»Den Gestank kann sich keiner vorstellen«

13. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Interview:  Der Arzt Wahid Mounir arbeitet in Kairo mit sogenannten »Müllmenschen«

Mit den »garbage collectors« will keiner in der ägyptischen Gesellschaft etwas zu tun ­haben. Mitten in einem der größten Müllsammler-­Gebiete nahe Kairo betreibt Wahid Mounir eine Klinik. Annika Falk sprach mit dem Arzt und koptischen Christen.

»Ich bin kein Araber, ich bin Ägypter«, sagt der Arzt ­Wahid Mounir stolz von sich. Der koptische Christ wehrt sich dagegen, dass die Christen in Ägypten als verschwindende Minderheit dargestellt werden. Foto: Uwe Winkler

»Ich bin kein Araber, ich bin Ägypter«, sagt der Arzt ­Wahid Mounir stolz von sich. Der koptische Christ wehrt sich dagegen, dass die Christen in Ägypten als verschwindende Minderheit dargestellt werden. Foto: Uwe Winkler

Herr Mounir, wie viele Menschen ­leben rund um Kairo als Müllsammler?
Mounir:
Darüber gibt es nur Schätzungen. Statistiken fehlen, denn gäbe es sie, wüsste die Regierung offiziell, wie viele Krankenhäuser, soziale Einrichtungen und Schulen sie für diese Anzahl an Menschen schaffen müsste. Alleine in Mokattam, dem ­Gebiet, in dem ich arbeite, leben ­geschätzte 200000 Müllsammler. Ohne sie wäre Kairo eine Insel des Mülls. Aber die Menschen werden nicht als Menschen gesehen. Von der Gesellschaft werden sie ignoriert, deshalb sorgt die Kirche für sie. Fast 95 Prozent der Müllsammler sind Christen.

Auch Schweinezüchter sind meist Christen. Was geschah vor wenigen Wochen während der Schweinegrippe in Ägypten?
Mounir:
Nach dem Bekanntwerden des ersten Schweinegrippe-Falls wurde innerhalb von 24 Stunden eine Erklärung abgegeben. Das Parlament entschied, alle Schweine in Ägypten zu töten. Das Problem sind dabei aber nicht die Schweine, da man sich nicht dadurch ansteckt, indem man Schweinefleisch isst, sondern die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch.

Diese Regelung war also ein Angriff auf die Christen im Land. Die koptischen Christen befinden sich im muslimischen Ägypten in einer Minderheit …
Mounir:
… als eine Minderheit würde ich uns nicht bezeichnen. Das würde bedeuten, dass Ägypten nicht unser Land ist. Christen waren aber einmal die wirklichen Einwohner Ägyptens, bis das Land von den Moslems eingenommen wurde. Heute gibt es wesentlich weniger Christen als Moslems, nur 25 Prozent der 80 Millionen starken Bevölkerung. Unser Präsident spricht manchmal davon, dass wir nur zwei Millionen sind.

Wie werden Christen in Ihrem Land behandelt?
Mounir:
Manchmal werden Menschen verhaftet, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind. Manche werden einfach abtransportiert und wir wissen nicht, was mit ih-
nen geschieht. Ein weiteres Problem ist, dass Europäer, Amerikaner, Kanadier oder Australier denken, dass ein Ägypter Moslem und Araber ist. Aber ich bin kein Araber, ich bin ­Ägypter.

Neben den Konflikten zwischen den Kulturen und Konfessionen hat Ägypten ein Problem, da es riesige Müllsammler-Gebiete gibt. Wie kam es dazu?
Mounir:
Viele zogen bereits in den 60er Jahren vom Land in den Großraum Kairo oder in die Nähe der Pyramiden nach Gizeh. Es gab allerdings keine Arbeit und zu wenige Wohnungen. Zu dieser Zeit hatte Kairo kein Müllverwertungssystem, also sammelten die Zugewanderten den Müll. Die aussortierten Dinge verkauften sie. Ihre Häuser richteten sie mit ­Sachen ein, die sie auf den Müllhalden fanden. So entwickelte sich das Geschäft der Müllsammler. Früher waren sie ausschließlich Christen, heute ziehen auch viele Moslems in diese Gebiete.

Mitten in dieser Region betreiben Sie seit 1993 eine Klinik, um den Menschen zu helfen. Vor drei Jahren standen Sie beinahe vor dem Aus …
Mounir:
Mein medizinisches Sozialzentrum Sankt Simon ist der einzige Hilfsdienst für zigtausende Menschen. 2006 hatte ich keine finanziellen Hilfsmittel mehr, um die Klinik zu managen. Dazu kam, dass einer unserer größten Unterstützer Bischof in Los Angeles wurde. Er nahm fast alle Mitarbeiter, die für uns gearbeitet und von der Kirche bezahlt wurden, mit in die USA. Wir starteten dann das Projekt »Zero«, fingen sprichwörtlich von Null an. Jetzt sortieren die Menschen bei uns Müll, recyceln ihn und wir verkaufen die Dinge weiter. Mittlerweile habe ich wieder 30 Mitarbeiter. Ich bezahle sie von den geringen Einnahmen. Außerdem betreiben wir eine Vorschule.

Sie haben im Ausland einige Unterstützer, auch in Deutschland. Mitglieder des Naomi-Vereins und Schwestern des Trinitatis-Rings aus Leipzig haben Sie im Frühjahr ­besucht. Wie haben Sie den Besuch erlebt?
Mounir:
Schwester Gudrun und die anderen Reisenden haben unzählige Fragen gestellt. Und sie haben Geld gesammelt für unser Projekt. Am meisten beeindruckt alle Besucher der Geruch. Man kann versuchen, die Region zu beschreiben, aber den ­Gestank kann sich keiner vorstellen. Daneben aber beeindruckt, dass diese Menschen immer lächeln. Sie sollten von der Gesellschaft endlich auch als Menschen wahrgenommen werden.

Kontakt:
Naomi e.V.,
Elsteraue 3, 04159 Leipzig

Telefon (0341)9610975,
E-Mail: jmd@naomi-leipzig.de
Internet: www.naomi-leipzig.de

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