Ein Wörterbuch für die Gebärdensprache

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Hamburger Institut startet 15-jähriges wissenschaftliches Projekt

Bildquelle: Archiv

Bildquelle: Archiv

In Hamburg ist jetzt das größte wissenschaftliche Projekt für die Gebärdensprache angelaufen. 15 Jahre lang wird am Uni-Institut für Deutsche Gebärdensprache ein umfassendes Wörterbuch erarbeitet. Über 300 Gehörlose sollen gefilmt werden, um dann aus etwa 400 Stunden Videomaterial rund 2,3 Millionen Einzelgebärden zu verarbeiten.

Wörterbücher für die Gebärdensprache gibt es viele. Größtes Standardwerk ist der »Kestner« mit 18000 Begriffen und Gebärden. Wer als Tischler, Sozialpädagoge oder Altenpfleger arbeitet, kann für seine Fachbegriffe sogar Spezial-Wörterbücher zur Hand nehmen. Doch es fehlt bislang ein wissenschaftliches Wörterbuch, das die Grammatik erläutert, in dem Gebärden systematisch nachgeschlagen werden können und das die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes umfassend darstellt.

Rund 80000 Menschen in Deutschland sind gehörlos. Weitere 140000 sind so stark schwerhörig, dass sie auf die Gebärdensprache angewiesen sind. Seit 2002 ist sie als eigenständige Sprache offiziell anerkannt. Insgesamt 8,4 Millionen Euro lassen sich der Bund und die Akademie der Wissenschaften in Hamburg das Wörterbuch-Projekt kosten.

Ein geschriebenes Wort in die Gebärdensprache zu übersetzen ist relativ einfach, schließlich gibt es dafür das Alphabet. Eine unbekannte Gebärde aufzuspüren ist schon komplizierter. Helfen kann hier »HamNoSys«, die Abkürzung für »Hamburger Notationssystem«. Jede Gebärde wird hier nach Handform, Handstellung, Bewegung und Ort der Hand unterteilt. Das neue Wörterbuch soll helfen, solche Bedeutungen unkompliziert zu finden.
Aber Sprache ist nicht immer eindeutig. Das Verb »löschen« wurde vor 30 Jahren nur in Zusammenhang mit Bränden, Hafenladungen oder Durst verwendet. Heute »löscht« man auch Daten im Computer. Für das eine Wort »löschen« in der Schriftsprache hat die Gebärdensprache unterschiedliche Ausdrücke. Susanne König, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt: »Wer eine Fremdsprache lernt, weiß, dass die Worte nicht eins zu eins übersetzt werden können.«

Auch hat die Gebärdensprache eine eigene Grammatik, die sich deutlich von der gesprochenen Sprache unterscheidet. Fälle wie Dativ und ­Akkusativ kennt sie nicht. Wer beispielsweise die Gebärde »geben« verwendet – die flache Hand wird nach vorne gestreckt – kann durch die ­Richtung der Handbewegung deutlich machen, ob er etwas seinem Gegenüber geben will oder einer anderen Person. Bei Namen etwa kann ein Wort durch das Finger-Alphabet buchstabiert werden.

Das neue Gebärden-Lexikon will keine Sprach-Regeln vorgeben, an die sich die Gehörlosen künftig zu halten haben. Ziel ist es stattdessen, aus den Gebärden des Alltags die Regeln zu ermitteln. Anfang nächsten Jahres soll mit den Filmaufnahmen begonnen werden. Im Internet können die Gehörlosen die Ergebnisse dann diskutieren: Kommt diese Gebärde nur in Ausnahmefällen vor? Ist sie auf eine Region oder eine Altersgruppe beschränkt?

Für die Gebärdensprachler, so Projektleiter Christian Rathmann, werde das neue Lexikon auch einen »hohen ideellen Wert« haben. Rathmann ist der erste gehörlose Professor in Deutschland.
Auch in der Gebärdensprache gibt es Dialekte – weit ausgeprägter als in der deutschen Schriftsprache, wo allenfalls noch Brötchen, Rundstück, Schrippe oder Semmel unterschieden werden. Deshalb werden die gehörlosen Informanten nur vor Ort gefilmt. Wenn ein Franke in Hamburg gebärdet, so die Erfahrung von Susanne ­König, passe er sich schnell an. Auch sind die Unterschiede der Gebärden in Deutschland, Österreich und der Schweiz größer als in der Schriftsprache. Internet und Fernsehen förderten aber vor allem bei Jüngeren eine deutschlandweite Angleichung, vermutet Susanne König. Belegt sei dies aber nicht.

In welcher Form das Gebärden-Wörterbuch am Ende genutzt wird, ist noch offen. Als zehnbändige Buchreihe zumindest ist es völlig ungeeignet. Sicherlich werde es in irgendeiner Art elektronisch verfügbar sein, so ­Susanne König. Wer die Entwicklung des Internets in den vergangenen 15 Jahren verfolgt hat, könne nur ahnen, welche Möglichkeiten der Präsentation es im Jahre 2023 gibt.

Thomas Morell (epd)

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.