Vergessene Minderheit

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Evangelische Deutsche im Banat: Pfarrer legt 380 Kilometer zu den Sonntagsgottesdiensten zurück

Wenn von deutschen ­Gemeinden in Rumänien die Rede ist, denkt jeder zuerst an die traditionsreichen evangelischen Siebenbürger Sachsen. Kaum jemand weiß, dass es im Banat auch evangelische Gemeinden deutscher Provenienz gibt.

Auswanderer aus Birda in der alten Heimat zur Kirchweih. Foto: Jürgen Henkel

Auswanderer aus Birda in der alten Heimat zur Kirchweih. Foto: Jürgen Henkel

Manchmal weiß Walter Sinn aus Semlak im Banat selbst nicht mehr so genau, was er ist: Pfarrer oder Fahrer. Wenn der 50-jährige Pfarrer der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses (A. B.) in Rumänien zu seinen Gemeinden fährt, um dort Gottesdienste zu halten, dann kommen schon einmal 380 Kilometer und drei Gottesdienste an einem Sonntag zusammen. Der Seelsorger betreut rund 200 evangelische Deutsche im Banat, jener ­Region, in deren Metropole Temeswar die Revolution gegen Diktator Ceau­sescu 1989 ihren Ausgang nahm.
Was sich auf den ersten Blick wie eine traumhafte Zahl an Seelen pro Pfarrer anhört, erweist sich bei näherem Hinsehen als Flickenteppich. Die Gemeinden erstrecken sich von Semlak an der rumänisch-ungarischen Grenze aus über das halbe Banat. Dazu gehören die Orte Engelsbrunn, Liebling, Birda, Klopodia und Kleinschemlak. Zum Vergleich: Die Orthodoxe Kirche hat in diesem Gebiet vier Bistümer.

Auch in diesen Gemeinden hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlassen. Lebten 1940 noch über 4000 Gemeindeglieder allein in der Gemeinde Liebling, so flohen im September 1944 binnen weniger Stunden über 2000 Deutsche vor der anrückenden Roten Armee nach Deutschland. Die Lebensbedingungen der Diktatur unter Ceausescu führten dazu, dass ab den 70er Jahren auch noch die restlichen Gemeindeglieder fast vollständig ausgewandert sind. Nach einem Geheimabkommen des Diktators mit Bundeskanzler Helmut Schmidt zahlte die Bundesregierung dem Regime ein Kopfgeld von 8000 Mark pro Auswanderer. Die Freiheit nach 1989 nutzten viele ebenfalls zur Auswanderung. Heute zählt die Gemeinde 30 Seelen.

Seit 1985 ist Sinn nun in Semlak. Heute hat der Pfarrer 120 Seelen im Ort zu betreuen, rund 80 in den anderen Gemeinden. Wobei die Situation nicht überall so endzeitlich ist wie in Engelsbrunn, wo mit Elisabeth Müller und Maria Krumbacher gerade noch zwei alte Frauen leben, beide weit über 70 Jahre alt.

Bis zur Wende gab es immer vier bis sechs evangelische Pfarrer im ­Banat. Die meisten sind ebenfalls ausgewandert, sehr zum Kummer der ­Gemeindeglieder. Pfarrer Sinn hat sich bewusst zum Bleiben entschlossen und dient seinen Gemeinden hier zu einem Bruchteil des Gehalts, das er heute als Pfarrer oder mit einer anderen Arbeit in Deutschland verdienen würde. »Ich muss hier als Seelsorger die Stellung halten und fühle mich verpflichtet, dieses Amt auszuüben, solange es noch geht«, sagt er dazu. Die verbliebenen Deutschen stört es durchaus, dass sie von manchen Ausgewanderten doppeldeutig als »die Zurückgebliebenen« tituliert werden und sie ihr Bleiben begründen müssen.

Es gibt kaum Kinder und Jugendliche, der Pfarrer hält mangels »Kundschaft« keinen Religions- und Konfirmandenunterricht. Alle zwei oder drei Jahre gibt es eine Taufe oder Trauung, dann meist schon aus konfessionellen Mischehen. Neben den Evangelischen leben Orthodoxe, Katholiken und Reformierte vor Ort, die Beziehungen der Kirchen untereinander sind gut. Über Arbeitsmangel braucht sich der Pfarrer trotz der niedrigen Seelenzahlen nicht zu beklagen. Er ist nicht nur Prediger, Seelsorger und Fahrer, sondern auch Handwerker und »Mädchen für alles«, denn die finanzielle Lage der Gemeinden, die mit niedrigen Kirchenbeiträgen zurechtkommen müssen, erlaubt es nicht, immer professionelle Firmen zu beauftragen. Walter Sinn sieht seine Rolle nicht als kirchlicher Konkursverwalter: »Noch leben die Gemeinden wie ein heiliger Rest und wir müssen die Kirchen noch nicht zusperren.« Schmunzelnd verweist er auf Engelsbrunn: »Dort habe ich meist 100 Prozent Gottesdienstbesucher, denn beide Frauen kommen zum Gottesdienst.« Und es werden sogar Kirchen renoviert, auch mit finanzieller Hilfe der ausgewanderten Gemeindeglieder.

Die Renovierung der Kirchen trotz des Niedergangs der Gemeinden hat für Pfarrer Sinn auch eine kulturhistorische Bedeutung: »Die Kirchen sind ein Kulturgut, das nicht zugrunde gehen darf. Wir haben die Aufgabe, diese Kulturgüter aufrechtzuerhalten und zu pflegen, solange es geht. Sie sind ein Beweis der Existenz der Deutschen in diesem Land«, sagt er.

Einen Kampf führt der Geistliche auch um die Rückgabe von enteigneten Gebäuden und Grund. Die Bürgermeisterin von Semlak, Letitia Stoian, verhindert mit allen Mitteln die korrekte Rückgabe, die den Gemeinden dringend benötigte finanzielle Einkünfte bringen würden. Sie missachtet sogar entsprechende Gerichtsbeschlüsse und deklariert Kircheneigentum kurzerhand zu »öffentlichem Besitz«. Jetzt ermittelt die ­rumänische Antikorruptionsbehörde DNA und der kämpferische Pfarrer hat sogar Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht. »Unsere Bürgermeisterin ist kommunistischer als es Ceausescu war«, schimpft er.

Von Jürgen Henkel

Einzigartige Zeugnisse

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Europas älteste Synagoge wurde als Museum eröffnet

Europas älteste Synagoge steht in Erfurt.

Europas älteste Synagoge steht in Erfurt.

Das Mittelalter hat in Erfurt eine neue Adresse. Mit der Alten Synagoge wurde am Montag in einem der ältesten Gebäude der Thüringer Landeshauptstadt ein neues Museum eröffnet. Doch nicht nur das Gebäude, das erst nach 1990 wiederentdeckt wurde, ist einzigartig. Ebenso beispiellos ist der »Erfurter Judenschatz«, der dort auf Dauer zu sehen sein soll.

Der sensationelle Fund von 1998 sorgte bereits bei Ausstellungen in ­Paris, New York und London für Aufsehen. Dabei war der fast 30 Kilogramm schwere Schatz mit über 3100 Silbermünzen, 14 Silberbarren, Silberbestecken und mehr als 600 Goldschmiedearbeiten ein Zufallsfund in letzter Minute. Entdeckt wurde er bei archäologischen Vorarbeiten für einen Neubau in der Altstadt. Fachleute datierten ihn auf das späte 13. und das frühe 14. Jahrhundert.

In der Umgebung des Fundortes lebten bis zum Pest-Pogrom von 1349 überwiegend Mitglieder der ersten ­jüdischen Gemeinde Erfurts. Deshalb liegt für Experten die Vermutung nahe, dass der Schatz einst aus Angst vor Vertreibung und Verfolgung vergraben wurde. Die gefundenen Schmuckstücke werden nun im Kellergewölbe der Alten Synagoge großzügig präsentiert. Dazu gehört auch ein kunstvoll gearbeiteter goldener Hochzeitsring, der mittlerweile zum Symbol für das Netzwerk »Jüdisches Leben Erfurt« wurde.

In diesem offenen Verbund von Institutionen und Initiativen sei die Alte Synagoge von zentraler Bedeutung, sagt die Leiterin der städtischen Einrichtung, Ines Beese. Das Schicksal des Gebäudes als Spiegelbild der wechselvollen jüdischen Stadtgeschichte dokumentiert das Museum im Erdgeschoss. Juden sind nach jüngsten Forschungen für Erfurt bereits im karolingischen 8. Jahrhundert nachgewiesen.

Ältester schriftlicher Beleg dafür ist der im Obergeschoss gezeigte »Judeneid« von 1183. Damit mussten Juden einst bei einem Rechtsstreit mit Nichtjuden ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen. Zu den ausgestellten jüdischen Handschriften gehört ferner die größte bekannte hebräische Bibel, ein Zeugnis der herausragenden Stellung der damaligen jüdischen Gemeinde. Sie sei trotz wiederholter Pogrome im mittelalterlichen Erfurt bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Gemeinden im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gewesen, erläutert Beese. Einzelheiten zu ihrer Geschichte rückten jedoch erst in den vergangenen Jahren wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein. Ein wichtiger Anstoß dafür war neben dem Schatzfund zweifellos die Wiederentdeckung des historischen Bethauses. Ein Foto aus der Zeit vor der Entdeckung zeigt am später nachgewiesenen Standort lediglich abenteuerliche Anbauten. Beese verweist auf das sichtlich brüchige Gebälk eines Spitzgiebels – das Dach der Synagoge: »Doch die hat damals niemand dort vermutet.«

Erst der Marburger Bauforscher Elmar Altwasser hat das Gebäude 1992 zweifelsfrei als Ort des jüdischen Glaubens und Lebens identifiziert. Zu diesem Zeitpunkt gab es die Synagoge, deren Anfänge bis in die Zeit um das Jahr 1100 zurückreichen, schon seit fast 650 Jahren nicht mehr. Nach dem Pogrom von 1349 machte ein Erfurter Kaufmann das beschädigte Gebäude zum Lagerhaus. In den zwölf Meter hohen Raum mit Tonnengewölbe wurden Toreinfahrten, eine Zwischendecke und im Keller ein Kreuzgewölbe eingezogen.

Seit dem 19. Jahrhundert gehörten die Räume zu Gaststätten in der Nachbarschaft. Im bunt ausgemalten Obergeschoss mit umlaufender Galerie spielten Musiker zum Tanz. So bewahrte jahrhundertelange Zweckentfremdung die Synagoge letztlich vor der Zerstörung. Anders als die am Stadtring gelegene Synagoge von 1884 überstand so das einstige Bethaus in der Altstadt das nationalsozialistische Pogrom von 1938. Es gilt heute als die älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge in ganz Europa. Für 1,4 Millionen Euro ist sie in den vergangenen Jahren zu einem Museum und damit zu einem einzigartigen und sorgsam bewahrten Zeugnis jüdischen Lebens geworden.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Die Alte Synagoge in der Erfurter Waagegasse ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.


www.alte-synagoge.erfurt.de

Wer Christ ist, übt die Beichte

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Martin Luther hat zeitlebens regelmäßig gebeichtet

In einer fünfteiligen Serie beschäf­tigen wir uns mit der Beichte. ­Diesmal geht es darum, wie der Reformator Martin Luther zur Beichte stand.

Hat zeitlebens die Beichte hochgehalten: der Reformator Martin Luther, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu

Hat zeitlebens die Beichte hochgehalten: der Reformator Martin Luther, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu

Für viele Protestanten sicher erstaunlich, aber trotzdem wahr: Martin Luther hat selber zeitlebens regel­mäßig gebeichtet und gehört zu den großen Beichtvätern der Christenheit. Wir kennen sogar seinen Beichtvater: Es war Johannes Bugenhagen, Stadtpfarrer von Wittenberg. Der Reformator lehnt nicht die Einzelbeichte als solche ab, sondern die in seinen Augen falsche Beichtpraxis der dama­ligen Kirche. Die Beichte darf nicht – wie im Mittelalter – als frommes Werk des Menschen missverstanden werden, das Gott von ihm zu tun verlangt. Genauso wenig darf der Mensch zur Beichte gezwungen werden. Sie ist vielmehr Gottes Angebot, sich das Evangelium ganz persönlich zusprechen zu lassen: »Man soll wohl dazu reizen, aber nit treiben, man soll dazu locken, aber nit zwingen. Frei, willig und gern soll man beichten.« Lange schwankte Luther, ob er die Beichte zu den Sakramenten zählen sollte. Schließlich entschloss er sich, es nicht zu tun, weil ihr ein sichtbares Zeichen fehlt, wie es bei der Taufe im Wasser und beim Abendmahl in Brot und Wein gegeben ist.

Eine Art Leitfaden von Luthers Beichtauffassung liegt im Kleinen und Großen Katechismus vor. Im Kleinen Katechismus wird die Beichte auf ihre beiden wesentlichen Stücke beschränkt: Es geht in ihr allein um das Bekenntnis der Sünde und um den Zuspruch der Vergebung. Damit ist die mittelalterliche Verknüpfung der Beichte mit einer Fülle von Bußleistungen vom Tisch. Weiter weist Luther darauf hin, dass nur bewusste Sünden bekannt werden müssen. Damit ist die Forderung der mittelalter­lichen Kirche nach vollständiger Aufzählung ­aller begangenen Sünden überwunden. Dieser Hinweis ist deshalb so wichtig, weil bis dahin die Wirksamkeit der Vergebung von der vollständigen Aufzählung der Sünden abhängig war. Man konnte also nie ­sicher sein, ob die Vergebung auch gültig war.

