Für Sie gelesen: Wegbereiter der Wende

25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der Chefreporter der Leipziger Volkszeitung Thomas Mayer zeichnete »18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig«, die maßgeblich zum Erfolg der Friedlichen Revolution beigetragen haben.

eva_cover_9783374027125Er bezeichnet sie als »eher stille Helden, die mutig, jede, jeder auf seine Weise dazu beigetragen haben, dass im Herbst 1989 die SED-Diktatur ihr Ende fand«.

Nicht zu Unrecht steht an erster Stelle der Beitrag über den sächsischen Pfarrer Christoph Wonneberger: Auf seine Initiative hin sind die Friedensgebete ins Leben gerufen worden. Außerdem gründete er 1987 die kirchliche ­Arbeitsgruppe Menschenrechte, »was für damalige Zeiten auch ein mutiges Novum darstellte« schreibt Mayer und erwähnt die damit verbundenen Konflikte mit staatlichen und kirchlichen Stellen.

Auch die anderen im Buch vorgestellten Helden engagierten sich fast allesamt vor 1989 in Menschenrechts-, Friedens- oder Umweltgruppen und trugen zum erfolgreichen Gelingen der Friedlichen Revolution bei: so u. a. Jochen Läßig, der das Straßenmusikfestival organisierte, Gisela Kallenbach, eine engagierte Umweltschützerin, Thomas Rudolph, der heute im Leipziger Osten als Sozialarbeiter wirkt, Edgar Dusdal, einer der sieben Sprecher des Neuen Forums, der Theologe Friedel Fischer, der es ­bedauert, dass die Bürgerrechtler nach 1989 kein Programm hatten, »um den schnell die Szene bestimmenden (West)-Parteien etwas entgegensetzen zu können«.

In seinem Vorwort würdigt Michael Beleites, der Sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, diese Menschen wegen ihrer Zivilcourage, »die spontan und beherzt gehandelt haben« und zitiert den Naturschützer Reimar Gilsenbach, der angesichts der 1989er Revolution sagte: »Um in Umbruchsituationen überlebensfähig zu sein, braucht jede Population fünf Prozent Unangepasste.« Ein paar dieser unangepassten und engagierten »Helden der Friedlichen Revolution« hat Thomas Mayer dankenswerterweise noch einmal zu Wort kommen lassen.
Matthias Caffier

Mayer, Thomas: Helden der Friedlichen Revolution. 18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt 2009, 160 S., ISBN 978-3-374-02712-5, 12,80 Euro

Michael und die Schlacht ums Licht

25. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Dank sei dem Erzengel, der laut der Legende selbst den Bau befahl: Heute gehört das Felsenkloster im Atlantik zum Weltkulturerbe.

Die Klosterinsel Mont-Saint-Michel im Wattenmeer vor der normannischen Küste wird von rund 3,5 Millionen Menschen im Jahr besucht – darunter wieder ­zunehmend mehr christliche Pilger. (Foto: Walter G. Allgoewer/JOKER)

Die Klosterinsel Mont-Saint-Michel im Wattenmeer vor der normannischen Küste wird von rund 3,5 Millionen Menschen im Jahr besucht – darunter wieder ­zunehmend mehr christliche Pilger. (Foto: Walter G. Allgoewer/JOKER)

Jeder im Leben ist ein Pilger mit einem Ziel vor Augen«, sagt John Cowley, »und schließlich kommt man am Ende eines langen Weges an.« 75 Jahre ist er alt. Ein Pilger aus Leidenschaft, seit Tagen unterwegs nach Mont-Saint-Michel. Zu Frankreichs populärster Pilgerstätte, der mehr als Tausend Jahre alten Glaubens-Festung im Atlantik.

Vor drei Wochen ist John in England gestartet. Gut 250 Kilometer Fußmarsch liegen hinter ihm und seinen Freunden, zehn Engländern und acht Franzosen. Eine christliche Gemeinschaft aus Anglikanern und Katholiken, die das Pilgern verbindet. Jetzt sitzen sie an langen Tischen zusammen in einem großen Zelt am Rand der Bucht gegenüber dem Klosterberg. Auf Papptellern servieren Helfer Hähnchen mit Brot. Rotwein und Bier gibt es in Plastikbechern.

Französisch und englisch wird gesprochen, Verständigungsprobleme kennt die Gruppe keine. Die Wallfahrer gehören zur »Association les Chemins du Mont-Saint-Michel«, einer vor einem guten Jahrzehnt gegründeten Gemeinschaft, die sich der Wiederentdeckung alter Pilgerwege zum Mont-Saint-Michel widmet. Schließlich war die Klosterinsel neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela das wichtigste Pilgerziel des Mittelalters.

Mit der Ebbe kommt die Touristenflut

Schon früh sind am Michaelstag, dem 29. September, die Parkplätze zu Füßen der Festung belegt. Bis 18 Uhr spätestens, mahnen große Schilder, müssten sie wieder geräumt sein, andernfalls drohe die Flut die Blechkisten zu verschlucken. Bis zu 14 Meter beträgt hier der Tidenhub, der Unterschied zwischen hohem und niedrigem Wasserstand. Jetzt aber ist Ebbe, wälzen sich Tausende von Touristen im dichten Nebel Richtung Abtei, mitten durch eine enge Gasse, vollgepackt mit Kneipen und Souvenir­läden.

Auf halbem Weg nach oben liegt die Pfarrkirche des Inseldörfchens. In ihrer Seitenkapelle reckt sich der ­heilige Michael in Silber, umrahmt von einem Meer brennender Kerzen. Im Hinterzimmer segnet ein Priester kleine Holzfiguren des Erzengels. Treppen führen hoch zum alten Benediktinerkloster, das die Insel überragt. Brüder und Schwestern der »Gemeinschaft von Jerusalem« sind hier inzwischen eingezogen. Halbtags arbeiten sie in einem Beruf, der ihnen den ­Lebensunterhalt sichert, den Rest widmen sie kontemplativem Gebet. Schwestern und Brüder leben getrennt, gebetet und gefeiert aber wird gemeinsam.

Auch am Michaelstag. Zum großen Gottesdienst ruft die Glocke, die wie seit Jahrhunderten per Seil geläutet wird. Spärlich ist der Festschmuck, ein paar Blumen, daneben Kerzen, meditativ die Orgelklänge. Ganz langsam zieht der Weihrauch Richtung Himmel.

Die echten Pilger ziehen barfuß durch das Watt

In seiner Predigt erinnert der Ordensvorsteher an den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, an die »Schlacht für das Licht und den Glauben«, der sich Sankt Michael verpflichtet fühlt. Fast aufs Stichwort schickt die Sonne ihre ersten Strahlen, hellt kurz das Kirchenschiff auf, in dem eine hölzerne Statue des Erzengels steht. Brot und Wein werden schließlich zur Kommunion gereicht.

Auch für die japanischen Touristen, die heute einen Großteil der mehr als drei Millionen Besucher jährlich auf dem Mont-Saint-Michel stellen. Vom heiligen Michael freilich erfahren sie kaum etwas auf ihrer Ausflugs­tour, dafür viel über Architektur und Lage der Inselkirche. Draußen bietet sich bei gutem, windigen Wetter einer der schönsten Blicke Frankreichs: über die Meeresbucht, die langsam zu Versanden droht. Ein neuer Gezeitendamm, der im nächsten Jahrzehnt fertig wird, soll das verhindern. Dann auch sollen die inselnahen Parkplätze verschwunden sein, wird eine Stelzenbrücke anstelle des festen Dammes den Mont-Saint-Michel mit dem Festland verbinden.

Hinten am Horizont nähern sich Hunderte von Pilgern. Barfuß sind sie am Festtag zum Mont-Saint-Michel unterwegs. Bei dichtem Nebel sind sie losgelaufen, jetzt zwingt sie die Septembersonne aus Pullovern und Anoraks. Von der Abtei-Terrasse nehmen sie die Japaner mit ihren Teleobjek­tiven ins Visier. Mittags hat auch die französisch-britische Pilgergruppe ihr Ziel erreicht. John, der Senior, ist glücklich und zufrieden. »Die Tour hat sich gelohnt.« Für ihn war nicht der Weg das Ziel, so wie für die vielen jungen Pilger, die sich heute aus sportlichem Ehrgeiz auf die große Wanderschaft gemacht haben. »Sie kennen die Antwort auf das Leben noch nicht«, sagt John, der schon viele Wallfahrten hinter sich hat, zum Abschied.

Günter Schenk

Die Bibel – reich an Lebensweisheiten

25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Gottesbilder im Alten Testament (6/Schluss): Gott und die Weisheit

Mit diesem Beitrag beenden wir unsere sechsteilige Beitragsserie über die biblische Rede von Gott.

Die Weisheit mit dem Buch der Sprüche Salomos in der Hand in einer mittelalterlichen Darstellung. Bild: Archiv

Die Weisheit mit dem Buch der Sprüche Salomos in der Hand in einer mittelalterlichen Darstellung. Bild: Archiv

Der Humor ist der Regenschirm der Weisen«, schrieb Erich Kästner in einem Epigramm. Jüdischer Glaube ist ohne Humor gar nicht vorstellbar – für mich eines der schönsten Beispiele ist diese Geschichte: Ein Jude erzählt seinem Nachbarn, er kenne den frömmsten Rabbiner überhaupt.

»Jeden Donnerstag betet er, und dann frühstückt er mit Gott.« Der Nachbar ist skeptisch. »Woher weißt du das?«, fragt er. »Na, das hat mir der Rabbiner selbst erzählt.« »Und woher weißt du, dass es stimmt?« Darauf der erste ganz empört: »Glaubst du, Gott würde mit einem Lügner frühstücken?«

In dieser Geschichte wird humorvoll mit nur wenigen Sätzen aufgezeigt, wie die persönliche Überzeugung absolut gesetzt wird. Zweifel sind nicht erlaubt. Dabei ist es im ­Judentum, anders als in anderen Weltreligionen, genau andersherum: Es gibt niemals eine »einzig mögliche« Auslegung des Ersten Testaments und späterer Schriften.

Diese Toleranz gehört, so denke ich, zur Weisheit, die im Alten Testament eine besondere Position einnimmt und mehrere biblische Bücher bestimmt: das Buch Hiob, die Psalmen, den Prediger und das Buch der Sprüche.

Spannend ist die Frage, wie es uns geht, wenn wir etwa das Buch »Prediger« isoliert betrachten – keine Rede vom ewigen Leben, reine Diesseitigkeit! Halten wir es aus, dass auch dies ein Stück biblischer Botschaft ist? Es ist allgemein auffällig, dass die Vorstellung eines Weiter- oder Neu-­Lebens nach dem Tod sich in den Weisheitsbüchern nicht findet und im Ersten Testament erst ein spätes Stadium des Glaubens widerspiegelt. In diesen Schriften wird immer wieder betont, wie sehr jeder Tag ein Geschenk aus der Hand Gottes ist.

Vielleicht leuchten uns deshalb viele Worte aus ihnen trotz der Jahrtausende, die dazwischen liegen, so sehr ein. Auf das Buch der Sprüche möchte ich etwas genauer eingehen – schon deshalb, weil es nach meinem Eindruck nicht sehr häufig wahrgenommen wird, jedenfalls in unseren Gottesdiensten kaum eine Rolle spielt.

Im Buch der Sprüche finden sich, wie der Name schon sagt, Sprichwörter. »Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein« ist angelehnt an Sprüche 26, Vers 27. Dieses bekannte Sprichwort weist auf das Welt- und ­Lebensverständnis des Sprüchebuches hin: den »Tun-Ergehen-Zusam­menhang«.

Wer Gutes tut, dem wird es auch gut gehen, wer Böses tut, wird Böses an sich erfahren. Dies wird im Buch der Sprüche sehr unmittelbar und direkt formuliert: »Der Herr lässt den Gerechten nicht Hunger leiden; aber die Gier der Gottlosen stößt er zurück.« (10,3) Und: »Siehe, dem Gerechten wird vergolten auf Erden, wie viel mehr dem Gottlosen und Sünder!« (11,31) Allerdings wird in einem sehr bekannten Wort auch die Unverfügbarkeit des Handelns Gottes betont: »Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.« (16,9)

Es ist mit diesen Sprüchen ähnlich wie mit den Sprichwörtern überhaupt: Sie widersprechen sich teilweise, weil sich Erfahrungen in unserem Leben widersprechen. Aber gerade dadurch können sie zu einer Lebenshilfe ­werden.

Freilich: Auch hier finden sich Sätze, denen wir hoffentlich deutlich widersprechen, mögen sie auch über Jahrhunderte hinweg Erziehungsmaximen gewesen sein: »Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.« (13,24)

Im Buch der Sprüche stehen viele Sätze, die in tiefem Sinne weise sind: »Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.« (28, 13)

Das Buch der Sprüche betont die Gottesfurcht, so wie dies allgemein die Weisheitsschriften in vielfältigen Ausdrücken tun: »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis.« (1,7) Dabei ist es interessant, wie sehr die Weisheit als Person gedacht wird und als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen: Sie »ruft laut auf der Straße und lässt ihre Stimme hören auf den Plätzen.« (1,20) Hier wird sie als Prophetin dargestellt, im achten Kapitel des Buches dann als Schöpfungsmittlerin, als Stimme Gottes in menschlicher Gestalt. Sie ist sogar das erste Geschöpf, das Gott erschuf, wie in sehr poetischer und schöner Weise die Ver­se 22ff im achten Kapitel beschreiben.

