»Wir sind in keiner guten Verfassung«

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Friedrich Schorlemmer zur Situation der evangelischen Kirche

Kritischer Begleiter der Entwicklungen in Kirche und ­Gesellschaft: der Wittenberger Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer	Foto: epd-bild

Kritischer Begleiter der Entwicklungen in Kirche und ­Gesellschaft: der Wittenberger Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer Foto: epd-bild

Die Evangelische Kirche in Deutschland lädt im Rahmen ihres Reformprozesses zur »Zukunftswerkstatt« nach Kassel. In Mitteldeutschland ruft die Initiative »Salzwerk« dagegen zur kritischen Begleitung und Korrektur des EKD-Prozesses. Harald Krille sprach mit dem »Salzwerker« Friedrich Schorlemmer.

Herr Schorlemmer, seit drei Jahren läuft unter dem Stichwort »Kirche der Freiheit« ein Reformprozess innerhalb der EKD. Wie sehen Sie die Lage – sind die evangelischen Kirchen in Deutschland in guter ­Verfassung?
Schorlemmer:
Schon diese Ausdrucksweise: Wir sind gut aufgestellt oder wir sind guter Verfassung oder vielleicht wir sind auch gut drauf – das halt ich für Sprach- und Denkformen, die mir fremd sind. Aber in welcher Verfassung sind wir? Ich sage: Wir sind in keiner guten Verfassung, wir reden es uns aber gut.

Aber steht die Kirche zumal in den neuen Bundesländern 20 Jahre nach der friedlichen Revolution heute nicht besser als je da?
Schorlemmer:
Natürlich ist es sehr erfreulich, dass seit 1990 so viele der vom Verfall bedrohten Kirchen in einer schönen und einladenden Weise renoviert werden konnten. Zugleich haben wir aber in diesen 20 Jahren zu viel Selbstbeschäftigung betrieben. Es sind zu wenig Impulse – aus der Jesusbotschaft! – für die Öffentlichkeit, auch für die Nichtchristen, für die ­Suchenden und Fragenden ausgegangen. Wir waren beschäftigt mit Umstrukturierung, mit Gemeindezusammenlegungen etc.

Und dann hat die Kirche bei der Suche nach einem Gesamtkonzept auf Leute gehört, die uns versichern, wir hätten eine gute »Message«, doch wir müssten diese Botschaft besser verpacken. Und es ist ein betriebswirtschaftliches Denken in die Kirche gekommen. Aber die Schwerpunkte unserer Arbeit sollten wir uns nicht von externen Beratern geben lassen, sondern von der Schrift.

EKD-Reformprozess
Im Rahmen des EKD-Reform­prozesses »Kirche der Freiheit« veranstaltet die EKD vom 24. bis 26. September im Kassel eine ­Zukunftswerkstatt. Zu der Veranstaltung werden rund 1200 ­geladene Multiplikatoren des ­Reformprozesses aus allen Teilen Deutschlands erwartet. Dabei steht eine Zwischenbilanz des bisherigen Reformprozesses auf der Tagesordnung. Weiterhin sollen gelungene Beispiele »einer einladenden qualitätsbewussten evangelischen Kirche« vorgestellt und ­»gefeiert« werden.
www.kirche-im-aufbruch.ekd.de

Aber an vielen Stellen gleicht die Kirche doch durchaus ­einem Unternehmen – warum soll man sie dann nicht wie einen Betrieb führen?
Schorlemmer:
Weil das der Anschluss an den Zeitgeist ist, der alles, was Menschen tun, unter pekuniären Aspekten sieht. Man kann nicht nur fragen: Wie viel Kirchensteuerzahler sind da? Sondern, wie machen wir unsere Arbeit so, dass Menschen bereit sind, etwas von ihrem Einkommen der Kirche zu geben? Und zwar nicht nur über die Kirchensteuer, sondern auch als Kollekte oder zweckgebundene Spende.

Aber geht es im Reformprozess unter dem Stichwort Qualitätsmanagement nicht gerade darum, die Arbeit in diesem Sinne zu verbessern?
Schorlemmer:
Qualitätsmanagement oder Evaluierung – das halte ich für Quatsch. Haben wir früher nicht das wunderbare Instrument der Visitation gehabt? Da ging es doch eigentlich um geschwisterliche Begleitung, um kritisches Hinsehen mit Ermutigung und Bestärkung. Durchaus auch impulsgebend!

