Ein äthiopischer Bonhoeffer

23. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Erinnert: Der afrikanische Kirchenführer und Märtyrer Gudina Tumsa wurde am 28. Juli vor 30 Jahren ermordet

Weil für ihn Weltliches und Geistliches untrennbar zusammengehörte kam er in Konflikte mit dem Kaiser wie der sozialistischen Diktatur.

Der vor 30 Jahren ermordete Generalsekretär der Mekane-Yesus-Kirche, Gudina Tumsa. Foto: Archiv

Der vor 30 Jahren ermordete Generalsekretär der Mekane-Yesus-Kirche, Gudina Tumsa. Foto: Archiv

Als Gudina Tumsa nach seiner zweiten Verhaftung die Möglichkeit eröffnet wird, nach Tansania ins Exil zu gehen, weist Gudina dies – wie Bonhoeffer 1939 das mögliche Exil in den USA – als Versuchung zurück. »Wie kann ich mein Land verlassen, meine Kirche?«, fragt er. In seinem letzten Text, der als sein Testament gilt, schreibt er wenige Tage vor seiner Ermordung: »Wie jemand (sprich: Bonhoeffer in »Nachfolge«) gesagt hat, wenn ein Mensch in die Nachfolge Christi gerufen wird, dann erreicht diesen Menschen der Ruf zu sterben … eine Umorientierung des Ziels seines Lebens, nämlich seinen eigenen Wünschen zu sterben.« Für Gudina – wie für Bonhoeffer in der NS-Diktatur – heißt das, die Gesetze eines Unrechtsstaates um Gottes und der Menschen willen zu übertreten, wenn dieser befiehlt, gegen Gottes Gebot zu handeln.

Der äthiopische Kaiser Haile Selassie war 1974 gestürzt worden. Die Militärregierung rief 1975 den Sozialismus aus. Anfang 1977 übernahm Mengistu Haile Mariam nach der Ermordung seines Rivalen Teferi Benti die ganze Macht. Damals begann der Rote Terror. Die Leichen von Oppositionellen lagen zur Abschreckung auf den ­Straßen Addis Abebas. Die sozialistische Militärdiktatur bedeutete für den Volksstamm der Oromo wie für die vielen anderen nicht-amharischen Völker eine Fortsetzung des amharischen Zentralismus des einzigen afrikanischen Kolonialreiches. Neu war, dass jetzt auch Christentum und Islam unterdrückt wurden. Hunderte von Kirchengebäuden der lutherischen Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus (EECMY) wurden umfunktioniert oder zerstört, Kirchenälteste und Pfarrer verhaftet, gefoltert, getötet. Gudina wandte sich öffentlich gegen die Verletzungen der Menschenrechte und die Einschränkung kirchlicher Tätigkeit. Er engagierte sich für die Unterstützung der Verfolgten und Flüchtlinge, darunter viele Oro­mo. Und er ließ sich als einer der führenden Köpfe der Oromo nicht vom Regime für dessen Zwecke kooptieren.

DDR-Bischof setzte sich für den Verhafteten ein
Am 28. Juli ist es 30 Jahre her, dass Gudina Tumsa von der sozialistischen Militärdiktatur ermordet wurde, in der Nacht seiner Entführung nach einer Bibelstunde. Seine Frau wurde mit ihm verhaftet. Sie überlebte zehn Jahre im Gefängnis. Seine Kinder, drei Töchter und ein Sohn, konnten sich nach Deutschland ins Exil retten. Die Regierung behauptete, er sei entweder im Exil oder im Busch. 13 Jahre lang hielt sie diese Lügenversion aufrecht. Die Kirchen weltweit nahmen ihn in ihre Fürbitten auf. Durch das Berliner Missionswerk wurden Kampagnen zu seiner Freilassung durchgeführt, amnesty international eingeschaltet. Bischof Werner Krusche und Oberkirchenrat Gerhard Linn vom Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR setzten sich in der äthiopischen Botschaft in Ost-Berlin – sehr zum Verdruss des Staatssekretariats für Kirchenfragen – für Gudina Tumsa ein.

Für Gudina der sich unter anderem während eines dreijährigen Studienaufenthaltes in den USA mit Martin Luther King und Bonhoeffer beschäftigte, konnte der Mensch nicht aufgespalten werden in religiös-geistlich und weltlich-politisch: »Es ist unmöglich für einen Afrikaner, das Weltliche vom Religiösen zu trennen, Geist vom Leib, Glauben von Entwicklung. … Afrikanische Kirchen unserer Zeit müssen eine ›Confessio Africana‹ entwickeln, relevant für die afrikanische gesellschaftliche, politische und ideologische Wirklichkeit.«

Schon in Zeiten des Kaisers hatte Gudina deswegen auf der Generalversammlung der Kirche 1972 die ­ausstehende Landreform zum Thema gemacht. Wegen der Verweigerung politischer Reformen hörte er auf, im Gottesdienst für den Kaiser zu beten – eine geistlich-politische Demonstration.

Theologie der Befreiung ­kontra Marxismus-Ideologie
Den von den Militärs ausgerufenen Sozialismus hat er vor Beginn des Roten Terrors 1977 zunächst als Chance für mehr Gerechtigkeit für die Armen und für die Gleichberechtigung aller Völker Äthiopiens gesehen. In der eigenen Kirche wollte er einen Anfang machen. Er forderte Anhebung der unteren Gehälter und Reduktion der oberen. Er setzte sich dafür ein, Menschen der verschiedenen Völker Äthiopiens in kirchlichen Führungspositionen zu berücksichtigen und die Sprachen aller Völker als gleichberechtigt anzuerkennen – statt der Vorherrschaft des Amharischen.

Doch seine Theologie der Befreiung wies ebenso den Totalanspruch des Marxismus zurück: »Das Evangelium von Jesus Christus ist die Macht Gottes, die jeden rettet, der daran glaubt. Es ist die Macht, die von ewiger Verdammnis rettet, von wirtschaft­licher Ausbeutung, von politischer Unterdrückung. … Das Evangelium von Christus kann nie ersetzt werden durch irgendeine der Ideologien, die die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten erfunden haben. … Nationalismus hat einen eigenen Stellenwert, aber kann nie das Evangelium von Jesus Christus ersetzen.« (Aus Gudinas Memorandum an seine Kirche, 1975)

Nach Gudinas Tod kamen noch zwölf Jahre einer immer brutaleren Diktatur. Auch danach blieb Äthiopien ein Unrechtsstaat. Gudina wurde wie Bonhoeffer zum Märtyrer.


Von Gerd Decke

Gerd Decke war von 1993 bis 2005 Horn-von-Afrika-Referent des Berliner Missionswerks und ist Mit-Herausgeber der Schriften Gudinas durch die Gudina-Tumsa-Stiftung.

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.