Das Glück macht regelmäßig Pause

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Das Geheimnis des Glücks – ein Gespräch mit dem Philosophen Wilhelm Schmid

Das Leben besteht aus ­Gegensätzen: aus Freude und Unlust, Positivem und Negativem und zum Leben gehört der Tod. Und das ist gut so, findet Wilhelm Schmid. Mit ihm sprach Sabine ­Kuschel.

Wilhelm Schmid wurde ­bekannt durch seine Bücher über die Fülle des Lebens und das Glück. Geboren 1953 in Billenhausen in Bayrisch-Schwaben, ­studierte er Philosophie und ­Geschichte. Er lebt als freier Autor  in Berlin und hält deutschlandweit Vorträge. Außerdem lehrt er Philosophie als außerplan- mäßiger Professor an der ­Universität Erfurt. Jahrelang arbeitete er als »philosophischer Seelsorger« in einem Schweizer Krankenhaus. Foto: Dirk von Nayhauß

Wilhelm Schmid wurde ­bekannt durch seine Bücher über die Fülle des Lebens und das Glück. Geboren 1953 in Billenhausen in Bayrisch-Schwaben, ­studierte er Philosophie und ­Geschichte. Er lebt als freier Autor in Berlin und hält deutschlandweit Vorträge. Außerdem lehrt er Philosophie als außerplan- mäßiger Professor an der ­Universität Erfurt. Jahrelang arbeitete er als »philosophischer Seelsorger« in einem Schweizer Krankenhaus. Foto: Dirk von Nayhauß

Herr Schmid, die meisten Menschen sind irgendwie auf der Suche nach dem Glück. In Ihren Büchern hingegen wird deutlich, dass das Streben nach Glück im Leben nicht das Wichtigste ist …

Schmid: In der Philosophiegeschichte kann man beobachten: Die Frage nach »Glück« beschäftigt die Menschen nur alle Hundert Jahre mal. Bei der Suche danach werden sie verrückt und dann legt sich das wieder und alle führen ein normales Leben. Das war z. B. im Zeitraum 1750 bis 1800 so. Damals hatten viele Menschen den Eindruck, ohne Glück lohne sich das Leben überhaupt nicht. Das gab sich dann wieder. Auch heute und hier könnte man sagen: Guckt wie das in Afrika, in Bangladesch ist. Glaubt ihr, dass diese Leute Zeit haben, sich jeden Tag nach dem Glück zu fragen? Sollten wir uns nicht vielmehr darum kümmern als unsere Zeit damit zu verbringen, dem Glück hinterherzuhechten, und es genau dadurch zu verfehlen?

Wichtiger als Glück, so schreiben Sie, ist Sinn. Das klingt zunächst abstrakt, ist jedoch greifbar nahe: Sinn ist dort, wo Zusammenhänge entstehen oder hergestellt werden. Und dies geschieht durch sinnliche Erfahrungen: durch Sehen, Hören, Schmecken, Berühren. So einfach ist das.

Schmid: In der Philosophie zeigt sich: Die Wahrheit ist immer ganz einfach. Und so ist es mit dem Sinn eben auch. Dadurch, dass wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, bekommen wir Zusammenhang mit der Welt. Und je stärker wir diesen sinnlichen Zusammenhang mit der Welt haben, desto stärker haben wir das Empfinden von Sinn. Das ist allerdings nur der Anfang. Es gibt noch anspruchsvollere Ebenen von Sinn, wenn gefühlte Zusammenhänge entstehen zwischen Menschen, z. B. in der Freundschaft, noch mehr in der Liebe. Wenn Menschen sich sehr lieben, stellen sie die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr. Das ist sehr typisch für diese Menschen. Sie sind im Besitz des Sinns des Lebens, und müssen deswegen gar nicht mehr danach fragen.

Demnach haben religiöse Menschen gute Chancen, Sinn zu fühlen, wenn sie nach Gott fragen und damit einen größeren, über sie selbst hinausführenden Zusammenhang suchen?

