Sich vom Licht ausruhen
27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Kultur
Die Kulturgeschichte des Schattens

Der Schatten birgt ein unerschöpfliches Repertoire an Entdeckungen. Foto: epd-bild
Dramatische Ereignisse werfen ihre finsteren Schatten voraus, zu kurz Gekommene stehen im Schatten der Erfolgreicheren, negative Erlebnisse hinterlassen einen Schatten auf der Seele.
»Schatten sind seit jeher mit Argwohn und Angst verbunden«, sagt der italienische Philosoph Roberto Casati, der ein Buch über den Schatten »als rätselhafte Erscheinung« geschrieben hat. Schatten könnten Angst machen, wie Casati erklärt, weil sie »fremdartige Gebilde« seien, »zweidimensional, körper- und farblos«.
»Bist nicht aus Fleisch und Blut und empfindest keinen Schmerz«, wirft der griechische Philosoph Platon in einem von Casati ausgedachten Zwiegespräch seinem Schatten Skia vor. Worauf dieser kontert: »Aber die Kühle, die meine Brüder dir spenden, wirst du nicht verachten.«
Schatten bedeutet dabei zweierlei, wofür beispielsweise das Englische auch zwei verschiedene Wörter hat: Es ist einmal der Raum, der vor direktem Sonnenlicht geschützt ist, auf Englisch »shade«. Und es ist der zweidimensionale Schatten, den ein Objekt wirft, weil es dem Licht sozusagen im Weg steht, »shadow«.
Profis im Umgang mit Licht und Schatten sind Fotografen: »Mit Licht und Schatten steuert man die Dramaturgie des Bildes«, sagt der Hamburger Fotograf Peter Noßek. »Der Schatten in der Fotografie«, weiß Noßek, »macht das Bild plastisch und interessant.« Wichtig sei ein harmonisches Zusammenspiel von Licht und Schatten: »Schwierig wird es immer dann, wenn man von einem zu viel hat.«
Aus diesem Grund ist der Schatten auch für die Lichtplanerin Ulrike Brandi bedeutend. »Es ist vor allem das Zwiegespräch zwischen Licht und Schatten, das uns berührt«, sagt sie. Das »Loch im Licht«, wie Brandi den Schatten auch nennt, ermöglicht nicht zuletzt, sich vom Licht »einmal auszuruhen«. Darüber hinaus birgt der Schatten für Brandi ein »unerschöpfliches Repertoire an Entdeckungen«, wenn er auf Wände fällt oder wenn er durch Blätter gefiltert wird.
Der Schatten hat dabei etwas Spontanes, etwas Launenhaftes. Der Schatten sei die »Erinnerung des Lichts«, beschreibt Casati poetisch das Gegensatzpaar.Vor allem in nicht-westlichen Kulturen werden dem Schatten Kräfte mannigfaltiger Art zugestanden, vielen gilt er gar als »Abbild der Seele«. So muss sich ein Brahmane in Indien reinigen, wenn sein Körper vom Schatten eines »Unberührbaren« gestreift wird. Und die Zulu in Afrika, so Casati, erinnern sich immer an das Nahen des Todes, wenn ihr Schatten kürzer wird.
Darijana Hahn (epd)
Buchhinweis: Casati, Roberto: Die Entdeckung des Schattens. Die faszinierende Karriere einer rätselhaften Erscheinung, Berliner Taschenbuch Verlag, 326 S., ISBN 978-3-8333-0192-6, 9,90 Euro
