Im Stil der alten Meister

30. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Malerei: Vor 80 Jahren wurde Werner Tübke geboren – Eine Ausstellung in Leipzig widmet sich seinem Schaffen

Seine Kritiker sahen in ihm den »Staatskünstler«, seine Befürworter einen der ­»bittersten Kritiker« der DDR: Werner Tübke – am 30. Juli wäre er 80 geworden.

Bildtext: Werner Tübke in einem Selbstporträt aus den 80-er Jahren.

Bildtext: Werner Tübke in einem Selbstporträt aus den 80-er Jahren.

Er hat Arbeiter, Bauern und Ausgegrenzte ebenso gemalt wie feine Herrschaften, Edelleute oder Geistliche. Anregungen dafür fand der Leipziger Maler Werner Tübke (1929–2004) immer wieder in der Geschichte und auf Reisen zwischen der Sowjetunion, Bulgarien, Italien und Frankreich. Seine 6000 Zeichnungen, 530 Aquarelle und 400 Gemälde sind weltweit in großen Museen und kleinen Privatsammlungen zu finden. Am 30. Juli jährte sich Tübkes Geburtstag zum 80. Mal, er kam 1929 in Schönebeck an der Elbe zur Welt.

Dem Jubiläum des vor fünf Jahren gestorbenen Künstlers widmet das Leipziger Museum der bildenden Künste eine Ausstellung mit über 90 Gemälden, die nicht nur alle Schaffensperioden dokumentiert. Sie hat auch die Debatte um den »Staatskünstler der DDR« neu belebt. Kritiker werfen Tübke vor, er habe als »Hof-
maler ohne Hof« mit seinen Arbeiten in staatlichem Auftrag die damalige offizielle Kulturpolitik nachhaltig gestützt. Zudem habe er im SED-Staat von Privilegien und Freiheiten profitiert, die vielen anderen Künstlern vorenthalten geblieben seien.

Dagegen verweisen die Befürworter auf Tübkes konsequente Hinwendung zur Bildsprache der alten Meister als bewusste Abkehr von einem plakativen »Sozialistischen Realismus«. Der westdeutsche Kunsthistoriker und Publizist Eduard Beaucamp etwa sieht die strauchelnden und ­gescheiterten Figuren bei Tübke im offenen Widerspruch zum damaligen offiziellen Menschenbild. Damit sei der »angebliche Staatskünstler« in der DDR »in Wirklichkeit einer ihrer bittersten Kritiker« gewesen – »ein Fremder im eigenen Land«.

Das Werk Tübkes polarisierte von Anfang an. Seinen Weg begleiteten mehrfach Brüche und Rückschläge. Vom Hochschulassistenten wurde er um 1960 zum Mitbegründer der »Leipziger Schule«, später Professor und 1973 Rektor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Doch bereits 1957 war er als Assistent entlassen worden. Sein ausgeprägtes Interesse an der altdeutschen und italienischen Renaissancemalerei brach­te ihm den Vorwurf ein, er sei ein »Eklektizist« und »Subjektivist«.

Dessen ungeachtet bekannte er sich 1960 in der Ost-Berliner Zeitschrift »Bildende Kunst« ausdrücklich dazu, dass ihn die »Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit« mit ­ihren Widersprüchen und Umbrüchen ganz besonders interessiere. »Mir ist die Kunst Tintorettos, Grecos, Veroneses so gegenwärtig als seien diese Künstler meine Zeitgenossen«, schrieb er später. Dieses Bekenntnis sollte ihm nach der Rückkehr an die Hochschule 1962 bald erneut zum Verhängnis werden.

Doch die im März 1968 drohende Entlassung wegen einer »falschen Lehrmeinung« wurde nach spontanen Studentenprotesten wieder zurückgenommen. Vorausgegangen waren heftige öffentliche Kontroversen um die Bilderfolge »Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze« (1965–67), in der sich Tübke auf seine Weise mit der Unrechtsjustiz im Nationalsozialismus auseinandersetzte. Auf die figurenreichen Bilder voller surrealer Details und kunstgeschichtlicher Zitate reagierte die offizielle DDR-Kritik verstört und ablehnend.

Den internationalen Durchbruch für Tübke brachte 1971 eine Ausstellung in Mailand. Seine erste Werkschau im Ausland fiel mit dem Machtwechsel in Ost-Berlin und der kulturpolitischen Neuorientierung unter SED- und Staatschef Erich Honecker zu »Weite und Vielfalt« zusammen. Damit war nunmehr auch Tübkes altmeisterliche Kunst salonfähig. Ihren Höhepunkt fand sie im Bauernkriegspanorama von Bad Frankenhausen, das mit Vorarbeiten zwischen 1976 und 1987 entstand und den Epochenumbruch des 16. Jahrhunderts als zeitloses »Welttheater« beschreibt.

Der Katalog zur Leipziger Geburtstagsausstellung würdigt erstmals auch die religiösen Bildspuren bei Tübke. Dessen Umgang mit christlichen ­Motiven wurde nach Einschätzung des Würzburger Kunsthistorikers und Theologen Jürgen Lenssen bisher kaum berücksichtigt. Trotz zahlreicher religiöser Bildverweise lasse sich Tübkes Werk jedoch nicht instrumentalisieren, betont Lenssen.

Vielmehr sei es ihm um eine Verbindung zentraler Botschaften mit den Lebenserfahrungen und »Heilssehnsüchten« der Menschen gegangen. Bekanntestes Beispiel dafür ist der 1997 eingeweihte Flügelaltar in der evangelischen St.-Salvatoris-Kirche von Clausthal-Zellerfeld im Westharz. Die Geschichten der Bibel seien Urbilder, auf die man im Leben immer wieder zurückkomme, bekannte der Künstler während der dreijährigen Arbeit an dem Altar. Das Thema habe ihn »persönlich geprägt«. Er selbst aber habe in der DDR keine Beziehung zur Religion gehabt, fügte Tübke damals hinzu.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Die Ausstellung »Tübke. Die Retrospektive zum 80. Geburtstag« ist bis 13. September 2009 im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag bis Sonntag – 10 bis 18 Uhr, Mittwoch – 12 bis 20 Uhr, montags geschlossen, Eintritt 8,00 Euro

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