»Die Zeit ist zu kurz, um zu vergessen«

27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Porträt: Der 89-Jährige Jakub Müller kümmert sich um den jüdischen Friedhof in Nowy Sącz

»Ich habe nicht ausgesehen wie ein Jude«: Jakub Müller gelang als Einzigem seiner weitverzweigten Familie die Flucht vor der Gestapo und dem Vernichtungslager. Fotos: Gabriela Maciejowska

»Ich habe nicht ausgesehen wie ein Jude«: Jakub Müller gelang als Einzigem seiner weitverzweigten Familie die Flucht vor der Gestapo und dem Vernichtungslager. Fotos: Gabriela Maciejowska


Er ist Zeitzeuge des ­Einmarsches der deutschen Armee in Polen – und er überlebte als Einziger seiner Familie den danach hereinbrechenden Vernichtungsfeldzug gegen die jüdische Bevölkerung.

An den Einmarsch der Deutschen erinnert sich Jakub ­Müller noch genau. Es war in den Morgenstunden des 6. September 1939, einem Mittwoch, als die Kavallerie der 2. Gebirgsdivision in die südpolnische Stadt Nowy Sącz einzog. »Keine Kämpfe, kein Bombardement, und die Offiziere haben sogar mit den Leuten geredet«, sagt Müller, der damals 19 Jahre alt war, und fügt seufzend hinzu: »Wenn die Deutschen sich immer so verhalten hätten …« Doch schon nach wenigen Tagen änderte sich die Lage: Mit der Gestapo sei auch die »Gehenna«, die Hölle, gekommen. »Wir wussten, was Hitler machen wollte, aber wir konnten es nicht glauben«, erinnert sich Müller und beginnt von Heinrich Hamann zu erzählen, der für ihn der Inbegriff des Bösen ist.

Augenzeuge der Mordlustund der Vernichtung

SS-Obersturmführer Heinrich Hamann, der als Gestapochef von Nowy Sącz ein Schreckensregiment errichtete, war einer der übelsten Nazi-Schergen: verantwortlich für die Deportation von 15000 Juden ins Vernichtungslager Belzec, unter ihnen Müllers Eltern und fünf Geschwister. Hunderte von Juden hat er eigenhändig erschossen, sodass ihm sogar sein eigener Schwager, ebenfalls ein SS-Mann, Einhalt gebieten wollte. »Genug der Schweinerei!«, habe der gerufen – Müller sagt diesen Satz auf Deutsch –, woraufhin Hamann selbst seinen Schwager erschossen habe. Er sei froh, dass er 1966 im Prozess gegen Hamann als Zeuge aussagen und dazu beitragen konnte, dass Hamann zu ­lebenslänglicher Haft verurteilt wurde, sagt Müller.

Überlebt hat Müller die Judenvernichtung auf abenteuerliche Weise. Bis heute beginne er zu zittern, wenn er an seinem ersten Versteck im damaligen Ghetto vorbeikomme, erzählt er, auch wenn das Haus schon lange nicht mehr existiere. Als das Versteck entdeckt wurde, konnte er in letzter Sekunde fliehen. Über zwei Jahre irrte er in dem unwegsamen Gelände des Gebirges umher, übernachtete unter freiem Himmel, in Ställen und Scheunen. »Ich habe gute Leute getroffen«, erinnert er sich und weist auf seine wasserblauen Augen. »Ich habe nicht ausgesehen wie ein Jude.«

Seit 63 Jahren erfüllt Müller sein Gelübde
Halb verhungert kam Müller nach dem Krieg nach Nowy Sącz zurück. Er blieb, weil ihm die Kraft fehlte weiterzuziehen, heiratete 1948 eine junge Polin, die seinen jüdischen Glauben annahm, und setzte sein Gelübde in die Tat um: Wenn er die Nazi-Barbarei überlebe, so sein Versprechen gegenüber Gott, werde er sich um alles kümmern, was an Jüdischem in ­Sanz – so der jiddische Name der Stadt – übrig geblieben sei. »Die Zeit ist zu kurz, um zu vergessen«, sagt Müller.

Und so trägt er seit 1946 Sorge um den rund drei Hektar großen jüdischen Friedhof, der von den Nationalsozialisten erst als Hinrichtungsplatz geschändet und später zerstört und nach dem Krieg von den Kommunisten als Viehmarkt missbraucht wurde. Viele der rund 300 geretteten Grabsteine hat Müller eigenhändig wieder aufgerichtet, und auch das Ohel (Grabhaus) für den legendären Wunderrabbi Chaim Halbersztam und dessen Familie hat er gebaut. Müller deutet auf einen der neueren Grabsteine: Hier habe er die letzte Jüdin begraben, sagt der 89-Jährige. »Es hätten zehn sein müssen, aber ich war ­allein.«

70 Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf Polen ist Müller der letzte und einzige Jude in der 75000-Einwohner-Stadt. 1939 lebten in Nowy Sącz über 14000 Juden, rund ein ­Drittel der Bewohner. Müllers Familie spiegelt die jüdische Geschichte der Stadt wider: Sieben Generationen ­waren in Sanz ansässig, das von 1772 bis 1918 zur Habsburger Monarchie gehörte und auf Deutsch Neu-Sandez genannt wurde. Müllers Vater hatte
im 1. Weltkrieg in der kaiserlich-und ­königlichen Armee gedient. Insgesamt zählte die weitverzweigte Familie rund 200 Mitglieder – die Schoah überlebt hat nur einer: Jakub Müller.

Der Friedhof ist ihm auch ein Herzensanliegen geblieben, als er 1968 als Folge der staatlich verordneten antisemitischen Aktionen mit seiner Frau und den beiden Kindern Polen doch noch verlassen musste. In Schweden fand die Familie ein Exil, doch Müller kehrt alljährlich nach dem Pessach-Fest für ein halbes Jahr nach Nowy Sącz zurück. »Trotz allem: Ich liebe diese Stadt«, sagt er.

Das letzte Projekt harrt der Vollendung
Einige Hundert seien es, die in den Sommermonaten den Friedhof aufsuchen, berichtet Müller. Die meisten von ihnen seien Chassidim, Nachfahren oder Anhänger der Sanzer oder Bobower Wunderrebben. Und wie zur Bestätigung seiner Worte hält ein Bus, aus dem 15 Chassidim – streng religiöse Juden – aus London aussteigen. Sie richten Grüße aus und bestürmen Müller schon am Eingang – auf Jiddisch – mit Fragen, einer deutet auf den Rohbau neben dem Tor: »Woss is doss far a hois?«

Müller antwortet bereitwillig, denn das Gebäude ist sein letztes Projekt: Ein Haus mit einer kleinen Wohnung und Räumen, in denen sich die Besucher ausruhen und auch ihre rituellen Reinigungen vornehmen können. Unermüdlich wirbt Müller in der ganzen Welt dafür um Spenden, doch ihm fehlen noch umgerechnet rund 45000 Euro.

»Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir Gott noch gibt«, sagt er und stellt die Frage, auf die er keine Antwort findet: »Was wird aus dem Friedhof, wenn ich nicht mehr bin?«

Von Uwe von Seltmann

Bankverbindung von Jakub Müller für sein Friedhofsprojekt:
Bank Pekao Nowy Sącz
Swift: PKOPPLPW
I-Ban: PL 94 1240 4748 1111 0000 4876 2542

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.