Heiligtum am Kranhaken

13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Reportage: Vor der Kulisse von Klagemauer und Felsendom in Jerusalem steht das weltweit größte Tempelmodell

Durch die Lüfte kam der neue Tempel am 4. Augusttag des Jahres 2009 ­geschwebt. Es ist das größte bisher gebaute Modell des 70 nach Christus von den Römern zerstörten ­herodianischen Baus.

Begeistert von der eigenen Perfektion: Michael Osanis (r.) mit dem Direktor der Talmudschule »Esh HaTorah«, Ephraim Shore, vor dem Modell. Foto: Johannes Gerloff

Begeistert von der eigenen Perfektion: Michael Osanis (r.) mit dem Direktor der Talmudschule »Esh HaTorah«, Ephraim Shore, vor dem Modell. Foto: Johannes Gerloff

Nicht vom Himmel herab, wie das künftige Goldene Jerusalem des Sehers Johannes, sondern von einem Lastkran sieben Stockwerke hoch über die Ebene des heiligsten Ortes des Judentums wurde er auf das Dach der »Yeshivat Esh HaTorah« gehievt. Bei strahlendem Sonnenschein hätte die Kulisse vor der Westmauer – von Christen gemeinhin »Klagemauer« genannt –, der goldenen Kuppel des muslimischen Felsendoms und dem traditionsüberladenen Ölberg nicht passender sein können. Zwei Mal wurde der 1,2 Tonnen schwere Koloss noch gedreht.

Man diskutierte über die Ausrichtung und entschied sich dann gegen die historische West-Ost-Achse für die »praktischere« Ost-West-Ausrichtung. »So können die Besucher das Stück besser betrachten«, erklärte Ephraim Shore, Direktor der »Esh HaTorah«-Talmudschule.

Komplett im Maßstab 1:60
Michael Osanis kann seine Herkunft nicht verbergen. Mit schwerem russischem Akzent erklärt er den neugierigen Journalisten: »Ich kann nicht reden!« Unbeholfen fuchtelt er mit den Händen. »Ich kann bauen. Wie geschrieben steht: Macht einen Tempel und ich werde in eurer Mitte wohnen!« »Machen, sollen wir den Tempel, selber Hand anlegen, Steine aus Jerusalem verwenden – nicht aus Thailand importieren«, erklärt der Mann, der 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert ist. Selbst Hand angelegt hat er in diesem Falle höchst erfolgreich.

Ein Jahr lang hat Osanis an diesem, bislang aufwendigsten aller Modelle des alten jüdischen Heiligtums gebaut. Das Ganze hat einen Grundriss von ein mal drei Metern und ist dem Tempel, den König Herodes im ersten Jahrhundert vor Christus zu ­einem der sieben Weltwunder der ­Antike ausgebaut hat, maßstabsgetreu 1:60 nachgebaut. Bereits im Jahre 70 nach Christus wurde der herodianische Tempel von den Römern wieder zerstört. Seither betrauert das jüdische Volk den Verlust seines einst so prunkvollen geistlichen Zentrums.
Nicht ohne Stolz verkünden die neuen Besitzer, dass dies »das größte Tempelmodell« sei, »das jemals gebaut wurde«. Michael Osanis hat sich autodidaktisch ein enormes Wissen über die Details der antiken Tempel angeeignet. Die Vorlage für seinen Nachbau »finden Sie in der Mischna, im Traktat Middot«, erklärt der wortkarge Bastler, der sich zudem auf Ergänzungen des Jerusalemer Tempelinstituts verlassen hat. Rabbiner, die Experten in Sachen Tempelbau sind, haben ihn während der gesamten Bauzeit beraten.

Eine besondere Einzigartigkeit des »Esh HaTorah«-Modells ist, dass sich das gesamte Heiligtum durch eine ­hyd­raulische Vorrichtung anheben lässt. So kann der Betrachter einen Blick ins Innere des Heiligtums werfen. Im Allerheiligsten stehen der siebenarmige Leuchter, der Schaubrottisch, der Räucheraltar und die Bundeslade. Ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem unterstützt Reiseführer bei den Erklärungen des historischen Baus und des Gottesdienstes.

Beruf: Tempel(modell)bauer
Wie der etwas linkisch wirkende Jude zu seiner außergewöhnlichen Berufung gekommen ist, will er nicht so recht verraten: »Zufällig … Es ist nicht meine Schuld … Es überfiel mich, legte sich auf mein Herz … und hat mich seit 1995 nicht mehr losgelassen. Jeden Tag lege ich einen Stein für den Tempel. Das ist mein Beruf, den Tempel zu bauen – und wenn es einmal die Möglichkeit geben sollte, den echten Tempel zu bauen, werde ich der Erste sein – der erste Arbeiter, nicht Direktor, nicht Architekt. Ich will Hand anlegen, den Stein der Ecke ­legen …« Die Wortfetzen ergeben eine Vision, den Lebenstraum des Michael Osanis, dessen detailgetreue Tempelmodelle mittlerweile außer in Jerusalem auch in Moskau und New York stehen.

Wie viel die Herstellung gekostet hat, wollen weder der Künstler noch die Vertreter der Talmudschule verraten. Aber alle Materialien sind »vom Feinsten«, gibt Ephraim Shore dann doch preis. »Alles ist echt: Gold, Silber, Marmor, Jerusalemstein …« Und: »Es war sehr, sehr teuer!«

Fast eintausend Jahre lang hat auf dem Tempelberg im Zentrum der Heiligen Stadt ein jüdischer Tempel gestanden, betont Shore, dort wo heute der muslimische Felsendom und die Al-Aksa-Moschee stehen. Hellwach erscheint die Messiaserwartung des jüdischen Volkes. Den »echten« Tempelneubau soll der Tradition zufolge erst der erwartete Erlöser realisieren. Bis dahin müssen sich gläubige Juden mit Modellen begnügen.
Rabbi Hillel Weinberg, geistlicher Leiter der »Yeshivat Esh HaTorah«, erklärt die aktuelle Bedeutung des Tempelmodells auf dem Dach vor dem Tempelberg: »Der Prophet lehrt uns, dass Gebete von Juden – und Nichtjuden! –, die ihr Herz auf dieses Heiligtum hin ausrichten, Wohlgefallen beim Allmächtigen finden.

Bis zum heutigen Tag war es schwierig, sich das Heiligtum im Gebet vorzustellen«, erklärt der bärtige Geistliche mit dem großen, schwarzen Hut: »Doch jetzt, wo wir dieses Modell haben, fällt es viel leichter, unsere Gebete auf das Allerheiligste auszurichten.« Das kurze Grußwort des Rabbiners nimmt fließend Gebetsform an: »Und wir hoffen, dass alle Juden durch das Heiligtum beten können, dass der Tempel gebaut werden möge, schnell in unseren Tagen, Amen und Amen!«

Lebendige Messiaserwartung
Auf 300000 Besucher pro Jahr hofft Ephraim Shore, wenn am 1. Dezember 2009 diese Attraktion auf den Dächern Jerusalems der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Der orthodoxe Israeli mit dem amerikanischen Akzent wünscht sich, dass dadurch »Juden, Christen und Muslime« aus aller Welt »einen Eindruck von der Heiligkeit, Spiritualität und Schönheit dieses Ortes bekommen« – und sie vor ­allem die tiefe Verbindung des jüdischen Volkes zu diesem Berg erkennen mögen.

Von Johannes Gerloff

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