Gottes Wort in schwieriger Zeit verkündigt

30. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Trauer: Am 24. Juli ist der Magdeburger Altbischof Werner Krusche im Alter von 91 Jahren gestorben

Er war ein begnadeter ­Prediger, geradlinig und ­unbestechlich. Ein Nachruf auf den verstorbenen ­Theologen vom früheren ­Ministerpräsidenten in ­Sachsen-Anhalt und ­Kirchentagspräsidenten Reinhard Höppner.

Werner Krusche: »Wir haben keine Macht als die des glaubwürdigen Wortes.« 	Foto: Viktoria Kühne

Werner Krusche: »Wir haben keine Macht als die des glaubwürdigen Wortes.« Foto: Viktoria Kühne

Werner Krusche ist tot. Er war eine herausragende Persönlichkeit der Kirchen in der DDR. 1917 als Sohn eines Predigers der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Lauter im Erzgebirge geboren, hat ihn die tiefe Frömmigkeit seiner ­Umgebung geprägt. Im Krieg schwer verwundet, konnte er 1942 mit dem Theologiestudium beginnen, zunächst in Leipzig, nach seiner Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft dann in Bethel, Heidelberg, Göttingen und Basel. Während viele seiner Kommilitonen im Westen Deutschlands blieben, ließ er sich von seiner sächsischen Landeskirche rufen in einer Zeit, in der die Kirchen in der DDR vielen Repressalien ausgesetzt waren. Er konnte und wollte seinem Auftrag, so wie er ihn verstand, nicht davonlaufen: Das Wort Gottes ausrichten auch in schwieriger Zeit.

Gemeindepfarrer in Dresden, Leiter des Predigerseminars in Lückendorf und Dozent am Theologischen Seminar in Leipzig, das sind die Stationen, in denen er Generationen von Theologen geprägt hat. Er liebte seine sächsische Heimat. Sein typisch sächsischer Humor hat ihn stets begleitet.

1968 wurde er Bischof der Kirchenprovinz Sachsen. Den staatlichen Stellen ein unbequemer Bischof. Nie jemandem nach dem Munde reden, aber die Dinge so sagen, dass auch der Gegner sie noch hören kann. Diese Geradlinigkeit und Unbestechlichkeit muss so manchen DDR-Funktionär damals zur Verzweiflung gebracht haben. »Wir haben keine Macht als die des glaubwürdigen Wortes«, hat er einmal gesagt. Wenn wir diese Macht verspielen, wenn die Glaubwürdigkeit unserer Worte verloren geht, dann sind wir wirklich ohnmächtig. Als sich Oskar Brüsewitz auf dem Zeitzer Marktplatz selbst verbrannte, verlangten Gruppen in der Kirche die volle Solidarisierung der Kirchenleitung mit ihm, die staatlichen Stellen die Distanzierung. Damals hat Bischof Krusche beides klar benannt: Die fehlende Freiheit in der DDR, gegen die Brüsewitz ein Zeichen setzen wollte, und genauso die Tatsache, dass nach Gottes Willen keiner das Recht hat, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen – also keine Heiligsprechung eines Märtyrers.

Richard von Weizsäcker schreibt in seinem Vorwort zu Krusches Erinnerungen: »Mit der Kraft seiner inneren Stimme wurde er inmitten einer von Ideologie und Politik bedrängten und bekämpften Christenheit für sie zur prägenden Gestalt. Ohne Polemik, aber mit kritischer Offenheit und ­großem Mut verkündigte er Worte des Lebens im DDR-Alltag, inmitten der Konflikte zwischen Konfirmation und Jugendweihe oder der Friedensbewegung in Ost und West, um Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden.«

