Gezeugt und selektiert: die Rettungsgeschwister

13. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Künstliche Befruchtung hat schon manchem Paar zum gewünschten Nachwuchs verholfen. Doch ist es auch ethisch vertretbar, Kinder als potenzielle Gewebespender für kranke ältere Geschwister im Reagenzglas zu zeugen und zu selektieren?

Ausgewählt nach Nützlichkeitskriterien? Die Möglichkeiten von künstlicher Befruchtung und genetischer Auswahl führen zu neuen ethischen Herausforderungen. 	Foto: BilderBox.com

Ausgewählt nach Nützlichkeitskriterien? Die Möglichkeiten von künstlicher Befruchtung und genetischer Auswahl führen zu neuen ethischen Herausforderungen. Foto: BilderBox.com

Nicht alle Kinder dieser Welt, so wünschenswert dies auch wäre, sind Wunschkinder. Insofern haben »Retortenbabys«, die durch künstliche Befruchtung »im Reagenzglas« entstanden sind, dem natürlich gezeugten Nachwuchs zumindest eines voraus: Die absolute Gewissheit, unbedingt gewollt zu sein. Dank des biomedizinischen Fortschritts werden inzwischen noch weitere Wunschkinder der besonderen Art geboren – sogenannte Rettungs- oder Helfergeschwister, deren Zell- oder Gewebespenden die Heilung eines schwer erkrankten älteren Geschwisters ermöglichen sollen.

Das erste weltweit bekannt gewordene Rettungsgeschwister wurde 2003 im britischen Sheffield geboren. Es heißt Jamie und kam zur Welt, um seinem vier Jahre älteren, krebskranken Bruder Charly zu helfen. Gefragt war nur ein Geschwisterkind, dessen Erbgut weitgehend mit dem Charlys übereinstimmt. Jamie hatte daher als Embryo einen Gentest zu überstehen. Denn erst die genetische Ähnlichkeit macht Jamies Blutstammzellen, die unmittelbar nach der Geburt aus seiner Nabelschnur gewonnen wurden, für Charlys Krebstherapie nutzbar.

Kinder als potenzielleZell- und Gewebespender
Rettungsgeschwister wie Jamie sind das Ergebnis zweier biotechnologischer Verfahren – zum einen der In-vitro-Ferti­lisation (IVF), zum anderen der Präimplantationsdiagnostik (PID). Bei der IVF werden Eizellen der Mutter mit Samenzellen des Vaters künstlich befruchtet, um Embryonen zu erzeugen. Die PID sorgt für die anschließende genetische Selektion.

Ursprünglich dafür entwickelt, um bei künstlich erzeugten Embryonen schwere Erbkrankheiten auszuschließen, wird die PID nunmehr auch dafür eingesetzt, optimale Zell- oder Gewebespender zu ermitteln. Denn von den »im Glas« ­erzeugten Embryonen wird jeweils nur der genetisch am besten geeignete in die Gebärmutter implantiert, um sodann normal ausgetragen zu werden. Die Gen-Diagnose entscheidet also, welcher Embryo als »Retter« infrage kommt und ­somit auch eine eigene Chance zum Überleben erhält.

Nach Jamie erblickten in Großbritannien noch mindestens fünf weitere Rettungsgeschwister das Licht der Welt – und zwar ohne explizite gesetzliche Grundlage. Erst im Mai 2008 legitimierte das britische Parlament nach heftiger Debatte die bereits existierende Praxis. Mit deutlicher Mehrheit wurde entschieden, dass Eltern gezielt Embryonen herstellen lassen dürfen, um das Leben eines kranken Geschwisterkindes zu retten.

Mittlerweile wird auch in anderen europäischen Ländern »optimaler« Nachwuchs aus therapeutischen Gründen erzeugt. So wurde Oktober 2008 mit Javier in Sevilla das erste Rettungsgeschwister Spaniens geboren. Javiers Stammzellen werden zur Therapie seines älteren Bruder Andrés benötigt. Und nach Ansicht der Ärzte ­liegen die Heilungschancen
bei 70 bis 90 Prozent. Wenn alles gut geht, ist Andrés in vier bis fünf Jahren völlig ­gesund.

