Neues Feindbild: »Evangelikale«
13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Kirche und Gesellschaft: Die öffentlichen Angriffe gegen evangelikale Christen und Gruppen fordern die gesamte Kirche heraus

Christus, Kreuz und Vaterunser als Zielpunkt: Mit antichristlichen Plakaten demonstrierte ein links-grün-alternatives Bündnis im Mai gegen einen evangelikalen Seelsorgekongress in Marburg. Foto: pro
Zeitgleich mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen fand vom 20. bis 24. Mai 2009 in Marburg der 6. Internationale Kongress für Psychologie und Seelsorge statt. Veranstalter war die von der Gemeinschaftsbewegung geprägte »Akademie für Psychotherapie und Seelsorge« (APS) mit dem organisatorischen Zentrum in der Fachklinik Hohe Mark (Oberursel) bei Frankfurt.
Gegen den Kongress uns seine rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer richtete sich heftige Kritik seitens der Lesben- und Schwulenbewegung, gefördert von Volker Beck, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der Grünen im Bundestag. Das Echo in den Massenmedien reichte bis zur Bildzeitung und etikettierte die Veranstaltung als »Kongress der Homoheiler«. Dass sich der Kongress gar nicht mit dem Thema Homosexualität befasste, wurde ignoriert. Die Kampagne zielte nicht auf das missliebige Thema, sondern auf missliebige Personen.
Das Bündnis »Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus« ging darüber noch hinaus. In seinem Aufruf zu einer Demonstration am Himmelfahrtstag hieß es: »Unser Protest richtet sich nicht nur gegen ein, zwei oder drei Workshops oder Referent_Innen (sic!) auf dem Kongress, sondern vielmehr gegen die homophobe und religiös-fundamentalistische Ausrichtung der evangelikalen Bewegung … Wir wollen den Kongress in seiner Gesamtheit verhindern und … bekämpfen.«
Die linken Flügel der Grünen und der SPD sowie die Linkspartei sind seit einiger Zeit dabei, die evangelikale Bewegung zum Feindbild aufzubauen. Dahinter steckt ein simples Machtkalkül: Der Kampf gegen die Religion, der vor 2001 in der alten Bundesrepublik kaum von politischer Bedeutung war, ist inzwischen Anliegen eines Klientels, um das Grüne und SPD mit der Linkspartei konkurrieren. Wer deswegen Radikale dazu ermutigt, den Evangelikalismus, oder gar den Pietismus, gesellschaftlich zu ächten, spielt allerdings das Spiel aus »Biedermann und die Brandstifter«. Faktisch stärkt man dadurch die extremen Ränder des politischen Spektrums.
Die Steilvorlage der Kongressgegner wurde prompt von den üblichen Verdächtigen von rechts außen genutzt. Die »Junge Freiheit« griff das Thema auf ihrer Webseite auf. Gabriele Kuby, eine rechtskatholische Kulturkritikerin, organisierte eine Unterschriftenliste im Internet. Dabei wurde sie vom Arbeitskreis Christlicher Publizisten (ACP) unterstützt. Diese Kreise entsprechen sehr wohl dem Feindbild eines politisierten christlichen Fundamentalismus.
Ziel der Gegner: Mitte des christlichen Glaubens
Die Kampagne gegen den Marburger Kongress entsprach fast exakt der, die 2008 gegen das Christival in Bremen geführt worden war – mit dem Unterschied, dass es dort das Thema Homosexualität im Programm gegeben hatte und dass die Verantwortlichen dem Druck nachgegeben hatten.
Der Schritt zur allgemeinen Kirchen- und Religionskritik ist für die Randalierer klein. Die Diffamierungen, die sich gegen die Kongressteilnehmer richteten, zielten auf die Mitte des christlichen Glaubens, auf die Person Christi, auf Kreuz und Vaterunser.
Die hilflose Reaktion der Veranstalter bewies, wie wenig der Pietismus dem Feindbild eines politisierten christlichen Fundamentalismus entspricht. Sie versuchten in geradezu rührender Weise, die Gegner von ihren guten Absichten zu überzeugen. Gemäß ihrer Profession agierten sie auf der Beziehungsebene anstatt auf der Sachebene und beschwichtigten, wo Politik nötig gewesen wäre. Kein Versuch, politische Unterstützung aufzubauen, keine PR-Strategie, nichts von dem, was die Fundamentalisten der »moral majority« in den USA so gut beherrschen.
