Die Schöpfung – ein Zugang zum Glauben

27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gottesbilder im Alten Testament (2): Der freundliche und helfende Gott

In einer mehrteiligen Serie fragen wir danach, wie die Bibel von Gott ­redet.

Gott als Schöpfer des Universums in einer Minitaur aus dem 15. Jahrhundert. Quelle: Uni Leipzig

Gott als Schöpfer des Universums in einer Minitaur aus dem 15. Jahrhundert. Quelle: Uni Leipzig

Gott sei Dank!« – ein Stoßseufzer, den wir alle kennen. In ihm ist die Erfahrung enthalten, aus einer Notsituation relativ oder unbeschadet ­herausgekommen zu sein. Gegenwärtig werden solche Erfahrungen eher mit dem Glauben an (Schutz-)Engel als mit dem an das Wirken Gottes verbunden. Aber das muss kein Widerspruch sein – denn Engel sind in vielen Religionen Boten des lebendigen Gottes, auch im Juden- und im Christentum.
Gott als der freundliche, helfende Begleiter, als der Vergebende und derjenige, der sich auch angesichts menschlicher Schuld versöhnen lässt: Das ist eine häufige Vorstellung in der Bibel.

Als Erstes ein Blick auf die Rede von Gott in 1. Mose 3. Nach dem ­»Sündenfall« der ersten Menschen wird beschrieben, wie Gott abends durch den Garten geht – für mich eine sehr einladende und freundliche Vorstellung: Der Schöpfer ist dem von ihm Geschaffenen nahe. Freilich: Solche Rede von Gott führte vermutlich mit zu dem fatalen Bild vom »alten Mann mit langem Bart«. Aber die Freundlichkeit bleibt, zumal Gott die Sünder in dieser Geschichte anspricht und nicht einfach vorver­urteilt.

Als er das erste Paar schließlich aus dem Paradies verbannt, geschieht auch dies nicht ohne einen Akt der Fürsorge: Sie erhalten Kleidung aus Blättern von ihm. Noch um die schuldig Gewordenen kümmert sich der Schöpfer!

Dass Gott, der sein Volk aus der Sklaverei befreit, darin grundsätzlich eine freundliche und den Menschen zugewandte Seite zeigt, liegt auf der Hand – wenn auch der strafende Gott hier nicht ausgeblendet werden kann. Was aber die Freundlichkeit Gottes angeht, möchte ich noch auf einen weniger bekannten Text des Alten Testamentes hinweisen: Bald nach der Geschichte vom Goldenen Kalb, der sich Strafe und Demütigung für das ungehorsame Volk anschließen, bittet Mose um ein Zeichen der Nähe Gottes, aber nicht nur für sich selbst, sondern auch für das schuldig gewordene Volk. Gott sagt Mose ein solches Zeichen zu: »Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.«

Mose soll sich auf einen Felsen stellen, Gott werde dann an ihm vorübergehen (schön hier Luthers Übersetzung: »Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen.«), und Mose darf dann hinter ihm herblicken. Aber das Angesicht Gottes kann niemand sehen, auch seine engsten menschlichen Vertrauten nicht, Mose darf hier das Äußerste ­erleben, was ein Mensch ertragen kann. Mehr ist nicht möglich, kein Mensch könnte weiterleben, dem Gott unmittelbar und schrankenlos begegnet wäre. Passend zu der Geschichte scheint mir die Formulierung Luthers zu sein: »Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe.«

Eine mir wichtige Zwischenbemerkung: Wir werden die Texte der Bibel missverstehen, wenn wir sie als historische Berichte lesen. Natürlich sind auch geschichtliche Fakten in vielen von ihnen enthalten. Vor allem aber sind sie Glaubensaussagen aus den unterschiedlichsten Zeiten, die sich nicht selten widersprechen und jedenfalls grundverschiedene Akzente aufweisen. Umso hilfreicher ist unter diesem Aspekt ihre oft so wuchtige und beeindruckende Bildersprache, die dann etwa von Luther aufgenommen und weitergeführt wurde.

Nach wie vor ist für viele Menschen ein wichtiger Zugang zum Glauben der Blick in die Schöpfung: »Am Meer werde ich fromm«, »Im Wald finde ich meinen Gott« – solche Sätze sind uns bekannt. Diejenigen, die diesen Zugang angreifen und ablehnen, haben die Bibel nur sehr begrenzt auf ihrer Seite.

Denn der Lobpreis des Schöpfers und damit indirekt »das Hohelied der Natur«, ist durchaus ein wesentlicher Bestandteil biblischer Texte und sagt auch Wesentliches über die Freundlichkeit Gottes aus, der uns Menschen diesen Planeten voller Wunder als Raum zur Verfügung gestellt hat. ­Israel hat sich allerdings hier von Religionen seiner Umwelt insofern deutlich abgegrenzt, als dort Bäume, Steine und Ähnliches als Götter verehrt werden konnten. Dieser Schritt Israels war wichtig und bleibt es.

Wie sehr Gott durch die Natur zu uns sprechen kann und wie sehr die Vielfalt seiner Schöpfung uns sogar
da berühren kann, wo wir es gar nicht erwarten, ist mir bei Wüstenwanderungen immer besonders deutlich ­geworden. Manchmal sind auf glühend heißen Steinen mitten in der Wildnis die schönsten Pflanzen zu ­sehen, »Gottes harte Herrlichkeit«, nannte ein Dichter solche Bilder. Auch der freundliche Gott hat die Härte (menschliche und andere) geschaffen, und ist von ihr nicht zu trennen.

Ulrich Tietze

»Die Zeit ist zu kurz, um zu vergessen«

27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der 89-Jährige Jakub Müller kümmert sich um den jüdischen Friedhof in Nowy Sącz

»Ich habe nicht ausgesehen wie ein Jude«: Jakub Müller gelang als Einzigem seiner weitverzweigten Familie die Flucht vor der Gestapo und dem Vernichtungslager. Fotos: Gabriela Maciejowska

»Ich habe nicht ausgesehen wie ein Jude«: Jakub Müller gelang als Einzigem seiner weitverzweigten Familie die Flucht vor der Gestapo und dem Vernichtungslager. Fotos: Gabriela Maciejowska


Er ist Zeitzeuge des ­Einmarsches der deutschen Armee in Polen – und er überlebte als Einziger seiner Familie den danach hereinbrechenden Vernichtungsfeldzug gegen die jüdische Bevölkerung.

An den Einmarsch der Deutschen erinnert sich Jakub ­Müller noch genau. Es war in den Morgenstunden des 6. September 1939, einem Mittwoch, als die Kavallerie der 2. Gebirgsdivision in die südpolnische Stadt Nowy Sącz einzog. »Keine Kämpfe, kein Bombardement, und die Offiziere haben sogar mit den Leuten geredet«, sagt Müller, der damals 19 Jahre alt war, und fügt seufzend hinzu: »Wenn die Deutschen sich immer so verhalten hätten …« Doch schon nach wenigen Tagen änderte sich die Lage: Mit der Gestapo sei auch die »Gehenna«, die Hölle, gekommen. »Wir wussten, was Hitler machen wollte, aber wir konnten es nicht glauben«, erinnert sich Müller und beginnt von Heinrich Hamann zu erzählen, der für ihn der Inbegriff des Bösen ist.

Augenzeuge der Mordlustund der Vernichtung

SS-Obersturmführer Heinrich Hamann, der als Gestapochef von Nowy Sącz ein Schreckensregiment errichtete, war einer der übelsten Nazi-Schergen: verantwortlich für die Deportation von 15000 Juden ins Vernichtungslager Belzec, unter ihnen Müllers Eltern und fünf Geschwister. Hunderte von Juden hat er eigenhändig erschossen, sodass ihm sogar sein eigener Schwager, ebenfalls ein SS-Mann, Einhalt gebieten wollte. »Genug der Schweinerei!«, habe der gerufen – Müller sagt diesen Satz auf Deutsch –, woraufhin Hamann selbst seinen Schwager erschossen habe. Er sei froh, dass er 1966 im Prozess gegen Hamann als Zeuge aussagen und dazu beitragen konnte, dass Hamann zu ­lebenslänglicher Haft verurteilt wurde, sagt Müller.

Überlebt hat Müller die Judenvernichtung auf abenteuerliche Weise. Bis heute beginne er zu zittern, wenn er an seinem ersten Versteck im damaligen Ghetto vorbeikomme, erzählt er, auch wenn das Haus schon lange nicht mehr existiere. Als das Versteck entdeckt wurde, konnte er in letzter Sekunde fliehen. Über zwei Jahre irrte er in dem unwegsamen Gelände des Gebirges umher, übernachtete unter freiem Himmel, in Ställen und Scheunen. »Ich habe gute Leute getroffen«, erinnert er sich und weist auf seine wasserblauen Augen. »Ich habe nicht ausgesehen wie ein Jude.«

Seit 63 Jahren erfüllt Müller sein Gelübde
Halb verhungert kam Müller nach dem Krieg nach Nowy Sącz zurück. Er blieb, weil ihm die Kraft fehlte weiterzuziehen, heiratete 1948 eine junge Polin, die seinen jüdischen Glauben annahm, und setzte sein Gelübde in die Tat um: Wenn er die Nazi-Barbarei überlebe, so sein Versprechen gegenüber Gott, werde er sich um alles kümmern, was an Jüdischem in ­Sanz – so der jiddische Name der Stadt – übrig geblieben sei. »Die Zeit ist zu kurz, um zu vergessen«, sagt Müller.

Und so trägt er seit 1946 Sorge um den rund drei Hektar großen jüdischen Friedhof, der von den Nationalsozialisten erst als Hinrichtungsplatz geschändet und später zerstört und nach dem Krieg von den Kommunisten als Viehmarkt missbraucht wurde. Viele der rund 300 geretteten Grabsteine hat Müller eigenhändig wieder aufgerichtet, und auch das Ohel (Grabhaus) für den legendären Wunderrabbi Chaim Halbersztam und dessen Familie hat er gebaut. Müller deutet auf einen der neueren Grabsteine: Hier habe er die letzte Jüdin begraben, sagt der 89-Jährige. »Es hätten zehn sein müssen, aber ich war ­allein.«

70 Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf Polen ist Müller der letzte und einzige Jude in der 75000-Einwohner-Stadt. 1939 lebten in Nowy Sącz über 14000 Juden, rund ein ­Drittel der Bewohner. Müllers Familie spiegelt die jüdische Geschichte der Stadt wider: Sieben Generationen ­waren in Sanz ansässig, das von 1772 bis 1918 zur Habsburger Monarchie gehörte und auf Deutsch Neu-Sandez genannt wurde. Müllers Vater hatte
im 1. Weltkrieg in der kaiserlich-und ­königlichen Armee gedient. Insgesamt zählte die weitverzweigte Familie rund 200 Mitglieder – die Schoah überlebt hat nur einer: Jakub Müller.

Der Friedhof ist ihm auch ein Herzensanliegen geblieben, als er 1968 als Folge der staatlich verordneten antisemitischen Aktionen mit seiner Frau und den beiden Kindern Polen doch noch verlassen musste. In Schweden fand die Familie ein Exil, doch Müller kehrt alljährlich nach dem Pessach-Fest für ein halbes Jahr nach Nowy Sącz zurück. »Trotz allem: Ich liebe diese Stadt«, sagt er.

Das letzte Projekt harrt der Vollendung
Einige Hundert seien es, die in den Sommermonaten den Friedhof aufsuchen, berichtet Müller. Die meisten von ihnen seien Chassidim, Nachfahren oder Anhänger der Sanzer oder Bobower Wunderrebben. Und wie zur Bestätigung seiner Worte hält ein Bus, aus dem 15 Chassidim – streng religiöse Juden – aus London aussteigen. Sie richten Grüße aus und bestürmen Müller schon am Eingang – auf Jiddisch – mit Fragen, einer deutet auf den Rohbau neben dem Tor: »Woss is doss far a hois?«

Müller antwortet bereitwillig, denn das Gebäude ist sein letztes Projekt: Ein Haus mit einer kleinen Wohnung und Räumen, in denen sich die Besucher ausruhen und auch ihre rituellen Reinigungen vornehmen können. Unermüdlich wirbt Müller in der ganzen Welt dafür um Spenden, doch ihm fehlen noch umgerechnet rund 45000 Euro.

»Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir Gott noch gibt«, sagt er und stellt die Frage, auf die er keine Antwort findet: »Was wird aus dem Friedhof, wenn ich nicht mehr bin?«

Von Uwe von Seltmann

Bankverbindung von Jakub Müller für sein Friedhofsprojekt:
Bank Pekao Nowy Sącz
Swift: PKOPPLPW
I-Ban: PL 94 1240 4748 1111 0000 4876 2542

Sich vom Licht ausruhen

27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Kulturgeschichte des Schattens

Der Schatten birgt ein unerschöpfliches Repertoire an Entdeckungen. Foto: epd-bild

Der Schatten birgt ein unerschöpfliches Repertoire an Entdeckungen. Foto: epd-bild

Niemand möchte im Sommer die strahlende Sonne missen. Doch auf Dauer lässt sie sich nur so richtig genießen, wenn man sich in ihrem genauen Gegenteil aufhält: im Schatten. Der Schatten ist in der westlichen Kultur allerdings nicht Symbol für Wohlbefinden, sondern für Benachteiligung und Stigmatisierung.

Dramatische Ereignisse werfen ihre finsteren Schatten voraus, zu kurz Gekommene stehen im Schatten der Erfolgreicheren, negative Erlebnisse hinterlassen einen Schatten auf der Seele.
»Schatten sind seit jeher mit Argwohn und Angst verbunden«, sagt der italienische Philosoph Roberto Casati, der ein Buch über den Schatten »als rätselhafte Erscheinung« geschrieben hat. Schatten könnten Angst machen, wie Casati erklärt, weil sie »fremdartige Gebilde« seien, »zweidimensional, körper- und farblos«.

»Bist nicht aus Fleisch und Blut und empfindest keinen Schmerz«, wirft der griechische Philosoph Platon in einem von Casati ausgedachten Zwiegespräch seinem Schatten Skia vor. Worauf dieser kontert: »Aber die Kühle, die meine Brüder dir spenden, wirst du nicht verachten.«

Schatten bedeutet dabei zweierlei, wofür beispielsweise das Englische auch zwei verschiedene Wörter hat: Es ist einmal der Raum, der vor direktem Sonnenlicht geschützt ist, auf Englisch »shade«. Und es ist der zweidimensionale Schatten, den ein Objekt wirft, weil es dem Licht sozusagen im Weg steht, »shadow«.

Profis im Umgang mit Licht und Schatten sind Fotografen: »Mit Licht und Schatten steuert man die Dramaturgie des Bildes«, sagt der Hamburger Fotograf Peter Noßek. »Der Schatten in der Fotografie«, weiß Noßek, »macht das Bild plastisch und interessant.« Wichtig sei ein harmonisches Zusammenspiel von Licht und Schatten: »Schwierig wird es immer dann, wenn man von einem zu viel hat.«

Aus diesem Grund ist der Schatten auch für die Lichtplanerin Ulrike Brandi bedeutend. »Es ist vor allem das Zwiegespräch zwischen Licht und Schatten, das uns berührt«, sagt sie. Das »Loch im Licht«, wie Brandi den Schatten auch nennt, ermöglicht nicht zuletzt, sich vom Licht »einmal auszuruhen«. Darüber hinaus birgt der Schatten für Brandi ein »unerschöpf­liches Repertoire an Entdeckungen«, wenn er auf Wände fällt oder wenn er durch Blätter gefiltert wird.

Der Schatten hat dabei etwas Spontanes, etwas Launenhaftes. Der Schatten sei die »Erinnerung des Lichts«, beschreibt Casati poetisch das Gegensatzpaar.Vor allem in nicht-westlichen Kulturen werden dem Schatten Kräfte mannigfaltiger Art zugestanden, vielen gilt er gar als »Abbild der Seele«. So muss sich ein Brahmane in Indien reinigen, wenn sein Körper vom Schatten eines »Unberührbaren« gestreift wird. Und die Zulu in Afrika, so Casati, erinnern sich immer an das Nahen des Todes, wenn ihr Schatten kürzer wird.

Darijana Hahn (epd)

Buchhinweis: Casati, Roberto: Die Entdeckung des Schattens. Die faszinierende Karriere einer rätselhaften Erscheinung, Berliner Taschenbuch Verlag, 326 S., ISBN 978-3-8333-0192-6, 9,90 Euro

Die Hoffnung noch nicht aufgegeben

27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Entführt: Seit Jahren arbeiteten sie in einem Krankenhaus im Jemen – seit Wochen sind sie verschollen

Seit dem 12. Juni fehlt von der fünfköpfigen Familie Hentschel, die als christliche Aufbauhelfer im Jemen ­arbeiteten, jede Spur. Doch Verwandte und Freunde ­hoffen und beten weiter für ein glückliches Ende.

Wollten aus christlicher Verantwortung den Menschen helfen: Sabine und ­Johannes Hentschel aus Ostsachsen mit ihren Kindern Simon (1), Anne (3) und Lydia (5). Foto: privat

Wollten aus christlicher Verantwortung den Menschen helfen: Sabine und ­Johannes Hentschel aus Ostsachsen mit ihren Kindern Simon (1), Anne (3) und Lydia (5). Foto: privat

Der große Ansturm ist vorbei. Die Tage, als Dutzende Journalisten und Kamerateams die kleinen Dörfer Lauske und Meschwitz belagerten. Winzige Flecken auf der Landkarte im Osten Sachsens, kurz hinter Bautzen. Kaum jemand hatte je von ihnen gehört bis Mitte Juni, als bekannt wurde, die im Jemen entführte deutsche Familie kommt von hier.

Am 12. Juni zwischen 16 und 18 Uhr verschwanden die Lausitzer Johannes und Sabine Hentschel (beide 36) mit ihren drei Kindern Anne (3), Lydia (5) und dem einjährigen Simon. Sie waren zusammen mit zwei deutschen und einer koreanischen Kollegin sowie einem britischen Ingenieur in der nordjemenitischen Provinz Saada unterwegs. Wollten einen kurzen Ausflug machen. Doch sie wurden von Unbekannten angegriffen und verschleppt. Die beiden deutschen Mädchen, Praktikantinnen einer Bibelschule, und die Koreanerin hatte man kurz darauf tot aufgefunden. Von den Hentschels aber und dem Briten fehlt seither jede Spur.

»Es gibt nichts Neues«, sagt Reinhard Pötschke. Der Pastor einer freien evangelischen Gemeinde in Radebeul bei Dresden ist mit Johannes Schwester verheiratet. Geduldig, freundlich beantwortet er die immer gleichen Fragen von Journalisten. Erzählt, dass sein Schwager Johannes nicht unvorsichtig war, als er mit Familie und den Bekannten zum Picknicken aufbrach. »Die Gegend, in die sie wollten, ist ­sicher. Sonst hätten sie Wachen mitgenommen.«

Als die Familie ausreiste, herrschte Frieden im Land

Seit sechs Jahren arbeiten der studierte Maschinenbauer Johannes und seine Frau Sabine, die Krankenschwester, am staatlichen Krankenhaus »Mustaschfa al Dschimhuri« im Nordjemen. Zu Hause gehörten sie zur Landeskirchlichen Gemeinschaft. Als die Christen dort anfingen, ausgesandt von der niederländischen Hilfsorganisation »Worldwide Services«, gab es keinen Krieg in dem muslimischen Land. Johannes Eltern, Gottfried und Ruth Hentschel aus Lauske, schlugen darum auch nicht die Hände über dem Kopf zusammen. Sie wussten längst, den Johannes zieht es in die Welt. Schließlich hatte er schon seinen Zivildienst unter arabischen Behinderten abgeleistet, hatte auch die Sprache gelernt.

Seit einigen Jahren aber herrschen immer wieder bürgerkriegsartige Unruhen, besonders im Nordjemen. Die Armee liefert sich Gefechte mit Rebellen. Seit einigen Wochen verstärkt. 35000 Zivilisten sind in den letzten Tagen vor den Kämpfen geflüchtet. ­Jemens schwache Regierung ist momentan eigentlich viel zu sehr mit den Unruhen beschäftigt, um ernsthaft nach den Entführten zu suchen.

Reinhard Pötschke fährt oft in die Lausitz. Sieht nach den Eltern von ­Johannes und Sabine, die hier leben. Und schaut nach dem Haus in Meschwitz, in das die Hentschels in einem Jahr einziehen wollten. Ein uralter Umgebindebau mit dicken Balken. Johannes Hentschel und Reinhard Pötschke haben ihn zusammen saniert. Als Zuhause der Familie. In einem Jahr wollten sie aus dem ­Jemen zurückkommen, hier wohnen. Denn Tochter Lydia wollte in Deutschland, in Bautzen, zur Schule gehen. So hat sie es ihrer Oma Ruth Hentschel angekündigt. »Im Jemen kann ich nicht in die Schule. Da gehen nur Jungs hin«, hatte das Mädchen der Großmutter erzählt.

Die Rückkehr war für nächstes Jahr geplant
Ruth Hentschel muss lächeln, wenn sie daran denkt. Über Sattelitenfernsehen verfolgt man in Lauske die Nachrichten aus aller Welt, auch auf arabischen Sendern. »Wir verstehen das zwar nicht, aber vielleicht gibt es ja mal Bilder«, sagt Gottfried Hentschel. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, Johannes, Sabine und die Kinder wiederzusehen. Freunde von überall her schreiben Briefe, drücken ihre ­Anteilnahme aus. Teilnehmer der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg haben Grüße und Segenswünsche ­geschickt. Einige Kirchengemeinden im Raum Bautzen beten regelmäßig für die Vermissten. Dass zu wissen, bedeutet den Hentschels viel. Auch, dass Landesbischof Jochen Bohl zum Gebet für die Familie aufgerufen hat.

»Im Alltag kann man sich schon ablenken, aber wenn wir alleine sind, dann rutscht man manchmal schon ganz tief«, flüstert Ruth Hentschel. Gerade jetzt ist es für die Familie besonders schwer, denn die fünfköpfige ­Familie sollte eigentlich hier sein, auf Sommerurlaub. Sie hatten sich alle so darauf gefreut. Stattdessen zünden sie Kerzen an. Beten für die Heimkehr ihrer Kinder, Enkel, Schwäger, Nichten, Neffen.

Und sie versuchen, das falsche Bild von Johannes und Sabine Hentschel gerade zu rücken. »Es sind so viele Gerüchte im Umlauf. Weil niemand wirklich weiß, was passiert ist, hat sich jeder seine eigene Geschichte zusammengereimt.« Reinhard Pötschke ist sich sicher, die Ausflügler haben sich ordnungsgemäß abgemeldet an jenem 12. Juni. Einen angeblichen Notruf übers Handy, von dem viel berichtet wurde, habe es nie gegeben. Die Koreanerin und die Bibelschüler hätten nicht versucht zu fliehen, so wie manche Medien berichteten. Sie wurden gezielt hingerichtet. Auch missioniert haben Johannes und Sabine Hentschel nicht in dem islamischen Land, da sind sich Ruth und Gottfried Hentschel sicher. »Sie sind viel zu ­erfahren im Umgang mit Muslimen.«

Zur goldenen Hochzeit im Frühling haben die Hentschels ihren Sohn Johannes zum letzten Mal gesehen. Er hatte Fotos von den Kindern mitgebracht, ein ganzes Album voll. Und Kinderzeichnungen – fröhliche bunte Bilder.

Von Irmela Hennig

Gerechtigkeit für Pepe

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Guatemala: Der Kampf gegen die Straflosigkeit für Taten der Drogenmafia ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel

Vor knapp drei Jahren berichtete die Kirchenzeitung erstmals über den Mord an Pepe Méndez. Seitdem hat Vater Amílcar Méndez versucht, die Hintergründe der Bluttat vom 17. August 2007 aufzuklären.