Auch ihr Gegenpol, ihre Kontrahentin, wird als Person dargestellt und geschildert: Frau Torheit. Ohne die Darstellung des »Kontrastprogramms« geht es wohl nicht, sobald Menschen ihre Glaubensvorstellungen aufschreiben.

Ulrich Tietze

Ein einig Volk von Süchtigen

25. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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20 Jahre nach dem Mauerfall sind die Probleme in Deutschland fast unüberschaubar. Doch die wirklichen Fragen beantwortet kein Parteiprogramm.

Die Gefangenschaft des Volkes in der Sucht nach Geld, Wohlstand und Verdrängung der Probleme gefährdet inzwischen die Demokratie selbst – so die  nüchterne Analyse des Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz. (Foto: Uwe Zucchi/picture-alliance/dpa)

Die Gefangenschaft des Volkes in der Sucht nach Geld, Wohlstand und Verdrängung der Probleme gefährdet inzwischen die Demokratie selbst – so die nüchterne Analyse des Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz. (Foto: Uwe Zucchi/picture-alliance/dpa)

Dass die Wähler vor vier Jahren die beiden großen Volksparteien zusammengeführt hatten, darin vermutete ich damals einen möglichen Ausdruck des kollektiven Unbewussten, in schwierigen Zeiten die stärksten politischen Kräfte zu ­vereinen. Wenn einer Gesellschaft schmerzliche Erkenntnisse und belastende Veränderungen bevorstehen, sollten die notwendigen politischen Entscheidungen nicht durch den Kampf um Mehrheiten abgeschwächt oder ganz und gar verhindert werden.

Die vom Wähler ermöglichte große Kraft, die zentralen Aufgaben unseres Lebens anzupacken – Klimaschutz, Umweltschutz, Schuldenabbau, Vollbeschäftigung, Frieden, soziale Gerechtigkeit, Bildung, Kinderbetreuung – ist nicht gefunden und genutzt worden. Schlimmer noch: Die Krise des »real existierenden Kapitalismus« führt nicht zu ernsthaften Bemühungen, die Ursachen zu erkennen und zu kurieren. Im Wesentlichen erfolgen irrwitzige symptomatische Maßnahmen, um die Folgen der Krise abzu­federn, nicht aber ihre Ursachen zu beseitigen.

Als eine Quelle der irrationalen und virtuellen Spekulationsspiele, die zur Finanzkrise geführt haben, wird die Gier genannt. Gier ist ein Symptom der Süchtigkeit. Natürlich ist es notwendig, dass die Banken reguliert und kontrolliert werden und auch für riskante Fehlspekulationen haften müssen. Aber wir dürfen nicht das unheilvolle Zusammenspiel mit der Gier der Kleinanleger übersehen. Das ist die erste bittere Erkenntnis, dass die Schuld nicht allein auf zockende Banker und gewissenlose Manager abgeschoben werden kann, sondern wir müssen in der Finanz- und Wirtschaftskrise die Folgen einer süchtigen Gesellschaft erkennen.

Eine zentrale Erkenntnis der Suchterkrankungen lautet: Nicht die Droge macht süchtig, sondern der süchtige Mensch sucht nach Mitteln, seine ­inneren Spannungen, Defizite und Unsicherheiten zu dämpfen. So kann auch Geld zur Droge werden. Wir sind durch Geld in eine Suchtkrise geraten, die zurzeit durch noch mehr Geld bewältigt werden soll. Man braucht kein Suchttherapeut zu sein, um die Absurdität dieser Maßnahmen zu begreifen.

20 Jahre haben wir Ostdeutschen um den Anschluss an den vom Geld dominierten materiellen Wohlstand gerungen und dabei ideelle Werte ­unseres früheren Lebens verkauft. Dadurch sind viele Illusionen geplatzt und Ernüchterungen bis Enttäuschungen haben neue Vorurteile, Projektionen und Radikalisierungen befördert. Wenn Demokratie nur an ­materielle Werte gebunden bleibt und nicht als eine innerseelische Erfahrung und beziehungsdynamische ­Praxis gelebt wird, ist sie in der gegenwärtigen Krise stark gefährdet.

»Innerseelische Demokratie« meint eine Kultur, die es ermöglicht, auch Ängste, Schwächen, Unvermögen bei sich selbst zu erkennen und zu akzeptieren, um sich nicht verstellen zu müssen und den inneren Frust an Feindbildern und Sündenböcken abzuarbeiten. Und in einer demo­kratischen »beziehungsdynamischen« Praxis wird nicht allein um Erfolg und Sieg gerungen, sondern auch das unvermeidbare Versagen und Verlieren werden akzeptiert und begründen durch Einsicht, Analyse und emotionale Verarbeitung eine Kultur der Begrenzung.

Das aber ist das letzte große Tabu unserer Gesellschaft. Dass alles Leben begrenzt ist und nicht nur vom Wachstum bestimmt sein kann, sondern auch vom Ende, vom Sterben und Vergehen, das wird natürlich gern verleugnet. Und kein Politiker kann es sich leisten, die Realität der Begrenzung zu vertreten, er hätte keine Chance, gewählt zu werden. Also auch das Volk – die Wähler – nötigen die Politiker zur einseitigen Darstellung, zur Phrase und wenn nötig auch zur Lüge.

Die Krise des Kapitalismus hat die deutsche Einheit vollendet, indem es nicht mehr vorrangig um Gewinner und Verlierer im Kampf um die Droge Geld geht, sondern um die Herausforderung, unsere Lebensform und Lebensziele kritisch zu überdenken. Was wir alle zu leisten haben, sind Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Wie können wir ohne materielles Wachstum gut leben?
  • Wie können wir gerechter verteilen?
  • Wie können wir destruktives Agieren – Umweltzerstörung, Gewalt, Ausbeutung und Kriege – vermindern?
  • Wie können wir bei wirtschaftlicher und informativer Globalisierung auch globale ethische Normen und Werte erreichen?

Es gibt keine einfachen Lösungen und schnelle Antworten auf diese Fragen. Aber der Umgang mit ihnen wird über unsere Zukunft bestimmen. Was wir nicht durch Erkenntnis, Sozialverhalten und Politik bewältigen, wird uns mit Gewalt überrollen. Wenn etwas Zerstörerisches und Belastendes den zukünftigen Generationen aufgebürdet wird oder unser Wohlleben mit Ausbeutung anderer Menschen erkauft wird, ist unser Leben prinzipiell falsch, verlogen und vergiftet. Deshalb ist immer soziales und politisches Engagement für ehrlichere, natürlichere und gerechtere Lebensformen gefordert.

Auch wenn wir feststellen, dass der persönliche Einfluss unerheblich ist, darf man immer auf eine unerwartete Entwicklung hoffen, in der plötzlich etwas in Erfüllung geht, was man nie für möglich gehalten hat. 1989 ist ein lebendiges Beispiel dafür. Dies war aber nur möglich, indem Einzelne aktiv geworden sind und dadurch schließlich eine Massenbewegung zustande gekommen ist. Darin liegt der bleibende Wert des persönlichen Engagements.

Aber unabhängig von solchen historisch bedeutsamen Ereignissen, bleibt die Verantwortung für das individuelle Leben bei jedem Einzelnen. Und die darf man nicht auf Politiker, Manager, Banker – nicht einmal auf Freunde und Partner – delegieren. Ich fasse diese Verantwortlichkeit mit dem Begriff der »Beziehungskultur« zusammen. Es geht dabei um so wichtige Fragen, wie ich mit mir selbst und meinen ganz persönlichen Beziehungen zufrieden bin.

Weiß ich wirklich, wer ich bin und was ich will – auch außerhalb des ­elterlichen Einflusses, der ökonomischen Zwänge, der Mode und des Zeitgeistes? Und verfüge ich über Möglichkeiten, zwischen unvermeidbarer Anpassung und notwendiger Emanzipation, zwischen entlastender, aber vielleicht auch lähmender Abhängigkeit und befreiender, aber auch anstrengender Eigenständigkeit den individuellen Weg zu finden und die eigene Würde zu wahren? Ich würde so nicht fragen und sprechen, wenn ich nicht als Arzt und Psychotherapeut die erheblichen Schwierigkeiten vieler Menschen kennen würde, wirklich gut zu sich zu finden und nicht nur ein Leben zu führen, um es anderen recht zu machen und die erwarteten Normen und Werte zu erfüllen.

Ich glaube auch an heilsame Wirkungen einer Beziehungskultur, weil Menschen, die wieder lernen, sich ehrlich und unverstellt mitzuteilen und ihre Gefühle leben können, viel unabhängiger von äußeren Umständen leben und entlastende Befriedigung aus herzlichen mitmenschlichen Kontakten gewinnen. Aber eine solche Beziehungskultur steht nicht zur Wahl. Vielleicht war der Wahlkampf auch deshalb so träge und ­uninteressant, weil sich alle mehr oder weniger darin einig sind, die wirklichen Probleme unseres Lebens zu verleugnen.

Die notwendigen Veränderungen unserer Lebensweise sind in keinem Parteiprogramm zu finden. Ich gehe dennoch zur Wahl, um radikalen Gruppierungen keine relative Macht zu überlassen und weil Nicht-Wähler bisher weder Beachtung noch Wirkung erzielen. Vor allem aber bleibt die individuelle Verpflichtung, außerparlamentarische Realitäten einer Beziehungskultur zu gestalten, die auch zu neuen politischen Wirklichkeiten führen können.

Die Frage, inwieweit Ostdeutsche in der Demokratie angekommen sind, lässt sich relativ leicht mit dem erreichten Wohlstand beantworten. Wem es materiell gut geht, der schätzt Demokratie, auch wenn er kein ­Demokrat ist. Wem es finanziell und sozial schlecht geht, der schimpft auf die Demokratie und neigt zu Vorurteilen und Radikalisierung. Und ­genau diese Abhängigkeit vom Geld macht die Gefahr für die Demokratie aus. Wenn die Droge knapp wird, drohen Entzugssymptome und die sind immer – nach innen und nach außen – destruktiv.

Über andere Lebensformen zu diskutieren und wertvolle Beziehungserfahrungen einzubringen, damit könnten Ostdeutsche in der Krise des Kapitalismus zur Geltung kommen. Im Mangel gut zu wirtschaften, in der Repression die Würde zu wahren, dem Verrat und der Korruption zu widerstehen und im menschlichen Kontakt sich zu öffnen und gegenseitig zu helfen, das sind krisenfeste Kompetenzen und eine gute Basis für eine Beziehungskultur, die das zur Gier führende Konkurrenzverhalten wesentlich vermindern helfen kann. Süchtigkeit kann nur in liebevollen, einfühlsamen und frei lassenden Beziehungen verhindert und geheilt werden.

Der Hallenser Psychiater, Psychoanalytiker und Publizist Dr. med. Hans-Joachim Maaz war Chefarzt der Psychotherapeutischen und Psychosomatischen Klinik im Diakoniewerk Halle und ist seit Jahren ein kritischer Begleiter der Situation im wiedervereinigten Deutschland.

»Ich spürte, hier hat Gott gewirkt«

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerung: Pfarrer Lajos Békefy betreute im August 1989 deutsche Ausreisewillige in Ungarn

Monate vor dem Sturz der Berliner Mauer bekam der Eiserne Vorhang in Ungarn ein Loch, durch das die wartenden Ostdeutschen schlüpften. Fast vergessen: Betreut wurden sie auch von den ungarischen Kirchen.

Nichts wie weg: Eine DDR-Bürgerin kratzt im Sommer 1989 in Ungarn das ­verhasste DDR-Schild vom Auto. Foto: picture-alliance/dpa

Nichts wie weg: Eine DDR-Bürgerin kratzt im Sommer 1989 in Ungarn das ­verhasste DDR-Schild vom Auto. Foto: picture-alliance/dpa

Ungarn war von Deutschen überschwemmt. Zehntausen­de DDR-Bürger hielten sich im August des Wendejahres 1989 im Land am Balaton auf. Die Nachricht, dass Hunderte Menschen aus der DDR beim »Paneuropäischen Picknick« im Juni 1989 nach Österreich fliehen konnten, hatte sie nach Ungarn gelockt. In großen Zeltlagern warteten sie auf ihre Chance. Im Garten der ­römisch-katholischen Pfarrgemeinde von Zugliget, im Pionierlager von Csillebérc und in Zánka am Plattensee.

