehen, als ob sie für ihre Freundschaft keinen Dank verdient hätten, sondern er wird sich ihnen von Herzen verpflichtet fühlen, sich gerne als den Beschenkten bekennen und ihnen nach Fähigkeit den Dank auch durch die Tat abzustatten sich bemühen.

Kurz, er wird gewiss Gott als den vornehmsten Urheber beim Empfang guter Gaben loben und preisen, aber er wird die Menschen als seine Diener ehren und wird, wie es doch tatsächlich der Fall ist, einsehen, dass er durch Gottes Willen denen zu Dank verpflichtet ist, durch deren Hand Gott sich hat so wohltätig erweisen wollen.«

Rolf Wischnath

Rolf Wischnath (62) war Generalsuper­intendent des ostbrandenburgischen Sprengels Cottbus.
Er lebt in Gütersloh und unterrichtet Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

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