Jungen brauchen Männer

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Fachtage: Der Rolle des Mannes kommt in der Arbeit mit Jungen eine besondere Bedeutung zu

Jungen ticken anders als Mädchen. Also müssen sie auch anders angefasst werden. Zwei Fachtage beschäftigen sich mit diesem Thema. Von Sabine Kuschel

Ein Mann wird zum Mann durch männliche Begleitpersonen. Foto: BilderBox.com

Ein Mann wird zum Mann durch männliche Begleitpersonen. Foto: BilderBox.com

Was macht den Mann zum Mann? Die Gene, die Hormone, das soziale Umfeld, die Tradition, die Erziehung? Ganz klar: »Männer werden von Testosteron gemacht und von Frauen geprägt«, lautet die Antwort von Jürgen Reifarth, Studienleiter der Evangelischen Akademie Thüringen und Mitglied der Fachgruppe Jungenarbeit in Thüringen. Dabei wünscht er sich, dass Jungen nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern geprägt werden. »Jungen brauchen Männer. Eine Frau wird zur Frau durch weibliche Vorbilder. Und ein Mann wird zum Mann durch männliche Begleitpersonen.« Reifarth spricht von einer Feminisierung im Bildungswesen, auf diesem Gebiet dominierten die Frauen. In Kindergärten und Grundschulen seien zu wenig oder gar keine Männer anzutreffen und das wirke sich nachteilig auf die Entwicklung von Jungen aus.

Der Studienleiter weiß, dass er mit diesem Thema ideologisch vermintes Gebiet betritt, denn je nachdem wie das Weibliche oder Männliche definiert wird, lassen sich dominierende und untergeordnete Rollen festschreiben. Zudem ist nicht eindeutig festzumachen, was typisch Mann und was typisch Frau ist. In vielen Eigen-
schaften unterscheiden Männer und Frauen sich überhaupt nicht voneinander. Dennoch: Auch wenn es zahlreiche übereinstimmende Merkmale gebe, zu einem großen Teil seien Frauen und Männer nicht identisch. »Jungen ticken anders als Mädchen«, ist Reifarth überzeugt. Er arbeitet in der 2005 in Thüringen gegründeten Fachgruppe Jungenarbeit mit und sammelt seit 2004 Erfahrungen bei den regelmäßig stattfindenden Jungenwochenenden. Von daher weiß er, dass bestimmte Themen und Angebote bei Jungen gut ankommen, andere nicht. Bei Projekt-Wochen zur DDR-Geschichte zum Beispiel interessierten sich Jungen vorrangig für die Themen »Flucht«, »Grenze« und »Grenzanlagen«, »NVA«, »Kampfgruppen« und »Stasi«. Mädchen seien zwar auch an »Stasi« interessiert, noch stärker aber an Themen wie »Frauen in der DDR« und »Bildung«.

Typisch für Jungen: Aggressivität und Mobilität – Eigenschaften, die auf das Hormon Testosteron zurückzuführen seien. »Jungen sind wettbewerbsorientiert und sie haben ein ­Faible für Hierarchien.« Deshalb bräuchten sie andere Bildungs- und Freizeitangebote als Mädchen, betont Reifarth. Mehr Action und Bewegung, erlebnisorientierte Angebote, die dem Selbstbehauptungswillen und der ­Aggressivität entsprächen. Die Reflexionsfähigkeit hingegen sei bei den Jungen geringer als bei Mädchen.

Reifarth hat nichts dagegen einzuwenden, dass Frauen mit Jungen arbeiten. »Sie können viel tun, aber die Arbeit hat Grenzen. Manchmal ist ein Mann gefragt.« Dass jedoch in Kindergärten nur in Ausnahmefällen männliche Erzieher tätig sind und auch Grundschullehrer eine Rarität darstellen, sei ein großes Manko. Das Thema sei umso brisanter, da Studien belegten, dass Jungen den Mädchen hinterherhängen, so Reifarth.

»Der Typus des Benachteiligten«, erklärt er, »früher war dies das katholische Mädchen vom Lande. Heute sind es Jungen mit Migrationshintergrund aus der Stadt.«

Offensichtlich aber holen Männer im Berufsleben wieder auf, zumindest verdienen sie nach aktuellen Studien mehr als Frauen. Gleichwohl sind Frauen vehement auf dem Vormarsch in Leitungspositionen, in die oberen Chefetagen. »Mädchen sind besser qualifiziert, ihre Abschlüsse und ihre Berufswahl sind erfolgreicher – und sie sind mobiler«, konstatiert Reifarth. Eine junge Frau, die nach einem Studium oder einer Ausbildung in ihrer Heimat keinen Job finde, gehe dorthin, wo es Arbeit gibt. »Jungen sind bodenständiger.«

Dass Jungen ins Hintertreffen geraten sind, macht der Fachgruppe Jungenarbeit, in der Männer aus der Jugendhilfe und -bildung, aus verschiedenen Vereinen und Verbänden arbeiten, Sorgen. Das Gremium hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf das Problem aufmerksam zu machen, Lobbyarbeit zu leisten. Seit 2005 wird zu Fachtagen für Jungenarbeit eingeladen, um dafür zu sensibilisieren, dass Jungen spezifisch auf sie zugeschnittene Angebote brauchen und dass der Rolle des Mannes in der Jungenarbeit eine besondere Bedeutung zukommt. Darum geht es auch bei dem am 23. September in Neudietendorf stattfindenden Fachtag mit dem Thema »Männer in der Arbeit mit ­Jungen«.

Das geheime Thema neben dem offiziellen sei bei jedem Jungenwochenende der Umgang miteinander, erzählt Reifarth. »Die Jungen müssen sich mit uns als Männern auseinandersetzen.« Dass keine Mütter und Mädchen dabei sind, erlebten sie als entlastend. »Sobald eine Frau auftaucht, verändert sich die Situation.« Reifart schildert, wie die drei bis vier Betreuer den Jungen Gelegenheit geben, den Spielraum zu testen. »Was passiert bei Sanktionen?« »Was sind die Regeln?« »Wer ist der Boss, wer hat das Sagen?« Ähnliche Fragen werden auch bei dem Fachtag »Männer in der Arbeit mit Jungen« beleuchtet.

In Ergänzung zu dieser Veranstaltung soll es am 29. Oktober in Jena-Lobeda ­einen Fachtag »Frauen in der Arbeit mit Jungen« geben. Dabei soll es ­darum gehen, wie Frauen mit Jungen arbeiten und wo die Grenzen liegen. Vorträge und Workshops geben Anregungen für die Praxis, wie zum Beispiel Frauen mit den Eigenheiten der Jungen, ihrer Coolness und Aggres­sivität, der erwachenden Sexualität umgehen können.

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