Werner Krusche war ein begnadeter Prediger. Seinen Predigten merkte man nicht an, wie viel Mühe sie ihm gelegentlich machten. Oft habe ich Sätze daraus zitiert, zum Beispiel den über das Gebet, ein typischer Krusche, brillant im Umgang mit der Sprache ohne in Wortspiele zu verfallen: »Das Gebet ersetzt kein Tun, aber es gibt kein Tun, das das Gebet ersetzen könnte.« Treu war er in seiner Fürbitte bis zuletzt. Er schlug die Zeitung auf und betete für die Prediger, die am Sonntag in unserer Stadt das Wort Gottes zu verkündigen hatten. Seine Fürbittenliste war lang, ein Ausdruck dafür, wie treu er Menschen ­begleitete. Viele Briefe hat er geschrieben mit seiner immer kleiner werdenden Handschrift. Meine Frau und ich haben die unseren sorgfältig aufbewahrt. Es waren immer solche an entscheidenden Stellen unseres Lebens.

Brücken hat er gebaut, viele zwischen Ost und West, zu unseren Partnerkirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und zu den Kirchen in der Ökumene. In der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) war er eine hoch angesehene Autorität, den Brüdern und Schwestern im Nordisch-Deutschen Kirchenkonvent ein wichtiger Gesprächspartner. Seine besondere Sensibilität galt der russisch-orthodoxen Kirche. Manch wegweisendes Referat hat er gehalten in diesem politisch oft verminten Terrain zwischen Ost und West, aber auch vor der Synode unserer Kirche. »Kirche auf dem Weg in die Diaspora« – das war ermutigend und keineswegs resigniert, wie heute vielleicht mancher vermuten mag.

Er war auch Vorsitzender der Konferenz der Kirchenleitungen in der DDR und hat auf der letzten Synode des Bundes der DDR-Kirchen ermutigende Bilanz über den Weg der Kirchen in der DDR gezogen: »Eure Mühe im Herrn war nicht umsonst.« Das mag auch über seinem persönlich keineswegs einfachen Weg stehen. Als meine Frau und ich ihn das letzte Mal bei Bewusstsein an seinem Sterbebett besuchten, sagte er: »Zieht in Frieden und macht Eure Arbeit.« Arbeit im Beten und im Tun, damit können wir ihm Ehre erweisen.

Trauerfeier für Werner Krusche
Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) verabschiedet sich am Freitag, 31. Juli, 14 Uhr, mit einer Trauerfeier im Magdeburger Dom von ­Werner Krusche. Die Beisetzung findet im Familien- und Freundeskreis zu ­einem späteren Zeitpunkt statt. Anstelle von Kranz- und Blumenspenden bittet die Familie um eine Spende für das Hospiz der Pfeifferschen Stiftungen Magdeburg, KD-Bank, BLZ 35060190, Kontonummer 1553554019, Kennwort: Werner Krusche.

Vergeistigung des Christentums

30. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Christliche Frömmigkeit (2): Das Charisma des Protestantismus ist jene aus dem Glauben geborene Skepsis

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Im ersten Teil des dreiteiligen Beitrages erinnerte sich der Autor Fulbert Steffensky an seine vom katholischen Glauben geprägte Kindheit und Tradition. Im folgenden Beitrag würdigt er den durch die Reformation angestoßenen religiösen Neuanfang.

Der Glaube an die Güte Gottes hat eine zersetzende Kraft. Er vertreibt alle Geister und Mächte, die diese Güte ersetzen oder ergänzen wollen. Dieser Glaube ist der Grund der Freiheit eines Christenmenschen, und das Charisma des Protestantismus ist eben jene aus dem Glauben geborene Skepsis.

Diese Skepsis führte in der Reformation zu einer fast unvorstellbaren Veränderung von religiösen Landschaften. Zeiten, Orte, Personen ­wurden profaniert, es wurde ihnen ihre numinose, heilige Qualität genommen. Ablässe und Heiligenver­ehrung verschwanden, denn man brauchte keine Vermittler zwischen Mensch und Gott. Die Sakramente wurden reduziert. Kirchenschmuck und Gewänder wurden schlichter.

