Harmlose Träumerei oder Öl ins Feuer?

3. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Bericht: Die neuen »Tempelritter« – eine bizarre jüdische Gruppe will den Jerusalemer Tempel aufbauen!

Im Jahr 70 wurde der letzte jüdische Tempel in Jerusalem, dessen Bau bzw. Umbau auf Herodes den Großen zurückging, durch die Römer zerstört. Jetzt will eine Gruppe einen neuen Tempel errichten.

Am ursprünglichen Standort des jüdischen Tempels steht heute der Felsendom. Foto: KNA-Bild

Am ursprünglichen Standort des jüdischen Tempels steht heute der Felsendom. Foto: KNA-Bild

Die meisten der mehr oder weniger gewichtigen Vertreter der drei monotheistischen Religionen hatten sich schon aus dem Staub gemacht. Erst dann – und ganz bewusst getrennt – von dem Thesenaustausch über »den einen Gott in ­Judentum, Islam und Christentum«, wurde der Plan zum Bau eines dritten jüdischen Tempels auf dem Tempelberg in Jerusalem vorgestellt.

Die Stimmung passte großartig: Die untergehende Frühsommersonne tauchte die Mauern der Altstadt von Jerusalem in ein goldenes Licht. Im Hintergrund klimperte eine Harfe klassische und moderne, israelische Melodien. Zu Thunfischsandwich und Orangensaft präsentierten Rabbi Juval Scherlow, Joav Frankel und der Künstler-Architekt Ascher Oskar Fröhlich ein riesiges Ölgemälde im Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum des Jerusalemer Stadtteils Mischkenot Scha’ananim.

Traum von Harmonie in »Öl auf Leinwand«
Im Vordergrund des monumentalen Bildes von Ascher Fröhlich singen, musizieren und tanzen Menschen, die offensichtlich unterschiedliche Volks- und Religionsgruppen repräsentieren. Einmütig sind sie vereint zwischen dem islamischen Felsendom und einem Gebäude, das den gängigen Vorstellungen des herodianischen Tempels entspricht. Im Hintergrund strömen durch das geöffnete Goldene Tor Menschenmassen auf den Platz. Das ganze Bild der Reli­gionsharmonie steht unter einem ­Regenbogen – dem Zeichen des Bundes, den Gott mit Noah geschlossen hat (1. Mose 9,12ff).

Fünf Jahre lang haben Joav Frankel und sein Team geforscht, ob es nach jüdischer Tradition möglich wäre, den Tempelneubau um einige Meter nach Norden zu verlegen, das heißt, den Originalstandort des jüdischen Heiligtums den Moslems zu überlassen. Nach Beratungen mit »wichtigen Rabbinern in Israel« ist er zu der Überzeugung gekommen, dass es nach dem jüdischen Gesetz möglich wäre, den Tempel nicht am ursprünglichen Standort zu bauen. Denn an der Stelle sowohl des salomonischen als auch herodianischen Tempels steht heute der Felsendom. Um diesen Ort – auf dem Ölgemälde Fröhlichs wäre er ­einige Hundert Meter nördlich des Felsendoms – zu finden, wäre das Auftreten eines Propheten notwendig, der den genauen Ort bezeichnen müsste. Und natürlich müsste dieser Prophet von einer Mehrheit der jüdischen Welt anerkannt werden.

Nein, konkrete Bauanweisungen wollen sie nicht geben, betonen die Initiatoren – wobei es Frankel aber doch wichtig ist, dass der Künstler, der das Bild gemalt hat, Architekt sei. Ausdrücklich soll es nur darum gehen, den »Heiligen Berg Gottes« von einem Ort der Auseinandersetzung zu einem »Haus des Gebets für alle Völker« ­(Jesaja 56,7) zu transformieren. So sollen »die höchste Mission von Judentum, Christentum und Islam und der ursprüngliche Zweck des Tempels« ­erfüllt werden. Die ganze Welt soll
den einen Gott gemeinsam in Frieden anbeten.

