Die Hoffnung noch nicht aufgegeben

27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Entführt: Seit Jahren arbeiteten sie in einem Krankenhaus im Jemen – seit Wochen sind sie verschollen

Seit dem 12. Juni fehlt von der fünfköpfigen Familie Hentschel, die als christliche Aufbauhelfer im Jemen ­arbeiteten, jede Spur. Doch Verwandte und Freunde ­hoffen und beten weiter für ein glückliches Ende.

Wollten aus christlicher Verantwortung den Menschen helfen: Sabine und ­Johannes Hentschel aus Ostsachsen mit ihren Kindern Simon (1), Anne (3) und Lydia (5). Foto: privat

Wollten aus christlicher Verantwortung den Menschen helfen: Sabine und ­Johannes Hentschel aus Ostsachsen mit ihren Kindern Simon (1), Anne (3) und Lydia (5). Foto: privat

Der große Ansturm ist vorbei. Die Tage, als Dutzende Journalisten und Kamerateams die kleinen Dörfer Lauske und Meschwitz belagerten. Winzige Flecken auf der Landkarte im Osten Sachsens, kurz hinter Bautzen. Kaum jemand hatte je von ihnen gehört bis Mitte Juni, als bekannt wurde, die im Jemen entführte deutsche Familie kommt von hier.

Am 12. Juni zwischen 16 und 18 Uhr verschwanden die Lausitzer Johannes und Sabine Hentschel (beide 36) mit ihren drei Kindern Anne (3), Lydia (5) und dem einjährigen Simon. Sie waren zusammen mit zwei deutschen und einer koreanischen Kollegin sowie einem britischen Ingenieur in der nordjemenitischen Provinz Saada unterwegs. Wollten einen kurzen Ausflug machen. Doch sie wurden von Unbekannten angegriffen und verschleppt. Die beiden deutschen Mädchen, Praktikantinnen einer Bibelschule, und die Koreanerin hatte man kurz darauf tot aufgefunden. Von den Hentschels aber und dem Briten fehlt seither jede Spur.

»Es gibt nichts Neues«, sagt Reinhard Pötschke. Der Pastor einer freien evangelischen Gemeinde in Radebeul bei Dresden ist mit Johannes Schwester verheiratet. Geduldig, freundlich beantwortet er die immer gleichen Fragen von Journalisten. Erzählt, dass sein Schwager Johannes nicht unvorsichtig war, als er mit Familie und den Bekannten zum Picknicken aufbrach. »Die Gegend, in die sie wollten, ist ­sicher. Sonst hätten sie Wachen mitgenommen.«

Als die Familie ausreiste, herrschte Frieden im Land

Seit sechs Jahren arbeiten der studierte Maschinenbauer Johannes und seine Frau Sabine, die Krankenschwester, am staatlichen Krankenhaus »Mustaschfa al Dschimhuri« im Nordjemen. Zu Hause gehörten sie zur Landeskirchlichen Gemeinschaft. Als die Christen dort anfingen, ausgesandt von der niederländischen Hilfsorganisation »Worldwide Services«, gab es keinen Krieg in dem muslimischen Land. Johannes Eltern, Gottfried und Ruth Hentschel aus Lauske, schlugen darum auch nicht die Hände über dem Kopf zusammen. Sie wussten längst, den Johannes zieht es in die Welt. Schließlich hatte er schon seinen Zivildienst unter arabischen Behinderten abgeleistet, hatte auch die Sprache gelernt.

Seit einigen Jahren aber herrschen immer wieder bürgerkriegsartige Unruhen, besonders im Nordjemen. Die Armee liefert sich Gefechte mit Rebellen. Seit einigen Wochen verstärkt. 35000 Zivilisten sind in den letzten Tagen vor den Kämpfen geflüchtet. ­Jemens schwache Regierung ist momentan eigentlich viel zu sehr mit den Unruhen beschäftigt, um ernsthaft nach den Entführten zu suchen.

Reinhard Pötschke fährt oft in die Lausitz. Sieht nach den Eltern von ­Johannes und Sabine, die hier leben. Und schaut nach dem Haus in Meschwitz, in das die Hentschels in einem Jahr einziehen wollten. Ein uralter Umgebindebau mit dicken Balken. Johannes Hentschel und Reinhard Pötschke haben ihn zusammen saniert. Als Zuhause der Familie. In einem Jahr wollten sie aus dem ­Jemen zurückkommen, hier wohnen. Denn Tochter Lydia wollte in Deutschland, in Bautzen, zur Schule gehen. So hat sie es ihrer Oma Ruth Hentschel angekündigt. »Im Jemen kann ich nicht in die Schule. Da gehen nur Jungs hin«, hatte das Mädchen der Großmutter erzählt.

Die Rückkehr war für nächstes Jahr geplant
Ruth Hentschel muss lächeln, wenn sie daran denkt. Über Sattelitenfernsehen verfolgt man in Lauske die Nachrichten aus aller Welt, auch auf arabischen Sendern. »Wir verstehen das zwar nicht, aber vielleicht gibt es ja mal Bilder«, sagt Gottfried Hentschel. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, Johannes, Sabine und die Kinder wiederzusehen. Freunde von überall her schreiben Briefe, drücken ihre ­Anteilnahme aus. Teilnehmer der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg haben Grüße und Segenswünsche ­geschickt. Einige Kirchengemeinden im Raum Bautzen beten regelmäßig für die Vermissten. Dass zu wissen, bedeutet den Hentschels viel. Auch, dass Landesbischof Jochen Bohl zum Gebet für die Familie aufgerufen hat.

»Im Alltag kann man sich schon ablenken, aber wenn wir alleine sind, dann rutscht man manchmal schon ganz tief«, flüstert Ruth Hentschel. Gerade jetzt ist es für die Familie besonders schwer, denn die fünfköpfige ­Familie sollte eigentlich hier sein, auf Sommerurlaub. Sie hatten sich alle so darauf gefreut. Stattdessen zünden sie Kerzen an. Beten für die Heimkehr ihrer Kinder, Enkel, Schwäger, Nichten, Neffen.

Und sie versuchen, das falsche Bild von Johannes und Sabine Hentschel gerade zu rücken. »Es sind so viele Gerüchte im Umlauf. Weil niemand wirklich weiß, was passiert ist, hat sich jeder seine eigene Geschichte zusammengereimt.« Reinhard Pötschke ist sich sicher, die Ausflügler haben sich ordnungsgemäß abgemeldet an jenem 12. Juni. Einen angeblichen Notruf übers Handy, von dem viel berichtet wurde, habe es nie gegeben. Die Koreanerin und die Bibelschüler hätten nicht versucht zu fliehen, so wie manche Medien berichteten. Sie wurden gezielt hingerichtet. Auch missioniert haben Johannes und Sabine Hentschel nicht in dem islamischen Land, da sind sich Ruth und Gottfried Hentschel sicher. »Sie sind viel zu ­erfahren im Umgang mit Muslimen.«

Zur goldenen Hochzeit im Frühling haben die Hentschels ihren Sohn Johannes zum letzten Mal gesehen. Er hatte Fotos von den Kindern mitgebracht, ein ganzes Album voll. Und Kinderzeichnungen – fröhliche bunte Bilder.

Von Irmela Hennig

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