»Gerechtigkeit für Pepe!«, fordern dessen Eltern und Menschenrechtsaktivisten bis zum heutigen Tag vergeblich. Foto: Andreas Boueke

»Gerechtigkeit für Pepe!«, fordern dessen Eltern und Menschenrechtsaktivisten bis zum heutigen Tag vergeblich. Foto: Andreas Boueke

Hier an dieser Stelle starb Pepe«, sagt Amílcar Méndez in die Mikrofone und Kameras, die ihm mehrere Reporter entgegenhalten. »Wir werden heute eine Gedenktafel befestigen, um an das ­Leben meines Sohns zu erinnern, nicht an seinen Tod.« Freunde der Familie Méndez, Angehörige und Vertreter verschiedener Menschenrechtsorganisationen sind zusammengekommen, um gegen die Gewalt im Land zu protestieren. In Guatemala wurden in diesem Jahr ­bisher jeden Tag durchschnittlich 17 Menschen ermordet. Ein großer Teil dieser Gewalt steht im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen. Viele Täter werden von korrupten Regierungsangehörigen oder Mitarbeitern des Justizapparats geschützt.

Korrupte Beamte in Regierung und Polizei
Keine zweihundert Meter vom Tatort entfernt liegt das Hauptgebäude des internationalen Flughafens von Guatemala-Stadt. Arbeitskollegen von Pepe berichten, kurz vor seinem Tod habe der damalige Generaldirektor des Flughafens persönlich versucht, ihn zu entlassen. Pepe hatte aufgrund von technischen Kriterien eine nächtliche Starterlaubnis verweigert. Es stellte sich heraus, dass das Flugzeug Eigentum eines persönlichen Freundes des Flughafendirektors war. Der Flieger konnte dennoch starten, mitten in der Nacht, ohne die Erlaubnis aus dem Kontrollturm und ohne die vorgeschriebene Frachtüberprüfung. Weil Pepe nachweisen konnte, dass er vorschriftsmäßig gehandelt hatte, konnte er sich gegen die Entlassung wehren. Wenig später war er tot.

Der ehemalige Direktor des Flughafens, Manuel Moreno Botrán, ist Mitglied einer der reichsten und mächtigsten Familien des Landes. Mehrere Personen in seinem Umfeld werden verdächtigt, mit kolumbianischen Drogenkartellen in Verbindung zu stehen. Sein persönlicher Anwalt ist vor wenigen Monaten von einem Killerkommando hingerichtet worden. Die Polizei geht von einem Streit zwischen Drogenbanden aus. Auch über Pepes damaligen direkten Vorgesetzten gibt es stapelweise Akten, die ihn mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung bringen. Das weiß auch der neue Flughafendirektor. »Dieser Mann arbeitet nicht mehr hier. Als ich gekommen bin, habe ich ihn entlassen, weil er unter Verdacht steht.«

Viele Details über illegale Aktivitäten auf dem Flughafen sind bekannt, ohne dass jemand etwas unternimmt. Zu einer unabhängigen Untersuchung kommt es nahezu nie. Der neue Flughafendirektor behauptet, er wolle das ändern. Doch: Wer in Guatemala versucht, etwas gegen das organisierte Verbrechen zu unternehmen, lebt in Angst. Auch die Familie von Pepe. Seine kleine Schwester Ana Maria wurde kürzlich am Telefon bedroht: »Sie fragten nach meinem Vater. Ich habe gesagt, dass ich seine Tochter bin. Daraufhin haben sie mich angeschrieen. Sie sagten mir, sie seien vor unserem Haus. ›Gleich wird es Klingeln. Wir sind bewaffnet und wollen deinen Vater.‹ Ich habe aufgelegt. Sie haben immer wieder angerufen. Fünf Minuten später haben sie heftig gegen die Haustür getreten. Ich habe die Polizei gerufen, aber niemand ist gekommen.«

Die Polizei in Guatemala ist unterbesetzt und miserabel ausgestattet. Die Staatsanwaltschaft auch. Zudem befolgen viele Staatsanwälte die Regeln der unantastbaren Mitglieder der einflussreichen Oberschicht Guatemalas. Der bis vor Kurzem für den Mord an Pepe zuständige Ermittler der Staatsanwaltschaft, Héctor Canastuj hat sich immer geweigert, den ehemaligen Direktor des Flughafens oder seine engsten Vertrauten auch nur zu einem Gespräch vorzuladen.

Keine Ermittlungen gegen einflussreiche Familien
Guatemala gilt als Durchgangsstation für Kokain aus Kolumbien, das vor allem nach Nordamerika transportiert wird. Im Fall von Pepe gibt es zahlreiche Hinweise, die in Richtung der Kokainmafia deuten. Doch Héctor ­Canastuj zieht es vor, diese Spuren zu ignorieren. So sind fast zwei Jahre ­vergangen, ohne dass die Staatsanwaltschaft die relevanten Dokumente verdächtiger Flüge angeschaut hätte, die zu Konflikten zwischen Pepe und seinen Vorgesetzten geführt haben. Amílcar Méndez ist frustriert: »Sie ­haben nicht eine einzige Sache gemacht, um die Hintermänner des Mordes an meinem Sohn zu identifizieren, diejenigen, die beauftragt und bezahlt haben.«

Dabei könnte Amílcar Méndez eigentlich stolz auf das Erreichte sein. Mit seiner Hartnäckigkeit ist er so weit gekommen, dass der Tatverdächtige Omar Gudiel als Mörder verurteilt wurde. Doch die Schwester des Opfers, Rocio, ist sich sicher, dass der junge Mann einen Auftrag ausgeführt hat: »Es ist offensichtlich, dass er von einflussreichen Leuten finanziell unterstützt wird. Womöglich waren diese Leute sogar daran interessiert, dass
er schuldig gesprochen wurde. Es könnte sein, dass er die Rolle des ­Sündenbocks übernommen hat.«

Nicht ein einziger wichtiger Boss der Drogenkartelle sitzt in Guatemala im Gefängnis. Einige ihrer Namen sind bekannt und werden sogar in Medienberichten genannt. Diese ­Personen pflegen beste Beziehungen zur Polizei, zum Justizapparat und zur Regierung. Sie bleiben straflos, egal wie viele Morde sie in Auftrag geben.

Von Andreas Boueke

Ein Wörterbuch für die Gebärdensprache

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Hamburger Institut startet 15-jähriges wissenschaftliches Projekt

Bildquelle: Archiv

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In Hamburg ist jetzt das größte wissenschaftliche Projekt für die Gebärdensprache angelaufen. 15 Jahre lang wird am Uni-Institut für Deutsche Gebärdensprache ein umfassendes Wörterbuch erarbeitet. Über 300 Gehörlose sollen gefilmt werden, um dann aus etwa 400 Stunden Videomaterial rund 2,3 Millionen Einzelgebärden zu verarbeiten.

Wörterbücher für die Gebärdensprache gibt es viele. Größtes Standardwerk ist der »Kestner« mit 18000 Begriffen und Gebärden. Wer als Tischler, Sozialpädagoge oder Altenpfleger arbeitet, kann für seine Fachbegriffe sogar Spezial-Wörterbücher zur Hand nehmen. Doch es fehlt bislang ein wissenschaftliches Wörterbuch, das die Grammatik erläutert, in dem Gebärden systematisch nachgeschlagen werden können und das die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes umfassend darstellt.

Rund 80000 Menschen in Deutschland sind gehörlos. Weitere 140000 sind so stark schwerhörig, dass sie auf die Gebärdensprache angewiesen sind. Seit 2002 ist sie als eigenständige Sprache offiziell anerkannt. Insgesamt 8,4 Millionen Euro lassen sich der Bund und die Akademie der Wissenschaften in Hamburg das Wörterbuch-Projekt kosten.

Ein geschriebenes Wort in die Gebärdensprache zu übersetzen ist relativ einfach, schließlich gibt es dafür das Alphabet. Eine unbekannte Gebärde aufzuspüren ist schon komplizierter. Helfen kann hier »HamNoSys«, die Abkürzung für »Hamburger Notationssystem«. Jede Gebärde wird hier nach Handform, Handstellung, Bewegung und Ort der Hand unterteilt. Das neue Wörterbuch soll helfen, solche Bedeutungen unkompliziert zu finden.
Aber Sprache ist nicht immer eindeutig. Das Verb »löschen« wurde vor 30 Jahren nur in Zusammenhang mit Bränden, Hafenladungen oder Durst verwendet. Heute »löscht« man auch Daten im Computer. Für das eine Wort »löschen« in der Schriftsprache hat die Gebärdensprache unterschiedliche Ausdrücke. Susanne König, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt: »Wer eine Fremdsprache lernt, weiß, dass die Worte nicht eins zu eins übersetzt werden können.«

Auch hat die Gebärdensprache eine eigene Grammatik, die sich deutlich von der gesprochenen Sprache unterscheidet. Fälle wie Dativ und ­Akkusativ kennt sie nicht. Wer beispielsweise die Gebärde »geben« verwendet – die flache Hand wird nach vorne gestreckt – kann durch die ­Richtung der Handbewegung deutlich machen, ob er etwas seinem Gegenüber geben will oder einer anderen Person. Bei Namen etwa kann ein Wort durch das Finger-Alphabet buchstabiert werden.

Das neue Gebärden-Lexikon will keine Sprach-Regeln vorgeben, an die sich die Gehörlosen künftig zu halten haben. Ziel ist es stattdessen, aus den Gebärden des Alltags die Regeln zu ermitteln. Anfang nächsten Jahres soll mit den Filmaufnahmen begonnen werden. Im Internet können die Gehörlosen die Ergebnisse dann diskutieren: Kommt diese Gebärde nur in Ausnahmefällen vor? Ist sie auf eine Region oder eine Altersgruppe beschränkt?

Für die Gebärdensprachler, so Projektleiter Christian Rathmann, werde das neue Lexikon auch einen »hohen ideellen Wert« haben. Rathmann ist der erste gehörlose Professor in Deutschland.
Auch in der Gebärdensprache gibt es Dialekte – weit ausgeprägter als in der deutschen Schriftsprache, wo allenfalls noch Brötchen, Rundstück, Schrippe oder Semmel unterschieden werden. Deshalb werden die gehörlosen Informanten nur vor Ort gefilmt. Wenn ein Franke in Hamburg gebärdet, so die Erfahrung von Susanne ­König, passe er sich schnell an. Auch sind die Unterschiede der Gebärden in Deutschland, Österreich und der Schweiz größer als in der Schriftsprache. Internet und Fernsehen förderten aber vor allem bei Jüngeren eine deutschlandweite Angleichung, vermutet Susanne König. Belegt sei dies aber nicht.

In welcher Form das Gebärden-Wörterbuch am Ende genutzt wird, ist noch offen. Als zehnbändige Buchreihe zumindest ist es völlig ungeeignet. Sicherlich werde es in irgendeiner Art elektronisch verfügbar sein, so ­Susanne König. Wer die Entwicklung des Internets in den vergangenen 15 Jahren verfolgt hat, könne nur ahnen, welche Möglichkeiten der Präsentation es im Jahre 2023 gibt.

Thomas Morell (epd)

Verborgene Schätze der Heiligen Schrift

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottesbilder im Alten Testament (1): Die menschliche Rede von Gott ist zeitbedingt

In einer mehrteiligen Serie fragen wir danach, wie die Bibel von Gott ­redet. Dabei beschäftigen wir uns mit den weniger bekannten Texten in der hebräischen Bibel und ihren Gottesbildern.

Bildquelle: Archiv

Bildquelle: Archiv

Alle Rede von Gott ist immer auch Bilderrede. Die Bildhaftigkeit ist gar nicht zu vermeiden, wenn wir uns Gedanken über Gott machen, wenn wir unsere und fremde Erfahrungen in Sprache fassen wollen. Schon die Tatsache, dass viele religiöse Texte erzählen, statt zu argumentieren, macht das deutlich. Denn jede Erzählung hat es mit Bildern ihrer Zeit zu tun.

Damit ist ein Aspekt angezeigt, der in kirchlichen Kreisen nicht selten ein Tabu darstellt: Auch in »Heiligen Schriften« finden wir menschliche Rede von Gott. Jede Aussage über Gott ist zeitbedingt, zeitbezogen, findet in einem bestimmten Kontext statt. »Ewige« Aussagen gibt es nicht, egal, wie lieb und wertvoll uns bestimmte Bibeltexte sein mögen. Wenn Menschen unserer Zeit ihre Erfahrungen mit Gott niederschrieben und dabei von biblischen »Vorlagen« absähen, so wären die Texte sowohl inhaltlich als auch formal anders als die Materialien, die wir in der Bibel finden. Das kann auch nicht anders sein, denn alle menschliche Ausdrucksform, gleichgültig welcher Kultur und Religion, ist an die Bedingungen ihrer Zeit gebunden.

