Vergeistigung des Christentums

Christliche Frömmigkeit (2): Das Charisma des Protestantismus ist jene aus dem Glauben geborene Skepsis

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Im ersten Teil des dreiteiligen Beitrages erinnerte sich der Autor Fulbert Steffensky an seine vom katholischen Glauben geprägte Kindheit und Tradition. Im folgenden Beitrag würdigt er den durch die Reformation angestoßenen religiösen Neuanfang.

Der Glaube an die Güte Gottes hat eine zersetzende Kraft. Er vertreibt alle Geister und Mächte, die diese Güte ersetzen oder ergänzen wollen. Dieser Glaube ist der Grund der Freiheit eines Christenmenschen, und das Charisma des Protestantismus ist eben jene aus dem Glauben geborene Skepsis.

Diese Skepsis führte in der Reformation zu einer fast unvorstellbaren Veränderung von religiösen Landschaften. Zeiten, Orte, Personen ­wurden profaniert, es wurde ihnen ihre numinose, heilige Qualität genommen. Ablässe und Heiligenver­ehrung verschwanden, denn man brauchte keine Vermittler zwischen Mensch und Gott. Die Sakramente wurden reduziert. Kirchenschmuck und Gewänder wurden schlichter.

Der Glaube an spezielle Heilige und an das Wunder verschwand. Das einzige Wunder war die freie Gnade ­Gottes.
Wenn Protestanten heute klagen, dass der protestantische Gottesdienst weniger Heimat biete als der katholische, dass er gestenarm und wenig sinnlich sei, so sollten sie doch wissen, dass diese Kargheit der Schatten eines großen Reichtums ist, nämlich der Schatten jenes Glaubens an die Gnade und jener skeptischen Freiheit, die aus ihm geboren ist.

Das also haben wir mit der Reformation und der Aufklärung, der die Reformation den Weg bereitet hat, ­gewonnen: Wir sind den Verzauberungen entronnen. Die Dinge sind nun, was sie sind. Der Wallfahrtsort ist ein Stück Erde wie andere Orte auch; Bischöfe und Priester sind keine besonderen heiligen Leute wie unser-
einer auch. Mit heiligen Zeiten ist aufgeräumt. Auch das Lamento, früher sei im Christentum alles besser gewesen, ist abgeworfen. Denn alle Zeiten haben die gleiche Nähe zu Gott.

Könnte es sein, dass mit der Entzauberung des Lebens ein großes Gähnen in die Welt gekommen ist und dass die Menschen eine Wirklichkeitsauffassung haben, die der eines etwas schläfrigen älteren Geschäftsmanns nach dem Mittagessen gleicht, wie es der Religionssoziologe Peter L. Berger behauptet? Dass wir in den Dingen die Spuren, die Kraft und das Lob ­Gottes nicht mehr lesen und hören können? Vor einigen Jahren waren im saarländischen Marpingen 30000 Menschen versammelt, die auf eine Marienerscheinung warteten.

Viele Menschen halten offensichtlich diese gähnende Normalität nicht mehr aus, die ausgeleuchteten Räu­me, in denen alles seine Erklärung und seine geheimnislose Vernunft hat. Es ist, als ob sie gegen alle Vernunft die Schatten, den alten Zauber und die gefährlichen Höhlen des Lebens suchten. Was uns da im hellen Licht der Aufgeklärtheit entgegenkommt, kann doch nicht alles sein. Es muss doch ein Geheimnis der Welt und der Dinge geben!

So suchen sie Stellen, an denen das Fremde und Nichterklärliche erscheint; es mag aus dem Himmel oder aus der Hölle kommen. Ich vermute, dass sich für solche Sehnsüchte Satansmessen und Marienerscheinungen nicht wesentlich unterscheiden. Sie suchen die Unerklärlichkeit und das zweite Gesicht der Dinge und der Welt. Die Beschränkung des Geistes auf Erklärbarkeiten und auf lösbare Fragen, die Eindimensionalität der Wahrnehmung und der Verzicht auf das Geheimnis lassen uns offensichtlich tief unbefriedigt. Von dem mittelalterlichen Theologen Bonaventura ist der Satz überliefert: »Alles Geschaffene ist Schatten, ist Echo, ist Bild, Spur, Ebenbild und Aufführung.« Nichts also ist nur, was es ist. Es hat Anteil an der Heiligkeit Gottes, weil es sein Echo und seine Spur ist. Dies ist nicht das alte bannende Heiligtum, wohl aber eine Heiligkeit des Lebens, die unsere Ehrfurcht und Ergriffenheit will.

Vielleicht bewahrt uns nur diese Auffassung vom Leben und von den Dingen davor, dass wir sie benutzen, als hätten sie kein Geheimnis und als stünden sie nur uns zur Verfügung. Als Echo Gottes sind sie für sich da, aber sie sind auch für Gott da. Vielleicht hat die Entzauberung der Welt dazu geführt, dass wir in grenzenlos imperialer Geste uns alles unterwerfen. Wer kein Tabu kennt und die Heiligkeit der Dinge nicht sieht, wird zu ihrem Zerstörer.

Der Satz von der Heiligkeit der Dinge hat also durchaus eine politische Bedeutung. Sie hindert uns daran, die reinen Verfüger und die ungebremsten Herren zu sein. Könnte es sein, dass, wenn Gott der einzig ­Unverfügbare ist, alles andere bedenkenlos zur Verfügung steht?

Der Protestantismus hat das Christentum vergeistigt. Das Herz und das Gewissen wurden die dramatischen Orte, nicht mehr die alten Orte, Zeiten und Techniken waren entscheidend. Diese Veränderung war unausweichlich, es ist nur die Frage, ob sie genügt.

Fulbert Steffensky

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