Warnung vor der Zucht von »Menschen nach Maß«
In Deutschland ist die Erzeugung solcher Rettungsgeschwister nicht zulässig. Vor allem die bei der PID übliche Embryonen-Selektion ist grundsätzlich untersagt. Die IVF hingegen ist unter strengen Auflagen gestattet. Nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz ist es verboten, Embryonen für etwas anderes als eine Schwangerschaft heranzuzüchten.

Kritische Stimmen – nicht zuletzt auch aus den Reihen der deutschen Ärzteschaft – befürchten nun, dass Rettungs­geschwister den Weg für eine routinemäßige Herstellung von »DesignerBabys« ebnen. Denn was heute noch ein begründeter Einzel- bzw. Notfall ist, könnte auf längere Sicht jenem moralisch höchst verwerflichen Drang zur Perfektion Vorschub leisten: Nämlich der Zucht von »Menschen nach Maß«.

Eine solche »Embryonen-Optimierung«, bei der allein Qualitäts- und Nutzenerwägungen im Vordergrund stehen, würde den Menschen zur frei verfügbaren Biomasse degradieren. Denn eine Ethik der Selektion kennt keine unantastbaren, »letzten« Werte. Zumal in der »Bio-Ethik« ohnehin jeglicher menschlicher Anspruch auf Würde, Wert und Recht stets an Bedingungen wie Bewusstsein, Gedächtnis oder Kommunikationsfähigkeit geknüpft ist.

Die in immer kürzeren Abständen und mit immer größerer Wucht anbrandenden Wellen des biomedizinischen Fortschritts unterspülen unsere über Jahrhunderte entwickelten Moral- und Wertvorstellungen. Und je größer die therapeutischen Erfolge, desto durchlässiger werden auch die vormals als unverletzbar betrachteten ethischen Grenzziehungen. Stehen überhaupt verlässlichen Kriterien zur Verfügung, um einen durchaus notwendigen Wertewandel noch vom desaströsen Werteverfall unterscheiden zu können?

Gewiss, das Unbehagen in der Gesellschaft angesichts gentechnologischer Methoden wie die IVF und PID ist groß. Doch noch größer ist der Wunsch, sterbenskranke Kinder zu heilen. Angesichts leidender Kinder verliert selbst der alles überstrahlende Begriff von der »Unantastbarkeit der Menschenwürde« rasch an Leuchtkraft. Der hehre Begriff von der »Würde« ist schließlich recht abstrakt, die Aussicht auf gentherapeutische Heilung hingegen sehr konkret. Und so begegnen die Eltern des kleinen Javier auch allen Vorwürfen, ein »Designerbaby« bestellt zu haben, mit der schlichten Feststellung, dass sie sich doch ohnehin ein zweites Kind gewünscht hätten.

Zwischen Ethik der Würdeund Ethik des Helfens
Das schier unauflösbare Dilemma ist, sich jeweils zwischen einer allgemeinen Ethik der Würde und einer konkreten Ethik des Helfens entscheiden zu müssen. Und muss man rein menschlich nicht jedes Verständnis dafür haben, dass verzweifelte Eltern sich für ein Rettungsgeschwister entscheiden?

Eine andere Frage indes ist, was von unserer Menschlichkeit eigentlich übrig bleibt, wenn Kinder nicht mehr als Gabe empfangen, sondern nur noch als ein Produkt wissenschaftlichen Kalküls ausgesucht und bestellt werden? So gesehen bleibt jeder Anspruch, die genetischen Eigenschaften der nächsten Generation zu bestimmen, moralisch höchst beunruhigend – selbst dann, wenn Eltern dies allein zum Wohl ihrer Kinder tun.

Reinhard Lassek

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