Drei Äußerungen zum Thema »Glauben« gehen mir noch nach, obwohl sie alle eher weit zurückliegen. Zunächst: eine Pfarrkonferenz. Es ist Mai, wir sitzen in großer Runde draußen im herrlichen Pfarrgarten, freuen uns an Sonnenschein, blühenden Blumen und herrlichen Frühlingsfarben. Einer von uns betont die Schönheit der Schöpfung. Daraufhin sagt ein anderer: »Vergesst nicht: Es reicht eine Frostnacht, und die ganze Schönheit hier ist vorläufig dahin, das alles hier ist dann ein Platz des Todes. Auch das ist Gott.« Ich stimme ihm zu – damals wie heute. Es ist eine unerlaubte Verkürzung, wenn wir die Schönheit der Natur auf Gott zurückführen, aber ihre Härte und den in ihr enthaltenen Tod ausblenden.

Die zweite Äußerung: Eine Freundin, selbst bei der Kirche tätig, erzählt, sie habe im Vorbeifahren an einer Kirche das Transparent gesehen »Gott will keinen Krieg«. Sie selbst ist klare Kriegsgegnerin. Und doch sagt sie mit spürbarem Ärger: »In diese Kirche würde ich niemals gehen. Es ärgert mich, wenn Menschen so ungebrochen selbstsicher behaupten, sie wüssten, was Gott will und was nicht.« Ich möchte ihr widersprechen, weil ich große Sympathie für jede klare ­Ablehnung des Krieges verspüre. Und doch: In der Bibel, im Alten (besser: Ersten) Testament gibt es durchaus häufig die Vorstellung, Gott könne Kriege befürworten, sogar dazu anstiften.

Und wird im Neuen (besser: Zweiten) Testament die Existenz von Kriegen wirklich prinzipiell verworfen? Zumindest werden Machtverhältnisse, die Unterdrückung zur Folge haben können, eher zementiert als abgelehnt: »Seid untertan der Obrigkeit« oder »Ihr Sklaven, seid gehorsam«. Insofern kann ich dieser Freundin nicht widersprechen.

Und drittens: Bei einem Wochenendseminar mit Kirchenvorstandsmitgliedern und Pastoren fallen zwei Bemerkungen, die mich rat- und sprachlos machen. Eine Frau sagt: »Warum gibt es eigentlich auch unter uns Christen so viel Pessimismus? Wir schauen doch Gott in die Karten und wissen, dass alles gut enden wird.« Und ein Pastor sagt an einer anderen Stelle: »Der Tsunami kann nicht von Gott gekommen sein, denn im Zusammenhang der Geschichte von der Sintflut heißt es doch eindeutig: Nie wieder will ich eine Sintflut auf
die Erde schicken.« Ich spüre Hilf- und Sprachlosigkeit und ärgere mich später darüber, dass ich nicht klar ­widersprochen habe. Die erste Aussage beinhaltet eine Sicherheit, die mir angesichts unzähliger Erfahrungen von Leid zu allen Zeiten zynisch erscheint. Und die zweite ist für mich ein bedrückendes Beispiel eines völlig unreflektierten Biblizismus, den ich immer häufiger wahrnehme und der mir und anderen nicht weiterhilft im Glauben.

Im Ersten Testament sind unzählige Gottesbilder vorhanden, die sich nicht selten eindeutig widersprechen. Wie sollte das anders sein angesichts der Tatsache, dass hier Erfahrungen mit Gott aus etwa Tausend Jahren verarbeitet sind?

Viele Bibeltexte, die uns fremd sind, mit denen wir nicht aufgewachsen und vertraut sind, können uns den Reichtum des Ersten Testaments vielleicht wieder nahebringen. Dieser Reichtum besteht nicht zuletzt darin, dass hier eine Vielzahl von Welt-, Menschen- und Gottesdeutungen vorliegt, die auch für das Zweite Testament von großer Bedeutung sind.

Es gibt in diesem »Heiligen Buch«, das für Judentum und Christentum eine zentrale Glaubensurkunde ist, Schätze, die verborgen sind, aber nicht verschollen. Auf einige soll in dieser Serie hingewiesen werden – im Wissen, dass Vollständigkeit nicht ­annähernd möglich ist. Vielleicht gelingt es in diesem Rahmen auch, deutlich zu machen, wie wenig wir in ­unseren Kirchen darauf verzichten können, uns mit der Quelle unserer Religion, dem Judentum, zu beschäf­tigen und Gemeinsamkeiten wiederzuentdecken.

Ulrich Tietze

»Wir sind in keiner guten Verfassung«

20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Friedrich Schorlemmer zur Situation der evangelischen Kirche

Kritischer Begleiter der Entwicklungen in Kirche und ­Gesellschaft: der Wittenberger Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer	Foto: epd-bild

Kritischer Begleiter der Entwicklungen in Kirche und ­Gesellschaft: der Wittenberger Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer Foto: epd-bild

Die Evangelische Kirche in Deutschland lädt im Rahmen ihres Reformprozesses zur »Zukunftswerkstatt« nach Kassel. In Mitteldeutschland ruft die Initiative »Salzwerk« dagegen zur kritischen Begleitung und Korrektur des EKD-Prozesses. Harald Krille sprach mit dem »Salzwerker« Friedrich Schorlemmer.

Herr Schorlemmer, seit drei Jahren läuft unter dem Stichwort »Kirche der Freiheit« ein Reformprozess innerhalb der EKD. Wie sehen Sie die Lage – sind die evangelischen Kirchen in Deutschland in guter ­Verfassung?
Schorlemmer:
Schon diese Ausdrucksweise: Wir sind gut aufgestellt oder wir sind guter Verfassung oder vielleicht wir sind auch gut drauf – das halt ich für Sprach- und Denkformen, die mir fremd sind. Aber in welcher Verfassung sind wir? Ich sage: Wir sind in keiner guten Verfassung, wir reden es uns aber gut.

Aber steht die Kirche zumal in den neuen Bundesländern 20 Jahre nach der friedlichen Revolution heute nicht besser als je da?
Schorlemmer:
Natürlich ist es sehr erfreulich, dass seit 1990 so viele der vom Verfall bedrohten Kirchen in einer schönen und einladenden Weise renoviert werden konnten. Zugleich haben wir aber in diesen 20 Jahren zu viel Selbstbeschäftigung betrieben. Es sind zu wenig Impulse – aus der Jesusbotschaft! – für die Öffentlichkeit, auch für die Nichtchristen, für die ­Suchenden und Fragenden ausgegangen. Wir waren beschäftigt mit Umstrukturierung, mit Gemeindezusammenlegungen etc.

Und dann hat die Kirche bei der Suche nach einem Gesamtkonzept auf Leute gehört, die uns versichern, wir hätten eine gute »Message«, doch wir müssten diese Botschaft besser verpacken. Und es ist ein betriebswirtschaftliches Denken in die Kirche gekommen. Aber die Schwerpunkte unserer Arbeit sollten wir uns nicht von externen Beratern geben lassen, sondern von der Schrift.

EKD-Reformprozess
Im Rahmen des EKD-Reform­prozesses »Kirche der Freiheit« veranstaltet die EKD vom 24. bis 26. September im Kassel eine ­Zukunftswerkstatt. Zu der Veranstaltung werden rund 1200 ­geladene Multiplikatoren des ­Reformprozesses aus allen Teilen Deutschlands erwartet. Dabei steht eine Zwischenbilanz des bisherigen Reformprozesses auf der Tagesordnung. Weiterhin sollen gelungene Beispiele »einer einladenden qualitätsbewussten evangelischen Kirche« vorgestellt und ­»gefeiert« werden.
www.kirche-im-aufbruch.ekd.de

Aber an vielen Stellen gleicht die Kirche doch durchaus ­einem Unternehmen – warum soll man sie dann nicht wie einen Betrieb führen?
Schorlemmer:
Weil das der Anschluss an den Zeitgeist ist, der alles, was Menschen tun, unter pekuniären Aspekten sieht. Man kann nicht nur fragen: Wie viel Kirchensteuerzahler sind da? Sondern, wie machen wir unsere Arbeit so, dass Menschen bereit sind, etwas von ihrem Einkommen der Kirche zu geben? Und zwar nicht nur über die Kirchensteuer, sondern auch als Kollekte oder zweckgebundene Spende.

Aber geht es im Reformprozess unter dem Stichwort Qualitätsmanagement nicht gerade darum, die Arbeit in diesem Sinne zu verbessern?
Schorlemmer:
Qualitätsmanagement oder Evaluierung – das halte ich für Quatsch. Haben wir früher nicht das wunderbare Instrument der Visitation gehabt? Da ging es doch eigentlich um geschwisterliche Begleitung, um kritisches Hinsehen mit Ermutigung und Bestärkung. Durchaus auch impulsgebend!

Bei allem Respekt vor dem Amt des Pfarrers – muss nicht auch ein wenig Kontrolle sein?
Schorlemmer:
Ich bin dafür, dass wir in der Kirche für ein bisschen mehr Disziplin und Selbstdisziplin sorgen. Dazu gehört auch, dass die einen sich nicht kaputt arbeiten während andere diesen Beruf eben als »Job« machen. Nur wer selbst für die Sache Jesu brennt, der wird auch das Licht der Hoffnung bei anderen anstecken können. Aber wir entwickeln uns statt zu einer brennenden Kirche mehr zu einer solchen, die alles »professionell« macht. Doch wo alles professionell ist, wird’s auch kalt.

Kann man statt des kirchlichen Wortes Visitation nicht auch das betriebswirtschaftliche Controlling benutzen?
Schorlemmer:
Nein, denn Sprache prägt Denken! Und Denken prägt Sprache!

Was wäre denn aus ihrer Sicht wichtig für eine Kirche, die auch in Zukunft ihrem Auftrag gerecht werden will?
Schorlemmer:
Ganz oben an steht für mich die Nähe der Pfarrerinnen und Pfarrer und der anderen kirchlichen Mitarbeiter zu den Menschen. Je weiter wir Strukturen schaffen, in denen Pfarrer für immer größere Bereiche zuständig sind, aber kaum noch die Menschen mit Namen kennen, macht uns das selbst kaputt und demotiviert uns. Ich möchte deshalb nach Modellen suchen, in denen die Nähe kirchlicher Arbeit zu den Menschen erfahrbar wird.

Was verstehen Sie unter der Nähe zu den Menschen? Das ist doch nicht nur eine Frage der Zahlenverhältnisse zwischen Pfarrer und Gemeindemitgliedern …
Schorlemmer:
Die Nähe zu den Menschen muss sich dreifach zeigen: in Verkündigung, in Gemeinschaft, in Diakonie. Das erste also: Was sagen wir den Menschen und warum? Wie sagen wir es und in welcher Sprache?

Das Zweite: Wie weit erfahren die Menschen, die zu uns kommen, Gemeinschaft? Sind wir eine Veranstaltungskirche, die viele Sponsoren sucht, um ihre Plakate drucken zu können? Die von »Event« zu »Event« jagt? Oder bieten wir menschliche Nähe und verlässliche, erfreuliche Kommunikation? Da können wir uns von unseren freikirchlichen Geschwistern viel abgucken.

Und das Dritte ist der praktische Dienst am Menschen, die Diakonie. Weithin ist die aus den Gemeinden in die Diakonischen Werke und Einrichtungen hinausdelegiert worden. Doch sie muss auch in der Gemeinde erlebbar werden. Wie viel Geld stecken wir in die Renovierung von Kirchen und anderen Gebäuden, und wie viel zum Beispiel in Suppenküchen? Kirche muss erkennbar bleiben oder werden als ein Ort, wo die, die stinken und kein Dach über dem Kopf haben und die kaputt sind, ihre warme Suppe kriegen und auf Leute treffen, die sie freundlich aufnehmen.