Bei allem Respekt vor dem Amt des Pfarrers – muss nicht auch ein wenig Kontrolle sein?
Schorlemmer:
Ich bin dafür, dass wir in der Kirche für ein bisschen mehr Disziplin und Selbstdisziplin sorgen. Dazu gehört auch, dass die einen sich nicht kaputt arbeiten während andere diesen Beruf eben als »Job« machen. Nur wer selbst für die Sache Jesu brennt, der wird auch das Licht der Hoffnung bei anderen anstecken können. Aber wir entwickeln uns statt zu einer brennenden Kirche mehr zu einer solchen, die alles »professionell« macht. Doch wo alles professionell ist, wird’s auch kalt.

Kann man statt des kirchlichen Wortes Visitation nicht auch das betriebswirtschaftliche Controlling benutzen?
Schorlemmer:
Nein, denn Sprache prägt Denken! Und Denken prägt Sprache!

Was wäre denn aus ihrer Sicht wichtig für eine Kirche, die auch in Zukunft ihrem Auftrag gerecht werden will?
Schorlemmer:
Ganz oben an steht für mich die Nähe der Pfarrerinnen und Pfarrer und der anderen kirchlichen Mitarbeiter zu den Menschen. Je weiter wir Strukturen schaffen, in denen Pfarrer für immer größere Bereiche zuständig sind, aber kaum noch die Menschen mit Namen kennen, macht uns das selbst kaputt und demotiviert uns. Ich möchte deshalb nach Modellen suchen, in denen die Nähe kirchlicher Arbeit zu den Menschen erfahrbar wird.

Was verstehen Sie unter der Nähe zu den Menschen? Das ist doch nicht nur eine Frage der Zahlenverhältnisse zwischen Pfarrer und Gemeindemitgliedern …
Schorlemmer:
Die Nähe zu den Menschen muss sich dreifach zeigen: in Verkündigung, in Gemeinschaft, in Diakonie. Das erste also: Was sagen wir den Menschen und warum? Wie sagen wir es und in welcher Sprache?

Das Zweite: Wie weit erfahren die Menschen, die zu uns kommen, Gemeinschaft? Sind wir eine Veranstaltungskirche, die viele Sponsoren sucht, um ihre Plakate drucken zu können? Die von »Event« zu »Event« jagt? Oder bieten wir menschliche Nähe und verlässliche, erfreuliche Kommunikation? Da können wir uns von unseren freikirchlichen Geschwistern viel abgucken.

Und das Dritte ist der praktische Dienst am Menschen, die Diakonie. Weithin ist die aus den Gemeinden in die Diakonischen Werke und Einrichtungen hinausdelegiert worden. Doch sie muss auch in der Gemeinde erlebbar werden. Wie viel Geld stecken wir in die Renovierung von Kirchen und anderen Gebäuden, und wie viel zum Beispiel in Suppenküchen? Kirche muss erkennbar bleiben oder werden als ein Ort, wo die, die stinken und kein Dach über dem Kopf haben und die kaputt sind, ihre warme Suppe kriegen und auf Leute treffen, die sie freundlich aufnehmen.

Seit einigen Monaten gibt es in Mitteldeutschland eine Initiative unter dem Namen »Salzwerk«. Was steckt dahinter?
Schorlemmer:
Der Ausgangspunkt ist eine gleichzeitige Beobachtung unserer kirchlichen Wirklichkeit durch verschiedene Menschen in unseren Kirchen. »Salzwerk« ist also aus einer gemeinsamen Sorge um den Weg unserer Kirche heraus entstanden. Der Name spielt ja auf die Verheißung an, dass wir Christen, Salz der Erde sind (Matthäus 5,13). Aber das Salz darf nicht kraftlos oder »dumm« werden, wie Luther es so schön übersetzte. Genau deshalb will »Salzwerk« eine theologische Diskussion über wesentliche, substanzielle Fragen anregen, Interessierte zusammenführen, miteinander vernetzen.

Was erwarten Sie konkret von »Salzwerk«?
Schorlemmer:
Dass die Impulse des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung weitergeführt werden. Es gilt zu bedenken, dass unsere Welt nicht nur Material ist, sondern die Mater, die Mutter, von der wir leben. Der erste Artikel des Glaubensbekenntnisses ist zugleich eine Verpflichtung zur Bewahrung der Schöpfung für die folgenden Generationen.
Oder: Wenn wir das Zeugnis Jesu verkündigen, dann ist auch politisch der Friedenskönig und seine Art Konflikte zu lösen, hochzuhalten. Dann können wir uns nicht mit so einer pflaumenweichen Erklärung wie in der letzten Denkschrift der EKD zum Thema Frieden zufriedengeben. Die Frage nach dem gerechten Frieden, weniger nach dem »gerechten« Krieg ist zu ­stellen!

Ich erwarte, dass »Salzwerk« in dieser Richtung ein »Stachel« wird. Nicht um andere zu kritisieren, sondern um das Profil unserer Kirche zu schärfen, geistlich, geistig, politisch, kommunikativ. Salz soll brennen, Licht soll leuchten.