Der Glaube an spezielle Heilige und an das Wunder verschwand. Das einzige Wunder war die freie Gnade ­Gottes.
Wenn Protestanten heute klagen, dass der protestantische Gottesdienst weniger Heimat biete als der katholische, dass er gestenarm und wenig sinnlich sei, so sollten sie doch wissen, dass diese Kargheit der Schatten eines großen Reichtums ist, nämlich der Schatten jenes Glaubens an die Gnade und jener skeptischen Freiheit, die aus ihm geboren ist.

Das also haben wir mit der Reformation und der Aufklärung, der die Reformation den Weg bereitet hat, ­gewonnen: Wir sind den Verzauberungen entronnen. Die Dinge sind nun, was sie sind. Der Wallfahrtsort ist ein Stück Erde wie andere Orte auch; Bischöfe und Priester sind keine besonderen heiligen Leute wie unser-
einer auch. Mit heiligen Zeiten ist aufgeräumt. Auch das Lamento, früher sei im Christentum alles besser gewesen, ist abgeworfen. Denn alle Zeiten haben die gleiche Nähe zu Gott.

Könnte es sein, dass mit der Entzauberung des Lebens ein großes Gähnen in die Welt gekommen ist und dass die Menschen eine Wirklichkeitsauffassung haben, die der eines etwas schläfrigen älteren Geschäftsmanns nach dem Mittagessen gleicht, wie es der Religionssoziologe Peter L. Berger behauptet? Dass wir in den Dingen die Spuren, die Kraft und das Lob ­Gottes nicht mehr lesen und hören können? Vor einigen Jahren waren im saarländischen Marpingen 30000 Menschen versammelt, die auf eine Marienerscheinung warteten.

Viele Menschen halten offensichtlich diese gähnende Normalität nicht mehr aus, die ausgeleuchteten Räu­me, in denen alles seine Erklärung und seine geheimnislose Vernunft hat. Es ist, als ob sie gegen alle Vernunft die Schatten, den alten Zauber und die gefährlichen Höhlen des Lebens suchten. Was uns da im hellen Licht der Aufgeklärtheit entgegenkommt, kann doch nicht alles sein. Es muss doch ein Geheimnis der Welt und der Dinge geben!

So suchen sie Stellen, an denen das Fremde und Nichterklärliche erscheint; es mag aus dem Himmel oder aus der Hölle kommen. Ich vermute, dass sich für solche Sehnsüchte Satansmessen und Marienerscheinungen nicht wesentlich unterscheiden. Sie suchen die Unerklärlichkeit und das zweite Gesicht der Dinge und der Welt. Die Beschränkung des Geistes auf Erklärbarkeiten und auf lösbare Fragen, die Eindimensionalität der Wahrnehmung und der Verzicht auf das Geheimnis lassen uns offensichtlich tief unbefriedigt. Von dem mittelalterlichen Theologen Bonaventura ist der Satz überliefert: »Alles Geschaffene ist Schatten, ist Echo, ist Bild, Spur, Ebenbild und Aufführung.« Nichts also ist nur, was es ist. Es hat Anteil an der Heiligkeit Gottes, weil es sein Echo und seine Spur ist. Dies ist nicht das alte bannende Heiligtum, wohl aber eine Heiligkeit des Lebens, die unsere Ehrfurcht und Ergriffenheit will.

Vielleicht bewahrt uns nur diese Auffassung vom Leben und von den Dingen davor, dass wir sie benutzen, als hätten sie kein Geheimnis und als stünden sie nur uns zur Verfügung. Als Echo Gottes sind sie für sich da, aber sie sind auch für Gott da. Vielleicht hat die Entzauberung der Welt dazu geführt, dass wir in grenzenlos imperialer Geste uns alles unterwerfen. Wer kein Tabu kennt und die Heiligkeit der Dinge nicht sieht, wird zu ihrem Zerstörer.