Die Beichtpraxis wird durch die neuen Einsichten Luthers von Ängstlichkeit befreit. Er versetzt sie in einen Raum der Freiheit. Dass die Beichte dem Menschen ein befreites Gewissen schenken will, muss sich widerspiegeln in der Art, wie in ihr Schuld bekannt wird. Darum sollen nur konkrete Sünden gebeichtet werden. Es soll auch nicht nach Sünden gesucht werden. Der Beichtende ist frei von der ängstlichen Fixierung auf in Vergessenheit geratene oder unbewusst gebliebene Sünden. Indem Luther den Zuspruch der Vergebung ins ­Zentrum der Beichte rückt, wird sie zu einer freudigen, ja fröhlichen Angelegenheit. »Wer nun sein Elend und Not fühlet, wird wohl solch Verlangen danach kriegen, dass er mit Freuden hinzu laufe.«

Besonders wertvoll ist die Beichte für Luther deshalb, weil in ihr die Absolution durch einen Mitchristen – egal ob Amtsträger oder Laie – zugesprochen wird. Das Evangelium, die gute Nachricht von der Vergebung meiner Schuld und meines Versagens, findet seinen Weg zu mir nämlich nicht anders als durch das Wort des Bruders oder der Schwester. »Denn welchem willst du dein Gebrechen klagen denn Gott? Wo kannst du ihn aber finden denn in deinem Bruder? Der kann dich mit Worten stärken und helfen.«

Martin Luther kann nicht fassen, dass es Menschen gibt, die das Angebot der Beichte ausschlagen. Christsein und Beichte gehören für ihn ­untrennbar zusammen: Wer Christ ist, übt die Beichte. Wer die Beichte übt, ist ein Christ. In solchen Sätzen spiegelt sich Luthers eigene ­Erfahrung. Er war davon überzeugt, dass er gerade seiner ­ regelmäßigen Beichtpraxis das Bleiben im Glauben verdankte. »Aber dennoch will ich mir die heimliche Beichte niemand lassen nehmen und wollte sie nicht um der ganzen Welt Schatz geben. Denn ich weiß, was Trost und Stärke sie mir gegeben hat. Es weiß niemand, was sie vermag, denn wer mit dem Teufel oft und viel gefochten hat. Ja, ich wäre längst vom Teufel erwürgt, wenn mich nicht die Beichte erhalten hätte.«

Peter Zimmerling, Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Leipziger Universität.

Verbindlich für beide Seiten

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie wurde als großer Durchbruch gefeiert: die »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre«. Ein Gespräch mit dem Erfurter Professor Josef Freitag.

Miteinander oder nebeneinander? Nicht immer sind sich katholische und evangelische Christen so nahe, wie die Kirchenfahnen beim ersten Ökumenischen ­Kirchentag 2003 in Berlin. 	Foto: Harald Krille

Miteinander oder nebeneinander? Nicht immer sind sich katholische und evangelische Christen so nahe, wie die Kirchenfahnen beim ersten Ökumenischen ­Kirchentag 2003 in Berlin. Foto: Harald Krille

Mit diesem Dokument gibt es eine klare Verbindlichkeit für Katholiken und Lutheraner in Bezug auf die Frage nach dem Heil«, erklärt der Erfurter katholische Dogmatikprofessor Josef Freitag. »Was den Spaltungsgrund zwischen den Kirchen in der Reformation ausmachte, nämlich die Frage der Rechtfertigung, ist mit der ›Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre‹ überwunden.« Die Rechtfertigungslehre sei Kernstück lutherischen Glaubens, so der Theologe: Allein aus Gnade, nicht aufgrund guter Werke ­erlange der Mensch das Heil, werde er »gerechtfertigt«. Dies drücke aus, dass Gottes Zuwendung zum Menschen unverdient, nicht die Folge guter Werke, sondern im Gegenteil erst Befähigung zu guten Werken sei.

Vor genau zehn Jahren am 31. Oktober 1999 wurde dies als gemeinsame Erklärung in Augsburg feierlich unterzeichnet. Stellvertretend für den Lutherischen Weltbund (LWB) unterzeichnete der protestantische Theologe Christian Krause, damals LWB-Präsident, und für die katholische Seite Kardinal Edward Cassidy vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen. »Der Päpstliche Rat hat
das Lehramt der katholischen Kirche vertreten. In den lutherischen Kirchen gibt es keine verbindliche Lehrmeinung. Das heißt konkret, dass der Lutherische Weltbund nicht die eine Stimme der lutherischen Kirche ist«, betont Freitag. Darum sei das Zustandekommen dieser Erklärung, mit so breiter Unterstützung aus den evangelisch-lutherischen Landessynoden, umso erfreulicher.

Freitag weiter: »Das Dokument ist natürlich kein Dogma. Aber auch kein einziger Beschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils ist als Dogma formuliert worden. Und dennoch gilt das Konzil als die höchstverbindliche Lehrinstanz. Daher ist auch diese Erklärung für jeden Gläubigen verbindlich, denn sie ist im Namen der gesamten römisch-katholischen Kirche unterzeichnet worden.«

Die Erklärung sei in einem langjährigen Arbeitsprozess gemeinschaftlich mit den Vertretern des Lutherischen Weltbundes formuliert worden, im sogenannten differenzierten Konsens. Dies bedeute, dass sich die Kirchen über die Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre einig seien. In weiteren Fragen gäbe es durchaus noch ­ Unterschiede, »aber diese sind nicht mehr trennend, denn es gibt nun ein gemeinsames Fundament«.
Was in den vergangenen Jahrzehnten schon im Dialog zwischen Einzelnen innerhalb der Ökumene gelungen sei, zum Beispiel auf Ebene der Gemeinden, das sei mit der ­Gemeinsamen Erklärung zwischen den Kirchen als Ganzes gelungen. »Dies war das erste konkrete Ergebnis des katholisch-lutherischen Dialogs seit der Reformation«, betont Freitag. Das Neue, was das Dokument nun mitbringe, sei eine neue Haltung, die die Kirchen zueinander einnehmen. »Die Kirchen haben sich mit dieser ­Erklärung vorgenommen, ab jetzt die Anliegen des anderen bei den ­eigenen Entscheidungen zu berücksichtigen.«

Die Verbindlichkeit eines solchen Dokumentes zeige sich darin, inwieweit es tatsächlich rezipiert wird. »Dazu muss man die Dokumente natürlich überhaupt erst lesen und kennenlernen«, fordert der Dogmatiker. Es sei nach zehn Jahren der Unterzeichnung der Erklärung noch viel ­Engagement nötig, die Botschaft des Dokuments unter das Volk der Gläubigen zu bringen. »Erst wenn wir es uns zu eigen gemacht haben, können wir über weitere Fragen nachdenken, wie zum Beispiel die gemeinsame Abendmahlsfeier, die Sakramente und die Frage des Amtes.«

Dabei geht es aus katholischer Sicht vor allem um Fragen, die zuerst innerhalb der lutherischen Kirchen behandelt werden müssten. Dies habe auch der damalige Protest von mehr als 250 evangelischen Theologieprofessoren gegen die »Gemeinsame Erklärung« gezeigt: »Die Frage nach der Rechtfertigung ist eine Frage nach der Identität der lutherischen Kirche. Im Dialog der Konfessionen sollten wir uns dessen stets bewusst sein«, resümiert Freitag.

Von Elisa Eichberg

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straube_peter-paulDie Unterzeichnung der »Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« (GE) vor zehn Jahren in Augsburg war ein herausragendes ­Ereignis in den evangelisch-luthe­rischen und römisch-katholischen ökumenischen Bemühungen. Diese Erklärung zeigt, dass aufgrund des ökumenischen Dialogs es nunmehr möglich ist, ein gemeinsames Verständnis der Rechtfertigung durch Gottes Gnade im Glauben an Jesus Christus zu vertreten.
Leider sind auf der theologischen Ebene keine weiteren Schritte gefolgt, zum Beispiel in den Fragen des Amtes oder des Abendmahls. Auf der Ebene der Gemeinden gibt es noch viele Möglichkeiten, intensiver zusammenzuarbeiten, so bei der sozialen Arbeit oder in der Erwachsenenbildung. In Bautzen existiert seit einem Jahr ein »Ökumenischer Domladen«, der sich als christliche Informations- und Begegnungsstätte versteht. Mit großer Vorfreude blicken wir auf den Ökumenischen Kirchentag im Mai 2010 in München. Denn: Wir sollen eins sein, damit die Welt glauben kann.

Dr. Peter-Paul Straube, Rektor des Bischof-Benno-Hauses Schmochtitz, Bildungshaus des Bistums Dresden-Meißen

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schodl_albrecht

Ich lebe mit der ökumenisch ausgerichteten Jesus-Bruderschaft zusammen, die in jedem Mittagsgebet für Einheit und Versöhnung unter den Konfessionen betet. Freilich glaube ich nicht, dass die »Gemeinsame Erklärung« auf dieses in Volkenroda selbstverständliche ökumenische Miteinander großen Einfluss hatte. Wir würden wohl auch ohne ein kirchenamtliches Papier gemeinsame Gottesdienste feiern. Und doch ist es gut, dass die gelebte Ökumene von unten auch in der theologischen Reflexion zu einer gemeinsamen, lehramtlichen Annäherung »von oben« gefunden hat.

Allerdings frage ich mich: Warum ist dieser Prozess nicht weitergegangen? Warum haben wir zehn Jahre nach der Erklärung zur Rechtfertigungslehre noch keine Annäherung im theologischen Verständnis des Herrenmahls erreicht? Hier wünschte ich mir eine gemeinsame Erklärung zum Sakrament des Altars! Das Papier zum Verständnis der Rechtfertigungslehre macht doch vor, dass es möglich ist, Gräben zu schließen, die über Jahrhunderte hinweg unüberwindbar schienen.

Dr. Albrecht Schödl, evangelischer Pfarrer am Kloster Volkenroda/Thür.

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stolze_jurgenDie methodistische Stellungnah­me zur »Gemeinsamen Erklärung« wurde auf der Vollversammlung des Rates Methodistischer Kirchen in Seoul im Jahr 2006 verabschiedet. Darin »bekräftigen der Weltrat Methodistischer Kirchen und seine Mitgliedskirchen ihre grundlegende lehrmäßige Übereinstimmung mit der Lehre, wie sie in der ›Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« … ausgesprochen wird.‹

Im Prozess der Klärung und Formulierung zeigte sich, dass die methodistische Lehre in der Frage von Rechtfertigung und Heiligung durchaus eine Mittelstellung zwischen der katholischen und lutherischen Seite aufweist. Mit der GE haben Katholiken, Lutheraner und Methodisten dokumentiert, dass sie im Verständnis des Zentrums des Evangeliums, einig sind. Darum stellt sie aus methodistischer Sicht einen Meilenstein in der ökumenischen Bewegung dar. Zum anderen stellt die GE einen »Doppelpunkt« dar, der ein weiteres Gehen des gemeinsamen Weges der Kirchen fordert.

Pastor Jürgen Stolze, Magdeburg, Beauftragter für Ökumenische Beziehung der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland

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Hintergrund
Mit der »Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« (GE) ­haben Katholiken und Lutheraner vor zehn Jahren einen jahrhundertealten theologischen Streit beendet. Martin Luthers Lehre von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott löste Anfang des 16. Jahrhunderts die Kirchenspaltung in Europa aus. An die Unterzeichnung wird am
30. Oktober mit einem Gottesdienst und Festakt in Augsburg erinnert.

Aus diesem Anlass ist eine 48-­seitige ökumenische Arbeitshilfe »Unter dem Horizont der Gnade ­erschienen. Darin werden unter ­anderem zentrale Passagen der GE dokumentiert und Anregungen für gemeinsame Gottesdienste und ­Bibelarbeiten gegeben. Sie kann in Einzelexemplaren kostenlos beim Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik, Leostraße 19a, 33098 ­Paderborn, bestellt, oder im Internet heruntergeladen werden.

www.moehlerinstitut.de

Die Beiträge dieser Seite zur GE ­wurden in Zusammenarbeit mit der katholischen Wochenzeitung »Tag des Herrn« erarbeitet.

Dänemark: Im Königreich tobt ein Glockenstreit

22. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Benjamin ­Lassiwe berichtet für unsere ­Zeitung aus ­Dänemark.

Benjamin ­Lassiwe berichtet für unsere ­Zeitung aus ­Dänemark.

Dürfen Dänemarks Kirchen zu Beginn des Kopenhagener Klimagipfels ihre Glocken läuten? Über diese Frage tobt derzeit ein Streit zwischen der Initiative »Grüne Kirche« und dem Kopenhagener Kirchenministerium. Die von mehreren dänischen Bischöfen unterstützte Initiative hatte alle Kirchengemeinden des Landes aufgerufen, am 13. Dezember um 15 Uhr mit jeweils 350 Glockenschlägen »Alarm zu schlagen und zu Gebeten und Taten zu rufen«. Dass es genau 350 Glockenschläge sein sollen, hat natürlich einen Grund: Die Zahl 350 leitet die Organisation von den 350 ppm CO2 ab (ppm = parts per million, zu Deutsch »Teile von einer Million«). Diese Menge ist nach Ansicht von Experten die Obergrenze für eine mögliche Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre.

Doch das Glockenläuten in Dänemark ist seit alters her geregelt. Das »Danske Lov« von 1683 schreibt den Kirchengemeinden bis heute vor, beim Aufgang der Sonne und ihrem Untergang die Glocken zu läuten. Außerdem läuten die Kirchenglocken bei Gottesdiensten oder bei Beerdigungen, wobei jeweils 100 bis 150 Glockenschläge vorgeschrieben sind. »Kirchenglocken dürfen nicht für weltliche Zwecke benutzt werden«, erklärte die dänische Kirchenministerin Birthe Rønn Hornbech der Kopenhagener Tageszeitung »Politiken«. Ausnahmen seien Gefahrensituationen, etwa eine Mobilmachung oder eine Brandkatastrophe. Für ein Glockenläuten zum Klimagipfel hätte ihr Ministerium eine Genehmigung erteilen müssen – dies sei aber bislang nicht geschehen.

