Verborgene Schätze der Heiligen Schrift

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesbilder im Alten Testament (1): Die menschliche Rede von Gott ist zeitbedingt

In einer mehrteiligen Serie fragen wir danach, wie die Bibel von Gott ­redet. Dabei beschäftigen wir uns mit den weniger bekannten Texten in der hebräischen Bibel und ihren Gottesbildern.

Bildquelle: Archiv

Bildquelle: Archiv

Alle Rede von Gott ist immer auch Bilderrede. Die Bildhaftigkeit ist gar nicht zu vermeiden, wenn wir uns Gedanken über Gott machen, wenn wir unsere und fremde Erfahrungen in Sprache fassen wollen. Schon die Tatsache, dass viele religiöse Texte erzählen, statt zu argumentieren, macht das deutlich. Denn jede Erzählung hat es mit Bildern ihrer Zeit zu tun.

Damit ist ein Aspekt angezeigt, der in kirchlichen Kreisen nicht selten ein Tabu darstellt: Auch in »Heiligen Schriften« finden wir menschliche Rede von Gott. Jede Aussage über Gott ist zeitbedingt, zeitbezogen, findet in einem bestimmten Kontext statt. »Ewige« Aussagen gibt es nicht, egal, wie lieb und wertvoll uns bestimmte Bibeltexte sein mögen. Wenn Menschen unserer Zeit ihre Erfahrungen mit Gott niederschrieben und dabei von biblischen »Vorlagen« absähen, so wären die Texte sowohl inhaltlich als auch formal anders als die Materialien, die wir in der Bibel finden. Das kann auch nicht anders sein, denn alle menschliche Ausdrucksform, gleichgültig welcher Kultur und Religion, ist an die Bedingungen ihrer Zeit gebunden.

Drei Äußerungen zum Thema »Glauben« gehen mir noch nach, obwohl sie alle eher weit zurückliegen. Zunächst: eine Pfarrkonferenz. Es ist Mai, wir sitzen in großer Runde draußen im herrlichen Pfarrgarten, freuen uns an Sonnenschein, blühenden Blumen und herrlichen Frühlingsfarben. Einer von uns betont die Schönheit der Schöpfung. Daraufhin sagt ein anderer: »Vergesst nicht: Es reicht eine Frostnacht, und die ganze Schönheit hier ist vorläufig dahin, das alles hier ist dann ein Platz des Todes. Auch das ist Gott.« Ich stimme ihm zu – damals wie heute. Es ist eine unerlaubte Verkürzung, wenn wir die Schönheit der Natur auf Gott zurückführen, aber ihre Härte und den in ihr enthaltenen Tod ausblenden.

Die zweite Äußerung: Eine Freundin, selbst bei der Kirche tätig, erzählt, sie habe im Vorbeifahren an einer Kirche das Transparent gesehen »Gott will keinen Krieg«. Sie selbst ist klare Kriegsgegnerin. Und doch sagt sie mit spürbarem Ärger: »In diese Kirche würde ich niemals gehen. Es ärgert mich, wenn Menschen so ungebrochen selbstsicher behaupten, sie wüssten, was Gott will und was nicht.« Ich möchte ihr widersprechen, weil ich große Sympathie für jede klare ­Ablehnung des Krieges verspüre. Und doch: In der Bibel, im Alten (besser: Ersten) Testament gibt es durchaus häufig die Vorstellung, Gott könne Kriege befürworten, sogar dazu anstiften.

Und wird im Neuen (besser: Zweiten) Testament die Existenz von Kriegen wirklich prinzipiell verworfen? Zumindest werden Machtverhältnisse, die Unterdrückung zur Folge haben können, eher zementiert als abgelehnt: »Seid untertan der Obrigkeit« oder »Ihr Sklaven, seid gehorsam«. Insofern kann ich dieser Freundin nicht widersprechen.

Und drittens: Bei einem Wochenendseminar mit Kirchenvorstandsmitgliedern und Pastoren fallen zwei Bemerkungen, die mich rat- und sprachlos machen. Eine Frau sagt: »Warum gibt es eigentlich auch unter uns Christen so viel Pessimismus? Wir schauen doch Gott in die Karten und wissen, dass alles gut enden wird.« Und ein Pastor sagt an einer anderen Stelle: »Der Tsunami kann nicht von Gott gekommen sein, denn im Zusammenhang der Geschichte von der Sintflut heißt es doch eindeutig: Nie wieder will ich eine Sintflut auf
die Erde schicken.« Ich spüre Hilf- und Sprachlosigkeit und ärgere mich später darüber, dass ich nicht klar ­widersprochen habe. Die erste Aussage beinhaltet eine Sicherheit, die mir angesichts unzähliger Erfahrungen von Leid zu allen Zeiten zynisch erscheint. Und die zweite ist für mich ein bedrückendes Beispiel eines völlig unreflektierten Biblizismus, den ich immer häufiger wahrnehme und der mir und anderen nicht weiterhilft im Glauben.

Im Ersten Testament sind unzählige Gottesbilder vorhanden, die sich nicht selten eindeutig widersprechen. Wie sollte das anders sein angesichts der Tatsache, dass hier Erfahrungen mit Gott aus etwa Tausend Jahren verarbeitet sind?

Viele Bibeltexte, die uns fremd sind, mit denen wir nicht aufgewachsen und vertraut sind, können uns den Reichtum des Ersten Testaments vielleicht wieder nahebringen. Dieser Reichtum besteht nicht zuletzt darin, dass hier eine Vielzahl von Welt-, Menschen- und Gottesdeutungen vorliegt, die auch für das Zweite Testament von großer Bedeutung sind.

Es gibt in diesem »Heiligen Buch«, das für Judentum und Christentum eine zentrale Glaubensurkunde ist, Schätze, die verborgen sind, aber nicht verschollen. Auf einige soll in dieser Serie hingewiesen werden – im Wissen, dass Vollständigkeit nicht ­annähernd möglich ist. Vielleicht gelingt es in diesem Rahmen auch, deutlich zu machen, wie wenig wir in ­unseren Kirchen darauf verzichten können, uns mit der Quelle unserer Religion, dem Judentum, zu beschäf­tigen und Gemeinsamkeiten wiederzuentdecken.

Ulrich Tietze

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.