Michael und die Schlacht ums Licht

25. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Dank sei dem Erzengel, der laut der Legende selbst den Bau befahl: Heute gehört das Felsenkloster im Atlantik zum Weltkulturerbe.

Die Klosterinsel Mont-Saint-Michel im Wattenmeer vor der normannischen Küste wird von rund 3,5 Millionen Menschen im Jahr besucht – darunter wieder ­zunehmend mehr christliche Pilger. (Foto: Walter G. Allgoewer/JOKER)

Die Klosterinsel Mont-Saint-Michel im Wattenmeer vor der normannischen Küste wird von rund 3,5 Millionen Menschen im Jahr besucht – darunter wieder ­zunehmend mehr christliche Pilger. (Foto: Walter G. Allgoewer/JOKER)

Jeder im Leben ist ein Pilger mit einem Ziel vor Augen«, sagt John Cowley, »und schließlich kommt man am Ende eines langen Weges an.« 75 Jahre ist er alt. Ein Pilger aus Leidenschaft, seit Tagen unterwegs nach Mont-Saint-Michel. Zu Frankreichs populärster Pilgerstätte, der mehr als Tausend Jahre alten Glaubens-Festung im Atlantik.

Vor drei Wochen ist John in England gestartet. Gut 250 Kilometer Fußmarsch liegen hinter ihm und seinen Freunden, zehn Engländern und acht Franzosen. Eine christliche Gemeinschaft aus Anglikanern und Katholiken, die das Pilgern verbindet. Jetzt sitzen sie an langen Tischen zusammen in einem großen Zelt am Rand der Bucht gegenüber dem Klosterberg. Auf Papptellern servieren Helfer Hähnchen mit Brot. Rotwein und Bier gibt es in Plastikbechern.

Französisch und englisch wird gesprochen, Verständigungsprobleme kennt die Gruppe keine. Die Wallfahrer gehören zur »Association les Chemins du Mont-Saint-Michel«, einer vor einem guten Jahrzehnt gegründeten Gemeinschaft, die sich der Wiederentdeckung alter Pilgerwege zum Mont-Saint-Michel widmet. Schließlich war die Klosterinsel neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela das wichtigste Pilgerziel des Mittelalters.

Mit der Ebbe kommt die Touristenflut

Schon früh sind am Michaelstag, dem 29. September, die Parkplätze zu Füßen der Festung belegt. Bis 18 Uhr spätestens, mahnen große Schilder, müssten sie wieder geräumt sein, andernfalls drohe die Flut die Blechkisten zu verschlucken. Bis zu 14 Meter beträgt hier der Tidenhub, der Unterschied zwischen hohem und niedrigem Wasserstand. Jetzt aber ist Ebbe, wälzen sich Tausende von Touristen im dichten Nebel Richtung Abtei, mitten durch eine enge Gasse, vollgepackt mit Kneipen und Souvenir­läden.

Auf halbem Weg nach oben liegt die Pfarrkirche des Inseldörfchens. In ihrer Seitenkapelle reckt sich der ­heilige Michael in Silber, umrahmt von einem Meer brennender Kerzen. Im Hinterzimmer segnet ein Priester kleine Holzfiguren des Erzengels. Treppen führen hoch zum alten Benediktinerkloster, das die Insel überragt. Brüder und Schwestern der »Gemeinschaft von Jerusalem« sind hier inzwischen eingezogen. Halbtags arbeiten sie in einem Beruf, der ihnen den ­Lebensunterhalt sichert, den Rest widmen sie kontemplativem Gebet. Schwestern und Brüder leben getrennt, gebetet und gefeiert aber wird gemeinsam.

Auch am Michaelstag. Zum großen Gottesdienst ruft die Glocke, die wie seit Jahrhunderten per Seil geläutet wird. Spärlich ist der Festschmuck, ein paar Blumen, daneben Kerzen, meditativ die Orgelklänge. Ganz langsam zieht der Weihrauch Richtung Himmel.

Die echten Pilger ziehen barfuß durch das Watt

In seiner Predigt erinnert der Ordensvorsteher an den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, an die »Schlacht für das Licht und den Glauben«, der sich Sankt Michael verpflichtet fühlt. Fast aufs Stichwort schickt die Sonne ihre ersten Strahlen, hellt kurz das Kirchenschiff auf, in dem eine hölzerne Statue des Erzengels steht. Brot und Wein werden schließlich zur Kommunion gereicht.

Auch für die japanischen Touristen, die heute einen Großteil der mehr als drei Millionen Besucher jährlich auf dem Mont-Saint-Michel stellen. Vom heiligen Michael freilich erfahren sie kaum etwas auf ihrer Ausflugs­tour, dafür viel über Architektur und Lage der Inselkirche. Draußen bietet sich bei gutem, windigen Wetter einer der schönsten Blicke Frankreichs: über die Meeresbucht, die langsam zu Versanden droht. Ein neuer Gezeitendamm, der im nächsten Jahrzehnt fertig wird, soll das verhindern. Dann auch sollen die inselnahen Parkplätze verschwunden sein, wird eine Stelzenbrücke anstelle des festen Dammes den Mont-Saint-Michel mit dem Festland verbinden.

Hinten am Horizont nähern sich Hunderte von Pilgern. Barfuß sind sie am Festtag zum Mont-Saint-Michel unterwegs. Bei dichtem Nebel sind sie losgelaufen, jetzt zwingt sie die Septembersonne aus Pullovern und Anoraks. Von der Abtei-Terrasse nehmen sie die Japaner mit ihren Teleobjek­tiven ins Visier. Mittags hat auch die französisch-britische Pilgergruppe ihr Ziel erreicht. John, der Senior, ist glücklich und zufrieden. »Die Tour hat sich gelohnt.« Für ihn war nicht der Weg das Ziel, so wie für die vielen jungen Pilger, die sich heute aus sportlichem Ehrgeiz auf die große Wanderschaft gemacht haben. »Sie kennen die Antwort auf das Leben noch nicht«, sagt John, der schon viele Wallfahrten hinter sich hat, zum Abschied.

Günter Schenk

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