Dabei droht den dänischen Glocken auch von anderer Stelle Ungemach. Der Kirchenausschuss des dänischen Parlaments will demnächst überprüfen, ob das Glockenläuten mit einer zu großen Lärmbelästigung verbunden sei. Bislang betrachte das dänische Umweltministerium das ­Geläute ähnlich wie die Sirene eines Einsatzfahrzeugs als »gesellschaftlich akzeptierter Lärm«, schreibt das in Kopenhagen erscheinende »Kristeligt Dagblad«. Nun aber wollen verschiedene dänische Politiker das Geläut ­reduzieren. Kirchenglocken sollten nicht lauter sein dürfen als Rockkonzerte oder ­Autobahnen, meint etwa die kirchenpolitische Sprecherin der sozialliberalen »Radikalen Venstre«-Partei, Bente Dahl. »Wir befinden uns heute in ­einer anderen Situation als 1683, und die Kirchen sollten den gleichen ­Regeln unterworfen werden wie alle anderen auch.«

Den Lektor für praktische Theologie an der Universität Kopenhagen, Hans Ravn Iversen, überrascht das indes nicht. »Wir diskutieren über die Frage, wie viel Platz für die Religion in der Gesellschaft ist«, sagte er dem »Kristeligt Dagblad«. »Der Grund dafür, dass so viele Politiker über das Thema Kirchenglocken diskutieren, ist doch, dass sie keine Lust auf Minarette von Moscheen haben – da können wir doch genauso gut die Glocken stilllegen, damit wir alle Ruhe haben.« Enden werde das allerdings damit, dass alle »vor Langweile sterben – anstatt dass wir uns eingestehen, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft mit zahlreichen Traditionen ­leben, die alle ein Recht haben, im ­öffentlichen Raum präsent zu sein.«

Benjamin Lassiwe

Die Dynamik des neuen Lebens mit Gott

22. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Beichte (2): Zum reformatorischen Sündenverständnis gehört das Großmachen der Sünde

In einer fünfteiligen Serie beschäftigen wir uns mit verschiedenen Aspekten, die zur Beichte gehören. Diesmal geht es um die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders.

Das Jüngste Gericht von Michelangelo Buonarroti, Fresko an der der Altarwand der Sixtinischen Kapelle in Rom

Das Jüngste Gericht von Michelangelo Buonarroti, Fresko an der der Altarwand der Sixtinischen Kapelle in Rom

Die Reformation entzündete sich an Martin Luthers Frage nach dem gnädigen Gott. Er konnte in Gott zunächst nur einen Rächergott sehen, vor dem man sich in Acht nehmen musste. Durch das Studium des Neuen Testamentes ging Luther auf, dass Gott »ein glühender Backofen voll Liebe ist«, der dem Menschen durch den Glauben an Jesus Christus seine Schuld vergeben will – und zwar ohne Vorleistung, allein aus Gnaden. Seitdem steht im Zentrum evangelischer Spiritualität die Erkenntnis, dass Gott den Menschen so annimmt wie er ist.

Im Verlauf der Geschichte der evangelischen Kirche tat sich dabei ein schwerwiegendes Problem auf. Schon Dietrich Bonhoeffer kritisierte, dass die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden zur »billigen Gna­de« verkommen sei. Daran hat sich nichts verändert. Auch heute noch wird die Botschaft von der Liebe Gottes meist verkündigt, ohne deutlich zu machen, dass es keine Vergebung ohne Nachfolge gibt. Der reformatorische Hauptartikel, die Rechtfertigung des Gottlosen durch Christus allein aus Gnaden, wird als ein theologisches Prinzip missverstanden. Das hat zu einer gefährlichen Verharmlosung Gottes geführt. Damit wird unwillkürlich der Eindruck vermittelt, als ob Gottes Liebe so zu verstehen sei, dass er fünf gerade sein las­se.

Luther wusste es besser! Im »Kleinen Katechismus« beginnen sämtliche Erklärungen der Zehn Gebote mit der ­stereotypen Aussage: »Wir sollen Gott fürchten und lieben.« Der Ernst, der mit der neutestamentlichen Botschaft von der Vergebung verbunden ist, nämlich der Aufruf zu Besinnung, Umkehr und Neuorientierung, darf nicht auf der Strecke bleiben.

Die einzig angemessene Antwort auf Gottes Liebe, auf sein Angebot der Vergebung, ist die Umkehr des Menschen zu Gott. Darum lautet die Erste der berühmt gewordenen Thesen Martin Luthers vom 31. Oktober 1517: »Unser Herr und Meister Jesus ­Christus wollte mit seinem Wort: ›Tut Buße‹ … (Matthäus 4,17), dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.«

Zum reformatorischen Sündenverständnis gehört das Großmachen der Sünde. Die Erfahrung der Gnade ist für Luther untrennbar mit der Erkenntnis und dem Bekenntnis der Größe der Schuld verknüpft. Überspitzt formuliert: Das Maß der Nähe Jesu Christi im Leben eines Menschen entspricht dessen Erkenntnis der Grö­ße der eigenen Schuld. Entsprechend schreibt Luther in seinem Kommentar über den Galaterbrief: »Du darfst dir nicht träumen lassen, als wären deine Sünden so klein, dass sie mit deinen Werken getilgt werden könnten. Du darfst aber auch nicht verzweifeln wegen ihrer Größe, als müsstest du sie einmal im Leben oder im Tod noch ernstlich fühlen.

Sondern lerne hier aus Paulus das glauben, dass Christus nicht für erdichtete oder gemalte Sünden, sondern für wirkliche Sünden, nicht für kleine, sondern sehr große, nicht für die eine und andere, sondern für alle, nicht für überwundene … sondern für unüberwundene Sünden sich dahin gegeben hat.«

Dabei sind Luthers Aussagen vor einem Missverständnis zu schützen. Schulderkenntnis und Schuldbekenntnis sind für ihn Zeichen der Würde des Menschen. Das Stehen zu seinem Sündersein ermöglicht dem Menschen nämlich die Einkehr in eine Selbstbegrenzung, die ihm letztlich zugute kommt. Er muss nicht länger mehr sein »als ein heilsam vor Gott und von Gott begrenzter Mensch« (Christian Möller). Schuldigwerden gehört zum Menschsein, auch zum Leben in der Nachfolge Jesu Christi, wesentlich dazu. Ich nehme mein Menschsein dadurch ernst, dass ich meine Schuld eingestehe. Eine Leugnung, eine Bagatellisierung oder Verdrängung meiner Schuld bedeutet demgegenüber eine Missachtung meines Menschseins. Das Eingeständnis des Sünderseins wahrt den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf. Die Anerkennung eigenen schuldhaften Verhaltens bedeutet auch in psychologischer Hinsicht einen Akt der Reife. Sie trägt zur Inte­gration verdrängter Persönlichkeitsanteile bei.

Dass die christliche Rede von Sünde und Schuld dem Menschen seine Verantwortlichkeit zurückgibt und damit zur Stärkung seines Selbstwertgefühls beiträgt, wird nicht von heute auf morgen im öffentlichen Bewusstsein Eingang finden. Lange hat die Kirche die Rede von Sünde und Schuld dazu missbraucht, Menschen in Angst und Abhängigkeit zu halten. Darum ist die Abwehr gerade gegenüber dieser Dimension kirchlicher Verkündigung nur zu verständlich. Damit es an dieser Stelle zu einem Umdenken kommt, ist aufseiten von Theologie und Kirche Fantasie und Beharrlichkeit erforderlich.

Zur Vergebung gehört außerdem das Hineinwachsen in ein neues Leben mit Gott. Ohne Nachfolge Jesu Christi bleibt die Vergebung eine ziemlich langweilige und uninteressante Sache, die höchstens einige im Leben zu kurz Gekommene interessiert. In dem Moment, wo die Botschaft von der Vergebung mit der Notwendigkeit der Nachfolge Jesu Christi verbunden wird, spricht sie auch Menschen an, die mitten im Leben stehen. Die Dynamik des neuen Lebens aus Gott, das dem Gläubigen durch die Erfahrung der Vergebung zuwächst, darf nicht länger verschwiegen werden!

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Leipziger Universität.

Maßstäbe gesetzt

22. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenpolitik: Synode bestimmt Ende Oktober Nachfolge des EKD-Ratsvorsitzenden Huber

Seit sechs Jahren das öffentliche Gesicht des Protestantismus: Bischof Wolfgang Huber Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Seit sechs Jahren das öffentliche Gesicht des Protestantismus: Bischof Wolfgang Huber Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Sechs Jahre lang hat Wolfgang Huber die rund 25 Millionen Protestanten in Deutschland ­repräsentiert.

Als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat der versierte Theologe so viel bewegt wie kaum einer seiner Vorgänger. Wer nach den Ratswahlen bei der Synode am 27. Oktober in Ulm an die EKD-Spitze rückt, ist noch offen. Doch ­soviel steht fest: Die Messlatte liegt hoch. Huber, der dem neuen Rat nicht mehr ­angehören wird, hat mit seinen Auftritten in der Kirche, den Medien und der poli­tischen Öffentlichkeit Maßstäbe für die gesellschaftliche Strahlkraft des Protestantismus gesetzt.

Als wichtigstes Projekt nennt der 67-Jährige die tief greifende Reform der EKD und ihrer Landeskirchen, die vor drei Jahren unter dem Titel »Kirche der Freiheit« angeschoben wurde. »Ich hoffe, dass dies über die sechs Jahre hinaus fortwirken wird«, sagt Huber. Der geforderte Umbruch stieß zunächst auf große Vorbehalte. Inzwischen ist die Einsicht in die Notwendigkeit gewachsen, denn die Kirche verliert nach allen Prognosen bis 2030 ein Drittel der Mitglieder und sogar die Hälfte ihres Budgets. Das erfordert die Konzentration auf Kernaufgaben und den schmerzhaften Abschied von manchen Arbeitsfeldern.

Im September hat die EKD in Kassel eine Zwischenbilanz der Reformen gezogen. Bei der Zukunftswerkstatt steht Huber noch einmal vor 1200 Teilnehmern im Rampenlicht und erntet Applaus für seine gründliche Analyse. Seine strahlende Zufriedenheit ist aber wie verflogen, nachdem einige kritische Stimmen zu Wort ­gekommen sind. Plötzlich steht auf der Bühne der Professor, der für seine Sicht der Dinge kämpft und Widerspruch streng zurückweist.

Dass der Spitzen-Protestant weniger pastorale Wärme ausstrahle als etwa sein Vorgänger Manfred Kock, ist moniert worden. Doch auch Kritiker erkennen an, dass Huber mit seiner intellektuellen Schärfe die evangelische Kirche profiliert hat. Er wendet sich dagegen, dass vor lauter Verständnis für Andersdenkende die Klarheit evangelischer Positionen auf der Strecke bleibt. Unter seiner Führung artikulierte die EKD mehr Selbstbewusstsein – etwa mit der Forderung an Muslime, dass es keinen Dialog zwischen den Religionen ohne ein klares Bekenntnis zum deutschen Gemeinwesen geben kann. Auch gegenüber der katholischen Kirche fand die EKD deutliche Worte, nachdem der Vatikan erneut den Protestanten abgesprochen hatte, »Kirche im eigentlichen Sinne« zu sein.

Huber, der sich selbst und seinem Umfeld ein enormes Maß an Tempo und Leistung abverlangt, entstammt dem bürgerlichen Bildungsmilieu. Als er 1942 im deutsch besetzten Straßburg geboren wird, ist sein Vater Ernst Rudolf Jura-­Professor. Seine Mutter Tula, ebenfalls ­Juristin, ist Tochter des früheren Reichsaußenministers Walter Simons. Wolfgang Huber setzt sich mit der NS-Belastung seines Vaters auseinander und tritt nach Theologie-Studium und Vikariat 1968 in die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg ein.

Huber wird zu einem der Vordenker des Linksprotestantismus, lehrt in Marburg Sozialethik und in Heidelberg systematische Theologie. 1985 leitet er als ­Präsident den Kirchentag in Düsseldorf. Für die SPD steht er 1993 vor einer Bundestagskandidatur, doch er entscheidet sich für das Bischofsamt in der Hauptstadt. Das hat er noch bis zum 14. November inne. Dann wird er festlich verabschiedet und sein Nachfolger Markus Dröge als neuer Bischof für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz eingeführt.

Eine Rückkehr in die Parteipolitik schließt Huber aus: »In diesen Bereich gibt es keinen Weg zurück«, sagt er. Das bedeute aber nicht, dass er ein unpolitischer Mensch werde. Seine Enttäuschung über den SPD-geführten Berliner Senat und das Scheitern des Volksbegehrens »Pro Reli« sitzt tief. Huber plant erst einmal Urlaub und mehr Zeit für seine Frau Kara, für Kinder und Enkel. Im Winter wird er für eine gewisse Zeit an eine Hochschule in Südafrika gehen, doch wird man sicher weiter von ihm hören: »Und wenn ich gefragt werde, mich zu dem einen oder anderen Thema zu äußern, werde ich das gegebenenfalls auch tun.«

(epd) Thomas Schiller

Privatschulen für Arme

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Bericht: Mikrokredite für die Bildung – private Alternativen ergänzen in Ghana das staatliche Schulsystem

Comfort Amofahs ganzer Stolz: Das neue Wellblechdach ihrer Schule konnte sie Dank eines Mikrokredits finanzieren. Fotos: Uwe Pollmann

Comfort Amofahs ganzer Stolz: Das neue Wellblechdach ihrer Schule konnte sie Dank eines Mikrokredits finanzieren. Fotos: Uwe Pollmann

Hierzulande haben sie den Ruch des Elitären. Doch in Westafrika gibt es Privatschulen für Arme.
Und die zahlen sogar gern ­einen kleinen Obolus.

God bless our homeland Gha­na!« Rund 150 Kinder schmettern beim Morgenappell auf einem sandigen Schulhof die Nationalhymne. Dann marschieren sie stolz und mit schwingenden Armen in die Klassen eines einfachen Holzgebäudes. Die kleine Schule im Dorf Bonuso in Zentralghana ist die Einzige weit und breit. Gegründet wurde sie vor fünf Jahren von der 64-jährigen Comfort Amofah.

»Ich wollte meiner Gemeinde und meinem Land helfen«, sagt die Witwe, die früher als Bäckerin gearbeitet hat. »Ich wollte den Eltern eine Schule für ihre Kinder bieten.« Denn öffentliche Schulen sind in dem 23-Millionen-Einwohner-Land Ghana in Westafrika hoffnungslos überfüllt. 50 bis 80 Kinder sitzen in einer Klasse, sagt Comfort Amofah, deshalb brauche man mehr Schulen.

