Gerechtigkeit für Pepe

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Guatemala: Der Kampf gegen die Straflosigkeit für Taten der Drogenmafia ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel

Vor knapp drei Jahren berichtete die Kirchenzeitung erstmals über den Mord an Pepe Méndez. Seitdem hat Vater Amílcar Méndez versucht, die Hintergründe der Bluttat vom 17. August 2007 aufzuklären.

»Gerechtigkeit für Pepe!«, fordern dessen Eltern und Menschenrechtsaktivisten bis zum heutigen Tag vergeblich. Foto: Andreas Boueke

»Gerechtigkeit für Pepe!«, fordern dessen Eltern und Menschenrechtsaktivisten bis zum heutigen Tag vergeblich. Foto: Andreas Boueke

Hier an dieser Stelle starb Pepe«, sagt Amílcar Méndez in die Mikrofone und Kameras, die ihm mehrere Reporter entgegenhalten. »Wir werden heute eine Gedenktafel befestigen, um an das ­Leben meines Sohns zu erinnern, nicht an seinen Tod.« Freunde der Familie Méndez, Angehörige und Vertreter verschiedener Menschenrechtsorganisationen sind zusammengekommen, um gegen die Gewalt im Land zu protestieren. In Guatemala wurden in diesem Jahr ­bisher jeden Tag durchschnittlich 17 Menschen ermordet. Ein großer Teil dieser Gewalt steht im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen. Viele Täter werden von korrupten Regierungsangehörigen oder Mitarbeitern des Justizapparats geschützt.

Korrupte Beamte in Regierung und Polizei
Keine zweihundert Meter vom Tatort entfernt liegt das Hauptgebäude des internationalen Flughafens von Guatemala-Stadt. Arbeitskollegen von Pepe berichten, kurz vor seinem Tod habe der damalige Generaldirektor des Flughafens persönlich versucht, ihn zu entlassen. Pepe hatte aufgrund von technischen Kriterien eine nächtliche Starterlaubnis verweigert. Es stellte sich heraus, dass das Flugzeug Eigentum eines persönlichen Freundes des Flughafendirektors war. Der Flieger konnte dennoch starten, mitten in der Nacht, ohne die Erlaubnis aus dem Kontrollturm und ohne die vorgeschriebene Frachtüberprüfung. Weil Pepe nachweisen konnte, dass er vorschriftsmäßig gehandelt hatte, konnte er sich gegen die Entlassung wehren. Wenig später war er tot.

Der ehemalige Direktor des Flughafens, Manuel Moreno Botrán, ist Mitglied einer der reichsten und mächtigsten Familien des Landes. Mehrere Personen in seinem Umfeld werden verdächtigt, mit kolumbianischen Drogenkartellen in Verbindung zu stehen. Sein persönlicher Anwalt ist vor wenigen Monaten von einem Killerkommando hingerichtet worden. Die Polizei geht von einem Streit zwischen Drogenbanden aus. Auch über Pepes damaligen direkten Vorgesetzten gibt es stapelweise Akten, die ihn mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung bringen. Das weiß auch der neue Flughafendirektor. »Dieser Mann arbeitet nicht mehr hier. Als ich gekommen bin, habe ich ihn entlassen, weil er unter Verdacht steht.«

Viele Details über illegale Aktivitäten auf dem Flughafen sind bekannt, ohne dass jemand etwas unternimmt. Zu einer unabhängigen Untersuchung kommt es nahezu nie. Der neue Flughafendirektor behauptet, er wolle das ändern. Doch: Wer in Guatemala versucht, etwas gegen das organisierte Verbrechen zu unternehmen, lebt in Angst. Auch die Familie von Pepe. Seine kleine Schwester Ana Maria wurde kürzlich am Telefon bedroht: »Sie fragten nach meinem Vater. Ich habe gesagt, dass ich seine Tochter bin. Daraufhin haben sie mich angeschrieen. Sie sagten mir, sie seien vor unserem Haus. ›Gleich wird es Klingeln. Wir sind bewaffnet und wollen deinen Vater.‹ Ich habe aufgelegt. Sie haben immer wieder angerufen. Fünf Minuten später haben sie heftig gegen die Haustür getreten. Ich habe die Polizei gerufen, aber niemand ist gekommen.«

Die Polizei in Guatemala ist unterbesetzt und miserabel ausgestattet. Die Staatsanwaltschaft auch. Zudem befolgen viele Staatsanwälte die Regeln der unantastbaren Mitglieder der einflussreichen Oberschicht Guatemalas. Der bis vor Kurzem für den Mord an Pepe zuständige Ermittler der Staatsanwaltschaft, Héctor Canastuj hat sich immer geweigert, den ehemaligen Direktor des Flughafens oder seine engsten Vertrauten auch nur zu einem Gespräch vorzuladen.

Keine Ermittlungen gegen einflussreiche Familien
Guatemala gilt als Durchgangsstation für Kokain aus Kolumbien, das vor allem nach Nordamerika transportiert wird. Im Fall von Pepe gibt es zahlreiche Hinweise, die in Richtung der Kokainmafia deuten. Doch Héctor ­Canastuj zieht es vor, diese Spuren zu ignorieren. So sind fast zwei Jahre ­vergangen, ohne dass die Staatsanwaltschaft die relevanten Dokumente verdächtiger Flüge angeschaut hätte, die zu Konflikten zwischen Pepe und seinen Vorgesetzten geführt haben. Amílcar Méndez ist frustriert: »Sie ­haben nicht eine einzige Sache gemacht, um die Hintermänner des Mordes an meinem Sohn zu identifizieren, diejenigen, die beauftragt und bezahlt haben.«

Dabei könnte Amílcar Méndez eigentlich stolz auf das Erreichte sein. Mit seiner Hartnäckigkeit ist er so weit gekommen, dass der Tatverdächtige Omar Gudiel als Mörder verurteilt wurde. Doch die Schwester des Opfers, Rocio, ist sich sicher, dass der junge Mann einen Auftrag ausgeführt hat: »Es ist offensichtlich, dass er von einflussreichen Leuten finanziell unterstützt wird. Womöglich waren diese Leute sogar daran interessiert, dass
er schuldig gesprochen wurde. Es könnte sein, dass er die Rolle des ­Sündenbocks übernommen hat.«

Nicht ein einziger wichtiger Boss der Drogenkartelle sitzt in Guatemala im Gefängnis. Einige ihrer Namen sind bekannt und werden sogar in Medienberichten genannt. Diese ­Personen pflegen beste Beziehungen zur Polizei, zum Justizapparat und zur Regierung. Sie bleiben straflos, egal wie viele Morde sie in Auftrag geben.

Von Andreas Boueke

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