Der Glaube ermöglicht den Unglauben

23. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Christliche Frömmigkeit (1): Reformatorische Erkenntnisse lösen alte Sinn- und Vergewisserungswelten ab

Vielleicht kann nur jemand, der im Katholizismus zu Hause war, so von der Stärke und den Vorzügen des Protestantismus überzeugt sein wie es Fulbert Steffensky ist. Der Autor unserer dreiteiligen Beitragsserie über den christlichen Glauben wurde katholisch erzogen, er studierte katholische und evangelische Theologie, bevor er 1969 zum lutherischen Bekenntnis konvertierte. Im ersten Teil der Serie erinnert er sich an seine vom katholischen Glauben geprägte Kindheit und Tradition, um dann den durch die Reformation angestoßenen religiösen Neuanfang zu würdigen.

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

In meiner katholischen Kindheit hatten wir schon esoterisches, innerliches Wissen vorweggenommen, lange bevor religiöse Innerlichkeit modern wurde. Wir lebten in ­kräftigen und furchterregenden Welten, in bergenden und gefährlichen, eben in heiligen Welten. Heilig war ein Grundwort dieser Welten. Nicht alles war heilig, es gab heilige und andere Zeiten. Heilige Zeiten waren etwa solche, an denen man besondere Ablässe gewinnen konnte wie etwa an Allerheiligen und Allerseelen oder in einem heiligen Jahr. Die Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönige waren heilig.

Es gab heilig-kräftige Orte, etwa die Wallfahrtsorte, an denen man in besonderer Weise beten konnte: Für die Gesundheit der Augen, der Galle oder für einen guten Ehemann und dessen Treue. Es gab natürlich Personen, die mit besonderer heiliger Gewalt ausgestattet waren: Subdiakone, Diakone, Priester und Bischöfe. Je nach ihrem Stand hatten sie einen abgestuften Anteil an der Macht über das Heilige. Es gab heilige Formeln, die genau ­einzuhalten waren, wenn sie wirken sollten, zum Beispiel die Absolutionsformel bei der Beichte und die Einsetzungsformeln in der Messe.

Die Schöpfung war noch nicht ganz verdorben. Es gab in ihr Stellen, Zeiten, Formeln und Personen, die gesegnet waren, die einen besonderen Zugang zum Heiligen eröffneten. Der Begriff »heilig« hatte in dieser Welt wenig mit sittlicher Vollkommenheit zu tun. Man konnte ihn fast gleichsetzen mit kräftig, und sein Gegenteil ist nicht böse, sondern kraftlos. Das Profane war das Alltäglich-Kraftlose.

In dieser Welt lebten die Menschen geborgen, weil sie wussten, was zu tun war, aber auch geängstigt, weil man immer in der Gefahr war, den heiligen Vollzug, die heilige Formel, die heilige Person zu verletzen. Wer in einer ­katholischen Welt groß geworden ist, weiß zum Beispiel sehr genau, welche Ängste vor göttlicher Strafe sich aus der Verletzung des Gebots der Nüchternheit vor dem Empfang der Kommunion ergaben. Aber das Hauptgefühl in der katholischen Welt war nicht Angst, sondern Geborgenheit.

Man kannte die heiligen Kräfte, konnte sie nutzen und die Gefahren vermeiden. Oft galten sie in sich selber, und sie waren keineswegs immer mit Gott verbunden. Wenn man Halsschmerzen hatte, betete man zum heiligen Blasius, und wenn ein großes Gewitter war, zündete man eine Kerze für den Apostel Judas Thaddäus an. Sie waren eben zuständig.

Eine erste Entzauberung dieser Welt erlebte ich in einem Benediktinerkloster, in dem ich viele Jahre lebte. Die Frömmigkeit dieses Ortes hatte eine andere Intensität. Es gibt keine größeren Störer in verzauberten Welten als die Aufklärung. An allen Orten religiöser Radikalität stürzen die Bilder und werden die Landschaften, in denen alles so säuberlich in profan und heilig eingeteilt ist, verwüstet. Jeder religiöse Neuanfang bedeutet einen Bruch mit den alten Sinn- und Vergewisserungswelten.

Das Herz und das Gewissen werden zu Orten religiöser Entscheidung, nicht Orte, Zeiten, Formeln oder Personen. Das Herz also ist die Stelle der Reinheit oder der Unreinheit, nicht ein Ort, eine Zeit oder eine Formel. Heiligkeit wird nicht mehr einem Ort oder einem Ding zugesprochen, sondern sie ist das Attribut Gottes. Er ist der heilige Gott, über den nicht mit Formeln und Techniken verfügt werden kann. Die Heiligkeit der Kirche und ihrer Menschen sind Gaben dieses Gottes. Der Geist heiligt, sagt der Römerbrief, und der neue Mensch, den wir anziehen sollen, ist nicht ­unser Produkt. Er ist nach Gott geschaffen.

Das nun ist die wiederentdeckte ­Erkenntnis der Reformation, jenes ­immensen religiösen Neuanfangs: Wir sind eben nicht Produzenten unserer eigenen Heiligkeit und Ganzheit. Wir bezeugen uns nicht selbst, sondern, so sagt Römer 8,16, der Geist Gottes ist der Zeuge unseres Lebens. Aus gebrochener Existenz heraus macht ­jener Geist uns liebenswürdig und ­unser Leben heilig. Die Lehre von der Gnade und der Glaube an die Geborgenheit allein durch Gottes Güte hat eine anarchistische und bilderstürmerische Kehrseite: Alle Mächte und Gewalten, alle Einrichtungen und Institutionen, die sich als wichtig, als unerlässlich, als lebensrettend und heilsnotwendig aufspielen, können hinterfragt und bezweifelt werden.

Skeptisch befragt werden alle Heiligkeits- und Rettungsagenturen, seien es Personen, Orte, Zeiten oder Techniken. Du sollst keine fremden Götter neben mir haben! Du sollst nicht glauben, dass dich etwas anderes rettet oder birgt als jener Blick, mit dem du angesehen bist! Der Glaube ermöglicht den Unglauben und das Misstrauen gegen alles, was sich als unberührbar, als unumstößlich und als heilig gibt. Es ist ein Grund gelegt, und mehr Grund und Begründung brauchen wir nicht.

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Der Glaube ermöglicht den Unglauben”
  1. Ulrich Lindner sagt:

    In beeindruckender Weise schildert der Autor die römisch-katholische Welt, die
    anscheinend so viel Geborgenheit schenkt. Tatsächlich hält sie die Menschen aber in einem infantilen Glauben gefangen. Der Mönch ließ sich von seiner Kirche eines Tages nicht weiter belügen und betrügen. Die Begegnung mit dem biblischen Evangelium, der Freiheit eines Christenmenschen, wie Luther sie bezeugt, und dem aufklärerischen Mut,zu sich selbst zu finden, all das vermittelte Fulbert Steffensky die Kraft, evangelisch-lutherisch zu werden.
    Meine tiefste Hochachtung! Ein Gespräch dieses Theologen mit Hans Küng wäre spannend.