»Ich wollte meinem Land helfen«
Mit acht Kindern begann die kleine, resolut auftretende Frau: »Anfangs habe ich sie von zu Hause abgeholt, manchmal noch angezogen und dann mitgenommen in das Haus eines Verwandten. Aber als es mehr wurden, mussten wir dort raus und ich habe diese Schule aufgebaut.«

Kleine Klassen, mehr Zuwendung, besserer Lernerfolg

Kleine Klassen, mehr Zuwendung, besserer Lernerfolg

Heute sind 200 Kinder in der privat geführten Grundschule plus Kindergarten angemeldet. Die Wände sind aus Holz, der Boden ist zementiert und vor Regen und Sonne schützt seit Neuestem ein Wellblechdach. Das Geld, ein paar Hundert Euro, bekam die Gründerin von einer Mikrofinanzorganisation – als Kredit. Die Eltern müssen darum etwas Schulgeld zahlen. Das aber mache er gern, sagt ein Bauer, der von den staatlichen Schulen nichts hält: »Deren Leistung ist ­total schlecht. Wenn die Kinder nach Hause kommen, müssen sie keine Hausaufgaben machen. Die tun nichts für die Bildung der Kinder.«

Es gibt mittlerweile Hunderte kleiner Privatschulen in Ghana. Viele können erst dadurch bestehen, dass sie günstige Kredite bekommen. Diese erhalten sie von der ghanaischen ­Mikrofinanzorganisation Sinapi in ­Kooperation mit der christlichen Organisation Opportunity International. »Die meisten Schulen hier haben nichts, nicht mal Bücher«, sagt Sinapi-Chef, Aaron Opoku-Ahene. »Aber mit etwas Unterstützung können sie das kaufen und sich erweitern.« Viele Menschen auf dem Land hätten so Zugang zu besserer Bildung.
In der staatlichen Schulbehörde in der Hauptstadt Accra kann der Leiter dem nur beipflichten. James Nii-Okaiga Dinsey berichtet, dass in den letzten Jahren immer mehr Schüler in die öffentlichen Schulen gesteckt wurden. Doch der Platz blieb gleich. »Die Privatschulen sind eine wichtige Ergänzung. Die Regierung kann nicht allen schulpflichtigen Kindern eine Schulbildung bieten.« Auch das UN-Millenniumsziel, allen Kindern bis 2015 den Zugang zu einer Schule zu ermöglichen, sei ohne die engagierten Schulgründer nicht zu erreichen.

Wichtiger Schritt zu den UN-Millenniumszielen

Und dann ergänzt Dinsey ungefragt: »Viele dieser Schulen sind besser als unsere.« Das sei aber auch kein Wunder, denn der Bildungsetat sei zu klein. Der Behördenleiter bestätigt damit Studien des britischen Bildungsexperten Professor James Tooley, der in Afrika und Asien festgestellt hat, dass Privatschulen in Slums erstaun­liche Bildungserfolge erzielen.

Gefördert werden die Kreditprogramme der ghanaischen Mikrofinanzierer darum auch von Opportunity International Deutschland mit Sitz in Bielefeld. Ghana sei Vorreiter, sagt Geschäftsführer Stefan Knüppel. Auch in Uganda, Kenia, Malawi, Indien und auf den Philippinen fördere man solche Programme.

Knüppel, ein Ex-Manager (der vor einigen Jahren aus einem großen Unternehmen ausgestiegen ist), weiß, dass Bildung ein öffentliches Gut ist: »Eigentlich geht das nicht, dass man für Grundbildung Geld zahlen muss. Aber wenn der Staat dazu nicht in der Lage ist, müssen private Initiativen einspringen.« Die Alternative wäre, dass die Kinder in überfüllten Klassen sitzen oder gar nichts lernen.

Um die Privatschulen für Arme fit zu machen im Bildungswettbewerb, bietet Opportunity in Ghana den Schulgründern einen Austausch untereinander an. Auch Comfort Amofah spricht viel mit anderen Schulen. Mit ihrer Dorfschule ist sie aber noch nicht zufrieden. Mit der Hilfe der Mikrofinanzierer will sie »ein richtiges Schulgebäude aus Stein« bauen. Wenn der jetzige Kredit abbezahlt sei, wolle sie einen neuen aufnehmen. »Dann soll es richtige Klassenräume, Toiletten, einen Computerraum und ein Büro geben.«

Sagt es und ist schon wieder draußen auf dem Schulhof. Denn es ist bereits Mittagszeit in der Dorfschule in Bonuso und die Schüler sind hungrig. Schon steht die drahtige Frau am Essenstand, den zwei Mütter leiten, und hält all ihre Schützlinge zunächst zum Händewaschen an.


Uwe Pollmann

www.oid.org

Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur – ein Porträt

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Herta Müller schildert in ihren Werken das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und Heimatlosigkeit. Foto: epd-bild

Herta Müller schildert in ihren Werken das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und Heimatlosigkeit. Foto: epd-bild

Die aus Rumänien stammende deutsche Autorin Herta Müller erhält den diesjährigen Nobelpreis für Literatur. Die Schwedische Akademie der Wissenschaften ehrt eine Schriftstellerin, die zwei große Themen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in ihren Werken aus eigener existenzieller Erfahrung schildert: das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und die genauso individuelle wie kollektive Wahrnehmung von Heimatlosigkeit.

Nitzkydorf ist ein kleines unbekanntes Dorf in Westrumänien. Schotterpisten und Gänseherden, die Kirche in der Dorfmitte und Häuser, von denen der Putz bröckelt, kennzeichnen dieses Dorf. Hier ist die neue Nobelpreisträgerin geboren.

Es war eine in vieler Hinsicht über Jahrhunderte durchaus geordnete deutsche Welt, in die die Autorin am 17. August 1953 hineingeboren wurde. Die Banater Schwaben dominierten Dörfer wie Nitzkydorf bis ins 20. Jahrhundert. In diese Ordnung kleiner deutscher Minderheitendörfer fiel die Weltgeschichte mit ihren banalen wie brutalen Fehlentwicklungen ein, mit ihren entscheidenden historischen Einschnitten und Wendepunkten.
Herta Müllers Vater war ein ehemaliger SS-Soldat, der sich seinen Lebensunterhalt später als Lkw-Fahrer verdiente. Ihre Familiengeschichte spiegelt die politische Geschichte: Die Mutter war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrelang zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert, der Großvater war als wohlhabender Kaufmann und Bauer von den Kommunisten enteignet. So haben das Nazi-Regime, die Sowjets und die rumänischen Kommunisten die Familiengeschichte geprägt.

Doch besonders tiefe Spuren hat bei Herta Müller die selbst erlebte Diktatur hinterlassen: der Kommunismus in Rumänien. Wie ihr früherer Ehemann, der Schriftsteller Richard Wagner, litt sie als Intellektuelle unter den Zwängen des Systems und fasst diese Erfahrungen vor allem seit ihrer gemeinsamen Auswanderung in den Westen 1987 in Prosa und Poesie.

1973 bis 1976 studierte Herta Müller Germanistik und rumänische Literatur an der »Universität des Westens« in Temeswar. Ab 1976 arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wurde aber 1979 entlassen, weil sie sich weigerte, mit dem Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten. Ihr erstes Buch »Niederungen« lag danach vier Jahre beim Verlag und durfte erst 1982 in einer zensierten Form erscheinen.

Messerscharf zeigt Müller die Perfidien und Absurditäten des Systems sowie die kollektiven und individuellen Folgen der totalen Niederlage Deutschlands für die Deutschen in Rumänien. In ihrem aktuellen Roman »Atemschaukel« beschreibt sie die Deportation der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges und die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin. In »Der Fuchs war damals schon der Jäger« zeichnet sie Bilder der allgegenwärtigen Bedrohung und der Angst, der Demütigung und der Aussichtslosigkeit in der Spätphase des damaligen Systems nach. In »Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt« schildert sie den Kampf um die Auswanderung.

Nach der Auswanderung zählt Müller mit Autoren wie Norman Manea und Richard Wagner zur rumänischen Exilliteratur, die sich eben auch sehr beklemmend in der Sprache der deutschen Minderheit äußert. Ihre Werke werden in über zwanzig Sprachen übersetzt. Sie verschafft sich mit ihren exklusiven Themen Gehör in der deutschen Literaturlandschaft und weit darüber hinaus und hat auch vor dem Literaturnobelpreis zahlreiche deutsche wie internationale Prämien entgegennehmen können.

Auch im Exil kommt sie nicht wirklich zur Ruhe. Die Securitate versucht, sie als Kollaborateurin im Westen zu diskreditieren, manche Funktionäre der Landsmannschaften greifen entsprechende Vorwürfe auf. Doch Herta Müller zählt neben Richard Wagner und Eginald Schlattner heute zu den prominentesten Stimmen der rumäniendeutschen Literatur, auch wenn sie jetzt seit langem in Berlin lebt.

Herta Müller sagt in ihrer Literatur mehr über die Motive zur Auswanderung aus einem kommunistischen System und die Flucht nach vorn als manches Sachbuch. Sie bietet litera­rische Psychogramme der Emigration in die Freiheit und schildert Erfahrungen dieser Grenzüberschreitung. Als Grenzgängerin zwischen den Welten wird sie zu einer literarischen Zeugin der Heimatlosigkeit der Moderne, der sie in ihrem Werk besonders nachspürt. Letztlich hat genau dies ihren Nobelpreis möglich gemacht. Sie zeichne »mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit«, wie es in der Preisbegründung heißt.

Jürgen Henkel

Die Beichte – Hygiene für die Seele

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Den evangelischen Christen ist mit dem Wegfall der Beichte etwas Wichtiges verloren gegangen

Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine fünfteilige Serie über die Beichte. Zum Auftakt ein Interview mit dem Leipziger Theologieprofessor Peter Zimmerling.

Peter Zimmerling lehrt an der Leipziger Universität Praktische ­Theologie. Foto: privat

Peter Zimmerling lehrt an der Leipziger Universität Praktische ­Theologie. Foto: privat

Herr Prof. Zimmerling, worin liegt der Wert der Beichte? Was bringt es mir, wenn ich beichte?
Zimmerling:
Wenn ich etwas Schlimmes erlebt habe, verliert dies seine Macht über mich, wenn ich es vor einem anderen Menschen ausspreche. Diese Erfahrung kennt jeder von uns. Das ist die psychologische Dimension der Beichte, sie ist Seelenhygiene.

Darüber hinaus gibt es die theologische Dimension. In der Seelsorge kann ich einem Menschen helfen, ihn trösten, indem ich ihm etwas zuspreche, gute Worte sage. Wenn ich dann selber in eine solche Situation kom­me, in der ich Trost brauche, könnte ich diese Worte, die ich vorher einem anderen gesagt habe, auch mir selber sagen. Aber diese Worte, die ich mir selber sage, haben nicht die Kraft, die sie entwickelt haben, als ich sie dem anderen Menschen gesagt habe.

»Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen«, weiß ein Sprichwort …
Zimmerling:
Ja! Das Wort Gottes, das mir durch einen anderen Menschen zugesprochen wird, ist stärker als das Wort Gottes im eigenen Herzen. Dadurch wird deutlich, wieso die Beichte etwas ist, was über das Gebet oder das Gespräch beim Therapeuten hinausgeht. Die Therapie kommt an ihre Grenze, wo es um Vergebung von Schuld geht. Den evangelischen Christen ist durch den Wegfall der Beichte ein wesentliches Mittel der Seelenhygiene verloren gegangen!
Max Frisch hat den berühmten Satz geprägt: »Ein Katholik hat die Beichte. Ich habe bloß meinen Hund.« Er will damit zum Ausdruck bringen, dass in der Beichte ein großes Entlastungspotenzial steckt. Dass die Beichte einen wichtigen Beitrag zur psychischen Gesundheit eines Menschen zu leisten vermag. Es hat übrigens immer christliche Therapeuten gegeben, die das mit Recht betont haben.

Der Mensch ist gerettet allein aus Gnade. Diese reformatorische Erkenntnis ist nicht ganz schuldlos, dass uns die Beichte verloren gegangen ist?
Zimmerling:
Wir haben das Evangelium reduziert auf die Aussage, dass Gott den Menschen annimmt, so wie er ist. Diese Sicht ist nicht unsympathisch, aber sie ist eine Verkürzung des Evangeliums. Sie fördert nämlich die Auffassung, dass der Mensch von Natur gut ist. Paul Schütz, einer der vergessenen evangelischen Theologen des letzten Jahrhunderts, stellte fest: »Gott ist einsam geworden. Es gibt keine Sünder mehr.«

Die Beichte ist aber auch über viele Jahrhunderte hinweg als ein Instrument zur Erziehung benutzt worden und dadurch in Misskredit geraten …
Zimmerling:
Mit Beichte verbinden wir oft Fremdbestimmung. Und diese Vorstellung ist im kollektiven Gedächtnis unseres Volkes weitverbreitet. Martin Luther wollte die Beichte erneuern, aber indem er sie von ihrem Zwangscharakter befreite – zur damaligen Zeit war ein Christ verpflichtet zu beichten –, verhinderte er ungewollt einen dauerhaften Neuanfang. Als die Beichte freiwillig wurde, haben Menschen dieses Angebot Gottes, Vergebung zu erlangen, nicht mehr in Anspruch genommen. Im Großen ­Katechismus ist das nachzulesen, da sagt Luther, er wünsche den Evange­lischen, die nicht mehr zur Beichte ­gehen, dass sie wie eine Herde Säue wieder unter das papistische Joch ­getrieben würden. Daraufhin hat er ein Katechismusverhör anstelle der Beichte obligatorisch gemacht. Dieses ist sehr bald beim Protestanten an die Stelle der Beichte getreten.

Wie können wir die Beichte zurückgewinnen?
Zimmerling:
Sie muss wieder als ­Angebot Gottes bekannt gemacht ­werden. Es muss deutlich sein, dass die evangelische Beichte nichts mit Entmündigung zu tun hat. Das ist
ein Missverständnis, ein allerdings schwerwiegendes. Wir müssen den Menschen deutlich machen, dass die Beichte ein Zeichen ist für die Würde des Menschen. Zum Menschsein ­gehört das Schuldigwerden hinzu. Ich meine, dass jeder Mensch, auch ein Nichtchrist wird das sagen, immer wieder in Situationen kommt, wo er nicht so handelt wie er eigentlich gerne handeln würde. Er wird schuldig an seinem nächsten Mitmenschen. Die Möglichkeit, sich zu entschuldigen, um Verzeihung zu bitten, gehört zur Würde eines Menschen.

