Große Literatur überlebt, egal, wo sie entstanden ist

23. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Über die Beurteilung von in Ostdeutschland entstandener Belletristik

Quelle: GKZ

Quelle: GKZ

Als die Schriftstellerin Monika Maron im Juni den Deutschen Nationalpreis erhielt, hat sie die Dankesrede auch dafür genutzt, über die Rezeption von Literatur zu sprechen, »die in der DDR entstanden ist oder sie als Erfahrungsmaterial verwendet«. Dabei stellte sie fest, diese Literatur werde stärker »nach ihrer geografischen Herkunft oder ihrem politischen Standort« beurteilt und weniger nach ihrer künstlerischen Qualität. Immer noch werde erwartet, »darin endlich eine Erklärung zu finden für dieses unverständliche Land mit seinen ebenso unverständlichen Bewohnern«.

Diese Betrachtung von DDR-Literatur hat eine längere Geschichte; sie reicht bis in die DDR selbst zurück. Spätestens seit Mitte der 60er Jahre haben wir die in der DDR entstandene Belletristik (und zunehmend die aus der Sowjetunion übersetzte) auch daraufhin gelesen, wie sie die politische, gesellschaftliche Wirklichkeit darstellt und beurteilt. Nicht ausschließlich, aber dieser Gesichtspunkt hat unter wachen, kritischen und oppositionellen Lesern eine Rolle gespielt. Monika Marons Roman »Flugasche«, der in der DDR nicht erscheinen durfte und 1981 in der BRD herauskam, gab Anlass für viele Gespräche, aber weniger über seine ästhetische Qualität als über die Umweltzerstörung im Raum Bitterfeld, die darin unter anderem dargestellt wurde.

Oder Hanns Cibulka (1920–2004), der beständig und unaufgeregt die Form des literarischen Tagebuchs pflegte und vielen jüngeren Lesern zu betulich und bieder erschien: als 1982 »Swantow. Die Aufzeichnungen des Andreas Flemming« im Mitteldeutschen Verlag Halle/S. herauskam, war dieses Buch in vieler Munde, weil hier zum ersten Mal öffentlich über Umweltverschmutzung in der DDR geschrieben wurde. Und was veröffentlicht war, war zitierbar; damit konnte in Diskussionen argumentiert werden. Nur wenige Literaturinteressierte haben sich mit der durchaus eigenen, diskussionswürdigen literarischen Form auseinandergesetzt.

Die Beispiele ließen sich fortführen von Rolf Schneiders unangepassten Erzählungen »Brücken und Gitter« (1965) über Erich Loests Roman »Es geht seinen Gang« (1978) und Marianne Bruns’ Erzählung »Der grüne Zweig« (1979) bis zu Christoph Heins Roman »Der fremde Freund« (1982) – um nur einige zu nennen. Die Bücher von Christa Wolf und Franz Fühmann wurden immer auch daraufhin gelesen, was sie an politischen »Botschaften« enthielten.

Erklärbar ist diese Art der Lektüre mit dem Fehlen einer freien Publi­zistik. Da zum Beispiel über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl öffentlich nicht gesprochen werden durfte, bot Christa Wolfs Erzählung »Störfall« (1987) fast die einzige Möglichkeit, den Umgang mit Atomenergie öffentlich zu thematisieren. Dass der ­Literatur diese Bedeutung zukam, hat ihr als Kunst nicht gut getan.

Seit 1990 sind die Publizistik und die Literatur im Osten Deutschlands frei. Und die Dichtung kann sich auf das konzentrieren, was nach Monika Maron ihr ureigenstes ist: »Im einzelnen Menschen verstehen, was uns ­allen innewohnt, und die Umstände erkennen, die es zutage fördern können.« Literatur als »intuitiver Weg der Erkenntnis«, wobei man »den Menschen, von dem er liest, auch in sich selbst finden kann«. Maron meint, sie habe »nicht die DDR erklärt«, sondern sie habe »erzählt, was mit Menschen geschieht, wenn sie Verhältnissen ­unterworfen sind, in denen sie eine relative materielle Sorglosigkeit mit ihrer geistigen Freiheit bezahlen«.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Stimmt Monika Marons Behauptung? Ja, sie stimmt, aber nicht so absolut, und sie stimmt nur für den Bereich der alten Bundesrepublik. Wir kritischen Leser in der DDR haben die hier entstandene Literatur meist im Zusammenhang der gesamten deutschen Literatur zu sehen versucht, zunehmend freilich auch im Zusammenhang mit der Literatur anderer sozialistischer Länder, in den 80er Jahren vor allem derjenigen der Sowjetunion. Stephan Hermlin hat beharrlich auf der bleibenden Existenz einer deutschen, das heißt: gesamtdeutschen, Nationalliteratur bestanden. Wir haben die literarische Entwicklung in Westdeutschland aufmerksam verfolgt, wohingegen westdeutsche Leser sich oft nur für die aus politischen Gründen spektakulären Fälle inte­ressierten. Marcel Reich-Ranicki war einer der wenigen westdeutschen ­Kritiker, die sich kontinuierlich mit in der DDR entstandener Literatur beschäftigten.

Viele in der DDR bekannt gewordene Schriftsteller sind längst in der deutschen Gegenwartsliteratur angekommen. Die von Maron genannten Willi Bredel, Kuba und Louis Fürnberg sind auch im Osten nur noch ­wenigen bekannt, während Heiner Müller, Thomas Brasch und Sarah Kirsch, die Maron ebenfalls nennt, schon vor 1990 »gesamtdeutsche« ­Autoren waren.

Wenn ich die großen realistischen deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts, Keller und Storm, Raabe und Fontane, lese, dann achte ich auch ­darauf, wie sie ihre Zeit wahrgenommen und dargestellt haben, da erkläre ich mir die Unterschiede zwischen Keller und Storm zum Beispiel auch mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen in der Schweiz und in Deutschland. Ich lese Christa Wolf anders als Marie Luise Kaschnitz. Beide stellen sensible, ­wache, verletzliche, um Aufrichtigkeit bemühte Frauen dar, aber in jeweils gegensätzlichen politischen Verhältnissen, die auf unterschiedliche Weise das Leben dieser Frauen beeinflussen. Aber ich reduziere meine Sicht auf die Prosa dieser Dichterinnen nicht auf das Politische, sondern sehe, um noch einmal Maron zu zitieren, die »Übertragbarkeit« ihrer Erfahrungen »auf andere Lebenswelten«.

Es ist nach meiner Überzeugung durchaus berechtigt, wenn wir, die wir die DDR und die alte BRD erlebt ­haben, die Zeit berücksichtigen, in der die jeweilige Literatur entstanden ist, wenn wir unser geschichtliches Wissen nicht verleugnen. Aber, und da stimme ich mit Monika Maron vollkommen überein, es ist ärgerlich, wenn die im Osten entstandenen Texte »vor allem auf ihren DDR-Bezug gelesen« und erst danach als Kunstwerke gewürdigt werden. Große Literatur wird »überleben«, unabhängig davon, wo sie entstanden ist. Maron beendete ihre Rede mit dem Satz: »Aber das entscheiden nicht wir.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

Jürgen Israel

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