Lajos Békefy war damals mit dabei. Der Pastor der reformierten Kirche Ungarns war als Seelsorger im Lager Csillebérc tätig. Als die Zahl der DDR-Flüchtlinge immer weiter stieg, hatte der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen in Ungarn, László Lehel, eine Sondersitzung einberufen. Die Kirchen wollten sich für die Menschen aus Ostdeutschland einsetzen. »Wenn ich mich heute an diese Zeit erinnere, spüre ich noch immer die Aufregung und die Spannung von damals«, sagt Békefy. Ende August lebten 2000 Menschen in den Zelten des Flüchtlingslagers Csillebérc. »Die Mauer hatte einen Riss, aber bis zur zweiten und endgültigen Öffnung der Grenzen mussten die Menschen eine Zwangspause einlegen«, beschreibt der Pfarrer die Situation jener Tage.

Einstweilen wurden die Flüchtlinge vom Roten Kreuz, den Maltesern und der Diakonie mit Lebensmitteln unterstützt. In einer Halle richteten die Geistlichen eine provisorische ­Kirche ein, stellten Bänke auf und ­einen Altar. Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland besorgte eine transportable Orgel, und brachte sie nach Ungarn. Regelmäßig feierten Lajos Békefy und drei katholische, lutherische und freikirchliche Geistliche Andachten, Gottesdienste und sogar Taufen.

Die Suche nach der »zukünftigen Stadt«
»Die Menschen hatten schwere Fragen«, erinnert sich Békefy. »Werden wir ausgewiesen oder in die DDR zurückgeschickt? Was passiert zu Hause, mit unseren Eltern und Verwandten? Können wir mit unseren Babys und Kleinkindern hier in den Zelten die Herbstnächte aushalten, die immer kühler werden?« Doch die Gottesdienste gaben Hoffnung. »Ein Wort aus dem biblischen Hebräerbrief entwickelte sich zu einer Art Lagerlosung«, berichtet Békefy. »Es lautete: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern suchen die Zukünftige.«

Die Pfarrer freilich motivierte ein anderes Bibelwort: »Gastfrei zu sein, vergesst nicht. Denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.« Im Auftrag der Flüchtlinge riefen sie Verwandte in der DDR an, brachten Briefe zur Post und begleiteten Menschen ins Krankenhaus. Doch die Seelsorger spürten auch die Angst, die über allen lag: »Die Flüchtlinge erzählten von Menschen, die absichtlich Desinformationen verbreiteten«, erinnert sich der Pfarrer. »Man fürchtete die Stasi.« Viele Flüchtlinge blieben deswegen schweigsam.

Andere freilich berichteten den Seelsorgern von ihren Zweifeln am Sozialismus. »Die DDR und ihre Vertreter behandeln uns wie Kleinkinder«, sagte etwa ein Ingenieur aus Dresden zu Békefy. »Sie wollen mir sagen, was ich darf oder nicht, was ich denken soll und was nicht – von dieser Bevormundung habe ich genug.« Eine Frau berichtete, unter dem »Honecker-Regime« fühle sie sich eingesperrt wie im Gefängnis. »In der DDR konnte ich nicht mehr richtig atmen, keine Luft mehr bekommen.« »Die Menschen spürten den Ruf der Freiheit, den man weder begraben, einmauern oder erwürgen kann«, resümiert der Seelsorger und fügt hinzu: »Freiheit gehört so elementar zum Menschsein dazu, wie die Luft, das Wasser oder das Licht.«

Am 10. September dann geschah, was das Schicksal der Menschen ändern sollte. Die Verhandlungen zwischen dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow waren vorangekommen. Kurz nach dem Abendgottesdienst in der Lagerkirche erreichte die Menschen die erlösende Botschaft: Das ungarische Staatsfernsehen berichtete, dass die Menschen in den Westen ausreisen durften.
»Was danach geschah, kann man einfach nicht beschreiben oder richtig wiedergeben«, erinnert sich Lajos ­Békefy. »Da entstand blitzschnell eine Freudennacht, in der alle Menschen Geschwister wurden.« Während die Menschen draußen feierten, ging ­Békefy ein letztes Mal in die leere Lagerkirche. »Meine Augen waren voller Tränen, denn ich spürte die Einmaligkeit dieser Stunde. Ich spürte, hier hat Gott gewirkt.«

Von Benjamin Lassiwe

Hildegard von Bingen

18. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der Film »Vision« unter der Regie von Margarethe von Trotta kommt in die Kinos

Am 24. September startet bundesweit der Spielfilm »Vision«, der unter der Regie von Margarethe von Trotta das Leben Hildegards von Bingen erzählt.

Barbara Sukowa in der Rolle der Hildegard von Bingen. Foto: Concorde Filmverleih

Barbara Sukowa in der Rolle der Hildegard von Bingen. Foto: Concorde Filmverleih

Da steht sie, Hildegard von Bingen, im Klostergarten, aufgelöst, zornig und verzweifelt. Nichts ist geblieben von der Ruhe und Weisheit einer hochmittelalterlichen Äbtissin. Sie schreit ihre Mitschwester Richardis an, sie fleht und bettelt und wirft ihr schließlich vor, aus purem Egoismus zu handeln. Der Hintergrund: Richardis, gespielt von Hannah Herzsprung, die geliebte Vertraute von ­Hildegard, ist zur Äbtissin eines ­norddeutschen Klosters gewählt worden – und möchte die Wahl annehmen.

Hildegard klammert sich mit ­aller Gewalt an sie, den wichtigsten Menschen in ihrem Leben: Und zum ersten Mal muss auch sie sich von ­Richardis vorwerfen lassen, nur an sich zu denken, andere zu dominieren und ihren Willen rücksichtslos durchzusetzen. Es sind Szenen wie diese, die zeigen, dass die Regisseurin Margarethe von Trotta wenig Interesse an einer nachträglichen Überzuckerung ihrer Hauptdarstellerin, verkörpert von Barbara Sukowa, hatte. »Wenn man Hildegard auf Dinkelplätzchen und die Figur im Schrebergarten beschränken will, so ist das eine Reduktion«, sagt die Regisseurin.

Was fremd an ihr blieb, wird im Film nicht zurechtgestutzt. Hildegard von Bingen (1098–1179) war, das dürfte trotz der gewaltigen Zeitspanne gelten, die die Gegenwart von ihrer Zeit trennt, eine besondere Frau. Die Aufzeichnungen, die sie hinterlassen hat, belegen einen universal gebildeten Menschen, der sich in mittelalterlicher Theologie und Naturkunde bestens auskannte.

Einmalig die Szene, in der sie ihrem Sekretär, dem Benediktinermönch Volmar, der von Heino Ferch gespielt wird, einen Text über die Geschlechtslust des Mannes diktiert, dem die weibliche Begierde nach Empfängnis entspreche. Der vielleicht ein wenig zu herzensgut gespielte Mönch ist jedenfalls über das Wissen Hildegards ziemlich verdattert.

Es gelingt Margarethe von Trotta gleichwohl, die Fremdheit der Zeit und ihrer Menschen im Film zu bewahren. »Die zeitliche Einbettung der Menschen, Hildegards Weltbild mit der Hölle unten und Gott im Himmel und auch ihre tiefe Frömmigkeit sind mir fremd geblieben«, sagt Margarethe von Trotta. »Doch ihre geistige Kraft, die ja im Gegensatz zu ihrer körperlichen Schwäche stand, hat mich beeindruckt – immerhin hat sie zwei Klöster gegründet.«

Möglich, dass manche dem Film Längen vorwerfen. Doch die genaue Beobachtung physischer Details, eines Augenaufschlags, einer Gebetshaltung, einer plötzlichen Eingebung, macht dem modernen Beobachter die eigene rasende Lebensgeschwindigkeit nur umso stärker deutlich. Die Dreharbeiten fanden unter anderem im Kloster Eberbach in Hessen und im Kloster Maulbronn in Württemberg statt.

Christian König

Jungen brauchen Männer

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Fachtage: Der Rolle des Mannes kommt in der Arbeit mit Jungen eine besondere Bedeutung zu

Jungen ticken anders als Mädchen. Also müssen sie auch anders angefasst werden. Zwei Fachtage beschäftigen sich mit diesem Thema. Von Sabine Kuschel

Ein Mann wird zum Mann durch männliche Begleitpersonen. Foto: BilderBox.com

Ein Mann wird zum Mann durch männliche Begleitpersonen. Foto: BilderBox.com

Was macht den Mann zum Mann? Die Gene, die Hormone, das soziale Umfeld, die Tradition, die Erziehung? Ganz klar: »Männer werden von Testosteron gemacht und von Frauen geprägt«, lautet die Antwort von Jürgen Reifarth, Studienleiter der Evangelischen Akademie Thüringen und Mitglied der Fachgruppe Jungenarbeit in Thüringen. Dabei wünscht er sich, dass Jungen nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern geprägt werden. »Jungen brauchen Männer. Eine Frau wird zur Frau durch weibliche Vorbilder. Und ein Mann wird zum Mann durch männliche Begleitpersonen.« Reifarth spricht von einer Feminisierung im Bildungswesen, auf diesem Gebiet dominierten die Frauen. In Kindergärten und Grundschulen seien zu wenig oder gar keine Männer anzutreffen und das wirke sich nachteilig auf die Entwicklung von Jungen aus.

Der Studienleiter weiß, dass er mit diesem Thema ideologisch vermintes Gebiet betritt, denn je nachdem wie das Weibliche oder Männliche definiert wird, lassen sich dominierende und untergeordnete Rollen festschreiben. Zudem ist nicht eindeutig festzumachen, was typisch Mann und was typisch Frau ist. In vielen Eigen-
schaften unterscheiden Männer und Frauen sich überhaupt nicht voneinander. Dennoch: Auch wenn es zahlreiche übereinstimmende Merkmale gebe, zu einem großen Teil seien Frauen und Männer nicht identisch. »Jungen ticken anders als Mädchen«, ist Reifarth überzeugt. Er arbeitet in der 2005 in Thüringen gegründeten Fachgruppe Jungenarbeit mit und sammelt seit 2004 Erfahrungen bei den regelmäßig stattfindenden Jungenwochenenden. Von daher weiß er, dass bestimmte Themen und Angebote bei Jungen gut ankommen, andere nicht. Bei Projekt-Wochen zur DDR-Geschichte zum Beispiel interessierten sich Jungen vorrangig für die Themen »Flucht«, »Grenze« und »Grenzanlagen«, »NVA«, »Kampfgruppen« und »Stasi«. Mädchen seien zwar auch an »Stasi« interessiert, noch stärker aber an Themen wie »Frauen in der DDR« und »Bildung«.

Typisch für Jungen: Aggressivität und Mobilität – Eigenschaften, die auf das Hormon Testosteron zurückzuführen seien. »Jungen sind wettbewerbsorientiert und sie haben ein ­Faible für Hierarchien.« Deshalb bräuchten sie andere Bildungs- und Freizeitangebote als Mädchen, betont Reifarth. Mehr Action und Bewegung, erlebnisorientierte Angebote, die dem Selbstbehauptungswillen und der ­Aggressivität entsprächen. Die Reflexionsfähigkeit hingegen sei bei den Jungen geringer als bei Mädchen.

Reifarth hat nichts dagegen einzuwenden, dass Frauen mit Jungen arbeiten. »Sie können viel tun, aber die Arbeit hat Grenzen. Manchmal ist ein Mann gefragt.« Dass jedoch in Kindergärten nur in Ausnahmefällen männliche Erzieher tätig sind und auch Grundschullehrer eine Rarität darstellen, sei ein großes Manko. Das Thema sei umso brisanter, da Studien belegten, dass Jungen den Mädchen hinterherhängen, so Reifarth.

»Der Typus des Benachteiligten«, erklärt er, »früher war dies das katholische Mädchen vom Lande. Heute sind es Jungen mit Migrationshintergrund aus der Stadt.«

Offensichtlich aber holen Männer im Berufsleben wieder auf, zumindest verdienen sie nach aktuellen Studien mehr als Frauen. Gleichwohl sind Frauen vehement auf dem Vormarsch in Leitungspositionen, in die oberen Chefetagen. »Mädchen sind besser qualifiziert, ihre Abschlüsse und ihre Berufswahl sind erfolgreicher – und sie sind mobiler«, konstatiert Reifarth. Eine junge Frau, die nach einem Studium oder einer Ausbildung in ihrer Heimat keinen Job finde, gehe dorthin, wo es Arbeit gibt. »Jungen sind bodenständiger.«

Dass Jungen ins Hintertreffen geraten sind, macht der Fachgruppe Jungenarbeit, in der Männer aus der Jugendhilfe und -bildung, aus verschiedenen Vereinen und Verbänden arbeiten, Sorgen. Das Gremium hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf das Problem aufmerksam zu machen, Lobbyarbeit zu leisten. Seit 2005 wird zu Fachtagen für Jungenarbeit eingeladen, um dafür zu sensibilisieren, dass Jungen spezifisch auf sie zugeschnittene Angebote brauchen und dass der Rolle des Mannes in der Jungenarbeit eine besondere Bedeutung zukommt. Darum geht es auch bei dem am 23. September in Neudietendorf stattfindenden Fachtag mit dem Thema »Männer in der Arbeit mit ­Jungen«.