Der Satz von der Heiligkeit der Dinge hat also durchaus eine politische Bedeutung. Sie hindert uns daran, die reinen Verfüger und die ungebremsten Herren zu sein. Könnte es sein, dass, wenn Gott der einzig ­Unverfügbare ist, alles andere bedenkenlos zur Verfügung steht?

Der Protestantismus hat das Christentum vergeistigt. Das Herz und das Gewissen wurden die dramatischen Orte, nicht mehr die alten Orte, Zeiten und Techniken waren entscheidend. Diese Veränderung war unausweichlich, es ist nur die Frage, ob sie genügt.

Fulbert Steffensky

Mit Zuversicht wieder loslegen

30. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Ferienende: Es lässt sich etwas tun, damit der Schulstart nach der Sommerpause gelingt

Wenn in Mitteldeutschland in der nächsten Woche die Ferien zu Ende gehen, heißt es für die Schülerinnen und Schüler, sich wieder umzustellen auf den Alltag. Einige Tipps für einen reibungslosen Schulstart.

Gut vorbereitet den Weg ins neue Schuljahr gehen. Foto: Bilderbox.com

Gut vorbereitet den Weg ins neue Schuljahr gehen. Foto: Bilderbox.com

Abends erst spät ins Bett, morgens lange schlafen, spielen, ein bisschen rumgammeln, Freunde treffen, womöglich wegfahren oder zu Hause das Leben im ­eigenen Rhythmus genießen: Sommerferien nennen sich diese paradiesischen Zeiten. Aber auch die schönsten langen Sommerferien haben ein Ende. Schulbank drücken, Hausauf­gaben machen und Wecker stellen sind angesagt.

Gemischte Gefühle
Während bei den Erstklässlern die Vorfreude auf die Schule überwiegt (laut Umfrage freuen sich 96 Prozent darauf, in die Schule zu kommen), gehen viele »alte Schul-Hasen« eher mit gemischten Gefühlen an den Schulstart: Yannick (11) ist gespannt, was das Gymnasium bringt. Mareike (16) hat ein bisschen Grummeln in der Magengrube, ob sie den Anforderungen der Oberstufe gewachsen ist. Ben (12) ist gespannt, welcher Lehrer wohl welches Fach unterrichtet. Lukas (16) hat riesige Lust auf sein Lieblingsfach Physik und Jan (10) hegt die leise Hoffnung, an seiner neuen Schule endlich der ungeliebten Rolle des Klassenclowns entschlüpfen zu können. Anna (15) sorgt sich, ob ihr Stundenplan so ausfällt, dass das Handballtraining noch passt.

Start mit Anwärmphase
Damit der Übergang vom freien Ferienleben zum geregelten Schulalltag möglichst nicht zum Kaltstart missrät, rät Kinderarzt Dr. Ulrich Fegeler vom Bundesverband der Kinder- und ­Jugendärzte, Eltern dazu, keinesfalls erst »auf den letzten Drücker« aus dem Urlaub zurückzukommen. Zumindest die letzten beiden Ferientage sollten zum »Akklimatisieren« und atmosphärischen Eingewöhnen genutzt werden.

Besonders wenn der Schulbeginn – wie in etlichen Bundesländern – mitten in der Woche liegt, sollten Jugendliche ein paar Tage vorher schon mal ausprobieren wie es sich anfühlt, nicht erst mitten in der Nacht ins Bett zu gehen und erst gegen ­Mittag in die Sonne zu blinzeln. Der Körper braucht ein bisschen Zeit, um sich an den neuen alten Rhythmus zu gewöhnen. »Niemand kann sich von 0 auf 100 hochpeitschen, auch Kinder und Jugendliche nicht«, betont Fegeler.

Davon, in den Ferien, Schulstoff mit regelmäßigem Wiederholen »frisch« zu halten oder Lücken aufzuarbeiten, hält der Mediziner nicht allzu viel. »Ferien sind Ferien«, meint er. Überhaupt rät er Eltern in Sachen Schulstart zur Gelassenheit. Übergänge sollten nicht problematisiert, sondern vorbereitet werden. Über
das, was dann dennoch »klemmt«, sollten Eltern mit ihren Kindern in Ruhe reden.