Schmid: Ja, es gibt auch geistige Zusammenhänge. Das ist mir wichtig zu sagen: Es gibt die Möglichkeit sich einen Zusammenhang zwischen endlicher Welt und unendlicher Welt vorzustellen. Ich weiß nicht, ob es diese andere Welt gibt. Aber im Leben ist ­alles nach Gegensätzen organisiert. Aus dieser Tatsache schließe ich, dass es zum Endlichen auch noch den ­Gegenpol des Unendlichen gibt. Ich kann über diese Dimension nichts Zuverlässiges sagen. Ich kann nicht mal sicher sagen, ob es sie gibt. Es liegt mir fern, diese Dimension präzise zu benennen, so wie Theologien es tun. Sie sagen: Diese Dimension heißt Gott. Ich spreche lieber vom Göttlichen, das ist etwas neutraler. In unserer abendländischen christlichen Geschichte wird Gott gern als Mann vorgestellt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott ausgerechnet ein Mann sein soll. Ich stelle mir auch nicht vor, dass es eine Frau ist. Ich stelle mir vor, dass er fern von allen menschlichen Kategorien ist. Deswegen leider auch fern von Kategorien wie »Gut« und »Gerechtigkeit«. Denn das sind mensch-
liche Kategorien. Im 1. Kapitel des Johannesevangeliums, Vers 18 heißt es: »Niemand hat Gott je gesehen.« Dieser Text zeigt, dass auch im Christentum ein philosophisches Bewusstsein vorhanden ist. Dass all das, was Gott dann zugeschrieben wurde, menschliche Leistung ist.

Die Theodizee, die Tatsache, dass in unserer Welt Böses geschieht, macht es manchen Menschen, auch Christen schwer, an Gott zu glauben …

Schmid: Die Christen sind selber Schuld, wenn sie an einen Gott glauben, der nicht die gesamte Fülle des Lebens beinhaltet nach ihrem Verständnis. Im Unterschied zu anderen Religionen glauben Christen, Gott müsse absolut gut sein. Er darf nicht zugleich böse sein. Er darf nur das Positive repräsentieren und nicht auch das Negative. Mit so einem Gottesbild kann man nur scheitern, denn Leben beinhaltet auch negative Seiten und auch Leid. Gott festgelegt zu haben auf denjenigen, der nur für das Gute steht, bringt die Theodizee erst hervor. Die Theodizee ist nicht Gottes Problem, die Theodizee ist das Christenproblem. Wenn wir annehmen, dass Gott für Allmacht steht, dann muss er auch Negatives umfassen, sonst gibt es keine Allmacht. Wenn Gott nur für das Gute stünde, müsste man sagen: Das ist keine Allmacht, das ist nur eine Halbmacht.

Glücklich ist, wer einsieht, dass zur Fülle des Lebens die Gegensätze gehören …

Schmid: Dass das Leben nicht nur aus Lust und Freude besteht, kann jeder jeden Tag an seinem eigenen und am Leben anderer studieren. Leben ist Freude und Nichtfreude. Es gibt nicht nur Erfolg. Es gibt ­ immer auch Misserfolg. Alle erfolgreichen Menschen haben entsetzliche Erfahrungen von Misserfolg gemacht. Deswegen sind sie so erfolgreich ­geworden, weil sie sich nach Misserfolgen wieder berappelt haben.

Leben ist immerwährende Gegensätzlichkeit. Die entscheidende Frage dabei: Kann ich damit einverstanden sein? Kann ich aufhören damit, ständig gegen das anzukämpfen was mir nicht passt. Wenn ich das kann, ergibt sich daraus eine Haltung der Gelassenheit. Ein Mensch, der das Leben in seiner Gegensätzlichkeit gelten lassen kann, wird heiter, im Unterschied zur Fröhlichkeit. Heiterkeit gibt es nicht nur in positiven, sondern auch in negativen Zuständen. Heiter kann man auch sein, wenn man traurig ist. Es ist ein grundsätzliches Einverstandensein mit dem Leben.