Das geheime Thema neben dem offiziellen sei bei jedem Jungenwochenende der Umgang miteinander, erzählt Reifarth. »Die Jungen müssen sich mit uns als Männern auseinandersetzen.« Dass keine Mütter und Mädchen dabei sind, erlebten sie als entlastend. »Sobald eine Frau auftaucht, verändert sich die Situation.« Reifart schildert, wie die drei bis vier Betreuer den Jungen Gelegenheit geben, den Spielraum zu testen. »Was passiert bei Sanktionen?« »Was sind die Regeln?« »Wer ist der Boss, wer hat das Sagen?« Ähnliche Fragen werden auch bei dem Fachtag »Männer in der Arbeit mit Jungen« beleuchtet.

In Ergänzung zu dieser Veranstaltung soll es am 29. Oktober in Jena-Lobeda ­einen Fachtag »Frauen in der Arbeit mit Jungen« geben. Dabei soll es ­darum gehen, wie Frauen mit Jungen arbeiten und wo die Grenzen liegen. Vorträge und Workshops geben Anregungen für die Praxis, wie zum Beispiel Frauen mit den Eigenheiten der Jungen, ihrer Coolness und Aggres­sivität, der erwachenden Sexualität umgehen können.

Das Glück macht regelmäßig Pause

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Das Geheimnis des Glücks – ein Gespräch mit dem Philosophen Wilhelm Schmid

Das Leben besteht aus ­Gegensätzen: aus Freude und Unlust, Positivem und Negativem und zum Leben gehört der Tod. Und das ist gut so, findet Wilhelm Schmid. Mit ihm sprach Sabine ­Kuschel.

Wilhelm Schmid wurde ­bekannt durch seine Bücher über die Fülle des Lebens und das Glück. Geboren 1953 in Billenhausen in Bayrisch-Schwaben, ­studierte er Philosophie und ­Geschichte. Er lebt als freier Autor  in Berlin und hält deutschlandweit Vorträge. Außerdem lehrt er Philosophie als außerplan- mäßiger Professor an der ­Universität Erfurt. Jahrelang arbeitete er als »philosophischer Seelsorger« in einem Schweizer Krankenhaus. Foto: Dirk von Nayhauß

Wilhelm Schmid wurde ­bekannt durch seine Bücher über die Fülle des Lebens und das Glück. Geboren 1953 in Billenhausen in Bayrisch-Schwaben, ­studierte er Philosophie und ­Geschichte. Er lebt als freier Autor in Berlin und hält deutschlandweit Vorträge. Außerdem lehrt er Philosophie als außerplan- mäßiger Professor an der ­Universität Erfurt. Jahrelang arbeitete er als »philosophischer Seelsorger« in einem Schweizer Krankenhaus. Foto: Dirk von Nayhauß

Herr Schmid, die meisten Menschen sind irgendwie auf der Suche nach dem Glück. In Ihren Büchern hingegen wird deutlich, dass das Streben nach Glück im Leben nicht das Wichtigste ist …

Schmid: In der Philosophiegeschichte kann man beobachten: Die Frage nach »Glück« beschäftigt die Menschen nur alle Hundert Jahre mal. Bei der Suche danach werden sie verrückt und dann legt sich das wieder und alle führen ein normales Leben. Das war z. B. im Zeitraum 1750 bis 1800 so. Damals hatten viele Menschen den Eindruck, ohne Glück lohne sich das Leben überhaupt nicht. Das gab sich dann wieder. Auch heute und hier könnte man sagen: Guckt wie das in Afrika, in Bangladesch ist. Glaubt ihr, dass diese Leute Zeit haben, sich jeden Tag nach dem Glück zu fragen? Sollten wir uns nicht vielmehr darum kümmern als unsere Zeit damit zu verbringen, dem Glück hinterherzuhechten, und es genau dadurch zu verfehlen?

Wichtiger als Glück, so schreiben Sie, ist Sinn. Das klingt zunächst abstrakt, ist jedoch greifbar nahe: Sinn ist dort, wo Zusammenhänge entstehen oder hergestellt werden. Und dies geschieht durch sinnliche Erfahrungen: durch Sehen, Hören, Schmecken, Berühren. So einfach ist das.

Schmid: In der Philosophie zeigt sich: Die Wahrheit ist immer ganz einfach. Und so ist es mit dem Sinn eben auch. Dadurch, dass wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, bekommen wir Zusammenhang mit der Welt. Und je stärker wir diesen sinnlichen Zusammenhang mit der Welt haben, desto stärker haben wir das Empfinden von Sinn. Das ist allerdings nur der Anfang. Es gibt noch anspruchsvollere Ebenen von Sinn, wenn gefühlte Zusammenhänge entstehen zwischen Menschen, z. B. in der Freundschaft, noch mehr in der Liebe. Wenn Menschen sich sehr lieben, stellen sie die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr. Das ist sehr typisch für diese Menschen. Sie sind im Besitz des Sinns des Lebens, und müssen deswegen gar nicht mehr danach fragen.

Demnach haben religiöse Menschen gute Chancen, Sinn zu fühlen, wenn sie nach Gott fragen und damit einen größeren, über sie selbst hinausführenden Zusammenhang suchen?

Schmid: Ja, es gibt auch geistige Zusammenhänge. Das ist mir wichtig zu sagen: Es gibt die Möglichkeit sich einen Zusammenhang zwischen endlicher Welt und unendlicher Welt vorzustellen. Ich weiß nicht, ob es diese andere Welt gibt. Aber im Leben ist ­alles nach Gegensätzen organisiert. Aus dieser Tatsache schließe ich, dass es zum Endlichen auch noch den ­Gegenpol des Unendlichen gibt. Ich kann über diese Dimension nichts Zuverlässiges sagen. Ich kann nicht mal sicher sagen, ob es sie gibt. Es liegt mir fern, diese Dimension präzise zu benennen, so wie Theologien es tun. Sie sagen: Diese Dimension heißt Gott. Ich spreche lieber vom Göttlichen, das ist etwas neutraler. In unserer abendländischen christlichen Geschichte wird Gott gern als Mann vorgestellt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott ausgerechnet ein Mann sein soll. Ich stelle mir auch nicht vor, dass es eine Frau ist. Ich stelle mir vor, dass er fern von allen menschlichen Kategorien ist. Deswegen leider auch fern von Kategorien wie »Gut« und »Gerechtigkeit«. Denn das sind mensch-
liche Kategorien. Im 1. Kapitel des Johannesevangeliums, Vers 18 heißt es: »Niemand hat Gott je gesehen.« Dieser Text zeigt, dass auch im Christentum ein philosophisches Bewusstsein vorhanden ist. Dass all das, was Gott dann zugeschrieben wurde, menschliche Leistung ist.

Die Theodizee, die Tatsache, dass in unserer Welt Böses geschieht, macht es manchen Menschen, auch Christen schwer, an Gott zu glauben …

Schmid: Die Christen sind selber Schuld, wenn sie an einen Gott glauben, der nicht die gesamte Fülle des Lebens beinhaltet nach ihrem Verständnis. Im Unterschied zu anderen Religionen glauben Christen, Gott müsse absolut gut sein. Er darf nicht zugleich böse sein. Er darf nur das Positive repräsentieren und nicht auch das Negative. Mit so einem Gottesbild kann man nur scheitern, denn Leben beinhaltet auch negative Seiten und auch Leid. Gott festgelegt zu haben auf denjenigen, der nur für das Gute steht, bringt die Theodizee erst hervor. Die Theodizee ist nicht Gottes Problem, die Theodizee ist das Christenproblem. Wenn wir annehmen, dass Gott für Allmacht steht, dann muss er auch Negatives umfassen, sonst gibt es keine Allmacht. Wenn Gott nur für das Gute stünde, müsste man sagen: Das ist keine Allmacht, das ist nur eine Halbmacht.

Glücklich ist, wer einsieht, dass zur Fülle des Lebens die Gegensätze gehören …

Schmid: Dass das Leben nicht nur aus Lust und Freude besteht, kann jeder jeden Tag an seinem eigenen und am Leben anderer studieren. Leben ist Freude und Nichtfreude. Es gibt nicht nur Erfolg. Es gibt ­ immer auch Misserfolg. Alle erfolgreichen Menschen haben entsetzliche Erfahrungen von Misserfolg gemacht. Deswegen sind sie so erfolgreich ­geworden, weil sie sich nach Misserfolgen wieder berappelt haben.

Leben ist immerwährende Gegensätzlichkeit. Die entscheidende Frage dabei: Kann ich damit einverstanden sein? Kann ich aufhören damit, ständig gegen das anzukämpfen was mir nicht passt. Wenn ich das kann, ergibt sich daraus eine Haltung der Gelassenheit. Ein Mensch, der das Leben in seiner Gegensätzlichkeit gelten lassen kann, wird heiter, im Unterschied zur Fröhlichkeit. Heiterkeit gibt es nicht nur in positiven, sondern auch in negativen Zuständen. Heiter kann man auch sein, wenn man traurig ist. Es ist ein grundsätzliches Einverstandensein mit dem Leben.

Wir müssen akzeptieren, dass es Negatives gibt?

Schmid: Es ist eine sehr große Frage, mit welchem Negativen wir leben müssen. Wenn ein Mensch Parkinson bekommt, wäre ich der Letzte, der sagen würde: Nun, damit muss er leben. Nein, ich sage: Lasst uns Forschungen machen, um herauszufinden, ob es dafür genetische Ursachen gibt. Aber wir können nicht erwarten, dass diese Forschungen – wenn sie erfolgreich sein sollten, dass nicht trotzdem Nebenwirkungen auftreten. Die ganze bisherige moderne Geschichte zeigt: Mit allem, was wir an Negativem abschaffen, schaffen wir uns irgendetwas herbei, das doch wieder negativ ist. Wir dürfen nicht daran glauben, dass dieser Prozess jemals aufhören wird. Und wissen Sie was, ich bin sehr froh darüber, denn so haben wir immer etwas zu tun. Denn wie stellen Menschen sich das vor, wenn es nichts mehr zu kämpfen gebe: gegen Negatives, gegen Verletzungen, gegen Traumatisierung, gegen Krieg, gegen Krankheit, gegen Hunger, gegen Not? Wenn wir nichts mehr zu kämpfen ­haben, glauben wir im Ernst, dass wir dann noch zu Höchstleistungen imstande sein werden?

»Verweile doch, du bist so schön«, sagt Goethe über die glücklichen ­Momente. Und so geht es uns auch. Wir wollen das Glück festhalten …

Schmid: Es ist wichtig, Auszeiten ­dazwischenschalten, die sich ja im ­Leben ganz von allein einstellen. Die sogenannten tristen grauen Zeiten, die sind dafür da, dass das Glück sich wieder erholen kann.

Und wenn es nach einer Pause nicht wieder zurückkommt?

Schmid: Wenn Menschen aus ihrem Unglücklichsein nicht mehr herauskommen, müssen sie sich darin einrichten. Am besten mit einem Garten. Wenn kein Garten zur Verfügung steht, dann wenigstens mit einem Balkon. Wenn kein Balkon zur Verfügung steht, dann wenigstens mit einem kleinen Garten im Zimmer, also Pflanzen. Da erlebt man die Kreisläufe der Natur. Eine Pflanze gedeiht, fällt in sich zusammen und kommt von Neuem hervor. Wenn der Mensch das sieht, fühlt er sich wieder geborgen. Denn wir können Sinn erfahren in den Zusammenhängen, die zwischen uns und allem Leben existieren. Ich bin nur ein Teil, ein Sandkorn, inmitten dieser belebten und unbelebten Natur. Ich kann mich eingegliedert ­fühlen in diese äußerste Vielfalt von Zusammenhängen.

Es hat gute Gründe, warum Menschen auftanken können, wenn sie raus in die Natur gehen. Hier finden sie eine Fülle an Sinn vor, die das Leben für sich allein in der Wohnung nicht bieten kann.
In der linearen Zeit der Moderne kann ein Mensch sich nicht geborgen fühlen. Der moderne Mensch kennt nur vergehende Zeit und hastet ihr ständig hinterher. Schon wieder sind fünf Sekunden vergangen. Aber die Zeit vergeht ja nicht. Der moderne Mensch glaubt daran, dass die Zeit vergeht, er letzten Endes stirbt und danach ins Nichts fällt. Ich kenne kein Nichts. Nehmen wir den menschlichen Körper. Wenn er nach dem Tod in die Erde gelegt wird, tut die Natur ihr Werk. Nicht ein Atom wird vernichtet, kein Molekül geht verloren. Es wird umgewandelt in neues Leben. Sollte das mit der Seele und dem Geist so viel anders sein? Das Leben ist wertvoll genau dadurch, dass es zeitlich begrenzt ist. Alles was begrenzt ist, wird wertvoll. Würde das Leben endlos dauern, hätte es keinen Wert mehr. Wir würden ein furchtbar, um nicht zu sagen, tödlich langweiliges Leben führen.