Klar Schiff machen
Dennoch lässt sich für einen reibungslosen Start etwas tun. Etwa in Gestalt rechtzeitiger Vorbereitungen auf den ganz normalen Schulalltag: Oberstufenschüler sind selbst dafür verantwortlich, die neuen Schulbücher zu bestellen und sich ihren Stundenplan fürs Kurssystem abzuholen, der an vielen Schulen schon in der letzten Ferienwoche zu bekommen ist. Jüngeren Schülerinnen und Schüler kann es zur Vorbereitung des neuen Schuljahres helfen, ihr Zimmer oder zumindest den Ranzen mit Wonne zu entrümpeln. Sich mit verheißungsvoll leeren Heften und Ordnern einzudecken, kann die Lust auf Schule genauso fördern wie ein schönes Ferienabschluss-Essen mit Freunden oder in der Familie, bei dem sich trefflich über die zurückliegenden Wochen erzählen lässt. »Das war immer schön, danach fiel es leichter wieder loszulegen«, erinnert sich Judith (29) an ihre Schul-Ferien-Zeit.

Sich vertraut machen
Wo das neue Schuljahr mit dem Übergang zu einer weiterführenden Schule verbunden ist, sind Eltern häufig besorgter als ihre Kinder. Wo ein neuer Schulweg für Verunsicherung sorgt, hilft womöglich ein gemeinsamer »Ausflug« mit dem Verkehrsmittel, das dann auch im »Ernstfall« genutzt werden muss. Das schafft Sicherheit und mindert das Risiko von Verkehrsunfällen. Viele Schulen veranstalten für die »Neuen« zudem Schul-Rallyes zur Orientierung am neuen Ort und setzen ältere Schülerinnen und Schüler als Paten ein.

Gottesdienst zum Start

Weil der Beginn eines neuen Schuljahres wie ein Start zu einer neuen Etappe ist und weil das neue Schuljahr mit seinen vielfältigen Aufgaben, Kinder, Eltern und Lehrer immer wieder herausfordert, werden mancherorts Schulgottesdienste angeboten, in denen es um Kraftsammeln und Vergewisserung, um Ermutigung und um menschliche Nähe und Vertrauen geht. Womöglich ist auch dieses Atemholen für die Seele ein guter Auftakt, wenn es darum geht, im neuen Schuljahr mit Zuversicht und Freude wieder loszulegen.

Von Karin Vorländer

Im Stil der alten Meister

30. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Malerei: Vor 80 Jahren wurde Werner Tübke geboren – Eine Ausstellung in Leipzig widmet sich seinem Schaffen

Seine Kritiker sahen in ihm den »Staatskünstler«, seine Befürworter einen der ­»bittersten Kritiker« der DDR: Werner Tübke – am 30. Juli wäre er 80 geworden.

Bildtext: Werner Tübke in einem Selbstporträt aus den 80-er Jahren.

Bildtext: Werner Tübke in einem Selbstporträt aus den 80-er Jahren.

Er hat Arbeiter, Bauern und Ausgegrenzte ebenso gemalt wie feine Herrschaften, Edelleute oder Geistliche. Anregungen dafür fand der Leipziger Maler Werner Tübke (1929–2004) immer wieder in der Geschichte und auf Reisen zwischen der Sowjetunion, Bulgarien, Italien und Frankreich. Seine 6000 Zeichnungen, 530 Aquarelle und 400 Gemälde sind weltweit in großen Museen und kleinen Privatsammlungen zu finden. Am 30. Juli jährte sich Tübkes Geburtstag zum 80. Mal, er kam 1929 in Schönebeck an der Elbe zur Welt.