Wir müssen akzeptieren, dass es Negatives gibt?

Schmid: Es ist eine sehr große Frage, mit welchem Negativen wir leben müssen. Wenn ein Mensch Parkinson bekommt, wäre ich der Letzte, der sagen würde: Nun, damit muss er leben. Nein, ich sage: Lasst uns Forschungen machen, um herauszufinden, ob es dafür genetische Ursachen gibt. Aber wir können nicht erwarten, dass diese Forschungen – wenn sie erfolgreich sein sollten, dass nicht trotzdem Nebenwirkungen auftreten. Die ganze bisherige moderne Geschichte zeigt: Mit allem, was wir an Negativem abschaffen, schaffen wir uns irgendetwas herbei, das doch wieder negativ ist. Wir dürfen nicht daran glauben, dass dieser Prozess jemals aufhören wird. Und wissen Sie was, ich bin sehr froh darüber, denn so haben wir immer etwas zu tun. Denn wie stellen Menschen sich das vor, wenn es nichts mehr zu kämpfen gebe: gegen Negatives, gegen Verletzungen, gegen Traumatisierung, gegen Krieg, gegen Krankheit, gegen Hunger, gegen Not? Wenn wir nichts mehr zu kämpfen ­haben, glauben wir im Ernst, dass wir dann noch zu Höchstleistungen imstande sein werden?

»Verweile doch, du bist so schön«, sagt Goethe über die glücklichen ­Momente. Und so geht es uns auch. Wir wollen das Glück festhalten …

Schmid: Es ist wichtig, Auszeiten ­dazwischenschalten, die sich ja im ­Leben ganz von allein einstellen. Die sogenannten tristen grauen Zeiten, die sind dafür da, dass das Glück sich wieder erholen kann.

Und wenn es nach einer Pause nicht wieder zurückkommt?

Schmid: Wenn Menschen aus ihrem Unglücklichsein nicht mehr herauskommen, müssen sie sich darin einrichten. Am besten mit einem Garten. Wenn kein Garten zur Verfügung steht, dann wenigstens mit einem Balkon. Wenn kein Balkon zur Verfügung steht, dann wenigstens mit einem kleinen Garten im Zimmer, also Pflanzen. Da erlebt man die Kreisläufe der Natur. Eine Pflanze gedeiht, fällt in sich zusammen und kommt von Neuem hervor. Wenn der Mensch das sieht, fühlt er sich wieder geborgen. Denn wir können Sinn erfahren in den Zusammenhängen, die zwischen uns und allem Leben existieren. Ich bin nur ein Teil, ein Sandkorn, inmitten dieser belebten und unbelebten Natur. Ich kann mich eingegliedert ­fühlen in diese äußerste Vielfalt von Zusammenhängen.

Es hat gute Gründe, warum Menschen auftanken können, wenn sie raus in die Natur gehen. Hier finden sie eine Fülle an Sinn vor, die das Leben für sich allein in der Wohnung nicht bieten kann.
In der linearen Zeit der Moderne kann ein Mensch sich nicht geborgen fühlen. Der moderne Mensch kennt nur vergehende Zeit und hastet ihr ständig hinterher. Schon wieder sind fünf Sekunden vergangen. Aber die Zeit vergeht ja nicht. Der moderne Mensch glaubt daran, dass die Zeit vergeht, er letzten Endes stirbt und danach ins Nichts fällt. Ich kenne kein Nichts. Nehmen wir den menschlichen Körper. Wenn er nach dem Tod in die Erde gelegt wird, tut die Natur ihr Werk. Nicht ein Atom wird vernichtet, kein Molekül geht verloren. Es wird umgewandelt in neues Leben. Sollte das mit der Seele und dem Geist so viel anders sein? Das Leben ist wertvoll genau dadurch, dass es zeitlich begrenzt ist. Alles was begrenzt ist, wird wertvoll. Würde das Leben endlos dauern, hätte es keinen Wert mehr. Wir würden ein furchtbar, um nicht zu sagen, tödlich langweiliges Leben führen.

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