Sexualität – ein Geschenk Gottes

18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottesbilder im Alten Testament (5): Gott und der Eros

In einer mehrteiligen Serie beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Bibel von Gott redet.

Im Hohelied der Liebe finden sich in der Bibel - zum Verdruss mancher Theologen - auch sehr irdisch-erotische Liebeslieder. Bildquelle: Uni Leipzig

Im Hohelied der Liebe finden sich in der Bibel - zum Verdruss mancher Theologen - auch sehr irdisch-erotische Liebeslieder. Bildquelle: Uni Leipzig

Es gibt gegenwärtig einen Trend in unseren Kirchen, der längst in den USA allgegenwärtig ist: Sexualität ist nur innerhalb der Ehe erlaubt, und ein von dieser Norm abweichendes Verhalten gilt als christlich nicht akzeptabel. Aber die Bibel ist ganz und gar nicht sexualfeindlich und es gibt nicht einen einzigen Satz darin, der als Begründung gegen Sex vor der Ehe herhalten kann. Anders als von manchen gern behauptet, lassen sich sogar ­stellenweise Belege des Gegenteils entdecken: Texte, die von der Sehnsucht eines unverheiratetes Liebespaars nach körperlicher Vereinigung berichten. Das »Hohelied der Liebe«, eine Sammlung ganz irdisch-erotischer Liebeslieder, kennt diesen Gedanken: In Kapitel 2,16f träumt eine junge, ganz offensichtlich nicht verheiratete Frau, von einer Liebesnacht im Freien, und ähnlich ist es in Kapitel 7,11ff.

Dass es in der Bibel eine solche Liedersammlung gibt, war immer wieder ein Problem für Theologen. Die Deutung der Texte auf »Jahwe und sein Volk« oder »Jesus und seine Gemeinde« sind jedoch reine Verlegenheitslösungen und haben mit dem Hohelied nichts zu tun. Durchaus begründet dagegen ist die Auslegung: Gott schenkt uns – und zwar nicht nur in der Ehe! – die Sexualität als Ausdruck tiefer Gemeinsamkeit, als Quelle der Freude und der Lust.

Für das Erste Testament ist die Sexualität etwas völlig Normales, nichts Verwerfliches oder gar Schmutziges. Es gibt darin freilich Vorstellungen, die für uns nicht begreiflich und nicht nachvollziehbar sind – so etwa, wenn die Töchter Lots aus Angst, anders keine Kinder bekommen zu können, ihren Vater betrunken machen und dann mit ihm schlafen (1. Mose 19,30ff.). Befremdlich und abstoßend auch die vorangehende Erzählung, in der Männer aus Sodom zwei Engel vergewaltigen wollen, die bei Lot zu Gast sind, und er ihnen – das heilige Gastrecht wahrend – stattdessen seine jungfräulichen Töchter anbietet.

Wenn wir uns informieren wollen, welche Vorstellungen von erlaubter und unerlaubter Sexualität es im Alten Testament gibt, so gehört es auch dazu, diese fremden Vorstellungen wahrzunehmen. Übrigens kann angenommen werden, dass »Jahwe«, der spätere Gott Israels, in vorbiblischen, nichtjüdischen Überlieferungen mit der syrischen Göttin Aschera als Paar zusammen gesehen wurde. Archäo­logische Funde belegen dies – die ­Vorstellung von Sexualität in der Welt der Götter war weitverbreitet, wurde freilich von Israel abgelehnt. Gegen Aschera wurde in der hebräischen Bibel später massive Polemik geübt.

Aber in den Vorstellungen, wie »Jahwe« sei, gab es ohnehin eine Vielzahl von Veränderungen im Laufe der Zeit: Von einem Berg- und Wüstengott, an den nur eine Gruppe von Beduinen glaub­te, wurde er im Alten Testament dann schließlich zum Schöpfer und Beherrscher der ganzen Welt. Noch einmal mit Betonung: Beides sind menschliche Vorstellungen von Gott und den Göttern. Jede Rede von Gott hat ihre gesellschaftlichen Bedingungen, die aus der jeweiligen Zeit nicht herauszunehmen sind.

Zu einem nach wie vor kirchlich heftig diskutierten Thema: Unbestreitbar ist es, dass im Ersten Testament wie auch im Zweiten, aber ohne ein einziges Wort Jesu zum Thema, Homosexualität verworfen wird. Dies hat im Wesentlichen damit zu tun, dass sie nicht der Zeugung neuen Lebens dient. Es sei darauf hingewiesen: Für das Juden- wie für das Christentum dient Sexualität in erster Linie der Fortpflanzung. Gott straft auch Onan, der seinen Samen durch vorzeitigen Abbruch des Geschlechtsverkehrs auf die Erde fallen lässt, also die Fortpflanzung verweigert (1. Mose 38). Vielleicht war ein wesentlicher Aspekt auch der, dass Israel sich von den »heidnischen Völkern« ringsherum abgrenzen wollte, in denen weithin Homosexualität durchaus akzeptiert und als mögliche Form menschlichen Liebeslebens geduldet wurde.

Die Aussagen der Bibel zur Sexualität können nicht einfach in unsere Zeit übernommen werden, weil sie aus einer anderen Zeit stammen. Dass der Prophet Hosea von Gott aufgefordert wird, sich eine Hure zur Frau zu nehmen, muss uns fremd erscheinen, mag diese Handlung in ihrer Zeit auch ein nachvollziehbares Zeichen gewesen sein. Dennoch: ein Gottesmann und eine Prostituierte! Wie sähe unsere Reaktion aus, wenn eine stadtbekannte Prostituierte in einen Gottesdienst käme, an dem auch wir teilnehmen?! Wer die biblischen Aussagen zur Sexualität als »Messlatte« für unseren Glauben und unsere Zugehörigkeit zu Gott nimmt, muss dies notgedrungen auch mit allen anderen Aussagen der Bibel tun. Und da gäbe es viele Aussagen neu zu entdecken – gerade mit Blick auf das Verhältnis von Arm und Reich.

Ulrich Tietze

Traum vom eigenen Gotteshaus

11. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Im Jahr 1939 fand in der ­Nikolaikirche in Tallinn der letzte deutsche Gottesdienst statt. Matthias Burghardt möchte gern der erste ­deutsche Pfarrer im 21. Jahrhundert sein, der in der ­estnischen Kirche predigt.

Pfarrer Matthias Burghardt vor dem Turm der ehemals deutschen Nikolaikirche. (Foto: Annika Falk)

Pfarrer Matthias Burghardt vor dem Turm der ehemals deutschen Nikolaikirche. (Foto: Annika Falk)

Zehn Mitglieder hatte die deutsche Erlösergemeinde Nömme, als sie Matthias Burghardt vor drei Jahren übernahm. Heute zählt die Gemeinde über 60 Mitglieder. Neben regelmäßigen Gottesdiensten organisiert der 38-jährige Pfarrer Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und ­Beerdigungen – dabei pendelt er ­zwischen der Hauptstadt Tallinn (deutsch: Reval), der Universitätsstadt Tartu (deutsch: Dorpat) und dem Städtchen Viljandi (deutsch: Fellin). Hunderte Kilometer legt er jede Woche zurück.

Burghardt ist kein Auslandspfarrer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sondern angestellt bei der Eesti Evangeelne Luterlik Kirik (EELK), der estnischen Amtskirche. Seine Frau Anne, eine gebürtige Estin, arbeitet am Theologischen Institut in Tallinn. Der vierjährige Sohn Karl Otto besucht den estnischen Kindergarten. Matthias Burghardt fühlt sich wohl auf der »Insel der Gleichberechtigung«, wie er den baltischen Staat nennt. Um perfekt in die estnische Bevölkerung integriert zu sein, möchte er Russisch lernen. 25 Prozent der knapp 1,4 Millionen Einwohner Estlands sind Russen.

Matthias Burghardt hat in Marburg und Kiel studiert, sein Vikariat in Braunschweig absolviert und zwei Jahre in Riga gearbeitet. In Estland betreut er eine Gemeinde, die aus Deutschbalten, Russlanddeutschen und deutschen Fachkräften besteht. »Hier gab es 50 Jahre keine Möglichkeit der Gemeindearbeit«, sagt Burghardt. »Da ist einiges nachzuholen.« Der Pfarrer feiert Kindergottesdienst, bietet Bibelstunden an und leitet zwei Hauskreise. Eine eigene Kirche hat die Gemeinde nicht. Gottesdienste feiert sie in der schwedischen Kirche.

Doch immer, wenn der Pfarrer an der ehemals deutschen Nikolaikirche vorbeigeht, beginnt er zu träumen. Seit 1939 wurden hier keine deutschen Gottesdienste mehr abgehalten. Das Pfarrhaus der deutschen Gemeinde stand direkt neben der Kirche, viel früher befand sich hier wahrscheinlich ein Kloster. Matthias Burghardt strebt an, das deutsche Gemeindehaus wieder aufzubauen und in der Kirche zu predigen.

Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist der Pfarrer seit zwei Jahren Religions- und Philosophielehrer am englischen Gymnasium, arbeitet als Hilfspfarrer in einer estnischen Gemeinde und ist Synodenmitglied der estnischen Kirche. Neben Deutsch, Englisch und Niederländisch spricht Burghardt mittlerweile fließend Estnisch und Lettisch. Zurück möchte er nicht mehr: »Ich schätze den speziellen Humor mit Hang zur Selbstironie und den ausgeprägten Individualismus der Menschen.«

Annika Falk

Zu Besuch bei den Kiwis

11. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Das Leipziger »Ensemble Nobiles« machte eine Konzerttournee durch Neuseelands Kirchen.

In ihren Alltagsklamotten sehen sie aus wie ganz normale Abiturienten, auf der Bühne werden Paul Heller, Christian Pohlers, Lucas Heller, Gregor Praetorius und Julius Linnert (v. l.) zu professionellen Sängern.  (Foto: Uwe Winkler)

In ihren Alltagsklamotten sehen sie aus wie ganz normale Abiturienten, auf der Bühne werden Paul Heller, Christian Pohlers, Lucas Heller, Gregor Praetorius und Julius Linnert (v. l.) zu professionellen Sängern. (Foto: Uwe Winkler)

»The Choir from Bach’s Church« (der Chor aus Bachs Kirche) – so wurden sie in den neuseeländischen Kirchen vorgestellt. Die sechs Sänger des »Ensemble Nobiles« haben anderthalb Jahre organisiert und geplant, damit die Konzerttournee mit Musik der deutschen Romantik stattfinden konnte. Vor drei Jahren haben die damaligen Thomaner das Vocalensemble gegründet. Mit dem Chor waren sie es gewohnt, auf der ganzen Welt zu singen. »Aber dem Chorleiter hinterherzutrotten oder alle Auftritte in Eigenregie zu organisieren, ist doch was anderes«, so Sänger Christian Pohlers. Mehr von Land und Leuten habe er dieses Mal gesehen als bei den Chortourneen durch Europa, Japan, Südkorea, Australien und Amerika.

Die 18- bis 19-jährigen Sänger übernachteten während der drei Wochen in Familien der ortsansässigen Kirchgemeinden. »Die Kiwis sind ein unheimlich gastfreundliches Volk«, so Gregor Praetorius. Über eine Bekannte seines Vaters entstand der Kontakt nach Neuseeland. Außerdem profitierten sie von den Beziehungen ihres Förderers, dem ehemaligen Leipziger Kulturbürgermeister Georg Girardet, der ihnen zu einer deutschsprachigen Busfahrerin und vielen ­Essenseinladungen bei Verwandten verhalf.

Manchmal waren die selbst ernannten »Kulturbotschafter« enttäuscht über wenige Besucher. Schuld daran waren die fehlenden Plakate, die wochenlang per Post unterwegs und nicht rechtzeitig bei den Kirchgemeinden angekommen waren. Werbung machten sie deshalb selbst, sangen in Cafés und auf der Straße, um auf ihre Konzerte aufmerksam zu ­machen. Und man erklärte ihnen, dass 60 Besucher in einem 4000-Seelen-Nest ein großer Erfolg seien für Neuseelands nicht gerade blühende Kulturlandschaft.

Besonders begeistert war das Publikum von dem neuseeländischen Volkslied »Tutira Mai Nga Iwi«, das sie in der Eingeborenensprache Te Reo Maori zum Besten ­gaben. »Daraufhin kam gleich ein neuseeländischer Komponist auf uns zu, der uns jetzt ein Stück mit ­Shakespearetexten schreiben möch­te«, so Paul Heller. Er hat wie seine Mitsänger gerade das Abitur in der Tasche und will weiter singen.

»Manchmal vielleicht in ­anderer Besetzung und weiterhin als Hobby, aber wir wollen professioneller werden«, so der Tenor. Einige Sänger fangen in Leipzig an zu studieren, aber Bariton Felix Hübner geht nach Frankreich und ­Tenor Gregor Praetorius zum Freiwilligendienst des Leipziger Missionswerkes nach Indien. Trotzdem stehen im September an ­allen Wochenenden Auftritte an, manchmal sogar zwei täglich.