Seit einigen Monaten gibt es in Mitteldeutschland eine Initiative unter dem Namen »Salzwerk«. Was steckt dahinter?
Schorlemmer:
Der Ausgangspunkt ist eine gleichzeitige Beobachtung unserer kirchlichen Wirklichkeit durch verschiedene Menschen in unseren Kirchen. »Salzwerk« ist also aus einer gemeinsamen Sorge um den Weg unserer Kirche heraus entstanden. Der Name spielt ja auf die Verheißung an, dass wir Christen, Salz der Erde sind (Matthäus 5,13). Aber das Salz darf nicht kraftlos oder »dumm« werden, wie Luther es so schön übersetzte. Genau deshalb will »Salzwerk« eine theologische Diskussion über wesentliche, substanzielle Fragen anregen, Interessierte zusammenführen, miteinander vernetzen.

Was erwarten Sie konkret von »Salzwerk«?
Schorlemmer:
Dass die Impulse des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung weitergeführt werden. Es gilt zu bedenken, dass unsere Welt nicht nur Material ist, sondern die Mater, die Mutter, von der wir leben. Der erste Artikel des Glaubensbekenntnisses ist zugleich eine Verpflichtung zur Bewahrung der Schöpfung für die folgenden Generationen.
Oder: Wenn wir das Zeugnis Jesu verkündigen, dann ist auch politisch der Friedenskönig und seine Art Konflikte zu lösen, hochzuhalten. Dann können wir uns nicht mit so einer pflaumenweichen Erklärung wie in der letzten Denkschrift der EKD zum Thema Frieden zufriedengeben. Die Frage nach dem gerechten Frieden, weniger nach dem »gerechten« Krieg ist zu ­stellen!

Ich erwarte, dass »Salzwerk« in dieser Richtung ein »Stachel« wird. Nicht um andere zu kritisieren, sondern um das Profil unserer Kirche zu schärfen, geistlich, geistig, politisch, kommunikativ. Salz soll brennen, Licht soll leuchten.

Bisher scheint »Salzwerk« vor allem eine Veranstaltung von Pfarrern zu sein?
Schorlemmer:
Der Impuls ist erst einmal von Pfarrern ausgegangen, die dafür ja auch Zeit haben. Jetzt geht es darum, möglichst viele Gemeindeglieder zu gewinnen, die das Gefühl haben: wir sind Kirche, wir miteinander! Wir laden deshalb alle, denen der Weg unserer Kirche wichtig ist, zu einer Tagung nach Bad Alexandersbad ein. (Siehe Kasten)

Die Initiative »Salzwerk«
Die Initiative »Salzwerk« will eine Plattform der Vernetzung für Menschen ­bieten, die den Weg der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sowie der einzelnen Landeskirchen mit Sorge sehen und sich gleichwohl in und für diese ­Kirche(n) einmischen wollen. Dazu gehört besonders die kritische ­Begleitung des im Jahr 2006 vom Rat der EKD mit dem Impulspapier »Kirche der Freiheit« in Gang gesetzten Reformprozesses. »Salzwerk« wendet sich vor allem gegen eine zu starke Beschäftigung der Kirchen mit sich selbst sowie gegen die aus Sicht der Kritiker zu starken Anleihen aus den Konzepten der Betriebswirtschaft, des Managements und des Marketingdenkens. Demgegenüber will man eine theologische Fundierung des Reformprozesses anmahnen und nach Wegen und ­Modellen für die Umsetzung der Vision einer »Kirche für andere« (Bonhoeffer) suchen.

Termine:
Im Rahmen des 1. Mitteldeutschen Kirchentages in Weimar stellt sich »Salzwerk« am 20. September von 13.30 bis 15.00 Uhr im Themenzentrum 3 »Kirche reformieren« (Volkshochschule Haus I) vor. Zu der Veranstaltung ­unter dem Titel »Höchste Zeit zum Salzen« wird unter anderen der frühere ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser erwartet.

www.ekmd.de/aktuellpresse/kirchentag/

Zu einer Wochenendtagung mit Friedrich Schorlemmer unter dem Thema »Was protestantisch ist« lädt »Salzwerk« vom 20. bis 22. November ins ­Bildungszentrum Alexandersbad in Nordfranken ein.

Informationen und ­Anmeldung: Evangelisches Bildungs- und Tagungszentrum Alexandersbad, Markgrafenstraße 34, 95680 Bad Alexandersbad, Telefon (09232)9939-21

www.ebz-alexandersbad.de

Heiligtum am Kranhaken

13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Vor der Kulisse von Klagemauer und Felsendom in Jerusalem steht das weltweit größte Tempelmodell

Durch die Lüfte kam der neue Tempel am 4. Augusttag des Jahres 2009 ­geschwebt. Es ist das größte bisher gebaute Modell des 70 nach Christus von den Römern zerstörten ­herodianischen Baus.

Begeistert von der eigenen Perfektion: Michael Osanis (r.) mit dem Direktor der Talmudschule »Esh HaTorah«, Ephraim Shore, vor dem Modell. Foto: Johannes Gerloff

Begeistert von der eigenen Perfektion: Michael Osanis (r.) mit dem Direktor der Talmudschule »Esh HaTorah«, Ephraim Shore, vor dem Modell. Foto: Johannes Gerloff

Nicht vom Himmel herab, wie das künftige Goldene Jerusalem des Sehers Johannes, sondern von einem Lastkran sieben Stockwerke hoch über die Ebene des heiligsten Ortes des Judentums wurde er auf das Dach der »Yeshivat Esh HaTorah« gehievt. Bei strahlendem Sonnenschein hätte die Kulisse vor der Westmauer – von Christen gemeinhin »Klagemauer« genannt –, der goldenen Kuppel des muslimischen Felsendoms und dem traditionsüberladenen Ölberg nicht passender sein können. Zwei Mal wurde der 1,2 Tonnen schwere Koloss noch gedreht.

Man diskutierte über die Ausrichtung und entschied sich dann gegen die historische West-Ost-Achse für die »praktischere« Ost-West-Ausrichtung. »So können die Besucher das Stück besser betrachten«, erklärte Ephraim Shore, Direktor der »Esh HaTorah«-Talmudschule.

Komplett im Maßstab 1:60
Michael Osanis kann seine Herkunft nicht verbergen. Mit schwerem russischem Akzent erklärt er den neugierigen Journalisten: »Ich kann nicht reden!« Unbeholfen fuchtelt er mit den Händen. »Ich kann bauen. Wie geschrieben steht: Macht einen Tempel und ich werde in eurer Mitte wohnen!« »Machen, sollen wir den Tempel, selber Hand anlegen, Steine aus Jerusalem verwenden – nicht aus Thailand importieren«, erklärt der Mann, der 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert ist. Selbst Hand angelegt hat er in diesem Falle höchst erfolgreich.

Ein Jahr lang hat Osanis an diesem, bislang aufwendigsten aller Modelle des alten jüdischen Heiligtums gebaut. Das Ganze hat einen Grundriss von ein mal drei Metern und ist dem Tempel, den König Herodes im ersten Jahrhundert vor Christus zu ­einem der sieben Weltwunder der ­Antike ausgebaut hat, maßstabsgetreu 1:60 nachgebaut. Bereits im Jahre 70 nach Christus wurde der herodianische Tempel von den Römern wieder zerstört. Seither betrauert das jüdische Volk den Verlust seines einst so prunkvollen geistlichen Zentrums.
Nicht ohne Stolz verkünden die neuen Besitzer, dass dies »das größte Tempelmodell« sei, »das jemals gebaut wurde«. Michael Osanis hat sich autodidaktisch ein enormes Wissen über die Details der antiken Tempel angeeignet. Die Vorlage für seinen Nachbau »finden Sie in der Mischna, im Traktat Middot«, erklärt der wortkarge Bastler, der sich zudem auf Ergänzungen des Jerusalemer Tempelinstituts verlassen hat. Rabbiner, die Experten in Sachen Tempelbau sind, haben ihn während der gesamten Bauzeit beraten.

Eine besondere Einzigartigkeit des »Esh HaTorah«-Modells ist, dass sich das gesamte Heiligtum durch eine ­hyd­raulische Vorrichtung anheben lässt. So kann der Betrachter einen Blick ins Innere des Heiligtums werfen. Im Allerheiligsten stehen der siebenarmige Leuchter, der Schaubrottisch, der Räucheraltar und die Bundeslade. Ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem unterstützt Reiseführer bei den Erklärungen des historischen Baus und des Gottesdienstes.

Beruf: Tempel(modell)bauer
Wie der etwas linkisch wirkende Jude zu seiner außergewöhnlichen Berufung gekommen ist, will er nicht so recht verraten: »Zufällig … Es ist nicht meine Schuld … Es überfiel mich, legte sich auf mein Herz … und hat mich seit 1995 nicht mehr losgelassen. Jeden Tag lege ich einen Stein für den Tempel. Das ist mein Beruf, den Tempel zu bauen – und wenn es einmal die Möglichkeit geben sollte, den echten Tempel zu bauen, werde ich der Erste sein – der erste Arbeiter, nicht Direktor, nicht Architekt. Ich will Hand anlegen, den Stein der Ecke ­legen …« Die Wortfetzen ergeben eine Vision, den Lebenstraum des Michael Osanis, dessen detailgetreue Tempelmodelle mittlerweile außer in Jerusalem auch in Moskau und New York stehen.

Wie viel die Herstellung gekostet hat, wollen weder der Künstler noch die Vertreter der Talmudschule verraten. Aber alle Materialien sind »vom Feinsten«, gibt Ephraim Shore dann doch preis. »Alles ist echt: Gold, Silber, Marmor, Jerusalemstein …« Und: »Es war sehr, sehr teuer!«

Fast eintausend Jahre lang hat auf dem Tempelberg im Zentrum der Heiligen Stadt ein jüdischer Tempel gestanden, betont Shore, dort wo heute der muslimische Felsendom und die Al-Aksa-Moschee stehen. Hellwach erscheint die Messiaserwartung des jüdischen Volkes. Den »echten« Tempelneubau soll der Tradition zufolge erst der erwartete Erlöser realisieren. Bis dahin müssen sich gläubige Juden mit Modellen begnügen.
Rabbi Hillel Weinberg, geistlicher Leiter der »Yeshivat Esh HaTorah«, erklärt die aktuelle Bedeutung des Tempelmodells auf dem Dach vor dem Tempelberg: »Der Prophet lehrt uns, dass Gebete von Juden – und Nichtjuden! –, die ihr Herz auf dieses Heiligtum hin ausrichten, Wohlgefallen beim Allmächtigen finden.

Bis zum heutigen Tag war es schwierig, sich das Heiligtum im Gebet vorzustellen«, erklärt der bärtige Geistliche mit dem großen, schwarzen Hut: »Doch jetzt, wo wir dieses Modell haben, fällt es viel leichter, unsere Gebete auf das Allerheiligste auszurichten.« Das kurze Grußwort des Rabbiners nimmt fließend Gebetsform an: »Und wir hoffen, dass alle Juden durch das Heiligtum beten können, dass der Tempel gebaut werden möge, schnell in unseren Tagen, Amen und Amen!«

Lebendige Messiaserwartung
Auf 300000 Besucher pro Jahr hofft Ephraim Shore, wenn am 1. Dezember 2009 diese Attraktion auf den Dächern Jerusalems der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Der orthodoxe Israeli mit dem amerikanischen Akzent wünscht sich, dass dadurch »Juden, Christen und Muslime« aus aller Welt »einen Eindruck von der Heiligkeit, Spiritualität und Schönheit dieses Ortes bekommen« – und sie vor ­allem die tiefe Verbindung des jüdischen Volkes zu diesem Berg erkennen mögen.

Von Johannes Gerloff

Mit Laptop und Lamm

13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Im 800. Jubiläumsjahr bezieht die Magdeburger Domgemeinde »Altarpositionen«/Bildtafeln

Franca Bartholomäi, freischaffende Künstlerin aus Halle, gewann mit ihren Tafeln aus Lindenholz den Wettbewerb um moderne Kunst für den gotischen Katharinenaltar im Magdeburger Dom. Foto: Viktoria Kühne

Franca Bartholomäi, freischaffende Künstlerin aus Halle, gewann mit ihren Tafeln aus Lindenholz den Wettbewerb um moderne Kunst für den gotischen Katharinenaltar im Magdeburger Dom. Foto: Viktoria Kühne

Die heilige Katharina auf dem Bild ist knapp bekleidet. In den Händen hält sie ein Buch. Es könnte aber auch ein Laptop sein. Über ihr schwebt ein Engel, der die als intelligent und wortgewandt geltende Frau im Kerker nährte und schützte. Die wie eine Kirche geformte Sprechblase steht für die Tatsache, dass Katharina ihren Glauben durch das Wort verteidigte. Der heilige Mauritius auf dem zweiten Bild kommt als moderner Soldat in dick gepolsterter Weste daher. Doch alles Kämpferische ist von ihm abgefallen. Kniend hält er ein Lamm – Symbol für Friedfertigkeit, Christus und den Opfertod. Rätselhaft schwebt über ihm ein schwarzer Kreis mit einem winzigen Gehirn darin. Sitz des Bewusstseins in der Unendlichkeit des Alls?

