Durch den Schmerz ans Licht

3. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Neue Malerei und Grafik von Michael Morgner im Dom zu Meißen.

Blick in den Kirchenraum und auf die überdimensionalen Bilder von Michael Morgner. 	Foto: Kunstdienst/Steffen Krüger

Blick in den Kirchenraum und auf die überdimensionalen Bilder von Michael Morgner. Foto: Kunstdienst/Steffen Krüger

Wer in diesen Tagen den Dom zu Meißen besucht, der wird auf der Nordseite des Langhauses in den Jochen von sechs überdimensionalen Bildern überrascht, die sich fast mühelos in den schlichten Charakter des Kirchenbaus rhythmisch einfügen.

Unter dem Titel »Reliquie Mensch« schuf der in Einsiedel bei Chemnitz lebende Maler und Grafiker Michael Morgner (geb. 1942 in Chemnitz) in den vergangenen beiden Jahren Leinwandbilder, als Triptychons, Diptychons oder Einzelbilder, die den ­Leidensweg Christi zum Gegenstand haben und die im Meißner Dom erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Außerdem wird eine aus 15 Blättern bestehende Radierfolge unter dem ­Titel »Narben« gezeigt, die sich mit dem Tod Christi am Kreuz als großes Gleichnis auf das Leben und Leiden des Menschen beschäftigt.

Privates Unglück und Schmerz, auch der frühe Tod der Ehefrau Dörte 1986, führten verstärkt zu einer Auseinandersetzung mit dem Tod. In der Arbeit an den Bildern hat Morgner Trauerarbeit geleistet, die zu einmaligen Kompositionen führte. Aus den dunkel mit Asphalt und Farbe bedeckten Leinwänden leuchtet es geheimnisvoll heiter und hoffnungsvoll. Licht bricht sich Bahn; ohne im Überschwang zu dauern, verbirgt es sich und ändert seine Stimmung von Bild zu Bild. Die beiden Triptychons (I und II, 2009), gegen das hereinströmende, sonnige Gegenlicht sich behauptend, betonen die Vertikale, folgen dem Sturz des Lichtes in den Raum. Es rinnt über die reliefartigen Oberflächen, die in der »Lavage-Technik« in einem langen Prozess durchgearbeitet wurden. Tiefes Schwarz, stufiges Grau und knochiges Weiß machen aus den sakral angelegten Bildern Ikonen der Trauer.

Morgner hat zuvor die Leinwände geschunden, verletzt, mit einem Wasserstrahl gewaschen, um sie anschließend wieder neu zu bemalen. Das spürt man auch an den Reliefs, die sich über das ganze Bild breiten, als Collage und Decollage, mit Acryl geprägt und dort, wo er Asphalt auf Seidenpapier gelegt hat. Es ist das Existenzielle, das Morgner zwischen sich und der Leinwand aufspürt und im Bild manifestiert, Fragen nach dem Sinn menschlichen Lebens. »Das Ringen um den Tod ist bei Christus und bei Michael Morgner ein Ringen um das Leben.« (Beatrice Lavarin)

Mit den »Golgatha«-Themen beschäftigt sich der Künstler schon seit Ende der 80er Jahre, 1993 speziell mit dem Zyklus »Kalvarienberg«, sowohl in seiner expressiv-abstrakten Malerei als auch in seiner spröden, ausdrucksstarken, figürlichen Grafik.
Vier Einzelbilder auf der Nordseite des Doms widmen sich der »Golgatha-Situation«, die den Menschen in seinen Anfechtungen angesichts des Todes betrifft und wie sie durch den Theologen Dietrich Bonhoeffer in ­seinen Hafttagebüchern geschildert wurde.

Der Radierzyklus »Narben« (2003/2004) ist im Südwest- und Nordostturm, sowie auf der Empore über dem basilikalen Joch zu besichtigen. Das beigefügte Foto zeigt die Nahansicht eines zerschundenen Rückens, einen Ausschnitt der Holzskulptur des »Christus in der Rast«, die im Jahre 1500 von dem deutschen Bildschnitzer Peter Breuer geschaffen wurde. Von dieser Skulptur hat sich Morgner inspirieren lassen und sie in seiner Grafik zu 15 minutiösen Einzeldarstellungen verarbeitet.

Im Kreuzgang stehen oder liegen Bronzeskulpturen zwischen dem Efeu des Gartens, als »Schreitender«, »Gekreuzigter« oder »Embryo«, in denen Morgner spielend seine Themen auf neue Weise aufnimmt und in einem anderen Medium weiterführt.

Michael Morgner gehört zu den ­bedeutenden deutschen Malern der Gegenwart. Er studierte von 1961 bis 1966 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Fritz Fröhlich, Harry Blume, Heinz Wagner und Irmgard Horlbeck-Kappler. Er war Gründungsmitglied der »Galerie Oben« 1973 in Karl-Marx-Stadt. 1977 war er Mitbegründer der Gruppe »CLARA MOSCH«. 1982 setzte er sich künstlerisch mit Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers auseinander.

Heinz Weißflog

Die Ausstellung ist täglich bis 27. September zu sehen, Hochstift Meißen, Domplatz 7, 01662 Meißen, Telefon (03521) 452490. Führungen, Gottesdienste, Orgelmusik, Konzerte

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.