Sexualität – ein Geschenk Gottes

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesbilder im Alten Testament (5): Gott und der Eros

In einer mehrteiligen Serie beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Bibel von Gott redet.

Im Hohelied der Liebe finden sich in der Bibel - zum Verdruss mancher Theologen - auch sehr irdisch-erotische Liebeslieder. Bildquelle: Uni Leipzig

Im Hohelied der Liebe finden sich in der Bibel - zum Verdruss mancher Theologen - auch sehr irdisch-erotische Liebeslieder. Bildquelle: Uni Leipzig

Es gibt gegenwärtig einen Trend in unseren Kirchen, der längst in den USA allgegenwärtig ist: Sexualität ist nur innerhalb der Ehe erlaubt, und ein von dieser Norm abweichendes Verhalten gilt als christlich nicht akzeptabel. Aber die Bibel ist ganz und gar nicht sexualfeindlich und es gibt nicht einen einzigen Satz darin, der als Begründung gegen Sex vor der Ehe herhalten kann. Anders als von manchen gern behauptet, lassen sich sogar ­stellenweise Belege des Gegenteils entdecken: Texte, die von der Sehnsucht eines unverheiratetes Liebespaars nach körperlicher Vereinigung berichten. Das »Hohelied der Liebe«, eine Sammlung ganz irdisch-erotischer Liebeslieder, kennt diesen Gedanken: In Kapitel 2,16f träumt eine junge, ganz offensichtlich nicht verheiratete Frau, von einer Liebesnacht im Freien, und ähnlich ist es in Kapitel 7,11ff.

Dass es in der Bibel eine solche Liedersammlung gibt, war immer wieder ein Problem für Theologen. Die Deutung der Texte auf »Jahwe und sein Volk« oder »Jesus und seine Gemeinde« sind jedoch reine Verlegenheitslösungen und haben mit dem Hohelied nichts zu tun. Durchaus begründet dagegen ist die Auslegung: Gott schenkt uns – und zwar nicht nur in der Ehe! – die Sexualität als Ausdruck tiefer Gemeinsamkeit, als Quelle der Freude und der Lust.

Für das Erste Testament ist die Sexualität etwas völlig Normales, nichts Verwerfliches oder gar Schmutziges. Es gibt darin freilich Vorstellungen, die für uns nicht begreiflich und nicht nachvollziehbar sind – so etwa, wenn die Töchter Lots aus Angst, anders keine Kinder bekommen zu können, ihren Vater betrunken machen und dann mit ihm schlafen (1. Mose 19,30ff.). Befremdlich und abstoßend auch die vorangehende Erzählung, in der Männer aus Sodom zwei Engel vergewaltigen wollen, die bei Lot zu Gast sind, und er ihnen – das heilige Gastrecht wahrend – stattdessen seine jungfräulichen Töchter anbietet.

Wenn wir uns informieren wollen, welche Vorstellungen von erlaubter und unerlaubter Sexualität es im Alten Testament gibt, so gehört es auch dazu, diese fremden Vorstellungen wahrzunehmen. Übrigens kann angenommen werden, dass »Jahwe«, der spätere Gott Israels, in vorbiblischen, nichtjüdischen Überlieferungen mit der syrischen Göttin Aschera als Paar zusammen gesehen wurde. Archäo­logische Funde belegen dies – die ­Vorstellung von Sexualität in der Welt der Götter war weitverbreitet, wurde freilich von Israel abgelehnt. Gegen Aschera wurde in der hebräischen Bibel später massive Polemik geübt.

Aber in den Vorstellungen, wie »Jahwe« sei, gab es ohnehin eine Vielzahl von Veränderungen im Laufe der Zeit: Von einem Berg- und Wüstengott, an den nur eine Gruppe von Beduinen glaub­te, wurde er im Alten Testament dann schließlich zum Schöpfer und Beherrscher der ganzen Welt. Noch einmal mit Betonung: Beides sind menschliche Vorstellungen von Gott und den Göttern. Jede Rede von Gott hat ihre gesellschaftlichen Bedingungen, die aus der jeweiligen Zeit nicht herauszunehmen sind.

Zu einem nach wie vor kirchlich heftig diskutierten Thema: Unbestreitbar ist es, dass im Ersten Testament wie auch im Zweiten, aber ohne ein einziges Wort Jesu zum Thema, Homosexualität verworfen wird. Dies hat im Wesentlichen damit zu tun, dass sie nicht der Zeugung neuen Lebens dient. Es sei darauf hingewiesen: Für das Juden- wie für das Christentum dient Sexualität in erster Linie der Fortpflanzung. Gott straft auch Onan, der seinen Samen durch vorzeitigen Abbruch des Geschlechtsverkehrs auf die Erde fallen lässt, also die Fortpflanzung verweigert (1. Mose 38). Vielleicht war ein wesentlicher Aspekt auch der, dass Israel sich von den »heidnischen Völkern« ringsherum abgrenzen wollte, in denen weithin Homosexualität durchaus akzeptiert und als mögliche Form menschlichen Liebeslebens geduldet wurde.

Die Aussagen der Bibel zur Sexualität können nicht einfach in unsere Zeit übernommen werden, weil sie aus einer anderen Zeit stammen. Dass der Prophet Hosea von Gott aufgefordert wird, sich eine Hure zur Frau zu nehmen, muss uns fremd erscheinen, mag diese Handlung in ihrer Zeit auch ein nachvollziehbares Zeichen gewesen sein. Dennoch: ein Gottesmann und eine Prostituierte! Wie sähe unsere Reaktion aus, wenn eine stadtbekannte Prostituierte in einen Gottesdienst käme, an dem auch wir teilnehmen?! Wer die biblischen Aussagen zur Sexualität als »Messlatte« für unseren Glauben und unsere Zugehörigkeit zu Gott nimmt, muss dies notgedrungen auch mit allen anderen Aussagen der Bibel tun. Und da gäbe es viele Aussagen neu zu entdecken – gerade mit Blick auf das Verhältnis von Arm und Reich.

Ulrich Tietze

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