Bislang bezeichnen Juden und Christen das Zentrum Jerusalems als »Tempelberg«. Muslime, die eine historische Existenz des jüdischen Tempels vehement bestreiten, bezeichnen den Platz, auf dem heute die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom stehen, dagegen als »Haram A-Scharif«, als »edles Heiligtum«. Nach Ansicht Frankels waren es der römische »Cäsar und seine Nachfahren durch die Geschichte«, die den Streitgeist unter die Völker gebracht und so den Tempelberg zu einem Ort der Auseinandersetzung gemacht haben.

Friedensvision mit fraglicher Tendenz
Wie die Mutation vom Zankapfel zur Friedenspfeife praktisch aussehen soll, lassen Frankel & Co. offen. Deshalb wurden auf dem Fröhlich-Bild die eigentlichen topografischen Gegebenheiten Jerusalems auch bewusst verdreht. Einzelheiten der Beziehungen zwischen den Religionen, etwa in den Bereichen der Liturgie oder Theologie, wollen die Tempelvisionäre ausdrücklich ausklammern. Man will ja Frieden und nicht Krieg stiften.

Eine gewisse Tendenz – ob von den Initiatoren des Bildes intendiert oder nicht – gibt das Gemälde indes aber doch vor. So ist innerhalb des Tempel­areals kein Mensch als Vertreter der Christenheit ausdrücklich erkennbar, etwa durch Priesterkragen oder Ordensbekleidung. Die Grabeskirche, das Allerheiligste des Christentums, steht draußen vor der Ummauerung des Wunschtempels – die Mauer wurde zu diesem Zweck vom Künstler von Ost nach West verlegt. Die der Wirklichkeit widersprechende Komposition des Bildes bringt eindrücklich zum Ausdruck, was der sephar­dische Oberrabbiner Josef Azran auf vorausgegangener Podiumsdiskussion gesagt hatte: »In einer Moschee darf ich beten, in einer Kirche könnte ich das niemals!«

Und auch innerhalb des Heiligtums wird auf dem Gemälde eine Tendenz sichtbar. Die Menschen auf der linken Seite des Bildes stehen unter einem eigentümlich grün-finsteren Einfluss, der vom islamischen Felsendom ausgeht – ganz im Gegensatz zur heutigen Realität, in der sich die Goldkuppel des ältesten islamischen Bauwerks die meiste Zeit des Jahres den Touristen in strahlendem Sonnenlicht präsentiert. Der Strom des Lebens, den der Prophet Hesekiel (Kapitel 47) beschreibt und der ganz bewusst in das Bild mit aufgenommen wurde, geht dagegen vom lichtvollen jüdischen Heiligtum auf der rechten Seite des Gemäldes aus.
Ist das alles Zufall – oder ein »freud’scher Vermaler« der jüdischen Visionäre? »Das ist wie beim Schachspiel«, hatte Joav Frankel im Fragenteil seiner Projektvorstellung erklärt: »Man opfert die Königin, um das Spiel zu gewinnen.« Fraglich ist, ob Christen und Muslime ausreichend kompromissbereit sein werden, um sich auf dieses Spiel einzulassen. Keineswegs Zufall war indes, dass sich die stets freundlich lächelnden christlichen, muslimischen und sogar jüdischen Dialogpartner vor der Präsentation des Bildes verabschiedet hatten.

Endzeitträumerei oder Kriegstreiberei?
Ob die Vorstellungen Frankels sich in der heutigen Realität als weltfrem­de Endzeitträumerei erweisen wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht werden sie von den unmittelbar Betroffenen ja nur freundlich-mitleidig belächelt. Das wäre der beste Fall. Das Bild von Fröhlich könnte aber auch zur Initialzündung für eine neue Runde der Gewalt werden. Möglicherweise werden gewisse Zeitgenossen auf skurrile Endzeitschwärmer in Jerusalem genauso wenig humorvoll reagieren, wie auf schamlos-kritische Karikaturisten in Kopenhagen. Seit der römische Prokurator Pilatus das Blut jüdischer Pilger mit ihren Opfern vermischt hat (Lukas 13,1), hat die ­Begeisterung für diesen Berg im Zentrum der Stadt ­Jerusalem Hundert­tausenden von Menschen das Leben gekostet. Das Blutvergießen reicht bis in die jüngste Gegenwart.


Johannes Gerloff

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