Am 12. September tritt das Ensemble um 20 Uhr gemeinsam mit der Mädchengruppe »Chickpeas« in der Gedächtniskirche in Schönefeld auf. Um 22.15 Uhr geht es bei der Nacht der offenen Kirchen in der Heilands­kirche Leipzig weiter.

Annika Falk

www.nobiles.de.tl

Gott mutet auch sehr Schweres zu

11. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottesbilder im Alten Testament (4): Gott und das Böse

In einer mehrteiligen Serie beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Bibel von Gott redet.

Die Bibel, vor allem das Erste Testament, interessiert sich nur ­wenig für den Teufel. In manche der biblischen Texte wird er hineinge-
deutet, ohne dass dies sachlich begründet wäre, wie bei der Schlange in 1. Mose 3.

Die Tatsache, dass im Christentum und teilweise auch im Judentum die Schlange mit dem Teufel identifiziert wird, führte zu einem sicherlich falschen Verständnis dessen, was sie in der Versuchungsgeschichte bedeutet. Hier wird gesagt: Der Mensch kann sich für Gut oder Böse entscheiden. Die Verantwortung liegt bei ihm, nicht bei einer externen bösen Macht.

Nachdenkenswert ist es, dass die Vorstellung vom personifizierten Bösen erst spät auftritt. In älteren Texten werden mit Gott gelegentlich »böse« Taten in Verbindung gebracht, die später auf den Teufel übertragen ­wurden: In 2. Samuel 24 ist es Gott, der David zur Volkszählung reizt, in 1. Chronik 21 der Satan. Der spätere Erzähler konnte sich Gott nicht mehr als denjenigen vorstellen, der etwas Böses, Verführerisches tut, deshalb nennt er den »Gegenspieler« als Verursacher. Aber es fällt auf, dass der hier »eingeführte« Satan im weiteren Lauf der Geschichte nicht mehr vorkommt. Offenbar ist er für ihr Verständnis nicht nötig.

Bemerkenswert bleibt: Beide Berichte wurden in die Bibel übernommen und dabei nicht angeglichen. Der Widerspruch wird ausgehalten, nicht ausgeblendet. Schwerer fiel es den Gläubigen in der Zeit, als die Chronik-Geschichte entstand, dagegen ganz offenbar, in Gott auch den Verursacher des Bösen auf der Welt zu ­sehen. Gott als der ausschließlich Gute – ein Glaubenssatz, der bis in ­unsere Zeit reicht und nicht wenige Texte des ­Alten Testamentes ausblendet. Dass Gott das Böse zulässt, ist ­unstrittig. Dass er es aber verursachen kann, mag uns eine fremde Vorstellung sein.

Und doch findet sie sich schon beim ältesten Propheten der Bibel, bei Amos im dritten Kapitel. Im Rahmen diverser Fragen, bei denen die richtige Antwort auf der Hand liegt, wird auch das Unheil auf Gott als den Verursacher zurückgeführt: »Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?« Das mag uns befremden und ­erschrecken, ist aber eine Aussage der Bibel, für die sich viele Beispiele finden lassen.

Die biblische Figur des Hiob - in einer Darstellung des französischen Malers Léon Bonnat (1833 bis 1922). Repro: Uni Leipzig

Die biblische Figur des Hiob - in einer Darstellung des französischen Malers Léon Bonnat (1833 bis 1922). Repro: Uni Leipzig

Besonders eindrücklich ist die Darstellung Satans im Buch Hiob. Er gehört zum Hofstaat Gottes, zieht über die Erde und richtet keineswegs ohne Erlaubnis Gottes Böses an, sondern sucht auf der Erde Dinge, die Gott missfallen müssten. Wenn es zutreffen sollte, dass das Buch Hiob eine Art ­Gerichtsverhandlung darstellt – in manchen neueren Forschungen wird das so gesehen –, dann hätte Satan ­gewissermaßen die Rolle des Staatsanwaltes inne, des Vertreters der Anklage. Dies entspräche übrigens an nicht wenigen Stellen dem, was sonst im Ersten Testament über ihn gesagt oder gedacht wird.

Beim Gespräch zwischen ihm und Gott über den frommen Hiob kommt es bekanntlich zu einer »Wette«: Während Satan sich zutraut, Hiob vom Glauben abzubringen, hält Gott das für unwahrscheinlich. Er gesteht Satan eine begrenzte Macht über Hiob zu – aber eben nur eine begrenzte. Im Hiob-Buch ist sogar die spannende Frage möglich: Wenn hier die Gestalt des Satans gar nicht vorkäme – würde das etwas verändern? Mir scheint: nein. Wenn die harten, ja brutalen Prüfungen der Titelfigur dieses Buches allein aus der Hand Gottes kämen und nicht einer Wette zwischen Gott und dem Satan entsprängen, gäbe es durchaus Vergleichbarkeiten mit der Geschichte von der Opferung Isaaks (1. Mose 22), in der Gott Unbegreifliches fordert, und anderen biblischen Texten, in ­denen der »verborgene, unheimliche Gott« geschildert wird.

Gott ruft Menschen in seinen Dienst – diese Erfahrung gilt seit Jahrtausenden. Er mutet ihnen dabei auch schwerste Erfahrungen zu, und aus dem Ersten Testament können wir lernen, die unterschiedlichsten Gottesbilder auszuhalten und nebeneinander stehen zu lassen. Israel hat sich diese Freiheit genommen und bewahrt, vielleicht ist das auch für uns hilfreich.

Noch ein Aspekt: Wie geht, pauschal gesagt, das Erste Testament mit dem Bösen im Menschen um? Eine zentrale Stelle ist hier Psalm 99, Vers 8: »Du, Gott, vergabst ihnen und straftest ihr Tun«, so übersetzt Luther. Noch besser sind hier andere Übersetzungen, etwa die eines katholischen Theologen: »Vergebergott«, schreibt er – und weist so darauf hin, dass Gott im Alten Testament Sünde vergibt. Aber dennoch muss der Mensch mit den Konsequenzen seines Tuns leben, auch mit dem, was er als Strafe empfindet. Für all das ist kein Gegenspieler Gottes nötig. Nach all dem Unheil, das die Teufelsvorstellungen angerichtet haben, ist es Zeit zu sagen: Weg mit dem Teufel!

Ulrich Tietze

Auf der Flucht vor der US-Armee

11. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Kriegsdienstverweigerung: Der Deserteur André Shepherd hat in Deutschland Asyl beantragt.

Deserteuren eilt der Ruf des Kriegs- und Vaterlandsverrates voraus. Doch was ist, wenn weiterer Kriegsdienst Verrat am eigenen Gewissen ist?

War offiziell Teil der »Guten« und merkte, dass er doch dem Bösen dient: André Shepherd desertierte nach einem Einsatz in Irak von der US-Armee. (Foto: connection-ev.de)

War offiziell Teil der »Guten« und merkte, dass er doch dem Bösen dient: André Shepherd desertierte nach einem Einsatz in Irak von der US-Armee. (Foto: connection-ev.de)

Hätte man André Shepherd mit 19 Jahren nach seinen Zukunftsplänen gefragt, hätte er vermutlich erklärt, etwas mit Computern machen zu wollen. »Roboterentwicklung hat mich schon immer fasziniert.« Dass der US-Amerikaner heute Bewohner eines Asylbewerberheims in Süddeutschland ist, und von staatlicher Versorgung und 40 Euro Taschengeld im Monat lebt, hätte er dagegen wohl selbst in seinen übelsten Albträumen nicht vorhergesehen.

Doch in den USA platzte Ende der 1990er Jahre die »dot.com«-Blase. Mit der Computerindustrie ging es berg­ab, und der frisch ausgebildete Informatiker Shepherd fand keinen Job. 2004 meldete er sich freiwillig zur ­Armee. »Ich war zwei Mal obdachlos, nachdem ich die Universität beendet hatte«, sagt Shepherd. »Ich habe auf einen guten Start in ein besseres Leben gehofft.« Denn als Shepherd in die Armee eintrat, hatte man ihm versprochen, ein Teil des Guten zu sein. Shepherd würde gegen Diktatoren wie Saddam Hussein kämpfen, und überall auf der Welt Menschen die Freiheit bringen. »Im Rekrutierungsbüro bat man mich, die Welt zu retten«, sagt Shepherd. »Aber ich muss zugeben, dass ich damals auch sehr naiv war.«

Dass sich der Alltag in der US-Armee dann doch etwas anders darstellt, merkte Shepherd im Irak. Er war zum Mechaniker für den Kampfhubschrauber Apache AH-64 ausgebildet worden, der mit Raketen und Maschinengewehren feindliche Ziele beschießt. »Alles, was man mir damals erzählt hat, war eine komplette Lüge«, sagt Shepherd heute. »Der Irakkrieg dient doch nur dazu, die Amerikaner gegen den Iran in Stellung zu bringen – unsere Armee war lediglich ein Werkzeug des Imperialismus.« Die von George W. Bush als Kriegsgrund genannten Massenvernichtungswaffen habe es im Irak nie gegeben. Als seine Einheit nach ihrem Einsatz im Irak wieder an ihrem Stützpunkt in Katterbach (bei Ansbach) stationiert war, beschloss Shepherd, zu desertieren.

»Ich packte alle meine Sachen in mein Auto, und fuhr einfach davon«, sagt Shepherd. Freunde halfen ihm mehrere Monate lang. Dann stellte der Amerikaner den Antrag auf politisches Asyl in Deutschland. »In den USA bin ich zur Fahndung ausgeschrieben, weil ich in Kriegszeiten von der Truppe desertiert bin«, so der ehemalige Soldat. Dem Deserteur droht deswegen theoretisch sogar die Todesstrafe. »Ich kann kein amerikanisches Konsulat betreten, nicht nach Hause fahren – und auch nirgendwo hin, wo die Amerikaner Einfluss haben.«

Doch André Shepherd hat eine Mission: Auf Veranstaltungen christlicher Friedensorganisationen wirbt er für seine Sicht der Kriege im Irak und Afghanistan. »Ich denke, dass auch der deutsche Einsatz in Afghanistan verkehrt ist«, sagt André Shepherd, während in den Nachrichtensendungen des Fernsehens die Bilder vom Angriff auf die entführten Tanklastzüge in Kundus um die Welt gehen. »Auch dort geht es nicht mehr um die Suche nach Osama bin Laden, wie es George Bush einst verkündet hat«, sagt Shepherd. »In Afghanistan geht es um den politischen Einfluss am Hindukusch, um den Bau von Pipelines abzusichern.«

Dabei ist Shepherd nach wie vor durchaus davon überzeugt, dass ein Krieg in bestimmten Fällen auch gerechtfertigt sein kann. »Krieg darf aber immer nur das letzte Mittel sein, und im Irak wie in Afghanistan waren wir noch nicht in dieser Situation.«

In Deutschland wird Shepherd von christlichen Organisationen unterstützt, wie dem Verein »Connection e.V.«, der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerer und der Zentralstelle für Recht und Schutz von Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen. Halt und Rechtfertigung aber gibt ihm sein wiedergefundener Glaube: »Ich komme aus einer baptistischen Familie, und war nie besonders religiös«, sagt ­Shepherd. Aber: »Als ich Asylbewerber wurde, begann ich wieder nach dem Sinn des Lebens zu fragen«, sagt Shepherd. »Ich begann, wieder in der Bibel zu lesen – und merkte, dass ich alles, was dort über Krieg und Frieden stand, innerlich schon lange unterschrieben habe.«

Benjamin Lassiwe

Der Streit um die Deserteure

Mehr als 100 Friedensgruppen und Organisationen aus der gesamten Bundesrepublik haben sich in einem gemeinsamen Aufruf für die Anerkennung des Asylantrages des US-Deserteurs André Shepherd ausgesprochen. Darin heißt es: »Wir betonen: Kriegsdienstverweigerung und Desertion sind ­mutige individuelle Schritte, sich nicht an Krieg, Kriegsverbrechen und ­militärischer Gewalt zu beteiligen. Das Nein zum Krieg ist ein wichtiger Schritt zur Beendigung des jeweiligen Krieges.« Die Bundesregierung wird deshalb aufgefordert, Shepherd Asyl zu gewähren.

Wie umstritten der Umgang mit Deserteuren ist, zeigt der jahrzehntelange Kampf um die Rehabilitierung der Wehrmachtdeserteure. Während alle ­anderen Unrechtsurteile der NS-Militärjustiz 1989 pauschal aufgehoben wurden, galt für Deserteure nach dem sogenannten »Kriegsverrats«-Paragrafen eine Einzelfallprüfung – heute freilich in den meisten Fällen gar nicht mehr möglich. Erst an diesem Dienstag hat der Bundestag die entsprechenden NS-Urteile pauschal annulliert. Kein Wunder, dass gegen die Einweihung ­eines

Denkmals für Deserteure und Opfer der NS-Militärjustiz am 1. September in Köln ein rechtsextremes Netzwerk »Nationaler Sozialisten« mit dem Slogan »Eidbruch ist keine Heldentat« zu Felde zog … (GKZ)

Drei konkrete Möglichkeiten zur Unterstützung von André Shepherd finden sich unter
www.connection-ev.de/aktion-usa.php.