Der Magdeburger Dom ist um zwei Kunstwerke reicher. Am 9. August stellte die Gemeinde zwei Bildtafeln in den Dienst, die den knapp 700 Jahre alten Liturgiealtar mit Darstellungen der Schutzpatrone des Domes vervollständigen. Franca Bartholomäi, Absolventin der renommierten Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein Halle und heute als freie Künstlerin in der Saalestadt lebend, schuf sie aus Lindenholz. Die reliefartigen, schwarz und weiß gefassten Tafeln wirken wie aufgeschlagene Buchseiten.

Bartholomäis Arbeit mit dem Titel »Die Heilige Katharina und Der Heilige Mauritius« ging als Sieger aus einem Wettbewerb hervor, den die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt und die Kirchengemeinde aus Anlass des 800-jährigen Jubiläums der Grundsteinlegung des gotischen Domes ausgelobt hatten. Ergänzt werden sollte der deutlich erkennbare freie Raum zwischen den Fialen des Aufsatzes und in der Mittelnische. Was sich an diesen Stellen einst befunden hat, ist nicht überliefert. Pfarrerin Jutta Noetzel berichtet, dass auf einem etwa 100 Jahre alten Foto der Altar – der erst seit 1955 als Liturgiealtar an seiner heutigen Position vor dem Lettner steht – schon damals Leerstellen aufwies. In der Sakristei des Domes sind bis 18. November die weiteren eingereichten Entwürfe ausgestellt.

Im Magdeburger Dom gab es einst 48 Altäre, von denen 16 erhalten sind. Mit der Ausstellung »Altarpositionen« vom 23. August bis 18. November will die Domgemeinde im Jubiläumsjahr die Nebenaltäre, die seit der Reformation ohne liturgische Funktion sind, ins Licht rücken.

Bei Dreien blieb die originale Ausstattung erhalten, weitere erhielten einen anderen Aufsatz.
Die Nebenaltäre ohne Retabel ­werden mit modernen Installationen ausgestattet, die von Burghard Aust, Johanna Bartl, Ludwig Ehrler, Klaus Friedrich Messerschmidt, Knut Mueller, Uwe Pfeifer und Babette Weidner stammen. Ihre Werke mögen, so die Hoffnung der Domgemeinde, den Betrachter anregen, nach der Bedeutung des Altars neu zu fragen.

Angela Stoye

Der Festgottesdienst zur Ausstellung »Altarpositionen« am 23. August im Magdeburger Dom mit Superintendent Michael Seils und Pfarrerin Jutta Noetzel beginnt um 10 Uhr.
Die Ausstellung eröffnet danach Kurator Dr. Friedrich Weltzien.

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«

13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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davidsternDer Israelsonntag spaltet die Kirchengemeinden. Das vor neun Jahren in den Landeskirchen eingeführte »Evangelische Gottesdienstbuch« stellt für den 10. Sonntag nach Trinitatis zwei verschiedene Evangelien zur Auswahl. Die Pfarrer müssen entscheiden, ob der Gemeinde die Verse Lukas 19,41-48 (»Jesus weint über ­Jerusalem«) oder Markus 12,28-34 (»Die Frage nach dem höchsten Gebot«) verkündigt werden. Ein deutlicher Ausdruck der Verunsicherung in den Kirchen infolge des Wandels im christlich-jüdischen Verhältnis, über die sich nun jeder Prediger selber Klarheit schaffen muss!

Was steckt hinter dem Alternativangebot? Im Mittelalter hat die Kirche die zeitliche Nähe des jüdischen Gedenktags der Zerstörung des Tempels und Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 zum Anlass genommen, in den Gottesdiensten dieses Sonntags ihre Deutung des Verlusts von Land und Heiligtum Israels zu verbreiten: »Seht, wie Israel geschieht, das seinen Herrn verworfen hat und das Gott darum strafend fallen ließ. So tut Buße, damit es euch dereinst nicht ähnlich gehe!« Das Evangelium, das man ­dieser Lehre unterlegte, waren Jesu Worte über Jerusalem nach Lukas 19: »Deine Feinde werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.«
Eine christliche Mehrheit maßte sich freilich über Jahrhunderte hinweg an, selber Gottes Straf- und Richteramt auszuüben. Sie wurde schuldig durch Verleumdung und Entrechtung, Vertreibung und Mord an den Juden als Minderheit. Heute erkennen die Kirchen ihre mindestens durch Schweigen und Zusehen erwachsene Mitverantwortung an der Judenvernichtung der NS-Zeit. Sie kehren zurück zur Lehre des Apostels Paulus. Dieser weist im Römerbrief entrüstet die Frage von sich, ob Gott etwa sein von ihm ausgewähltes Volk Israel verstoßen habe.

Kann man also das alte Evangelium Lukas 19 am Israelsonntag noch predigen? Durchaus, sofern mit ihm deutlich wird: Nachdem Juden und Jüdinnen im Staat Israel Rettung und neuen Existenzgrund gefunden haben, schließt die christliche Gewissheit der Treue Gottes zu seinem Volk und seinen Verheißungen die Sorge ein, dass nun keine Feinde mehr dieses Land »dem Erdboden gleichmachen samt den Kindern in ihm«. Diese Sorge muss aber auch zur Tat werden. Etwa indem Kirchen und Gemeinden einwirken auf eine Politik, die das beständig proklamierte Ziel des Iran und seiner Handlanger, den Staat Israel zu zerstören, nicht ernst nimmt, ja sogar weiteres Wachstum der Wirtschaftsbeziehungen mit diesen Feinden Israels duldet und fördert.

Lukas 19 ist also mit Markus 12 zu lesen und zu predigen: Jesus bekräftigt für Christen das höchste Gebot Israels, »den Herrn, deinen Gott, zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen deinen Kräften« und »deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst«. Den Gott Israels zu lieben heißt, sein Volk zum Nächsten sich werden zu lassen und ihm alle nötige Fürbitte und Fürsorge zuteil werden zu lassen!

Ricklef Münnich

Der Autor ist Pfarrer und im Präsidium des Deutschen Koordinierungsrates (DKR) e.V. der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Neues Feindbild: »Evangelikale«

13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Gesellschaft: Die öffentlichen Angriffe gegen evangelikale Christen und Gruppen fordern die gesamte Kirche heraus

Christus, Kreuz und Vaterunser als Zielpunkt: Mit antichristlichen Plakaten demonstrierte ein links-grün-alternatives Bündnis im Mai gegen einen evangelikalen Seelsorgekongress in Marburg.	Foto: pro

Christus, Kreuz und Vaterunser als Zielpunkt: Mit antichristlichen Plakaten demonstrierte ein links-grün-alternatives Bündnis im Mai gegen einen evangelikalen Seelsorgekongress in Marburg. Foto: pro

Die zunehmenden Proteste linker Gruppen gegen evangelikale Veranstaltungen zwingen Landeskirchen und Evangelikale sich über ­Notwendigkeit und Grenzen gegenseitiger Solidarität klar zu werden.

Zeitgleich mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen fand vom 20. bis 24. Mai 2009 in Marburg der 6. Internationale Kongress für Psychologie und Seelsorge statt. Veranstalter war die von der Gemeinschaftsbewegung geprägte »Akademie für Psychotherapie und Seelsorge« (APS) mit dem organisatorischen Zentrum in der Fachklinik Hohe Mark (Oberursel) bei Frankfurt.

Gegen den Kongress uns seine rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer richtete sich heftige Kritik ­seitens der Lesben- und Schwulenbewegung, gefördert von Volker Beck, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der Grünen im Bundestag. Das Echo in den Massenmedien reichte bis zur Bildzeitung und etikettierte die Veranstaltung als »Kongress der Homoheiler«. Dass sich der Kongress gar nicht mit dem Thema Homosexualität befasste, wurde ignoriert. Die Kampagne zielte nicht auf das missliebige Thema, sondern auf missliebige Personen.

Das Bündnis »Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus« ging darüber noch hinaus. In seinem Aufruf zu einer Demonstration am Himmelfahrtstag hieß es: »Unser Protest richtet sich nicht nur gegen ein, zwei oder drei Workshops oder Referent_Innen (sic!) auf dem Kongress, sondern vielmehr gegen die homophobe und religiös-fundamentalistische Ausrichtung der evangelikalen Bewegung … Wir wollen den Kongress in seiner Gesamtheit verhindern und … bekämpfen.«

Die linken Flügel der Grünen und der SPD sowie die Linkspartei sind seit einiger Zeit dabei, die evangelikale Bewegung zum Feindbild aufzubauen. Dahinter steckt ein simples Machtkalkül: Der Kampf gegen die Religion, der vor 2001 in der alten Bundesrepublik kaum von politischer Bedeutung war, ist inzwischen Anliegen eines Klientels, um das Grüne und SPD mit der Linkspartei konkurrieren. Wer deswegen Radikale dazu ermutigt, den Evangelikalismus, oder gar den Pietismus, gesellschaftlich zu ächten, spielt allerdings das Spiel aus »Biedermann und die Brandstifter«. Faktisch stärkt man dadurch die extremen Ränder des politischen Spektrums.

Die Steilvorlage der Kongressgegner wurde prompt von den üblichen Verdächtigen von rechts außen genutzt. Die »Junge Freiheit« griff das Thema auf ihrer Webseite auf. Gabriele Kuby, eine rechtskatholische Kulturkritikerin, organisierte eine Unterschriftenliste im Internet. Dabei wurde sie vom Arbeitskreis Christlicher Publizisten (ACP) unterstützt. Diese Kreise entsprechen sehr wohl dem Feindbild eines politisierten christlichen Fundamentalismus.

Ziel der Gegner: Mitte des christlichen Glaubens
Die Kampagne gegen den Marburger Kongress entsprach fast exakt der, die 2008 gegen das Christival in Bremen geführt worden war – mit dem Unterschied, dass es dort das Thema Homosexualität im Programm gegeben hatte und dass die Verantwortlichen dem Druck nachgegeben hatten.
Der Schritt zur allgemeinen Kirchen- und Religionskritik ist für die Randalierer klein. Die Diffamierungen, die sich gegen die Kongressteilnehmer richteten, zielten auf die Mitte des christlichen Glaubens, auf die Person Christi, auf Kreuz und Vaterunser.

Die hilflose Reaktion der Veranstalter bewies, wie wenig der Pietismus dem Feindbild eines politisierten christlichen Fundamentalismus entspricht. Sie versuchten in geradezu rührender Weise, die Gegner von ihren guten Absichten zu überzeugen. Gemäß ihrer Profession agierten sie auf der Beziehungsebene anstatt auf der Sachebene und beschwichtigten, wo Politik nötig gewesen wäre. Kein Versuch, politische Unterstützung aufzubauen, keine PR-Strategie, nichts von dem, was die Fundamentalisten der »moral majority« in den USA so gut beherrschen.

Allerdings kamen Landeskirche und Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) den überforderten Veranstaltern auch nicht zu Hilfe. Nicht einmal sie selbst betrachtete sich als zuständige Institution für das Tun und Leiden der evangelikalen Bewegung. Im weltanschaulichen Pluralismus ist sie zu einer der Sinnagenturen unter anderen geworden.