Ganz vergessen ist sie nicht. Es gibt ein Verlangen nach Beichte …
Zimmerling:
In Citykirchen wird das Angebot zur Beichte gemacht. Ein- bis zwei Mal pro Woche sitzt ein Pfarrer, eine Pfarrerin in der Sakristei. Die Menschen sind eher bereit, zu einem fremden Menschen zu gehen. In Taizé stehen nach dem Abendgottesdienst Jugendliche in langen Schlangen vor einzelnen Brüdern. Da geht es um Seelsorge, aber auch um Beichte.

Wann empfiehlt es sich zu beichten?
Zimmerling:
Ich würde sagen: Bei ­jeder echten Schuld, von der ich den Eindruck habe, nicht mit ihr fertig zu werden. Denn man kann ja auch für sich, still vor Gott seine Schuld aussprechen wie wir es im Vaterunser tun. Aber es gibt immer wieder Schuld im Leben, wo diese persön­liche, stille Beichte vor Gott das Gewissen nicht beruhigt. Da empfiehlt es sich, sie gegenüber einem anderen Menschen in der persönlichen Beichte auszusprechen.

Sabine Kuschel.

1989 kommt nicht ins Museum

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Jubel, Appelle und Nachdenklichkeit – die Gedenkfeiern in Leipzig

Der Hauch der Geschichte: Rund 100000 Menschen waren am Abend des 9. November in Leipzigs Innenstadt auf den Beinen und erinnerten an »Leipzig ’89«. Foto: Uwe Winkler

Der Hauch der Geschichte: Rund 100000 Menschen waren am Abend des 9. November in Leipzigs Innenstadt auf den Beinen und erinnerten an »Leipzig ’89«. Foto: Uwe Winkler


Leipzig, 9. Oktober 2009: Wie 20 Jahre zuvor ist der Augustusplatz schwarz vor Menschen.

Dort wo sich der Platz zum mehrspurigen Innenstadtring öffnet, drängen sich weitere Menschenmassen Richtung Hauptbahnhof in einem Demonstrationszug für Demokratie. Es geht nur langsam voran. Nach
100 Metern versperrt ein mit brauner Plane überzogener Lkw den Weg. Laut hallt der Ruf »Wir sind das Volk« über den Köpfen. Auf dem Augustusplatz leuchtet ein aus Kerzen gelegter Schriftzug »Leipzig ’89«.

An diesem Abend wird hier nur erinnert. Vieles ist 20 Jahre danach anders als am 9. Oktober 1989, als in Leipzig 70000 Menschen nach Friedensgebeten für politische Selbstbestimmung und Freiheit demonstrierten. Die Demokratie muss nicht mehr erkämpft werden. Die Polizisten am Wegrand warten auf keinen Schießbefehl. Die Straße wird nicht erobert, denn der Innenstadtring ist bereits seit dem Nachmittag gesperrt, um zum Gedenken an die friedliche Revolution den Demonstranten vom 9. Oktober 1989, ihren Kindern und damals völlig Unbeteiligten bei einem Lichtfest die Route noch einmal möglich zu machen.

100000 Menschen nehmen das Angebot nach Polizeiangaben bis Mitternacht an. Sie laufen vorbei an den auf Wohnblöcke projizierten Schlagzeilen des einstigen SED-Organs »Leipziger Volkszeitung«: »Wie oft soll sich die Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung noch wiederholen.« Sie passieren den Bahnhof, wo ein bedrohliches, dumpf donnerndes Geräusch an die beklemmende Stimmung im Jahr 1989 erinnert.
Der Protestzug der 70000 von 1989 hat nach den Worten des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung (SPD) »Weltgeschichte geschrieben«. Angesichts der Größe der Demonstration schritten die Sicherheitskräfte nicht wie zuvor in Berlin und Dresden ein. Die ­Demonstration gilt damit als mitentscheidend für das Ende der kommunis­tischen Diktatur in der DDR.

Dafür bekommt Leipzig am Freitag die Würdigung, die sich die Stadt so lange gewünscht hat. Bundespräsident Horst Köhler bedankt sich beim Festakt im Leipziger Gewandhaus bei den 70000 Demonstranten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nickt zustimmend, applaudiert. Der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, der noch amtierende Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (beide SPD) und der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sitzen in den ersten Reihen des Gewandhauses neben den zu Helden ernannten Bürgerrechtler von damals: Werner Schulz (Grüne), Ex-Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer, Tobias Hollitzer.

Doch der Gedenktag ist nicht nur ­Jubelfest und gegenseitiges Schulterklopfen. Bundespräsident Köhler spricht davon, dass man es den Demonstranten von damals »schuldig« sei, weiter an der deutschen Einheit und der Verwirklichung der Hoffnungen von 1989 zu arbeiten. Am Nachmittag präsentiert ein vierköpfiger Vorstand um den Ex-Nikolaikirchenpfarrer Führer die Gründungsurkunde für die »Stiftung Friedliche Revolution«, die sich im »Geist von 1989« weiter politisch bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit, Diskriminierung und internationaler Konflikte einmischen will. Der stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christoph Kähler, appelliert an die Menschen beim Gebet in der Nikolaikirche »Friedensboten« zu sein. »Wir wollen die friedliche Revolution nicht ins Museum stellen«, bringt es Christian Führer auf den Punkt.

Dazu ist es ohnehin zu früh. So stachelte der Mitbegründer des Neuen ­Forums, Werner Schulz, beim Festakt
am Freitag mit seiner Kritik an dem für Berlin und Leipzig geplanten Denkmal für die Ereignisse von 1989 die Debatte um die Auseinandersetzung mit der Geschichte wieder an. »Wir brauchen kein in Stein gemeißeltes Einheitsdenkmal«, sagte er und erntete dafür großen Beifall.

Von Corinna Buschow (epd)

Das Wort Gottes – persönlich erlebt

8. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Bibliodrama: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns

Die Autorin, Schwester Katharina Schridde, gehört der evangelischen Ordensgemeinschaft Communität Casteller Ring (CCR) an und leitet seit 2008 die Außenstelle der Kommunität im Erfurter Augustinerkloster.

Die Autorin, Schwester Katharina Schridde, gehört der evangelischen Ordensgemeinschaft Communität Casteller Ring (CCR) an und leitet seit 2008 die Außenstelle der Kommunität im Erfurter Augustinerkloster.

Erwartungsvoll sitzen die acht Menschen im Kreis. Alle lassen sich auf ein Wagnis ein: Denn die Gruppe hat sich eine Einführung in die Methode des Bibliodramas gewünscht.

Das Bibliodrama geht davon aus, dass das Wort Gottes eine wahre und gültige Offenbarung ist. In unüberbietbarer Weise hat der Evangelist Johannes im Prolog seines Evangeliums die Inkarnationen des Gotteswortes in Jesus Christus beschrieben: »Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit …« (Johannes 1,14) Das Bibliodrama geht von dieser Offenbarung aus. Weil das Wort Gottes Fleisch wurde und erlebbar ist, hat es mir ganz persönlich etwas zu sagen, heute und hier berührt es mich und wandelt mein Herz und manchmal auch mein Leben.

Das Bibliodrama hat seine Wurzeln im antiken griechischen Theater, im Mysterienspiel und auch in der Liturgie. Der biblische Text ist Ausgangspunkt und Ort der Rückkehr nach dem Spiel. Dazwischen entfaltet sich das Gehörte und Geschaute als »wie neu geschehend«. Der biblische Text verwebt sich mit dem Lebenstext der Spielenden und lässt möglicherweise darin ein anderes Muster entstehen – das dann zuweilen Bestand hat auch nach dem gemeinsamen Spiel.

Das eigentliche Spiel beginnt damit, dass wir einen biblischen Text auswählen. Für diese Gruppe, die sich erstmalig auf das Bibliodrama einlässt, wähle ich einen gut spielbaren Text mit mehreren biblischen Personen, einem spannenden Handlungsverlauf und einem Ende, das Fragen offen lässt. Der barmherzige Vater, der verlorene Sohn und der eifersüchtige Bruder, der sich seit Jahren übersehen fühlt. Geschwisterrivalität, Elternliebe, Adoleszenzprobleme, Rollenkonflikte und in all dem die Frage nach Gott und den Bildern, die wir von ihm, dem Ewigen haben.

Zu wählen sind nicht nur die »Rollen«, die ausdrücklich benannt sind, sondern auch die, die nicht genannt sind, die es aber als handelnde Personen in so einer Szene sicher gab: die Mutter der Söhne, Schwestern, Nachbarn, Mitknechte in der Fremde. Wichtig ist, dass die Einzelne, der Einzelne sich die Rolle selbst aussucht. Warum er oder sie genau diese Spielerfahrung machen möchte, ist oft anfangs gar nicht so klar und zeigt sich erst während des Spiels und dann vor allem im anschließenden auswertenden Gespräch.

Und dann beginnt das Spiel. Der Text ist Rahmen, Grund und Orientierung, aber für diesen Augenblick nicht wörtlich verpflichtend. Da spontan gespielt wird, ergeben sich Dialoge, die so vielleicht nicht im Evangelium geschrieben stehen, sich in diesem Augenblick aber dem Spielenden »einsprechen«. Es ergeben sich plötzlich Nebenszenen, die so nicht aufgezeichnet sind, aber gleichwohl genauso stattgefunden haben könnten – und eben jetzt geschehen, weil es den Spielenden eben jetzt so geschieht.

Eine Frau spielt den jüngeren Sohn, eine, die im Vorgespräch eher zurückhaltend und skeptisch wirkte. Jetzt spielt sie mit starker Kraft und großer Überzeugung, ein sympathischer und lebensfroher, wenn auch ­etwas leichtsinniger junger Mensch geht seinen Weg durch Mut, Versagen, Schuld und Umkehr. Ein Mann spielt den Vater, die Konflikte mit den Söhnen werden so lebensecht und leidenschaftlich gespielt, nein »gezeigt«, dass die Verbindung mit dem realen Leben des Spielers deutlich zu erahnen ist. Das Nachgespräch bestätigt es, und das »Spiel« wird eine »Vorwegnahme« der Versöhnung mit seinem eigenen jüngeren Sohn und lässt die Hoffnung wachsen, dass dies vielleicht auch mit diesem wirklichen Sohn möglich ist.

Der »ältere Sohn«, ebenfalls von einer Frau gespielt, lässt seinen Zorn über die scheinbare Bevorzugung des Jüngeren hören und sehen: Neid und Eifersucht flammen auf, dahinter der so lange verborgene Schmerz und die Angst, selbst vielleicht nicht so geliebt zu sein wie der Bruder, die Schwester. Ein von vielen Menschen geteiltes und sehr oft verborgenes Gefühl, das die Seele zernagt und das Herz bitter macht. Hier also wird es laut sichtbar, die junge Frau – »Spielerin« oder »Bruder«? – beginnt zu weinen, etwas löst sich, endlich kann sie die Zusage des Vaters hören und glauben: Du bist doch mein geliebtes Kind.

Wir spielen das Spiel bis zum Ende, so wie es in der Schrift geschrieben steht. Nach einem kurzen Augenblick der Stille, werden alle Spielenden aus ihren Rollen entlassen, wir versammeln uns im Kreis, sprechen über Gehörtes, Gesehenes, Erlebtes. Nehmen wahr, was geschehen ist – Sichtbar und unsichtbar, jedenfalls wirksam. Und sortieren: Was gehört in mein ­Leben, was ist biblischer Text, gültig über den Augenblick hinaus?

Und wo erkenne ich in alldem Wort und Weisung Gottes, das sich hier und jetzt in mein Leben hineinspricht?
Ganz zum Schluss lese ich den Text noch einmal so, wie er geschrieben steht. Wir bleiben noch einen Moment im Schweigen und beenden die gemeinsame Zeit dann mit Gebet und Segen. Und gehen weiter – im »Spielraum« Gottes, in unserem Leben.

Schwester Katharina Schridde, Communität Casteller Ring

»Alles Lebendige« braucht Kooperation«

8. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Zum Überleben brauchen wir eine neue Art des Denken – im Gespräch mit dem Physiker Hans-Peter Dürr

Seit Jahren steht der Münchner Physiker Hans-Peter Dürr für den Brückenschlag zwischen Quantenphysik, Ökologie, Philosophie und Spiritualität. Tomas Gärtner sprach mit dem Wissenschaftler, der am 7. Oktober 80 Jahre alt wurde.

Der Quantenphysiker Professor Hans-Peter Dürr ist Mitglied des Club of Rome, war Mitarbeiter von Werner Heisenberg und viele Jahre Direktor des  Max-Planck-Instituts für Physik in München. Er gilt als einer der bedeutendsten Querdenker unserer Zeit und erhielt 1987 den alternativen Nobelpreis. Foto: Peter Ludwig/GCN

Der Quantenphysiker Professor Hans-Peter Dürr ist Mitglied des Club of Rome, war Mitarbeiter von Werner Heisenberg und viele Jahre Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München. Er gilt als einer der bedeutendsten Querdenker unserer Zeit und erhielt 1987 den alternativen Nobelpreis. Foto: Peter Ludwig/GCN

Hat Sie der Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise überrascht?
Dürr:
Nein. Ich spreche als Naturwissenschaftler. Es liegt daran, dass die Gesetzmäßigkeiten, die die Wirtschaft für sich in Anspruch nimmt, sich in Konflikt befinden mit den natürlichen Gesetzen. Diese Vorstellung, dass es ein ständiges materielles Wachstum gibt, befindet sich nicht in Übereinstimmung mit der Natur. Wir müssen mit den Rohstoffen auskommen, die wir zur Verfügung haben. Energie bekommen wir von der Sonne zugeliefert. Aber wir müssen sie auch von der Sonne nehmen und nicht einfach ausgraben. Fossile Brennstoffe sind ja über Millionen von Jahrhunderten gesammelte Sonnenenergie.

Was wäre dann zu lernen?
Dürr:
Lebensstile entwickeln, die verträglich sind mit den natürlichen Grenzen. Wir haben alle eine Geschichte von dreieinhalb Milliarden Jahren, wo wir diesen natürlichen Gesetzen gefolgt sind, sonst wären wir nicht da. Wir müssen die Leute eigentlich nur daran erinnern, was sie im Grunde wissen. Wir haben dieses Verhalten in uns. Und wir haben Verfassungen, in denen es Einschränkungen durch Moral und Ethik gibt. Die haben mit diesem natürlichen Hintergrund zu tun.

