»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«
13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Der Israelsonntag spaltet die Kirchengemeinden. Das vor neun Jahren in den Landeskirchen eingeführte »Evangelische Gottesdienstbuch« stellt für den 10. Sonntag nach Trinitatis zwei verschiedene Evangelien zur Auswahl. Die Pfarrer müssen entscheiden, ob der Gemeinde die Verse Lukas 19,41-48 (»Jesus weint über Jerusalem«) oder Markus 12,28-34 (»Die Frage nach dem höchsten Gebot«) verkündigt werden. Ein deutlicher Ausdruck der Verunsicherung in den Kirchen infolge des Wandels im christlich-jüdischen Verhältnis, über die sich nun jeder Prediger selber Klarheit schaffen muss!
Was steckt hinter dem Alternativangebot? Im Mittelalter hat die Kirche die zeitliche Nähe des jüdischen Gedenktags der Zerstörung des Tempels und Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 zum Anlass genommen, in den Gottesdiensten dieses Sonntags ihre Deutung des Verlusts von Land und Heiligtum Israels zu verbreiten: »Seht, wie Israel geschieht, das seinen Herrn verworfen hat und das Gott darum strafend fallen ließ. So tut Buße, damit es euch dereinst nicht ähnlich gehe!« Das Evangelium, das man dieser Lehre unterlegte, waren Jesu Worte über Jerusalem nach Lukas 19: »Deine Feinde werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.«
Eine christliche Mehrheit maßte sich freilich über Jahrhunderte hinweg an, selber Gottes Straf- und Richteramt auszuüben. Sie wurde schuldig durch Verleumdung und Entrechtung, Vertreibung und Mord an den Juden als Minderheit. Heute erkennen die Kirchen ihre mindestens durch Schweigen und Zusehen erwachsene Mitverantwortung an der Judenvernichtung der NS-Zeit. Sie kehren zurück zur Lehre des Apostels Paulus. Dieser weist im Römerbrief entrüstet die Frage von sich, ob Gott etwa sein von ihm ausgewähltes Volk Israel verstoßen habe.
Kann man also das alte Evangelium Lukas 19 am Israelsonntag noch predigen? Durchaus, sofern mit ihm deutlich wird: Nachdem Juden und Jüdinnen im Staat Israel Rettung und neuen Existenzgrund gefunden haben, schließt die christliche Gewissheit der Treue Gottes zu seinem Volk und seinen Verheißungen die Sorge ein, dass nun keine Feinde mehr dieses Land »dem Erdboden gleichmachen samt den Kindern in ihm«. Diese Sorge muss aber auch zur Tat werden. Etwa indem Kirchen und Gemeinden einwirken auf eine Politik, die das beständig proklamierte Ziel des Iran und seiner Handlanger, den Staat Israel zu zerstören, nicht ernst nimmt, ja sogar weiteres Wachstum der Wirtschaftsbeziehungen mit diesen Feinden Israels duldet und fördert.
Lukas 19 ist also mit Markus 12 zu lesen und zu predigen: Jesus bekräftigt für Christen das höchste Gebot Israels, »den Herrn, deinen Gott, zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen deinen Kräften« und »deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst«. Den Gott Israels zu lieben heißt, sein Volk zum Nächsten sich werden zu lassen und ihm alle nötige Fürbitte und Fürsorge zuteil werden zu lassen!
Ricklef Münnich
Der Autor ist Pfarrer und im Präsidium des Deutschen Koordinierungsrates (DKR) e.V. der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.