»Ein gemeinsames Geschenk und eine Herausforderung«

3. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der künftige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).

Der norwegische Lutheraner Olav Fykse Tveit leitet ab kommendem Jahr die ­wichtigste Dachorganisation der nichtkatholischen ­Christenheit. Benjamin ­Lassiwe sprach mit ihm über die Herausforderungen des ÖRK.

Gilt als ausgeglichene Persönlichkeit und erfahrener Kirchendiplomat: Der  48-jährige Olav Fykse Tveit wird neuer ÖRK-Generalsekretär. Sein Doppelname wird übrigens »Füchse-Tväit« gesprochen. (Foto: Benjamin Lassiwe)

Gilt als ausgeglichene Persönlichkeit und erfahrener Kirchendiplomat: Der 48-jährige Olav Fykse Tveit wird neuer ÖRK-Generalsekretär. Sein Doppelname wird übrigens »Füchse-Tväit« gesprochen. (Foto: Benjamin Lassiwe)

Herr Fykse Tveit, 2017 feiern die ­Protestanten das 500. Jubiläum von Martin Luthers Wittenberger Thesenanschlag. Die katholische Kirche ist bisher kein Mitglied im ÖRK. Wo wird 500 Jahre nach der Reformation die Ökumene stehen?
Fykse Tveit:
Ich denke, dass 2017 ein wirklich ökumenisches Jubiläum sein sollte. Wir sollten diese Gelegenheit nutzen, um zu sehen, dass die Reformation nicht nur der Beginn des Protestantismus, sondern auch eine Wiederentdeckung des Evangeliums war. 2017 feiern wir unseren gemeinsamen Schatz des Evangeliums. Denn das Evangelium ist schließlich die Basis aller ökumenischer Beziehungen – auch wenn das in der weltweiten Ökumene noch längst nicht hinreichend herausgearbeitet ist. Ich hoffe deswegen, dass sich der ÖRK 2017 darüber klar ist, dass das Evangelium ein Band der Einheit zwischen den Kirchen und Kriterium für gegenseitige Anerkennung ist.

Hoffen Sie auf ein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken?
Fykse Tveit:
Ich denke, dass sich Katholiken und Protestanten noch viel mehr annähern können, als es bisher geschehen ist. Und ich denke, dass ein gemeinsames Abendmahl möglich ist, ja. Denn wir haben schon ein großes gemeinsames Verständnis darüber, was die Sakramente eigentlich sind. Uns trennt die Frage, wer einer Sakramentsfeier vorsteht, und in welchem Verhältnis diese Person zur Kirchenstruktur steht. Ich denke, dass diese Frage schwierig ist. Aber wir können daran weiterarbeiten, wenn wir es für wichtig halten, dass wir durch das ­gemeinsame Feiern der heiligen Sakramente ein gemeinsames Zeugnis geben.

Eine ökumenische Herausforderung sind die neuen evangelikalen und pfingstkirchlichen Bewegungen in vielen Ländern der Erde. Wie soll der ÖRK damit umgehen?
Fykse Tveit:
Ich denke, bei manchen Fragen können wir noch sehr viel stärker zusammenarbeiten. Ich bin nicht sicher, ob es zu einer vollen Mitgliedschaft der Pfingstkirchen im ÖRK kommen wird. Aber ich hoffe, dass der ÖRK das Potenzial sieht, das in ihrem Verständnis des Evangeliums zu finden ist. Und ich sehe, dass sich auch die Pfingstkirchen immer stärker mit Themen wie Frieden und Gerechtigkeit beschäftigen – während Evangelisation und Mission auch bei uns wieder stärker auf die Tagesordnung kommen.

War die ökumenische Bewegung in den letzten Jahren zu politisch?
Fykse Tveit:
Das ist zumindest das Bild, das die Pfingstler und Evange­likalen von ihr hatten. Deswegen hatten sie Probleme, sich ihr anzuschließen. Persönlich glaube ich, dass die ökumenische Bewegung sowohl die Verkündigung des Evangeliums als auch das politische Zeugnis in der Welt betreiben sollte. Ich denke, heute sehen es auch Pfingstler und Evangelikale differenzierter. Es ist kein »entweder – oder« mehr, wie noch vor ein paar Jahren.

Spannungen gibt es im ÖRK auch mit den Orthodoxen. Zum Beispiel haben sie durchgesetzt, dass keine ­ökumenischen Gottesdienste mehr im ÖRK gefeiert werden.
Fykse Tveit:
Wir haben nun über mehrere Jahre das Verhältnis der Orthodoxen zum ÖRK diskutiert. Neue Herausforderungen sind entstanden. Aber wir dürfen nicht zu dem Schluss kommen, dass wir nun weniger gemeinsam beten, als wir es schon getan haben. Die ökumenische Bewegung gründet sich auf dem Gebet Christi. Deswegen muss sie gemeinsam beten können. Es bleibt eine Herausforderung, dafür eine gemeinsame Form zu finden, mit der wir alle zufrieden sein können. Das ist keine leichte Aufgabe, aber wir müssen sie angehen. Und dann denke ich, dass die theologischen Fragen der orthodoxen Kirchen ernst genommen werden müssen. Aber als Protestanten müssen wir auch zurückfragen: Zum Beispiel, was es bedeutet, dass auch wir Kirchen sind. Wir haben die gleichen Bekenntnisse, immerhin zwei Sakramente und das gleiche Evangelium – wir müssen nach der Bedeutung dieser Gemeinsamkeiten fragen.

Besonders problematisch ist die Situation von Christen in vielen islamischen Ländern. Muss sich der ÖRK nicht auch dieser Herausforderung stellen?
Fykse Tveit
: Der ÖRK muss sich intensiv mit dem Islam beschäftigen. Er darf die Kirchen in mehrheitlich muslimischen Ländern in ihrem Zusammenleben mit Muslimen nicht allein lassen. Auch in Europa wird es zunehmend wichtiger, wie wir mit muslimischen Nachbarn umgehen. Für Kirchen etwa im Nahen Osten ist es wichtig, im Umgang mit den Muslimen die Unterstützung der weltweiten Kirchen zu haben. Aber wir dürfen nicht durch unbedachte Äußerungen Spannungen verstärken. In Norwegen hat die lutherische Kirche zusammen mit Vertretern der Muslime festgehalten, dass wir uns gemeinsam für die Religionsfreiheit einsetzen – ein Recht, dass den Wechsel der eigenen Religion ausdrücklich mit einschließt.

Amerikaner und Europäer sind nach wie vor die wichtigsten Finanziers des ÖRK. Muss das Folgen für die Strukturen des ÖRK haben?
Fykse Tveit:
Ich denke, dass der ÖRK die Realität widerspiegeln muss. Sowohl bei der Frage, wer mehr Ressourcen hat, als auch bei der Frage, wer mehr Bedarf für eine globale Institution hat, wer es nötig hat, das seine Stimme in einem globalen Kontext ­gehört werden muss. Als Mitglieds-
kirchen unterstützen wir ein gemeinsames, globales Projekt – der ÖRK ist unser gemeinsames Geschenk und ­unsere gemeinsame Herausforderung.

Gibt es etwas spezifisch Norwegisches, was Sie in Ihre Arbeit an der Spitze des ÖRK einbringen möchten?
Fykse Tveit:
Es gibt keine spezielle norwegische Agenda, im Sinn, dass wir irgendetwas für uns Norweger erreichen müssten. Aber wenn wir etwas zu einem gut funktionierenden ÖRK beitragen können, und andere Kirchen in der Welt davon profitieren können, dann freut uns das. Wir hatten als kleines Land nie eine Geschichte des ­Kolonialismus, wohl aber immer eine Geschichte des miteinander Teilens und von anderen Empfangens. Als ÖRK-Generalsekretär möchte ich mich wohl dafür einsetzen, diese Perspektive in der Zusammenarbeit der Kirchen zu verstärken.

Faszinierende Epoche

3. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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800. Domjubiläum: Das Kulturhistorische Museum Magdeburg zeigt Sonderausstellung »Aufbruch in die Gotik«

Die Ausstellung vermittelt Einblicke in eine Epoche, in der neben der Architektur auch die Kunst, Kultur und die Lebenswelt der Menschen einen Umbruch erfuhr.

Die sogenannte Kleine Ecclesia aus dem Straßburger Münster wurde um 1230 aus rötlichem Sandstein gearbeitet. Kunsthistoriker sehen in ihr aber eine Darstellung, die im 13. Jahrhundert sehr oft zu finden ist: die Königin von Saba. Nach alttestamentlicher Überlieferung trat sie vor König Salomo, um seine Weisheit zu prüfen. (Foto: Kulturhistorisches Museum Magdeburg)

Die sogenannte Kleine Ecclesia aus dem Straßburger Münster wurde um 1230 aus rötlichem Sandstein gearbeitet. Kunsthistoriker sehen in ihr aber eine Darstellung, die im 13. Jahrhundert sehr oft zu finden ist: die Königin von Saba. Nach alttestamentlicher Überlieferung trat sie vor König Salomo, um seine Weisheit zu prüfen. (Foto: Kulturhistorisches Museum Magdeburg)

Zwei mit brauner Tinte eng beschriebne Papierseiten erzählen die Geschichte zum Jubiläum: Am Palmsonntag 1207 zog der neue Erzbischof Albrecht II. von Käfernburg, aus Rom kommend, in Magdeburg ein. Am Karfreitag brach im Breiten Weg ein Feuer aus, das nicht nur die Stadt, sondern auch den Dom Kaiser Ottos vernichtete. Noch im selben Jahr ließ der Domkustos die stehen gebliebenen Mauern abreißen.

Die Magdeburger Schöppenchronik zählt nicht nur zu den wichtigsten Stadtchroniken des deutschen ­Spätmittelalters. Ihr erster Verfasser, ­Heinrich von Lamspringe, schrieb im 14. Jahrhundert die Ereignisse auf, die zur Grundsteinlegung für den Neubau des Magdeburger Domes im Jahr 1209 führten. Es ist die ausführlichste Quel­le zum damaligen Geschehen, in der sich auch das rege Interesse des Magdeburger Stadtrates widerspiegelt.

Für die sachsen-anhaltische Landesausstellung »Aufbruch in die Gotik«, die am 30. August zum 800-jährigen Domjubiläum im Kulturhistorischen Museum eröffnet wurde, ist die Chronik als Leihgabe der Staatsbibliothek Berlin nach Magdeburg zurückgekehrt. Weitere Leihgaben aus zehn europäischen Ländern und den USA, insgesamt rund 400 Exponate, berichten in acht Abteilungen über einen faszinierenden Abschnitt des Mittel-
alters. Der Magdeburger Dom, erste gotische Kathedrale auf deutschem Boden und das zweitgrößte gotische Bauwerk nach dem Kölner Dom, steht auch für einen Wandel auf anderen Gebieten.

Denn im Aufbruch waren nicht nur Baumeister, die die neuen Formen aus Frankreich nach Deutschland brachten und die Romanik als Baustil ablösten. Über den Kaiserdom Ottos des Großen, Neuerungen beim Bau des gotischen Domes und seine Vorbilder, die gotische Architektur insgesamt ­sowie Kirchenschätze informieren die Abteilungen eins bis vier der Schau. Der Sarkophag der Königin Editha, die Skulptur der heiligen Kunigunde vom Bamberger Dom sowie Goldschmiedekunst aus dem 13. Jahrhundert sind herausragende Exponate.

Geistliche, die an den neu gegründeten Universitäten in Italien und Frankreich ausgebildet worden waren, sorgten ab 1200 für einen Kultur- und Wissenstransfer, dem sich die fünfte Abteilung der Schau widmet. Im Abschnitt »Herrschaft und Gesellschaft« geht es um die Tatsache, dass sich unter dem Stauferkaiser Friedrich II. das politische Gewicht im Heiligen Römischen Reich auf weltliche und geistliche Landesherren verlagerte. In dieser Zeit schrieb Eike von Repgow das bedeutendste deutsche Rechtsbuch des Mittelalters, den »Sachsenspiegel«. In der Ausstellung ist hierzu die prachtvolle, um 1300 entstandene Heidelberger Bilderhandschrift vertreten. Kapitel sieben widmet sich dem »Bild von der Welt«, das um 1200 weit gereiste Kaufleute, Pilger und Kreuzfahrer in Bewegung brachten. Auch die Städte erlebten in dieser Zeit einen Aufschwung. Einblicke in das Leben wohlhabender Bürger bietet der letzte Teil der sehenswerten Schau.