Allerdings kamen Landeskirche und Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) den überforderten Veranstaltern auch nicht zu Hilfe. Nicht einmal sie selbst betrachtete sich als zuständige Institution für das Tun und Leiden der evangelikalen Bewegung. Im weltanschaulichen Pluralismus ist sie zu einer der Sinnagenturen unter anderen geworden.
Kritische Solidarität ist dringend nötig
EKD und Landeskirchen sollten angesichts dieser Verschiebung ihr Verhältnis zum Evangelikalismus neu bedenken. Zur kritischen Solidarität gibt es künftig keine Alternative mehr. Die gewohnten kirchenpolitischen Grabenkriege des Protestantismus sind die Sache ewig Gestriger, die es rechts und links gleichermaßen gibt.
Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber gab in der Diskussion um das Christival 2008 und um ProChrist 2009 eine Richtung vor: »Ich bin außerordentlich irritiert durch diejenigen Stimmen, die uns neue Formen der Abgrenzung, des verweigerten Dialogs nahe legen wollen«. Im Dialog müssten vielmehr die »inneren Unstimmigkeiten« der evangelikalen Bewegung bearbeitet werden, zum Beispiel wenn sie »Glaubensaussagen der Bibel zu einer pseudowissenschaftlichen Weltanschauung macht«.
Damit ist auch die evangelikale Seite zum Nachdenken über ihre Solidarität mit der evangelischen Kirche (oder den Mangel an Solidarität) gezwungen. Den Windschatten der Volkskirche, in dem man sich politisch unbehelligt fromme Seltsamkeiten leisten konnte, von der Schulverweigerung über öffentliche Dämonenaustreibung bis zum Kreationismus, gibt es nicht mehr. Politische und theologische Unterscheidungen im Inneren der evangelikalen Bewegung und der Dialog mit den Kirchen lassen sich nicht länger vermeiden.
Von Hansjörg Hemminger
Hansjörg Hemminger ist Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Der vollständige Beitrag ist im neuesten Materialdienst Nr. 8/2009 der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) zu finden.
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Auguststraße 80, 10117 Berlin,
Telefon: 030/28395-211, Fax: 030/28395-212, E-Mail:
www.ezw-berlin.de

Ich finde es schade, dass “Der Sonntag” die idea-Lesart übernimmt und pauschal von einem “links-grün-alternativen Bündnis” spricht, das gegen den Marburger Kongress protestierte. Dass die gezeigten Plakate und Parolen undiskutabel sind und schwerlich eine Forderung nach mehr Toleranz unterstützen können, steht außer Frage.
Da ich bereits vor längerer Zeit (nach dem entsprechenden idea-Bericht) eine Anfrage zur grünen Beteiligung an den Protesten erhielt, musste ich mich etwas intensiver mit dem Geschehen befassen und habe ein differenzierteres Protestspektrum gefunden.
Offensichtlich hat es verschiedene Gegen-Veranstaltungen gegeben. Das genannte Bündnis weist selbst darauf hin, dass die GRÜNEN nicht an dessen Aufruf beteiligt waren.
Trotzdem gab es von grüner Seite Protest – wie auch von evangelischen und katholischen Christen! Warum kommen diese nicht zu Wort?
Die Pflege von Feindbildern jeder Art kann nicht unsere Aufgabe sein. Eine objektive Beurteilung scheint in diesem Fall schwierig zu sein, da der zeitliche und räumliche Abstand zu groß ist und die Fronten sehr verhärtet zu sein scheinen. Aber weder dumme Religionskritik noch der Aufbau von Angst gegenüber links-grün-alternativen Menschen sind hilfreich für einen Dialog.
Das “confessio”-Heft 2/2009 beschäftigt sich mit ähnlichen Fragen über “Evangelikale und Fundamentalisten” (http://www.confessio.de/cms/website.php?id=/religionheute/evangelikal/evangelikale_und_fundamentalisten.html).