Wie lässt sich das in die Praxis umsetzen?
Dürr:
Wir sehen bei der derzeitigen Diskussion über das Klima und CO2: Wenn wir das nicht einhalten, kommen wir in große Schwierigkeiten. Aber diese Diskussion über das Klima ist nur die Spitze eines Eisberges. Es geht vielmehr um die Frage: Wie viel können wir herumtoben auf dieser Erde, indem wir alles, was wir für möglich halten, ausleben, ohne dass das Biosystem zusammenkracht? Wir sind eingebettet in etwas, was nicht beliebig stabil ist. Das ist wie eine Krankheit: Wenn die Infektion zu groß wird, kollabiert der Körper.

Für eine rücksichtsvollere Lebensweise haben Sie die Bezeichnung »nachhaltig« mit geprägt. Was verstehen Sie darunter?
Dürr:
Wir haben damit auf Deutsch auszudrücken versucht, was im Englischen »sustainability« genannt wird. Die Fähigkeit also, die Dinge in der Balance zu halten. Aber nur zu sehen, dass das, was da ist, nicht kaputt geht, würde nicht genügen. Es bedeutet auch, dass sich das Lebendige immer weiter entfalten muss. Ich würde Nachhaltigkeit übersetzen mit: das Lebendige lebendiger werden lassen.

Hauptenergiequellen sind derzeit fossile Brennstoffe – Kohle, Erdöl, Erdgas. Stehen die uns auf längere Sicht zur Verfügung?
Dürr:
Nein. Wir haben das Maximum überschritten. Das war vorauszusehen. Wir sind eine Bankräubergesellschaft. Wir rauben in einem Jahrhundert aus, was über Millionen Jahrhunderte in diesen Brennstoffen an Sonnenenergie angespeichert wurde. Aber wir haben eine ewige Energiequelle – die Sonne. Warum nehmen wir die nicht gleich? Nur etwa ein Zehntausendstel davon fangen wir bislang auf.

Manche sehen Atomkraftwerke als die saubere Alternative – ohne Abgase und CO2. Sie als Atomphysiker auch?
Dürr:
Kernkraftwerke sind eine solch riesige Gefahr. Man sollte sie alle zuschließen. Nordkorea hat gerade zwei Plutoniumbomben explodieren lassen. Iran reichert Uran an. Das hat alles mit den Kernkraftwerken zu tun. Es ist nicht wahr, dass ein ziviles Kernkraftwerk keine Verbindung zur Waffenproduktion hat. Ein Gigawatt-Atomreaktor produziert 250 Kilogramm Plutonium. 90 Kilogramm brauche ich, um eine Nagasaki-Atombombe zu bauen. Weg mit diesem Zeug! Im Augenblick geht es doch nur darum, große Profite zu machen. Die Industrie will keine dezentralisierte Energieversorgung. Aber wir wollen es, die auch die Demokratie wollen.

Warum dezentrale Energieversorgung?
Dürr:
Was zukunftsfähig ist und was nicht, hängt von den örtlichen Bedingungen ab. Man muss vor Ort herausfinden, was die Umgebung, in die man eingebettet ist, nicht kaputt macht. Und sich Energie nicht aus einem anderen Teil der Welt holen. Alles, was wir zum Leben dringend brauchen, muss dezentralisiert werden. Und es muss so eingeschränkt werden, dass es auch auf Dauer verfügbar ist. Der beste Gedanke, wird er zentralisiert, führt zu einer Machtstruktur. Das muss verhindert werden. Nichts anderes heißt Demokratie. Demokratie ist ja nicht nur die Beteiligung an einer Wahl. Sondern jeder Einzelne ist wichtig, muss handlungsfähig sein und mit seiner Erfahrung in den Zukunftsprozess eingreifen können.

Wie soll das der Einzelne tun?
Dürr:
Wir müssen ihn zuerst in die Situation versetzen, dass er Einfluss nehmen kann auf das, was ihn und seine Umgebung betrifft. Unsere Hauptbürde im Westen ist die derzeitige Idee des Wettbewerbs. Das ist naiver Darwinismus. Doch Wettbewerb kommt ursprünglich vom englischen »competition« und hat die Bedeutung: zusammen nach Lösungen suchen. Eine Lösung aber nur für sich, auf Kosten der anderen zu suchen, zerstört das Vertrauen zwischen den Menschen. Doch eine lebendige Struktur ist auf Kooperation angewiesen. Eine Gesellschaft, die nicht lernt zu kooperieren, hat keine Zukunft. Jeder kann, wenn wir kooperieren, dem Ganzen etwas geben, was der andere nicht kann. Das ist das Wichtigste in der Entwicklung des Lebendigen: Differenzierung und anschließend kooperative Integration des Verschiedenartigen.

2005 haben Sie im »Potsdamer Manifest« eine neue Art des Denkens gefordert. Reicht Denken allein?
Dürr:
Wir brauchen eine neue Art des Denkens, das eigentlich Mitfühlen, Empathie ist. Dass wir unsere wechselseitige Zusammengehörigkeit fühlen. Wir haben eine Art Internet im Hintergrund, wo die ganze Weisheit gespeichert ist. Wir müssen nur wissen, wie wir an die herankommen. Diese andere Weisheit ist nicht geeignet für ein Denken in dem Sinne, dass ich sofort weiß, wie ich handeln muss, sondern dass ich weiß, was gut zusammenklingt. Wie ein Orchester, in dem man die verschiedenen Instrumente aufeinander abstimmt. Das haben wir nur verdrängt in unserer Lebensweise. Das müssen wir wieder wecken.

Gehört für Sie auch Religion, Spiritualität dazu?
Dürr:
Ja. Das ist die Grundlage. Die moderne Naturwissenschaft zeigt ja, dass das Materielle nicht die Grundlage ist, sondern etwas, das eine Bindungsstruktur ist – man kann das Spiritualität oder Religion nennen. Es ist nichts Greifbares. Das steckt in uns allen. Wir haben nicht die Wahl, ob wir das wollen oder nicht. Es ist nur die Frage, inwieweit wir das noch in uns erkennen in der Hektik des Alltags. Religionen sind für mich schon wieder gefährlich. Denn sie sind Bewegungen, die das, was eigentlich nicht greifbar ist, wieder etwas greifbarer machen und dann aufschreiben, was richtig und falsch ist. Wir müssen wieder auf unsere Wurzeln zurückgehen, dann stellen wir fest, wir haben die Fähigkeit zu kooperieren, ohne Anstrengung. Die Natur kann das schon viel besser als wir. Wir sind da nur herausgerutscht und glauben, wir müssen alles kaputt machen, was wir nicht fassen und begreifen können.

Das Geheimnis ist gelüftet

8. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Forschungsprojekt bringt neue Erkenntnisse über Cranachs Maltechnik

Eigentlich ganz einfach: Mithilfe einer Paustechnik konnten schnell Vorlagen für neue Porträts geschaffen werden, wie Mechthild Most zeigt. Foto: Anja Sokolow

Eigentlich ganz einfach: Mithilfe einer Paustechnik konnten schnell Vorlagen für neue Porträts geschaffen werden, wie Mechthild Most zeigt. Foto: Anja Sokolow

Es ist im Prinzip wie im Kindergarten«, beschreibt die Berliner Restauratorin Mechthild Most eine der Arbeitstechniken aus der Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn Lucas dem Jüngeren. Teilweise sei es ganz banal gewesen, wie Bilder im Atelier dieser bedeutenden Maler der Renaissance vorbereitet worden seien, sagt Most und macht es vor: Mit zerstoßener Zeichenkohle bestäubt sie transparentes Papier, legt es auf ein Buchenholzbrett und darüber eine Folie mit einem skizzierten Porträt Martin Luthers. Most zeichnet die Linien nach und wenige Minuten später sind die Umrisse auf dem Holz sichtbar. Auf dieser Basis könnten nun ein Ölgemälde oder eine ganze Porträt­serie des Reformators entstehen. »Damals gab es zwar noch keine Folie, aber gefettetes Papier oder dünne Tierhäute haben auch ihren Zweck ­erfüllt«, erklärt die Restauratorin.

Dass in der Anfang des 16. Jahrhunderts gegründeten Werkstatt in Wittenberg nicht nur künstlerisch höchst anspruchsvoll, sondern auch äußerst effektiv gearbeitet wurde, war bekannt. Schließlich sind in etwa 80 Jahren rund 4000 bis 5000 Arbeiten für kirchliche und weltliche Auftraggeber entstanden, von denen heute noch 1000 erhalten sind. »Wir konnten jetzt jedoch erstmals nachweisen, dass mit diesem einfachen und wirtschaftlichen Verfahren gearbeitet wurde«, erklärt Most. Vermutungen darüber habe es schon länger gegeben.

Der Erkenntnis ging jahrelange Forschungsarbeit voraus. Restauratoren, Kunsthistoriker und Naturwissenschaftler haben seit 2005 im Auftrag der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg Cranachs Gemälde aus dem Berliner Jagdschloss Grunewald für einen neuen Bestandskatalog unter die Lupe genommen. Mithilfe von optischer Mikroskopie, Röntgen- und Infrarotbildern haben sie die Maltech­niken und Beschaffenheit der Bilder ­untersucht. Infrarotbilder von Porträts machten etwa die Paustechnik sichtbar: »Die Strichführung zeigt, dass Cranach oder seine Mitarbeiter den Durchdrückstift an- und abgesetzt haben müssen«, erklärt Most. Darüber hinaus zeigten Analysen des Passionszyklus (1537/38) aus dem alten Dom auch, dass Cranach d. Ä. ein sehr sicherer Zeichner gewesen ist. Er suchte bei seinen Vorzeichnungen für neue Gemälde nicht nach Kompositionen, sondern jeder Strich saß sofort – aus Sicht der Wissenschaftler ein »beeindruckendes Phänomen«.

Das neue Wissen über die Maltechniken ist Teil der Ausstellung »Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern«, die ab dem 31. Oktober im Schloss Charlottenburg in Berlin zu sehen ist. Parallel dazu wird eine zweite Schau mit dem Titel »Kirche, Hof und Stadtkultur« in der Marienkirche gezeigt. Mit insgesamt rund 200 Exponaten würden beide Ausstellungen erstmals Einblicke in die Kunst- und Kulturgeschichte Berlins und der Mark Brandenburg in der Renaissance gegeben, erklärt Kuratorin Dr. Elke Anna Werner.

Mit ihren Gemälden für die Hohenzollern hätten die Cranachs einen nachhaltigen Einfluss auf die Künste in Berlin und Brandenburg gehabt und zum »Image« der Herrscher beigetragen. Die Hohenzollern hatten ­einen
Teil der Gemälde für das Schloss und die Stiftskirche in Auftrag gegeben. Später gelangten die Bilder in das Jagdschloss Grunewald. Zur Sanierung des Hauses wurden sie ausgelagert und erforscht. Der Bestandskatalog soll im kommenden Jahr erscheinen und Grundlage für weitere wissenschaftliche Diskussionen sein, kündigte Mechthild Most an.

Anja Sokolow

»Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern«,
Berlin, Schloss Charlottenburg
31. Oktober bis 24. Januar 2010,
Mittwoch bis Montag 10 bis 17 Uhr,
8,00 Euro, erm. 6,00 Euro

»Kirche, Hof und Stadtkultur« in der Marienkirche,
Marienkirche Berlin Mitte,
Montag bis Sonnabend 10 bis 18 Uhr und Sonntag 12 bis 18 Uhr,
Eintritt frei

Der Feindschaft verweigert

8. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der palästinensisch-christliche Friedensaktivist Daoud Nassar will auf jeden Fall gewaltfrei bleiben

Auf dem väterlichen Land lädt Daoud Nassar zu ­Friedensbegegnungen ein. Doch seit Jahren muss er um dieses Erbe vor Gerichten kämpfen.

Hält an der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit fest: Daoud Nassar, Foto: Johannes Zang

Hält an der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit fest: Daoud Nassar, Foto: Johannes Zang

Wie bitte? Palästinensischer Friedensaktivist? – Solche Reaktionen kennen Palästinenser. Auch Daoud Nassar weiß um das »Terroristen«-Vorurteil gegenüber seinem Volk. Flugzeugentführungen, Geiselnahmen und Selbstmordattentate haben diesem ein Kainsmal eingebrannt. Während sich manch ein Landsmann gewaltsam gegen die nun seit 42 Jahren bestehende israelische Militärbesatzung zur Wehr setzt, ist die Familie Nassar gewaltlos geblieben. Dabei werden sie immer wieder von radikalen israelischen Siedlern bedroht. Zusätzlich spüren sie immer wieder die bürokratische Gewalt der israelischen Justiz. Wieso? Es geht um Land.

Daoud – zu Deutsch David – besitzt ein 42 Hektar großes Stück Land südlich von Bethlehem, 950 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort lässt sich das nach Westen abfallende Plateau des West-Jordanlandes überblicken, bei guter Sicht ist das Mittelmeer zu erkennen.

Daouds Großvater Daher – daher der Name Dahers Weinberg für das umkämpfte Land – hat dieses 1916 von einem palästinensischen Bauern aus Nahalin gekauft. Später zog er mit ­seiner Familie dorthin. Sie lebten in einer Höhle und begannen, Bäume zu pflanzen, von Granatapfel über Mandel bis zu Feigen und Oliven sowie Rebstöcke.

Einen ersten Einschnitt in die Ruhe auf dem Weinberg brachte das Jahr 1990. Daoud hörte, dass israelisches Militär und jüdische Siedler auf seinem Grundstück gewesen seien, stellte Nachforschungen an und erfuhr, dass das gesamte Gebiet um Dahers Weinberg Staatsland sei; binnen 45 Tagen könne gegen den Bescheid Widerspruch eingelegt werden. Seitdem hat Daoud Nassar keine Ruhe mehr, geht bei Rechtsanwälten ein und aus, muss vor dem Militärgericht erscheinen, Zeugen beschaffen und Gutachten anfertigen lassen. Selbst für das Aufstellen eines Zeltes benötigt er die Zustimmung der Militärbehörde, da sein Grundstück im C-Gebiet des West-Jordanlandes liegt, wo die palästinensische Behörde nichts und Israel alles zu sagen hat.