Ergänzt wird sie um Begleitausstellungen, die sich ebenfalls unterm Dach des Kulturhistorischen Museums befinden. In »Der Dom und die Steine« ist zusehen, woher das Material für den Magdeburger Dom kam. Die Wanderausstellung »Von der Kunst, mit Vögeln zu jagen. Das Falkenbuch Friedrichs II.« informiert über eine der berühmtesten Handschriften aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Dem »Klang der Gotik« schließlich können Besucher in einem Musikerlebnisraum lauschen, den Fachleute für historische Musikinstrumente und Aufführungspraxis vom Schloss Wernsdorf bei Bamberg gestaltet haben.

Die Ausstellung »Aufbruch in die Gotik – Magdeburg und die späte Stauferzeit« im Kulturhistorischen Museum Magdeburg ist bis 6. Dezember zu sehen.

Angela Stoye


www.gotik2009.de

Gott, du bist so unbegreiflich!

3. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Gottesbilder im Alten Testament (3): Der verborgene und strafende Gott

In einer mehrteiligen Serie fragen wir danach, wie die Bibel von Gott redet.

Schon während des Theologiestudiums faszinierte es mich, wenn wir Texten des Ersten Testaments auf den Grund zu gehen versuchten – mit der Erforschung ihrer ursprünglichen Gestalt, mit den Veränderungen, die sie im Laufe langer Zeit (nicht selten Jahrhunderte!) erfuhren. Diese Faszination hält bis heute an, sie gilt insbesondere Texten, in denen der »verborgene Gott« im Mittelpunkt steht, dessen Handeln wir schwer begreifen können. So fordert Gott von Abraham, der gegen alle Wahrscheinlichkeit im hohen Alter noch Vater wird, Unbegreifliches: Er soll seinen Sohn Isaak opfern (1. Mose 22). Eine grausige ­Vorstellung, die bis heute Menschen befremdet, irritiert, abstößt – verständlicherweise.

Begegnung mit der dunklen Seite Gottes - Abrahams Glaube wird auf die Probe gestellt, in dem er seinen Sohn Isaak opfern soll - auch wenn Gott selbst die Opferung verhindert, bleibt die Geschichte irritierend. Hier in einer Darstellung aus der im 13. Jahrhundert entstandenen Chronik des Rudolf von Ems. (Foto: Uni Leipzig)

Begegnung mit der dunklen Seite Gottes - Abrahams Glaube wird auf die Probe gestellt, in dem er seinen Sohn Isaak opfern soll - auch wenn Gott selbst die Opferung verhindert, bleibt die Geschichte irritierend. Hier in einer Darstellung aus der im 13. Jahrhundert entstandenen Chronik des Rudolf von Ems. (Foto: Uni Leipzig)

Der Text kommt uns wahrscheinlich kaum weniger fremd vor, wenn wir wissen: In der Zeit, als er entstand, waren Menschenopfer gang und gäbe. In dieser Geschichte ist die brutale Vorstellung enthalten, Gott könne Menschenopfer fordern, und sie hat in der Kirchengeschichte immer wieder schreckliche Folgen gehabt. In der ­Ursprungsgestalt war hier vielleicht auch nicht von Abraham und seinem Sohn die Rede, sondern von einem Namenlosen, den ein uns fremder Gott zum Opfer auffordert. Das Volk Israel nahm sich die Freiheit, alte Dämonengeschichten aufzunehmen und zu bearbeiten.

Für viele Menschen ist die Geschichte vom »Kampf am Jabbok« (1. Mose 32) wichtig geworden: ­Jakob kämpft bei Nacht mit Gott. Er wird zwar auf die Hüfte geschlagen und künftig als Hinkender gezeichnet sein, hat jedoch seinem Gegner den Segen abgerungen. Diese mir sehr liebe ­Geschichte, Begleiterin in vielen schwierigen Lebenssituationen, hat nicht ohne Grund etwas Unheimliches, Fremdes, vielleicht auch Bedrohliches.

Dass hier ein böser Geist am Anfang der Überlieferung stand, ist dem Text noch anzumerken: Die Aufforderung von Jakobs Gegner, ihn ziehen zu lassen, weil die Morgenröte naht, weist darauf hin – Albträume, böse Geister und Gespenster scheuen das Morgenlicht. War hier ursprünglich vom Kampf zwischen einem Wanderer oder Jäger und einem Flussdämon die Rede, so wurde im Laufe der Zeit (möglicherweise über Jahrhunderte) daraus der nächtliche Kampf Jakobs mit dem Gott Israels.

In diesen Texten straft Gott Menschen nicht, hat aber eine unheimliche, seine Liebe und Fürsorge verbergende Seite. Diese Erfahrung mit dieser Seite Gottes durchzieht übrigens auch die Psalmen. In extremer Weise gilt dies für Psalm 88, der zwar als Gebet an Gott gerichtet ist, aber kein einziges Wort der Hoffnung mehr zum Inhalt hat. Von dieser Verborgenheit Gottes zur Auffassung: »Er bestraft mich!«, ist es oft nur ein kleiner Schritt. Daher gibt es bekanntlich auch nicht selten die Vorstellung im Ersten Testament, dass Gott Menschen strafen kann.

Eines von vielen möglichen Beispielen ist 4. Mose 21: die Schlangenplage in der Wüste. Das Volk murrt, wie so oft nach dem Auszug aus ­Ägypten, beklagt sich bei Mose über die Situation des Elends mitten in der Wildnis. Und Gott sendet zur Strafe Giftschlangen, die viele Israeliten durch ihren Biss töten. Mose, der ­immer wieder die Rolle eines Vermittlers zwischen den Menschen und Gott spielt, bittet Gott, die Strafe zurückzunehmen, und erhält von diesem Gott, der eben noch als unbarmherzig und strafend erscheint, den Auftrag, eine eherne Schlange zu bauen. Wer sie anschaut, bleibt auch als Gebissener am Leben.

Ganz anders ist es in vielen Psalmen, in denen die Vorstellung herrscht: Gott erträgt sehr wohl das Klagen und Murren von Menschen und lässt nicht nur mit sich reden, sondern geradezu handeln.

Dass Israel solche harten, vielleicht gar unbarmherzig wirkenden Vorstellungen und Bilder von Gott bewahrt hat, empfinde ich als hilfreich. Ob ich solche Gottesbilder übernehmen kann, muss ich für mich entscheiden. Spätestens bei eigenen Leidenserfahrungen jedoch stellt sich für jeden Menschen diese Frage. Dass Gott eine verborgene, unbegreifliche, auch strafende Seite hat, gehört nach meiner Auffassung zu unseren Erfahrungen mit ihm – und zu unserer Rede von ihm durch all die Zeiten hindurch, in denen er immer wieder auch verborgen bleiben konnte.

Ulrich Tietze

Die graue Eminenz hinter unserem Tun

3. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Ethik: Das Gewissen beeinflusst unser Entscheiden und Handeln, aber es ist weder definiert noch hinterfragbar

»Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen«, sagt der Volksmund. Doch was verbirgt sich hinter dieser ominösen ­Instanz eigentlich? Und wie ­sicher ist dieses Ruhekissen?

Nicht immer ist unser Gewissen ein ­sanftes Ruhekissen. Das Gewissen kann uns auch quälen – und sogar täuschen und verführen …  (Foto: Begsteiger)

Nicht immer ist unser Gewissen ein ­sanftes Ruhekissen. Das Gewissen kann uns auch quälen – und sogar täuschen und verführen … (Foto: Begsteiger)

Das Gewissen ist für unser Menschsein wesensbestimmend. Dass es existiert, aber wegen seiner komplexen Natur begrifflich nur schwer zu fassen ist, ist im Grunde genommen beinahe schon alles, was sich mit allgemeingültiger Bestimmtheit sagen lässt. Denn niemand, der auf intellektuelle Redlichkeit Wert legt, vermag ruhigen Gewissens zu sagen, was das eigentliche Wesen dieser »inneren Instanz« ist.

Während Theologen das Gewissen als ein Zeichen unserer Gottebenbildlichkeit deuten, handelt es sich für Psychologen und Soziologen lediglich um ein Produkt individueller und gesellschaftlicher Erfahrungen. Und unter manchen Hirnforschern sind sowohl der »freie Wille« als auch das »Gewissen« ohnehin nichts als pure Illusion. Gleich dem »Ich«, der ­»Moral« oder »Gott« ist auch unser »Gewissen« lediglich ein Konstrukt unseres Gehirns – also eines genetisch vorprogrammierten Ensembles von neuronalen Verschaltungen und biochemischen Prozessen.

Trotz aufsehenerregender Befunde der modernen Hirnforschung, bleibt das ­Gewissen aus philosophischer Sicht ein ursprüngliches Phänomen. Das heißt, es kann weder definiert noch hinterfragt – allenfalls befragt werden. Und zwar allein hinsichtlich seiner »tatsächlichen« – faktisch erlebbaren – Bedeutung. Unstrittig unter Geistes-, Sozial und Biowissenschaftlern ist immerhin, dass dem Gewissen eine fundamentale Bedeutung für die Sittlichkeit einer Person zukommt. Denn wie die Erfahrung lehrt, führt der Ausfall des Gewissens als Ganzes unweigerlich zur Perversion der Personalität.

In Sachen »Gewissen« erscheint also nur eines gewiss: Ohne Gewissen geht es nicht! Das Dilemma solch »negativer« Bestimmung ist, dass wir auf eine allgemeingültige »positive« Bestimmung, was denn nun ein »intaktes Gewissen« ausmacht, verzichten müssen. Weder wissen wir zu sagen, woher denn genau jene ­»innere Stimme« kommt, noch was sie uns eigentlich mitzuteilen hat. Doch diese auf den ersten Blick so unbefriedigende begriffliche Unschärfe hat auch ihr Gutes: Sie ist ein Hinweis darauf, dass »Gewissen« im engeren Bezug zur »Freiheit« steht.

Zwar gibt es mancherlei kollektive Übereinkünfte, die das soziale Zusammenleben in einer Gesellschaft regeln; die mehr oder weniger verbindlich festlegen, was »gut« oder »böse« ist. Doch diese von »außen« kommenden Normen sind nur Teil unseres erst im Lebensvollzug ­individuell erworbenen »inneren« sittlichen Bewusstseins. So vermag eine gelungene Sozialisation und Erziehung ­unsere Moral zwar mit Inhalten zu versorgen, doch das Gewissen selbst kennt keine konkreten Inhalte, sondern ausschließlich konkrete Situationen. Allein in der konkreten Situation, in der es sich bewährt, ist unser individuelles Gewissen »tatsächlich« gegenwärtig und geht dennoch nicht in der Situation auf. Anders ausgedrückt: Ohne sittliches Bewusstsein ist auch das Gewissen nichts. Aber ­seinem Gewissen zu folgen, bedeutet ungleich mehr als ein sittliches Bewusstsein zu haben.

Einer der Ersten, der im Gewissen eine individuelle, von aller kaiserlichen und päpstlichen Macht unabhängige Instanz erkannte, war Martin Luther. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 trotzte er Kaiser und Papst mit den Worten: »Mein Gewissen ist gefangen in den Worten Gottes«. Dies war die Geburtsstunde des freien Individuums – des freien Christenmenschen, dessen Gewissen weder weltlicher noch kirchlicher Macht, sondern allein dem Willen Gottes unterworfen ist. Die Folgen jenes individuellen Gewissens- und Glaubensaktes auf die Geistesgeschichte des Abendlandes können gar nicht überschätzt werden. Auch unser Bundesverfassungsgericht steht gewissermaßen noch in der Nachfolge Luthers, wenn es der Stimme des Gewissens »den Charakter eines unabweisbaren, den Ernst eines die ganze Persönlichkeit ergreifenden sittlichen Gebotes« zubilligt.

Der Mensch hat indes die Freiheit, sein Gewissen zu verleugnen. Er kann die Verantwortung für sein Handeln »verpachten«, indem er sich etwa zum Instrument und Funktionär einer Partei, Institution oder Gruppe macht. Auch bedeutet ­»Gewissensfreiheit« keineswegs, dass die Stimme des Gewissens immer recht hat. Unser Gewissen ist vage und keineswegs vor Irrtümern gefeit.

Auch Gewissensentscheidungen bedürfen einer glaubhaften Begründung. Der Christ findet diese Begründung in der Bibel. Doch bedeutet dies nun ­keineswegs, dass sein Gewissen nun etwa automatisch eine direkte Verbindung zu Gottes Willen eingeht. Ach das christliche Gewissen bleibt vage.

Auch der Christ, sofern er nicht zur pharisäerhaften Selbstgerechtigkeit neigt, kann vom Gewissen gequält, verführt und in die Irre geleitet werden.

Auch der Christ hat Anteil an der Fragwürdigkeit menschlicher Existenz in einer gefallenen Welt. Sofern sich das Gewissen als ein Zug unserer Gottebenbildlichkeit, als ein ­Zeichen unserer besonderen Würde und Freiheit erweist, geschieht dies allein aus göttlicher Gnade.

Ein »gutes Gewissen« – so steht es im Hebräerbrief, Kapitel 9,13-14 – gewähren allein der Glaube an die Versöhnungstat Christi und das Wort der Vergebung.

Von Reinhard Lassek