Bisher scheint »Salzwerk« vor allem eine Veranstaltung von Pfarrern zu sein?
Schorlemmer:
Der Impuls ist erst einmal von Pfarrern ausgegangen, die dafür ja auch Zeit haben. Jetzt geht es darum, möglichst viele Gemeindeglieder zu gewinnen, die das Gefühl haben: wir sind Kirche, wir miteinander! Wir laden deshalb alle, denen der Weg unserer Kirche wichtig ist, zu einer Tagung nach Bad Alexandersbad ein. (Siehe Kasten)

Die Initiative »Salzwerk«
Die Initiative »Salzwerk« will eine Plattform der Vernetzung für Menschen ­bieten, die den Weg der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sowie der einzelnen Landeskirchen mit Sorge sehen und sich gleichwohl in und für diese ­Kirche(n) einmischen wollen. Dazu gehört besonders die kritische ­Begleitung des im Jahr 2006 vom Rat der EKD mit dem Impulspapier »Kirche der Freiheit« in Gang gesetzten Reformprozesses. »Salzwerk« wendet sich vor allem gegen eine zu starke Beschäftigung der Kirchen mit sich selbst sowie gegen die aus Sicht der Kritiker zu starken Anleihen aus den Konzepten der Betriebswirtschaft, des Managements und des Marketingdenkens. Demgegenüber will man eine theologische Fundierung des Reformprozesses anmahnen und nach Wegen und ­Modellen für die Umsetzung der Vision einer »Kirche für andere« (Bonhoeffer) suchen.

Termine:
Im Rahmen des 1. Mitteldeutschen Kirchentages in Weimar stellt sich »Salzwerk« am 20. September von 13.30 bis 15.00 Uhr im Themenzentrum 3 »Kirche reformieren« (Volkshochschule Haus I) vor. Zu der Veranstaltung ­unter dem Titel »Höchste Zeit zum Salzen« wird unter anderen der frühere ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser erwartet.

www.ekmd.de/aktuellpresse/kirchentag/

Zu einer Wochenendtagung mit Friedrich Schorlemmer unter dem Thema »Was protestantisch ist« lädt »Salzwerk« vom 20. bis 22. November ins ­Bildungszentrum Alexandersbad in Nordfranken ein.

Informationen und ­Anmeldung: Evangelisches Bildungs- und Tagungszentrum Alexandersbad, Markgrafenstraße 34, 95680 Bad Alexandersbad, Telefon (09232)9939-21

www.ebz-alexandersbad.de

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “»Wir sind in keiner guten Verfassung«”
  1. Michael sagt:

    Sehr geehrter Herr Schorlemmer,

    vielen Dank für Ihrer ,tatsächlichen Gedanken.Dennen kann ich bewußt folgen.
    Mir brennt das “Herz” wenn ich daran denke was die Evangelische Kirche in den letzten 20 Jahren alles so in Ihrem Reformprozess angestellt hat .
    Viele sehr gute Pfarrer wurden mittels Diziplinarverfahren aus den Gemeinden gerissen. Viele Pfarrer traten aus “Angst” vor dem Kirchenamt dem Pfarrverein bei, viele Gläubige Menschen, traten aus dieser Kirche aus, nicht wegen der Steuern, nein sie “Verstanden” diesen Reformprozess nicht !

    Nun wird es imer noch gemacht, wegen einer “Traditionsweihe” der Hochkirchlichen Bruderschaft wird wieder ein Pfarrer per Diziplinarrecht rausgenommen.
    Nur leider ist dieser “Carismatisch” und das ist ein Problem für das Kirchenamt ! Denn diesmal steht die Gemeinde zum Pfarrer ,viele Menschen aus ganz Deutschland, ja der ganzen Welt schauen genau hin, was die EKMD unter Reformprozess verstehen will.
    Wenn ich heute sage, dieser Pfarrer ist “Unser Wille” zum Glauben an Jesu Christi ist diese die Wahrheit und kann nicht im Gegenteil von der EKMD bewiesen werden !
    Diese Kirche, braucht , Pfarrer wie diesen um die Menschen wieder zum Glauben zuführen. Seht dies doch “Bitte” ein . Ich bitte euch im Namen Jesu Christi , zerstört nicht die Relegionsfreiheit auf Grund unterschiedlicher Juristischer Auffassungen .
    Ich hoffe und bete ,das der Rat der EKD , hier sehr schnell ,diese Verfahren einstellt und den Pfarrer seinen Dienst an den Gemeinden nicht beeinflußt, denn es gibt nichts “Besseres ” in der Evangelischen Kirche wie diese “Altkirchliche Bekenntnis” das ist es was die Gemeinden zusammenhält !

    Vielen Dank

    Michael