Einmal teilte diese Behörde ihm mit: »Ein großer Teil des Landes ist nicht kultiviert, was kultiviert ist, gehört euch, der Rest fällt an den Staat.« Daoud musste Augenzeugen bringen, um die Bearbeitung des Landes nachzuweisen. Er gewann 50 Angehörige, Nachbarn und Freunde, um auszu­sagen. Zwischen vier und fünf Stunden mussten sie in der Hitze warten, dann teilte man ihnen mit: »Heute ­haben wir keine Zeit mehr. Kommt morgen wieder.« Daoud gelang es, die Zeugen nochmals zu motivieren. Wieder organisierte er einen Bus zur Militärbehörde. Es habe knifflige Fragen gegeben, erzählt Daoud. Seine Mutter sei vier Stunden lang verhört worden.

Zusätzlich zum Kampf mit Israels Gerichten kommen die Übergriffe ­israelisch-jüdischer Siedler der nahe gelegenen Siedlung Neve Daniel: Einmal rissen sie frisch gepflanzte Ölbäume aus und zerstörten Wassertanks, ein andermal planierten sie mit Bulldozern eine Straße durch sein Grundstück, sie hielten Daouds Mutter auch schon einmal eine Waffe an die Schläfe.

An manchen Tagen sagt Daoud Nassar Sätze wie: »Es gibt keine Gerechtigkeit« oder »Es geht nur darum, uns müde zu machen. Die Israelis wollen, dass wir mit der Zeit aufgeben.« Der Kampf um sein Land hat ihn bisher 140000 US-Dollar gekostet. Doch der 38-Jährige denkt nicht ans Aufgeben und will auch nicht verbittern. Im Gegenteil, er sucht nach Möglichkeiten der Begegnung. Zu Beginn des 2. Palästinenseraufstandes (2. Intifada) begann er das Projekt »Zelt der Völker«. Dazu gehören beispielsweise internationale Jugendcamps.

Gemeinsame landwirtschaftliche Feldarbeit, Baumpflanzaktionen prägen diese Wochen ebenso wie gemeinsame Sportaktivitäten und die abendlichen Diskussionsrunden am Lagerfeuer. Damit hat Daoud die Vision seines ­Vaters umzusetzen begonnen: einen Ort für Menschen, vor ­allem Jugend­liche, zu schaffen, einen Raum für ­Begegnungen zwischen Kulturen und Religionen. Wer das Grundstück betritt, wird mit der Botschaft auf einem großen Stein begrüßt: »Wir weigern uns, Feinde zu sein.«

In Zeiten, die ungewisser gar nicht sein könnten, bringt Daoud Nassar Christen und Muslime zusammen, manchmal auch Israelis und Palästinenser. Das beflügelt ihn, dann kommen ihm solche Sätze über die Lippen: »Wir haben eine Chance zu gewinnen. Eines Tages muss die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen. Daran glaube ich.«

Von Johannes Zang

www.tentofnations.org

Mehr als das tägliche Brot

1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorschlag: Warum den Erntedanktag nicht einmal als ein Dankfest der Freundschaft feiern?

Güter Gottes: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde  ist voll deiner Güter, Psalm 104, Vers 24, Foto: Rainer Oettel

Güter Gottes: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter, Psalm 104, Vers 24, Foto: Rainer Oettel

Das Erntedankfest umfasst mehr als das tägliche Brot. In seiner Auslegung der vierten Bitte des Vaterunsers (»Unser täglich Brot gib uns heute!«) zählt Luther die Elemente des Lebens auf, die den Hunger von Leib und Seele stillen. An vorletzter Stelle nennt er »die guten Freunde«. Was Freunde wert sind, zeigt sich in Krisenzeiten. Beglückt nehmen wir dann ihre Nähe wahr oder – tief depressiv – eine schmerzhafte Enttäuschung, die in ihrer Härte kaum übertroffen werden kann.

Ost/West-Freundschaften sind bis heute schwieriger
Könnten wir in diesem Jahr den Erntedanktag mal als »Tag der Freundschaft« feiern? Nein, das geht nicht.
In der DDR wurde ein solches Schindluder mit dem kostbaren Begriff getrieben, dass »Tag der Freundschaft« ein unmöglicher Ausdruck für eine unmögliche Sache wäre. Aber wir Christen können auf das Wort »Freundschaft« nicht verzichten. Es ist ja nicht von ungefähr, dass Jesus in seinen Abschiedsreden (Johannesevangelium 14–16) die Beziehung zu seinen Jüngern als Freundschaft charakterisiert und er ihnen zeigt, dass sie nun seine Freunde geworden sind.

Heute ist im mitmenschlichen Bereich nach den familiären Banden die Freundschaft die zweitschönste Beziehung. Ihr Ziel ist es, ein herzliches Gegenüber zu finden, das sich mit der eigenen Persönlichkeit verträgt. »Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns ganz genau kennen und trotzdem zu uns halten«, hat die kluge Maria von Ebner-Eschenbach einmal gesagt. Darum auch ist die berühmte Tapferkeit vor dem Freund schwieriger als die Tapferkeit vor dem Feind.

Sehe ich recht, dann stand im Osten unseres Landes in der Freundschaft die soziale Unterstützung im Vordergrund; zu den erwünschten Eigenschaften des Freundes gehörten unabdingbare Hilfsbereitschaft und Loyalität, während unter dem Selbstverwirklichungsaspekt im Westen vor allem Offenheit und emotionale Anteilnahme gewünscht wurden. Ob das der Grund ist, warum Ost/Ost- und West/West-Freundschaften heute immer noch einfacher sind als eine freundschaftliche Ost/West-Beziehung?

Auf jeden Fall aber ist gelingende Freundschaft eine Gratwanderung von Nähe und Distanzbedürfnis, Gemeinsamkeit und Eigenständigkeit. Freundschaften können ihre Zeit gehabt haben – oder zerbrechen. Verrat und Vertrauensbruch sind sichere Gründe für das Zerbrechen.

Wer sind unsere 15 besten Freunde?
Die Psychologie sagt, dass ein Mensch mit 150 Personen in seiner Beziehungskapazität erschöpft ist und wir durchglühen, wenn wir diese Zahl überschreiten. Höchstens zehn Prozent dieser 150 können gute Freun-
de sein. Im Licht des Erntedanktages und Luthers Vaterunser-Auslegung könnten wir uns an diesem Sonntag einmal darauf besinnen, welche 15 Menschen zu unserem Freundeskreis gehören. »Gute Freunde« – Gott sei Dank, dass es sie gibt! Und dazu ein Wort zum Erntedankfest als Dankfest der Freundschaft des 500-jährigen Johannes Calvin: »Unterdessen wird aber der Fromme … nicht etwa aus der Einsicht, dass die, welche ihm wohltun, ja Diener der Güte Gottes sind, den Schluss ziehen, er könne sie mit Undank übergehen, als ob sie für ihre Freundschaft keinen Dank verdient hätten, sondern er wird sich ihnen von Herzen verpflichtet fühlen, sich gerne als den Beschenkten bekennen und ihnen nach Fähigkeit den Dank auch durch die Tat abzustatten sich bemühen.

Kurz, er wird gewiss Gott als den vornehmsten Urheber beim Empfang guter Gaben loben und preisen, aber er wird die Menschen als seine Diener ehren und wird, wie es doch tatsächlich der Fall ist, einsehen, dass er durch Gottes Willen denen zu Dank verpflichtet ist, durch deren Hand Gott sich hat so wohltätig erweisen wollen.«

Rolf Wischnath

Rolf Wischnath (62) war Generalsuper­intendent des ostbrandenburgischen Sprengels Cottbus.
Er lebt in Gütersloh und unterrichtet Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

Keine schnellen Lösungen

1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion: Hilfswerke stehen in der Kritik – sie tun angeblich zu wenig gegen die Genitalverstümmelung

Das Ritual der Beschneidung gehört jährlich für hunderttausende afrikanischer ­Mädchen zum Erwachsenwerden. Wie sollen Hilfswerke mit dem archaischen Brauch der Genitalverstümmelung umgehen?

Zum traditionellen Stolz von Maasai-Frauen gehört auch das Ritual der Genitalbeschneidung. Weithin wird von den ­Betroffenen der Zusammenhang zwischen dem Eingriff und späteren Komplikationen nicht erkannt. Foto: epd-bild/Martin Moxter

Zum traditionellen Stolz von Maasai-Frauen gehört auch das Ritual der Genitalbeschneidung. Weithin wird von den ­Betroffenen der Zusammenhang zwischen dem Eingriff und späteren Komplikationen nicht erkannt. Foto: epd-bild/Martin Moxter

Mit großen, schwarzen Telleraugen strahlen sie von den Werbeplakaten der Hilfswerke, vor allem in der Weihnachtszeit. Über eine halbe Million Bundesbürger haben ein Patenkind in der Dritten Welt, und jährlich werden es mehr. Dank der Paten in Deutschland und Europa erhalten die Familien der Kinder Hühner, Ziegen und Saatgut, wird den Patenkindern ein Schulbesuch ermöglicht. Und regelmäßig bedanken sich die Kinder in kleinen Briefen für die Spenden, »für den Brunnen, die Schule und das weiße Kleid, das ich zu meiner Beschneidung bekommen habe«.
Das jedenfalls musste eine Patin in Norwegen im Brief ihres Patenmädchens lesen, berichtet Ines Laufer von der Hamburger »Task Force zur effektiven Prävention von Genitalverstümmelung«.

Denn auch die Mädchen in den Patenschaftsprogrammen deutscher Entwicklungshilfeorganisationen seien nicht davor geschützt, dass ihre Eltern ihre Klitoris und die Schamlippen herausschneiden lassen, um sie an der Entwicklung einer eigenständigen Sexualität zu hindern. Zumeist unter unverantwortlichen hygienischen Bedingungen und natürlich ohne Narkose. »Wir schätzen, dass bis zu 400000 Patenmädchen in der Dritten Welt jährlich Opfer von Beschneidung werden«, so Laufer.

Forderung: Hilfswerke sollen mehr Druck ausüben
Zusammen mit Vertretern anderer ­Organisationen, darunter auch der kirchenkritischen Giordano-Bruno-Stiftung, stellte Laufer kürzlich die Kampagne »Patenmaedchen.de« vor, die die Paten in Deutschland mit Plakaten, einem Radiospot und einer Internetseite dazu auffordert, gegen die Genitalverstümmelung der Kinder in den Entwicklungsländern vorzugehen. »Wir wollen, dass es bei Organisationen wie World Vision, der Kindernothilfe oder Plan International zur Vorbedingung für eine Patenschaft wird, dass Patenmädchen nicht beschnitten werden«, sagt Laufer. »Wir wollen einen nachhaltigen und nachweisbaren Schutz der Patenmädchen.«

Ähnlich argumentiert auch Simone Schwarz von der Leipziger Organisation »Tabu«: »Ich hatte vor zwei Jahren von Plan International ein Patenmädchen im Niger vermittelt bekommen«, berichtet sie. Auf die Frage, ob das Kind ebenfalls beschnitten werde, erhielt sie ausweichende Antworten. »Ich dachte, so eine große ­Organisation hat enorme Einflussmöglichkeiten – aber heute gehe ich davon aus, dass Plan International gar kein Interesse hat, beim Thema Genitalverstümmelung etwas zu verändern.«

Vertreter der betroffenen Hilfswerke weisen diese Anschuldigungen energisch zurück »Plan International hat in fünf Ländern 3,5 Millionen Euro in Projekte gegen Genitalverstümmelung investiert«, sagt die Gender-Referentin dieses Hilfswerks, Anja Stuckert. Die Forderung, Hilfswerke sollten den Verzicht auf Genitalverstümmelung zur Bedingung für die Übernahme einer Partnerschaft machen, lehnt sie dagegen ab. »Wir ­können den Menschen in der Dritten Welt nicht einfach Vorschriften machen.«

Ähnlich äußert sich die Pressesprecherin des christlichen Hilfswerks World Vision, Iris Manner: »Unser Ziel sind gesellschaftliche Veränderungen zum Wohl der Kinder.« Dazu sei aber ein Dialog mit der Gesellschaft in den Entwicklungsländern nötig. Ein Hilfswerk wie World Vision könne Alternativen zu »schädlichen Traditionen«, wie der Genitalverstümmelung, vorschlagen, sagt Manner. »Aber wir ­können nicht einfach voraussetzen, dass unsere Werte für die ganze Welt verbindlich sind.«

Aufklärungsarbeit betreibt auch die Duisburger Kindernothilfe. Ein Beispiel dafür findet sich in Äthiopien, berichtet Pressesprecher Sascha Decker. Dort habe das Hilfswerk seit dem Jahr 2000 rund 747000 Euro in zwei je vierjährige Projekte zum Kampf gegen Genitalverstümmelung investiert. Über 1,2 Millionen Menschen wurden damit erreicht. »In der Region, in der wir tätig waren, werden heute nur noch 25 Prozent aller Mädchen beschnitten«, sagt Decker. 2005 seien es noch 62 Prozent gewesen. »Es braucht nachhaltige Aufklärungsarbeit, damit sich etwas ändert.«

Mit erhobenem Zeigefinger ändert man keine Tradition
Ähnlich argumentiert das Evangelisch-Lutherische Missionswerk in Leipzig. Es vermittelt zwar keine Kinderpatenschaften, unterstützt aber vor allem die lutherische Kirche im ostafrikanischen Tansania. »In etwa vier der 20 Diözesen der Partnerkirche sind wir mit dem Problem konfrontiert«, berichtet Tilmann Krause, Afrikareferent des Hilfswerks. Der Brauch sei dort besonders unter den nomadisch lebenden Völkern, allen voran den Maasai, verbreitet. »Sowohl wir als auch die Kirchenleitungen vor Ort sind für das Thema seit Langem sen-
sibilisiert«, konstatiert Krause. Doch »Traditionen ändert man nicht mit dem erhobenen Zeigefinger oder gar mit der Drohung verweigerter Hilfe«, betont Krause. Um die Situation langfristig zu ändern, seien beispielsweise auch alternative Einnahmequellen für die traditionellen Beschneiderinnen notwendig.

