Traum vom eigenen Gotteshaus

11. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Im Jahr 1939 fand in der ­Nikolaikirche in Tallinn der letzte deutsche Gottesdienst statt. Matthias Burghardt möchte gern der erste ­deutsche Pfarrer im 21. Jahrhundert sein, der in der ­estnischen Kirche predigt.

Pfarrer Matthias Burghardt vor dem Turm der ehemals deutschen Nikolaikirche. (Foto: Annika Falk)

Pfarrer Matthias Burghardt vor dem Turm der ehemals deutschen Nikolaikirche. (Foto: Annika Falk)

Zehn Mitglieder hatte die deutsche Erlösergemeinde Nömme, als sie Matthias Burghardt vor drei Jahren übernahm. Heute zählt die Gemeinde über 60 Mitglieder. Neben regelmäßigen Gottesdiensten organisiert der 38-jährige Pfarrer Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und ­Beerdigungen – dabei pendelt er ­zwischen der Hauptstadt Tallinn (deutsch: Reval), der Universitätsstadt Tartu (deutsch: Dorpat) und dem Städtchen Viljandi (deutsch: Fellin). Hunderte Kilometer legt er jede Woche zurück.

Burghardt ist kein Auslandspfarrer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sondern angestellt bei der Eesti Evangeelne Luterlik Kirik (EELK), der estnischen Amtskirche. Seine Frau Anne, eine gebürtige Estin, arbeitet am Theologischen Institut in Tallinn. Der vierjährige Sohn Karl Otto besucht den estnischen Kindergarten. Matthias Burghardt fühlt sich wohl auf der »Insel der Gleichberechtigung«, wie er den baltischen Staat nennt. Um perfekt in die estnische Bevölkerung integriert zu sein, möchte er Russisch lernen. 25 Prozent der knapp 1,4 Millionen Einwohner Estlands sind Russen.

Matthias Burghardt hat in Marburg und Kiel studiert, sein Vikariat in Braunschweig absolviert und zwei Jahre in Riga gearbeitet. In Estland betreut er eine Gemeinde, die aus Deutschbalten, Russlanddeutschen und deutschen Fachkräften besteht. »Hier gab es 50 Jahre keine Möglichkeit der Gemeindearbeit«, sagt Burghardt. »Da ist einiges nachzuholen.« Der Pfarrer feiert Kindergottesdienst, bietet Bibelstunden an und leitet zwei Hauskreise. Eine eigene Kirche hat die Gemeinde nicht. Gottesdienste feiert sie in der schwedischen Kirche.

Doch immer, wenn der Pfarrer an der ehemals deutschen Nikolaikirche vorbeigeht, beginnt er zu träumen. Seit 1939 wurden hier keine deutschen Gottesdienste mehr abgehalten. Das Pfarrhaus der deutschen Gemeinde stand direkt neben der Kirche, viel früher befand sich hier wahrscheinlich ein Kloster. Matthias Burghardt strebt an, das deutsche Gemeindehaus wieder aufzubauen und in der Kirche zu predigen.

Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist der Pfarrer seit zwei Jahren Religions- und Philosophielehrer am englischen Gymnasium, arbeitet als Hilfspfarrer in einer estnischen Gemeinde und ist Synodenmitglied der estnischen Kirche. Neben Deutsch, Englisch und Niederländisch spricht Burghardt mittlerweile fließend Estnisch und Lettisch. Zurück möchte er nicht mehr: »Ich schätze den speziellen Humor mit Hang zur Selbstironie und den ausgeprägten Individualismus der Menschen.«

Annika Falk

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