Kritische Solidarität ist dringend nötig
EKD und Landeskirchen sollten angesichts dieser Verschiebung ihr Verhältnis zum Evangelikalismus neu bedenken. Zur kritischen Solidarität gibt es künftig keine Alternative mehr. Die gewohnten kirchenpolitischen Grabenkriege des Protestantismus sind die Sache ewig Gestriger, die es rechts und links gleichermaßen gibt.
Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber gab in der Diskussion um das Christival 2008 und um ProChrist 2009 eine Richtung vor: »Ich bin außerordentlich irritiert durch diejenigen Stimmen, die uns neue Formen der Abgrenzung, des verweigerten Dialogs nahe legen wollen«. Im Dialog müssten vielmehr die »inneren Unstimmigkeiten« der evangelikalen Bewegung bearbeitet werden, zum Beispiel wenn sie »Glaubensaussagen der Bibel zu einer pseudowissenschaftlichen Weltanschauung macht«.

Damit ist auch die evangelikale Seite zum Nachdenken über ihre Solidarität mit der evangelischen Kirche (oder den Mangel an Solidarität) gezwungen. Den Windschatten der Volkskirche, in dem man sich politisch unbehelligt fromme Seltsamkeiten leisten konnte, von der Schulverweigerung über öffentliche Dämonenaustreibung bis zum Kreationismus, gibt es nicht mehr. Politische und theologische Unterscheidungen im Inneren der evangelikalen Bewegung und der Dialog mit den Kirchen lassen sich nicht länger vermeiden.

Von Hansjörg Hemminger

Hansjörg Hemminger ist Beauftragter für Weltanschauungsfragen der ­Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Der vollständige Beitrag ist im neuesten Materialdienst Nr. 8/2009 der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) zu finden.

Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Auguststraße 80, 10117 Berlin,
Telefon: 030/28395-211, Fax: 030/28395-212, E-Mail:
www.ezw-berlin.de

Das Fest der »Jesus Freaks«

6. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Familientreff mit Jesus und E-Gitarre – das »Freakstock«-Festival

Das jährliche Treffen der »Jesus Freaks«, das »Freakstock« fand erstmals im nordrhein-westfälischen Borgentreich bei Höxter statt. Rund 4000 Teilnehmer feierten vom 29. Juli bis 2. August.

Ein Hauch von »Woodstock« liegt in der Luft. Teilnehmer des Freakstock-­Festivals.	Foto: epd-bild

Ein Hauch von »Woodstock« liegt in der Luft. Teilnehmer des Freakstock-­Festivals. Foto: epd-bild

Ein Hauch von »Woodstock« liegt in der Luft. Freaks, Punks und Grufties wiegen sich im Rhythmus, den die Rockband auf der Bühne vorgibt. Doch über der Bühne verkündet ein Banner, dass mehr als ein Musikfestival gefeiert wird: »Danke Jesus! Es geht nur um dich!«

Vor verzerrten E-Gitarren, aufpeitschenden und sich bis zur Heiserkeit verausgabenden Sängern finden die »Jesus Freaks« auf dem Gelände einer ehemaligen NATO-Kaserne Gemeinschaft und Spiritualität.
Ein junger Punk mit blondiertem Hahnenkamm, der sich »Stiefel« nennt, ist das erste Mal beim »Freakstock« und schon von Anfang an bester Stimmung. Beim Hauptseminar, einer Art Bibelstunde am Nachmittag, sitzt er ganz dicht vor der Bühne. »Hier brauche ich mich nicht zu rechtfertigen«, beschreibt »Stiefel« den Reiz dieser Gemeinschaft. »Ich bin Christ, und so werde ich hier auch angenommen«, erzählt der 17-jährige Hauptschüler aus Darmstadt. Dabei spiele es keine Rolle wie man rumlaufe.

Bei Nadine, die mit »Stiefel« Bekanntschaft geschlossen hat, zeugen vielleicht nur noch ihre schrill rot gefärbten Haare von ihrer Zeit in der Frankfurter Punk- und Drogenszene. Sie war damals am Ende und dachte immer öfter an Selbstmord, wie sie erzählt. Dann traf sie eine Gruppe der »Jesus Freaks«. »Das Leben mit Gott hat mich von den Drogen weggebracht«, erzählt die 31-jährige Frankfurterin, die seit zwölf Jahren kein »Freakstock« ausgelassen hat. Heute, inzwischen Mutter von drei Kindern, führe sie ein relativ normales Leben.

Den Besuchern gemein sei die Begeisterung für Jesus, erklärt »Freakstock«-Sprecher Martin C. Hünerhoff. »Für jeden, den das irgendwie interessant ist, ist das ›Freakstock‹ das richtige Festival.« Unter dem Festivalmotto »Hand aufs Herz« stehen tagsüber auch Seminare über Glaubens- und Partnerschaftsfragen sowie Schreibwerkstätten, Koch- und Tanzkurse auf dem Programm.

Die »Jesus Freaks« entwickelten sich aus der charismatischen »Jesus-People-Bewegung«, die in den 60er und 70er Jahren in den USA populär wurde. In Deutschland kamen Anfang der 90er Jahre die ersten »Jesus Freaks« im Hamburger Schanzenviertel zusammen. Zunächst waren es vor allem junge Punks und Anarchos. Ihre Gottesdienste hießen »Jesus-Abhäng-Abende«.

Die vergangenen zwölf Jahre feierten die »Jesus Freaks« das »Freakstock« auf dem Open-Air-Gelände einer Pferderennbahn in der Nähe von Gotha in Thüringen. Mit dem Umzug in das nordrhein-westfälische Borgentreich kam es zugleich zu einer bemerkenswerten Premiere: Die »Jesus Freaks« sind zu Gast bei der koptisch-orthodoxen Kirche, der das Festivalgelände in Borgentreich gehört.

Obwohl es auf den ersten Blick kaum einen größeren Unterschied gibt als zwischen einer orthodoxen Kirche mit einer fast 2000 Jahre alten Tradition und den freikirchlichen »Jesus Freaks«, verbindet sie das gemeinsame Interesse an Jesus, wie Bischof Anba Damian begeistert erzählt. Der Bischof ist auch selbst auf dem Festival zu Gast, er hält Gottesdienste und diskutiert mit den jungen unkonventionellen Gläubigen. Viele von den Festivalbesuchern möchten etwas über die älteste Kirche aus Ägypten erfahren, sagt Damian. So hat er die »Freakstock«-Besucher im Gegenzug auch in sein etwa 30 Kilometer entferntes Kloster eingeladen. (epd)

Holger Spierig

www.freakstock.de
www.jesusfreaks.de

90 Jahre nach »Weimar«: Wohin steuert die Religionspolitik?

6. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Religion im säkularen Staat – ein Gespräch mit dem Rechtswissenschaftler Hans Michael Heinig

Am 11. August vor 90 Jahren wurde die zuvor von der Nationalversammlung beschlossene Weimarer Reichsverfassung durch die Unterschrift von Reichspräsident ­Friedrich Ebert in Kraft gesetzt. Bis heute finden sich Teile davon im Grundgesetz wieder – in jenen Artikeln, die das Verhältnis von ­Kirche und Staat regeln. Benjamin Lassiwe sprach darüber mit dem Staatskirchenrechtler Hans Michael Heinig.

Hans Michael Heinig ist Professor für ­Öffentliches Recht und Kirchenrecht  an der  Georg-August- Universität  Göttingen und  leitet das  Kirchenrecht- liche Institut der Evangelischen  Kirche in  Deutschland (EKD). Foto: epd-bild

Hans Michael Heinig ist Professor für ­Öffentliches Recht und Kirchenrecht an der Georg-August- Universität Göttingen und leitet das Kirchenrecht- liche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: epd-bild

Herr Professor Heinig, vor 90 Jahren entstanden die Weimarer Kirchenartikel. Welche Bedeutung haben sie heute?
Heinig:
Sie bilden neben der Religionsfreiheit den zentralen Bestand ­unseres Religionsverfassungsrechts. Auch heute noch sind sie die Geschäftsgrundlage für das Zusammenleben der Religionen in unserer Gesellschaft.

In den Religionsartikeln ist das Verhältnis zu Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften geregelt – ab wann ist man eine Religion?
Heinig:
Das ist sowohl in der Theologie wie in der Juristerei eine Ewigkeitsfrage. Das Recht kann dabei etwas pragmatischer antworten als die theologische Wissenschaft. Bei uns kommt es ganz wesentlich auf das Selbstverständnis an: Begreifen die Menschen das, was sie tun, als Ausübung einer Religion oder Weltanschauung, und können sie das dann plausibilisieren? Dafür gibt es auch einige objektive Kriterien: Geht es um das, womit sich Religionen traditionell beschäftigen? Um einen Gottesbezug, um Sinnstiftung, um das Ringen mit den »letzten« Fragen, die Stellung der Menschen in der Welt, Ursprung, Ziel und Sinn des Lebens? Das sind dann starke Indikatoren dafür, dass es sich um Religionen handelt.

Umstritten ist das bei Scientology.
Heinig:
Das ist richtig, man streitet darüber, ob die Scientology-Church eine Religionsgemeinschaft im Rechtssinne darstellt. Wobei das eigentliche Problem nicht ist, ob sich Scientology mit der Stellung des Menschen in der Welt beschäftigt. Die Kernfrage bei Scientology lautet vielmehr: Stehen die wirtschaftlichen Aspekte der Organisation so im Vordergrund, dass die Religion hier nur noch Sekundärzweck, Scientology also eigentlich ein Wirtschaftsbetrieb ist?

Was zeichnet denn die Weimarer Kirchenartikel unseres Grundgesetzes gegenüber der Situation in anderen Mitgliedsstaaten der EU aus?
Heinig:
Das deutsche System ist schon ein eigenes. Es führt eine besonders intelligente Form der Trennung von Staat und Kirche ein, bei der Religion nicht aus der öffentlichen Sphäre verdrängt wird. Es beruht auf den Prinzipien der Freiheit und Gleichheit der Religionsausübung. Daraus resultieren Ansprüche auf Teilhabe am öffentlichen Leben. Man kann sagen: Der Staat des Grundgesetzes ist offen für die Religionen seiner Bürger, gerade damit der Staat nicht selbst religiös oder weltanschaulich wird. Damit unterscheidet er sich einerseits von klassischen, tendenziell diskriminierenden staatskirchlichen Systemen wie in Skandinavien, und auch von einem tendenziell religions- und damit freiheitsfeindlichen Laizismus wie er in Frankreich praktiziert wird.

Ist dieses System denn 90 Jahre nach seiner Entstehung noch zeitgemäß?
Heinig:
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Rechtspraxis, die Interpretation des Textbestandes, als so flexibel erwiesen, dass Verfassungsänderungen trotz radikal veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen nicht erforderlich waren. Und ich sehe auch absehbar keinen Bedarf dafür. Das bestehende System garantiert die Freiheit des Glaubens und Nichtglaubens, fördert die besten Seiten der Religionen und tritt gefährlichen Tendenzen des religiösen Fundamentalismus entgegen. Eine Herausforderung bleibt allerdings die Integration der Muslime in das bestehende staatskirchenrechtliche System: Hier muss man immer wieder betonen, dass auch seitens der integrationswilligen Muslime eine gewisse Bringschuld besteht, sich so zu organisieren, dass sie Religionsgemeinschaften bilden.

Müssen die Muslime also eine Kirche bilden?
Heinig:
Nein, das müssen sie nicht. Aber sie müssen sich organisieren. Hinter dieser Forderung steht ein legitimes Interesse des Staates: Der Staat braucht einen Ansprechpartner für bestimmte Kooperationsbeziehungen wie den Religionsunterricht oder die Militärseelsorge. Und er muss wissen, wer dazugehört und wer nicht dazugehört – denn nur so ist klar, auf wen sich die Rechte und Pflichten der Religionsgemeinschaft eigentlich beziehen.

