»Ich spürte, hier hat Gott gewirkt«
18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Eine Welt
Erinnerung: Pfarrer Lajos Békefy betreute im August 1989 deutsche Ausreisewillige in Ungarn
Monate vor dem Sturz der Berliner Mauer bekam der Eiserne Vorhang in Ungarn ein Loch, durch das die wartenden Ostdeutschen schlüpften. Fast vergessen: Betreut wurden sie auch von den ungarischen Kirchen.

Nichts wie weg: Eine DDR-Bürgerin kratzt im Sommer 1989 in Ungarn das verhasste DDR-Schild vom Auto. Foto: picture-alliance/dpa
Lajos Békefy war damals mit dabei. Der Pastor der reformierten Kirche Ungarns war als Seelsorger im Lager Csillebérc tätig. Als die Zahl der DDR-Flüchtlinge immer weiter stieg, hatte der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen in Ungarn, László Lehel, eine Sondersitzung einberufen. Die Kirchen wollten sich für die Menschen aus Ostdeutschland einsetzen. »Wenn ich mich heute an diese Zeit erinnere, spüre ich noch immer die Aufregung und die Spannung von damals«, sagt Békefy. Ende August lebten 2000 Menschen in den Zelten des Flüchtlingslagers Csillebérc. »Die Mauer hatte einen Riss, aber bis zur zweiten und endgültigen Öffnung der Grenzen mussten die Menschen eine Zwangspause einlegen«, beschreibt der Pfarrer die Situation jener Tage.
Einstweilen wurden die Flüchtlinge vom Roten Kreuz, den Maltesern und der Diakonie mit Lebensmitteln unterstützt. In einer Halle richteten die Geistlichen eine provisorische Kirche ein, stellten Bänke auf und einen Altar. Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland besorgte eine transportable Orgel, und brachte sie nach Ungarn. Regelmäßig feierten Lajos Békefy und drei katholische, lutherische und freikirchliche Geistliche Andachten, Gottesdienste und sogar Taufen.
Die Suche nach der »zukünftigen Stadt«
»Die Menschen hatten schwere Fragen«, erinnert sich Békefy. »Werden wir ausgewiesen oder in die DDR zurückgeschickt? Was passiert zu Hause, mit unseren Eltern und Verwandten? Können wir mit unseren Babys und Kleinkindern hier in den Zelten die Herbstnächte aushalten, die immer kühler werden?« Doch die Gottesdienste gaben Hoffnung. »Ein Wort aus dem biblischen Hebräerbrief entwickelte sich zu einer Art Lagerlosung«, berichtet Békefy. »Es lautete: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern suchen die Zukünftige.«
Die Pfarrer freilich motivierte ein anderes Bibelwort: »Gastfrei zu sein, vergesst nicht. Denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.« Im Auftrag der Flüchtlinge riefen sie Verwandte in der DDR an, brachten Briefe zur Post und begleiteten Menschen ins Krankenhaus. Doch die Seelsorger spürten auch die Angst, die über allen lag: »Die Flüchtlinge erzählten von Menschen, die absichtlich Desinformationen verbreiteten«, erinnert sich der Pfarrer. »Man fürchtete die Stasi.« Viele Flüchtlinge blieben deswegen schweigsam.
Andere freilich berichteten den Seelsorgern von ihren Zweifeln am Sozialismus. »Die DDR und ihre Vertreter behandeln uns wie Kleinkinder«, sagte etwa ein Ingenieur aus Dresden zu Békefy. »Sie wollen mir sagen, was ich darf oder nicht, was ich denken soll und was nicht – von dieser Bevormundung habe ich genug.« Eine Frau berichtete, unter dem »Honecker-Regime« fühle sie sich eingesperrt wie im Gefängnis. »In der DDR konnte ich nicht mehr richtig atmen, keine Luft mehr bekommen.« »Die Menschen spürten den Ruf der Freiheit, den man weder begraben, einmauern oder erwürgen kann«, resümiert der Seelsorger und fügt hinzu: »Freiheit gehört so elementar zum Menschsein dazu, wie die Luft, das Wasser oder das Licht.«
Am 10. September dann geschah, was das Schicksal der Menschen ändern sollte. Die Verhandlungen zwischen dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow waren vorangekommen. Kurz nach dem Abendgottesdienst in der Lagerkirche erreichte die Menschen die erlösende Botschaft: Das ungarische Staatsfernsehen berichtete, dass die Menschen in den Westen ausreisen durften.
»Was danach geschah, kann man einfach nicht beschreiben oder richtig wiedergeben«, erinnert sich Lajos Békefy. »Da entstand blitzschnell eine Freudennacht, in der alle Menschen Geschwister wurden.« Während die Menschen draußen feierten, ging Békefy ein letztes Mal in die leere Lagerkirche. »Meine Augen waren voller Tränen, denn ich spürte die Einmaligkeit dieser Stunde. Ich spürte, hier hat Gott gewirkt.«
Von Benjamin Lassiwe