Vor allem aber, so Krause, muss die Aufklärungsarbeit durch die afrikanischen Christen selbst geschehen. Und die tun dies durchaus recht drastisch: So wurden bereits in etlichen Gemeinden vor den versammelten Frauen und Männern schonungslose Dokumentarbilder oder sogar -filme des Rituals gezeigt. Mit der Wirkung, dass die Männer selbst plötzlich den Wert dieser Tradition hinterfragt hätten. Mit schnellen und einfachen Patentrezepten, so die übereinstimmende Überzeugung der Hilfswerk­experten, ist das Problem jedenfalls nicht zu lösen.

Von Benjamin Lassiwe
und Harald Krille

Versuchter Mentalitätswandel

1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Berichtet: In Kassel fand vom 24. bis 26. September die erste Zukunftswerkstatt der evangelischen Kirche statt
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Es geht um die Zukunft des Protestantismus im 21. Jahrhundert. Jetzt zog die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine erste Bilanz des Reformprozesses.

Im Zentrum der Tagung mit Diskussionsforen und Werkstattgesprächen stand eine Rede des scheidenden EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber. Er forderte einen Mentalitätswandel in der evangelischen Kirche ein. »Wir sind durch eine Phase des Traditionsabbruchs gegangen, der sich auf die Vertrautheit mit dem christlichen Glauben und die Bindung an unsere Kirche negativ auswirkt«, sagte Huber im Eröffnungsvortrag. Aufgabe einer Volkskirche sei es aber, die Botschaft »von der freien Gnade Gottes« an »alles Volk auszurichten«. Scharfe Kritik übte Huber an der Selbstbezogenheit von Teilen des Protestantismus: »Wir sind im eigenen Milieu gefangen.«

Gegen die Milieuverengung des Protestantismus
Berührungsängste sorgten dafür, dass der Kirche der Zugang zu überlasteten Müttern ebenso schwer falle wie zu Hartz-IV-Empfängern. Und Teile der Kirche trügen Züge eines Lebens auf Pump: »Wir fordern die Kräfte von beruflich wie ehrenamtlich Mitarbeitenden bis zum Äußersten, ohne nach Notwendigkeit und Sinn der geforderten Aktivitäten zu fragen.« Falsch sei auch die »Verwohnzimmerung« des Protestantismus. »Es steht uns nicht offen, uns nur um die zu kümmern, die schon da sind«, sagte Huber. »Weil es um Hilfe und Heil Gottes für alle Menschen geht, können wir nicht ­unter uns bleiben.«

Vielen seiner Zuhörer musste Huber das indes nicht mehr sagen. Denn die Zukunftswerkstatt in Kassel war vor allem ein Treffen derer, die ohnehin schon an der Zukunft der evangelischen Kirche arbeiten. Es war ein Treffen einer protestantischen Elite. EKD-Synodale und Kirchenfunktionäre, aber auch zahlreiche Engagierte aus den rund 100 »Projekten guter Praxis«, die im Foyer der Kongresshalle Infostände hatten, bildeten die 1200 Teilnehmer.
Einige meldeten sich kritisch zu Wort. So warnte etwa die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Ellen Ueberschär, vor einer missionarischen Überforderung der evangelischen Kirche. Und als am Abend des Eröffnungstages Hunderte Menschen mit brennenden Kerzen vor dem Kongresszentrum ein Nachtgebet feierten, erinnerte die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann daran, dass Jesus nie »eine Elitetruppe rekrutiert« habe. Seine Jünger hätten Fehler gehabt und die ersten Gemeinden seien voller Streit gewesen. »Aber wir gehen in diese Nacht, mit dem Vertrauen, dass wir an unserem Ort, an dem wir gestellt sind, wirken können«, sagte die Bischöfin.

Warnung vor dem Wunsch nach eine Elitetruppe
Und auch der Hamburger Theologieprofessor Fulbert Steffensky wandte sich am Abschlusstag gegen jeden Zentralismus und jede Gleichheit. Protestantismus gebe es immer nur im Plural. »Die Gottesdienste im lutherischen Hamburg sehen anders aus als die der Reformierten in Emden«, so der Theologe. Einförmigkeit sei nie ein Ideal. »Der Protestantismus kennt ja nicht ein Depot von Wahrheiten, das von Kirchenleitungen verwaltet und von ihnen verkündet wird«, so Steffensky. »Sie wird gefunden im Dialog, manchmal auch im Streit unter den Geschwistern.«
Zum Abschluss aber zogen die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt durch die Kasseler Innenstadt. Denn mit ­hohem Symbolgehalt hatten die Mitarbeiter aus dem Projektbüro für den Reformprozess im Kirchenamt der EKD eine Prozession an das Ende der Zukunftswerkstatt gesetzt: einen gemeinsamen Aufbruch der Protestanten. Und auch Bundespräsident Horst Köhler marschierte mit. Er forderte die Kirchen auf, auf die Fragen der Menschen zu hören und zeigte sich dankbar dafür, dass beide großen Kirchen »die Zukunftsthemen nicht scheuen«.

Zum Abschluss neun »Worte der Verlässlichkeit«
Schließlich aber war es wieder der ­Initiator des EKD-Reformprozesses, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, der mit einem Appell zum Widerstand gegen den Zeitgeist und zum Aufbruch in die von Reformen geprägte Reformationsdekade den Zukunftskongress inhaltlich beendete. Neun »Worte der Verlässlichkeit« gab er
den Protestanten mit auf den Weg.

Die in ihrem Stil an die sechs Barmer Thesen erinnernden Aussagen kritisierten unter anderem den neuen Atheismus, Kleinmut und Verzagtheit. Sie stehen wie alle anderen Texte des Zukunftskongresses im Internet zum Download bereit.

Von Benjamin Lassiwe

www.kirche-im-aufbruch.ekd.de

“Worte der Verlässlichkeit”, vorgestellt auf der Zukunftswerkstatt der EKD vom 24. bis 26. September 2009 in Kassel

1. Gottesbegegnung
“Wer Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht.” (Jesaja 44, 20) Christen vertrauen auf Gott, den Schöpfer allen Lebens. Bei ihm suchen sie die Wahrheit über ihr Leben, über Größe und Gebrechen, über Glanz und Grenzen. Christen widerstreiten dem Irrtum, das Leben ohne Gott sei friedlicher und freier, toleranter und lebenswerter.

2. Lebenserneuerung
“Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei.” (Psalm 124, 7) Unsere Seele sehnt sich nach der Befreiung aus den Fallstricken der Selbstüberschätzung und der Unverbindlichkeit. Christen vertrauen darauf, dass ihre Freiheit in der Bindung an Christus eine klare Gestalt gewinnt. Sie widerstreiten der Unwahrheit, dass Besitz, Leistung und Konsum allein ein Leben frei und sinnvoll machen könnten.

3. Hoffnungsleben
“Und bleibe bei dem, was dir dein Herz rät.” (Jesus Sirach 37, 17) Hoffnung ist der Halt eines festen Herzens. Christen bezeugen Gott als Grund und Ziel aller Hoffnung, als “Schutz und Schirm vor allem Argen, als Stärke und Hilfe zu allem Guten”. Sie widerstreiten der Verzagtheit, die sichtbare, vermessbare Welt sei die einzig wahre Welt.

4. Weitergeben
“Gott aber gebe mir, nach seinem Sinn zu reden und so zu denken, wie es solcher Gaben würdig ist.” (Weisheit Salomos 7, 15) Heilige Texte, gewachsene Lehren, gereifte Rituale sind Schätze in irdenen Gefäßen. Ohne Tradition gelingt keine Emanzipation, reine Gegenwärtigkeit ist banal. Christen widerstreiten der Vergesslichkeit; die Schätze des Wissens, des Glaubens und des Tuns weiterzugeben an die nächste Generation, ist ihnen Reichtum, Ehre und Aufgabe.

5. Zusammensein
“Finde ich fünfzig Gerechte …, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben.” (1 Mose 18, 26) Eine Gesellschaft lebt aus Quellen, die sie dankbar annehmen und weiter entwickeln, aber nicht selbst hervorbringen kann. Christen halten die Quelle des Mitgefühls, des Engagements und der Verantwortlichkeit lebendig: es ist die Gemeinschaft mit Gott. Sie widerstreiten dem Kleinmut, dass der Einsatz für die Würde des Menschen, für die Solidarität mit den Schwachen und für die Bewahrung der Schöpfung vergeblich seien.

6. Innehalten
“Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen.” (Jesaja 30, 15) Der Lärm der Welt macht Menschen taub und stumm vor Gott. Leben aus der Verwunderung über Gottes Gegenwart, Einkehr bei Gott, Atmen mitten im Sturm, Freibleiben in aller Angst – das ist Gebet. Christen widerstreiten der Überheblichkeit, Sinn, Glück und Erfüllung selbst herstellen, ja, sich selbst erlösen zu können.

7. Nachhaltigkeit
“Wer voll brünstiger Gier ist, der ist wie ein brennendes Feuer und hört nicht auf, bis er sich selbst verzehrt hat.” (Jesus Sirach 23, 22) Der Appetit der Gegenwart darf nicht zum Hunger der Zukunft werden. Christen stehen ein für eine Welt, in der auch Kinder und Enkel noch leben können, – schuldenfrei, lastenleicht, unverbaut. Sie widerstreiten der Hoffnungslosigkeit, dass Bescheidenheit, Entschleunigung, Nachhaltigkeit in einer wachstumshörigen Welt unmögliche Tugenden seien.

8. Vertrauen
“Wenn ich ihnen zulachte, so fassten sie Vertrauen.” (Hiob 29, 24) Vertrauen ist das wahre Kapital jedes Zusammenlebens. Christen setzen sich dafür ein, dass dieses Kapital als “Stiftung für das Leben” von niemandem leichtfertig verzehrt wird. Sie widerstreiten dem Irrtum, dass kleine Vertrauensbrüche keinen großen Schaden anrichten.

9. Unterwegs sein
“Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, … den Helm des Heils, und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.” (Epheser 6, 16) Kirchen bieten Heimat auf dem Weg in die Zukunft. Von Gott Gutes zu sagen, ist das Herz ihres Dienstes. Musik ist der Klang ihres Trostes, Bildung die rechte Hand ihres Glaubens und Gerechtigkeit die Farbe ihres Engagements. Christen widerstreiten dem Kleinglauben, zurückgehende Ressourcen könnten Kraft und Klarheit des Wortes Gottes schwächen.

»Ich nehm es, wie er’s gibet«

1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 400. Geburtstag von Paul Fleming

Der Mediziner und Dichter Paul Fleming

Der Mediziner und Dichter Paul Fleming

Deutsche Dichtung aus dem 17. Jahrhundert gilt heute weithin als unzugänglich. Das sei ausgeklügelte, an Formspielerei und Formvollkommenheit stärker als am Inhalt interessierte Kunst. Ganz unbegründet sind diese Vorbehalte nicht.

Aber dann stehen in unserem Gesangbuch folgende Liedstrophen: »In allen meinen Taten / lass ich den Höchsten raten, / der alles kann und hat; / er muss zu allen Dingen, / soll’s anders wohl gelingen, / mir selber geben Rat und Tat. // Es kann mir nichts geschehen, / als was er hat ersehen / und was mir selig ist. / Ich nehm es, wie er’s gibet; / was ihm von mir beliebet, / dasselbe hab auch ich erkiest.« Und darunter neben dem Verfassernamen Paul Fleming die Jahreszahl 1633.

1633 war für den Mediziner und Dichter Fleming ein schicksalhaftes Jahr: In Deutschland wütete der ­Dreißigjährige Krieg. Leipzig, wo er studierte, war mehrmals besetzt, teilweise zerstört und ausgeplündert worden. Die Pest hatte die Not vergrößert. Nun bot sich ihm die Möglichkeit, über Russland nach Persien zu reisen. Einerseits freute er sich, den Gefahren des Krieges zu entkommen, war voller Spannung auf das Neue, zweifelte andererseits aber auch, ob eine Flucht um der eigenen Sicherheit willen gerechtfertig sei, ob er nicht bleiben müsse, wo Gott ihn hingestellt hatte. In dieser Zeit entstanden einige seiner leidenschaftlichsten religiösen Gedichte, in denen er sich Gott ganz überlässt, alles in seinen Willen stellt.

Paul Fleming wurde am 5. Oktober 1609 als Sohn eines Lehrers und späteren Pfarrers in Hartenstein / Erzgebirge geboren. Er besuchte die Thomasschule in Leipzig, studierte Medizin, hörte daneben literaturwissenschaftliche Vorlesungen. Früh begann er zu dichten, anfangs, wie damals ­üblich, in lateinischer, später auch in deutscher Sprache. Auf der Reise nach Persien blieb die Gesandtschaft ein Jahr in Reval. Dort verlobte er sich mit Elsabe Niehus, einer Kaufmannstochter. Noch bevor er in der persischen Königsstadt Isfahan ankam, erfuhr er, dass Elsabe geheiratet hatte. Auf der Rückreise verlobte er sich mit ihrer jüngeren Schwester Anna. Er ging in die holländische Universitätsstadt Leiden, promovierte dort im Januar 1640. Auf dem Rückweg nach Reval, wo er Stadtphysikus werden und Anna Niehus heiraten wollte, starb er am 2. April in Hamburg.

Fleming hat »dicht am Verlauf seines Lebens entlanggeschrieben« (Th. Rosenlöcher): Der Tod des Freundes Georg Gloger, die Verwüstung der sächsischen Heimat, die große Reise, die Liebe zu Elsabe und die Enttäuschung über ihre Untreue – alles findet sich in seinen Gedichten. Wenn wir Menschen ganz wir selbst sind (»sei der Deine«) und uns Gottes Vorsehung überlassen, sei alles zu ertragen. »Sei dennoch unverzagt«, schrieb er. »So sei nun, Seele, deine / und traue dem alleine, / der dich geschaffen hat«, heißt es in dem Gesangbuchlied.

Soeben ist ein von Thomas Rosenlöcher klug ausgewählter und kommentierter Gedichtband Flemings erschienen. Jürgen Israel

Fleming, Paul (Hg. Thomas Rosenlöcher): Ich habe satt gelebt, Insel-Verlag, 116 S.,
ISBN 978-3-458-19320-3, 12,80 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161