Was müssten denn die Muslime liefern, um anerkannt zu werden?
Heinig:
Da gibt es keine ausdrückliche gesetzliche Regelung, sondern von den Gerichten entwickelte Kriterien. Demnach liegt eine Religionsgemeinschaft dann vor, wenn Mitglieder eines Bekenntnisses oder verwandter Bekenntnisse sich zur Pflege ihrer Religion zusammentun. Das Problem der bestehenden muslimischen Dachverbände ist derzeit, dass sich in ihnen auch Gruppierungen finden, die keine religiösen, sondern politische Ziele verfolgen. Und dass sie keine klare Mitgliederstruktur haben.
Wie steht es denn um religiöse Splittergruppen?
Heinig: Religionsfreiheit heißt »Recht auf Häresie«. Das Grundgesetz ist von der Idee geprägt, dass alle Religionen gleichberechtigt sind. Wenn die neue Gruppierung dauerhaft ist, wird man sie als Religionsgemeinschaft anerkennen.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen, vor denen die Kirchenartikel stehen?
Heinig:
Das ist einerseits die Integration des Islam, darüber sprachen wir bereits. Andererseits gilt es, auch diejenigen, die mit Religion nichts am Hut haben, davon zu überzeugen, dass es sich bei unserem verfassungsrechtlichen System um eine sinnvolle, den religiösen Frieden bewahrende und die Freiheit der Bürger optimal zur Entfaltung bringende Ordnung handelt. Das ist unter Vorzeichen eines stärker werdenden kämpferischen Atheismus zunehmend schwieriger.

Wo wird das aus Ihrer Sicht hinführen?
Heinig:
Wer die Kirchenartikel aus der Verfassung streichen wollte, bräuchte eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Und die ist nicht in Sicht. Wir sehen aber in Berlin, dass auch unterhalb der Ebene der Grundgesetzänderung sehr unterschiedliche Formen der Religionspolitik betrieben werden können. Die Religionspolitik kann stärker auf die Integration der Religion in das öffentliche Leben ausgerichtet sein, wie es traditionell in Deutschland gemacht wird, oder stärker auf Ausgrenzung, Privatisierung und Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Raum. Wie sich die Politik zukünftig entwickelt, ist eine ebenso spannende wie offene Frage.

Zwischen Sonne, Glocken und Zikaden

6. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Durch den jüngsten Terroranschlag sind die spanischen Mittelmeerinseln in aller Munde. Weniger bekannt ist, dass es auf den Balearen seit langem eine deutschsprachige Kirchengemeinde gibt.

Kirche auf der Urlaubsinsel: die Kathedrale von Palma de Mallorca. Quelle: Silvia Zöller

Kirche auf der Urlaubsinsel: die Kathedrale von Palma de Mallorca. Quelle: Silvia Zöller

Nur einmal läutet die Glocke der Pfarrkirche Sant Christ zum Gottesdienst, doch das andauernde Zirpen der Zikaden übertönt den Klang fast. Schweißtreibende 32 Grad herrschen auf Mallorca, die vier Ventilatoren im Gotteshaus können nicht gegen die Hitze ankämpfen. Dennoch geht Pfarrer Klaus-Peter Weinhold gut aufgelegt durch die Kirche in Paguera und begrüßt jeden der rund zwanzig Gottesdienstbesucher mit Handschlag. »Ist Ihnen zu kalt oder zu heiß?«, witzelt er. Touristen wie Elke Ille aus dem hessischen Alsfeld sind es, die trotz der Hitze gekommen sind: »Es ist mir zu Hause wie im Urlaub wichtig, sonntags in die Kirche zu gehen.«

Seit 2005 leitet der 55-jährige Weinhold die deutschsprachige evangelische Auslandsgemeinde auf den Balearen. Nicht nur für die rund 400 ständigen Gemeindemitglieder ist der frühere Sportpfarrer der EKD zuständig, der bei mehreren olympischen Spielen deutsche Sportler seelsorgerisch betreute, sondern auch für die rund 4,5 Millionen deutschsprachigen Touristen, die jährlich die Sonneninseln im Mittelmeer besuchen. Neben regelmäßigen Gottesdiensten in fünf verschiedenen Kirchen auf Mallorca und auf Ibiza steht Weinhold auch Menschen in Notsituationen bei – etwa nach dem jüngsten Terroranschlag. So wurde am vergangenen Sonntag der toten Polizisten und ihrer Angehörigen gedacht und anschließend zur Gesprächsrunde zum Thema Terrorismus eingeladen. Doch auch in den schönsten Stunden des Lebens werden die Pfarrer aufgesucht: »In diesem Jahr haben sich rund hundert Paare für Trauungen angemeldet«, sagt Weinhold.

Hier trauen sich auch Kirchenferne zur Trauung
Fast wie auf Bestellung klingelt das Telefon im Pfarrbüro, das nur wenige Minuten vom berühmt-berüchtigten Ballermann-Strand Playa de Palma in Arenal liegt, und ein Paar aus Deutschland fragt wegen eines Hochzeitstermins nach. Gemeindesekretärin Traudl Müller erläutert die Konditionen: Mindestens einer der Brautleute muss Mitglied der evangelischen Kirche sein; da sich die Auslandsgemeinde selbst finanzieren muss, wird um eine Spende in Höhe von 400 Euro gebeten. Kurz darauf klingelt wieder das Telefon, ein anderes Paar stellt die gleichen Fragen. »Das ist normal, das geht den ganzen Tag so«, sagt die geduldige Mitarbeiterin.

Wer sich auf Mallorca das Ja-Wort geben möchte, muss sich rund ein drei Viertel Jahr vorher anmelden, wenn die Trauung in einer Kirche oder in einer Hauskapelle stattfinden soll – die Termine sind rar, zumal die deutsche Gemeinde keine eigene ­Kirche hat und in katholischen Gotteshäusern auf der Insel Gast ist. »Wer flexibel ist, kann auch kurzfristig getraut werden«, so der Pfarrer, der auch schon den Bund des Lebens in Innenhöfen, unterm Olivenbaum oder sogar am Strand zelebriert hat. Allerdings: »Wir machen keine Clownerien mit.« Für Weinhold ist erstaunlich, wie viele Menschen in beruflich verantwortlichen Stellen ohne eine ausgeprägte Bindung zur Kirche sich hier für eine Trauung vor dem Altar entschließen – vielleicht auch, weil die Schwellen auf Mallorca möglicherweise niedriger liegen.

40000 Autokilometer im Dienst der Gemeinde
Neben Traugesprächen bringt aber auch die Betreuung der rund 400 ständigen Gemeindemitglieder vor allem eines für Klaus-Peter Weinhold mit sich: Autofahren. Rund 40000 Kilometer fährt er jährlich dienstlich auf der 100 Kilometer langen und fast 80 Kilometer breiten Insel. Am letzten Sonntag im Monat steigt er außerdem ins Flugzeug, um auch auf Ibiza einen Gottesdienst zu halten. Neben etwa zwanzig Seebestattungen pro Jahr geleitet der 55-Jährige ebenso viele Menschen bei Erdbestattungen auf ihrem letzten Weg. Unterstützung erfährt er zurzeit von Pfarrer im Ruhestand Bernd Böhme, der von März bis Dezember neben Weinhold auf Mallorca predigt. Drei angehende Studentinnen, die im Rahmen eines freiwilligen diakonischen Jahres im Ausland ­Senioren und Kinder der Gemeinde betreuen und zahlreiche weitere Ehrenamtliche aus der Gemeinde helfen bei kirchlichen Aktivitäten.

Ein Traumjob oder eine Knochenmühle? »Die Arbeit hier hat hohe ­Anforderungen, weil die Menschen aus unterschiedlichen Kulturen kommen, unterschiedliche Frömmigkeitsformen haben und auch das Klima von stürmisch kalt im Winter bis heiß im Sommer variiert«, holt Weinhold aus, »aber es sind Erfahrungen, für die man reich bezahlt wird mit Einblicken in die Vielfalt des Lebens.« Schon jetzt steht für den früheren Kirchenrat der nordelbischen Kirche fest, dass er seinen – wie bei Auslandsgemeinden üblich – auf sechs Jahre befristeten Vertrag 2011 um drei weitere Jahre verlängern möchte.

Von Silvia Zöller

Das Chaos der Beliebigkeit überwinden

6. August 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Christliche Frömmigkeit (3): Orte und Zeiten in den Rang eines Zeichens erheben

Im letzten Teil seines Beitrages über christliche Spiritualität plädiert der Autor Fulbert Steffensky dafür, manchen Orten und Zeiten eine besondere Ehre zu verleihen.

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Jede neue Religion, die Bestand haben will, muss den Schritt von der inneren zur äußeren Religiosität tun«, sagt die Theologin Mary Douglas. Dass ihr Geist eine Stätte findet, ist die Bedingung ihrer langfristigen Existenz. So lese ich denn mit einem zweiten Blick die Welt meiner katholischen Kindheit und ihre »Heiligkeit«. Vielleicht war der Unterscheidung der Orte, Zeiten und Praxen immer etwas Magie bei-
gemischt. Inzwischen aber frage ich mich, was gefährlicher ist: Die Portion Magie oder die Verdunstung der Religiosität, die keine Stätte findet?

Kann man aber unter der Bedingung des Protestantismus und der Aufklärung – beides darf man nicht ungestraft verraten – heilige Welten errichten? Kann man Tabus wieder einrichten, nachdem man gelernt hat, sie zu brechen? Kann man Orten und Zeiten eine besondere Ehre oder Weihe verleihen, ohne dass sie sich ausweisen müssen, das heißt, ohne dass sie Kräfte ausstrahlen, die uns überwältigen und die die Besonderheit des Ortes fraglos machen?

Die Sprache hat im Bezug auf die Zeit eine merkwürdige Formulierung: den Sonntag heiligen. Die Menschen empfanden sich also als Koproduzenten der Heiligkeit einer Zeit. Ähnliches geschah bei den vielen Segnungen und Weihen im Katholizismus. Man verlieh dem Wasser Besonderheit, und man sprach vom Weihwasser. Man segnete Öl, Brot, den Wein am ­Johannistag, Blumen an Maria Himmelfahrt, die den Toten mit in den Sarg gegeben wurden. Man heiligte, indem man aussonderte. Denn das ist ja vermutlich der älteste Sinn von heilig: ausgesondert.

Wenn man die Zeiten heiligt, dann kommen sie einem als heilige Zeiten entgegen. Der heilige Ort, die heilige Zeit, entstehen dadurch, dass man sich auf sie bezieht. Man erhebt Orte, Zeiten und Dinge in den Rang eines Zeichens. Unsere Erklärungen schaffen einen heiligen Kosmos von Rhythmen und Zeiten, die dann geworden sind, wozu wir sie erklärt haben: heilig. Sie sind der Profanität entnommen, sie helfen uns, aber sie stehen nicht mehr zur Disposition.

Das öde Chaos der Gleichgültigkeit wird überwunden mit der Pointierung der Orte, Dinge und der Zeiten. Dass dies notwendig ist, spüren wir Protestanten spätestens, seitdem der Buß- und Bettag abgeschafft ist und seit der Sonntag immer mehr verfügbare Zeit wird. Aber gibt es heute noch eine Heiligkeit des Ortes?
In Hamburg, in der Nähe der Universität, stand die Alte Synagoge, die in der sogenannten »Kristallnacht« 1938 vernichtet und später gänzlich dem Erdboden gleichgemacht wurde. Lange Zeit war dieser Ort ein Parkplatz. Er hatte keine Heiligkeit mehr, weil niemand seiner gedachte. Viel später dann hat man den Grundriss der Synagoge als Mosaik in den Boden eingelassen. Nun erinnert dieser Ort mit leiser Geste jeden, der vorübergeht, daran, was Menschen angetan wurde.

Jede Wahrnehmung dieses Ortes heiligt ihn aufs Neue. Einmal wollte ich mit einem Kollegen, der eine Zigarette rauchte, über diesen Platz gehen. Er aber machte einen Umweg, um nicht rauchend über diesen Platz des Gedenkens zu gehen. Der Platz wurde zu einem Tabu. Der Kollege empfand die Heiligkeit des Ortes, die ihm verliehen wurde durch das Gedächtnis der Menschen. Dabei kommt es nicht darauf an, dass genau hier die Synagoge gestanden hat. Ein anderer Ort, der zum Ort des Gedenkens gewählt worden wäre, hätte die gleiche Kraft gehabt.

Die Menschen, die gezeichnete Landschaften kennen, sind nicht allein angewiesen auf die Stärke ihrer Innerlichkeit und ihres Gewissens. Die Figuren machen die Landschaft zu einer Gedächtnislandschaft, die uns erinnert und damit unser Gedenken erbaut. Orte und Zeiten bilden uns. Sie verhelfen uns zum Gedächtnis, und sie figurieren unsere Innerlichkeit. Und nur in der Figur bleibt der Geist langlebig und erkennbar.