Dem Jubiläum des vor fünf Jahren gestorbenen Künstlers widmet das Leipziger Museum der bildenden Künste eine Ausstellung mit über 90 Gemälden, die nicht nur alle Schaffensperioden dokumentiert. Sie hat auch die Debatte um den »Staatskünstler der DDR« neu belebt. Kritiker werfen Tübke vor, er habe als »Hof-
maler ohne Hof« mit seinen Arbeiten in staatlichem Auftrag die damalige offizielle Kulturpolitik nachhaltig gestützt. Zudem habe er im SED-Staat von Privilegien und Freiheiten profitiert, die vielen anderen Künstlern vorenthalten geblieben seien.

Dagegen verweisen die Befürworter auf Tübkes konsequente Hinwendung zur Bildsprache der alten Meister als bewusste Abkehr von einem plakativen »Sozialistischen Realismus«. Der westdeutsche Kunsthistoriker und Publizist Eduard Beaucamp etwa sieht die strauchelnden und ­gescheiterten Figuren bei Tübke im offenen Widerspruch zum damaligen offiziellen Menschenbild. Damit sei der »angebliche Staatskünstler« in der DDR »in Wirklichkeit einer ihrer bittersten Kritiker« gewesen – »ein Fremder im eigenen Land«.

Das Werk Tübkes polarisierte von Anfang an. Seinen Weg begleiteten mehrfach Brüche und Rückschläge. Vom Hochschulassistenten wurde er um 1960 zum Mitbegründer der »Leipziger Schule«, später Professor und 1973 Rektor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Doch bereits 1957 war er als Assistent entlassen worden. Sein ausgeprägtes Interesse an der altdeutschen und italienischen Renaissancemalerei brach­te ihm den Vorwurf ein, er sei ein »Eklektizist« und »Subjektivist«.

Dessen ungeachtet bekannte er sich 1960 in der Ost-Berliner Zeitschrift »Bildende Kunst« ausdrücklich dazu, dass ihn die »Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit« mit ­ihren Widersprüchen und Umbrüchen ganz besonders interessiere. »Mir ist die Kunst Tintorettos, Grecos, Veroneses so gegenwärtig als seien diese Künstler meine Zeitgenossen«, schrieb er später. Dieses Bekenntnis sollte ihm nach der Rückkehr an die Hochschule 1962 bald erneut zum Verhängnis werden.

Doch die im März 1968 drohende Entlassung wegen einer »falschen Lehrmeinung« wurde nach spontanen Studentenprotesten wieder zurückgenommen. Vorausgegangen waren heftige öffentliche Kontroversen um die Bilderfolge »Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze« (1965–67), in der sich Tübke auf seine Weise mit der Unrechtsjustiz im Nationalsozialismus auseinandersetzte. Auf die figurenreichen Bilder voller surrealer Details und kunstgeschichtlicher Zitate reagierte die offizielle DDR-Kritik verstört und ablehnend.

Den internationalen Durchbruch für Tübke brachte 1971 eine Ausstellung in Mailand. Seine erste Werkschau im Ausland fiel mit dem Machtwechsel in Ost-Berlin und der kulturpolitischen Neuorientierung unter SED- und Staatschef Erich Honecker zu »Weite und Vielfalt« zusammen. Damit war nunmehr auch Tübkes altmeisterliche Kunst salonfähig. Ihren Höhepunkt fand sie im Bauernkriegspanorama von Bad Frankenhausen, das mit Vorarbeiten zwischen 1976 und 1987 entstand und den Epochenumbruch des 16. Jahrhunderts als zeitloses »Welttheater« beschreibt.

Der Katalog zur Leipziger Geburtstagsausstellung würdigt erstmals auch die religiösen Bildspuren bei Tübke. Dessen Umgang mit christlichen ­Motiven wurde nach Einschätzung des Würzburger Kunsthistorikers und Theologen Jürgen Lenssen bisher kaum berücksichtigt. Trotz zahlreicher religiöser Bildverweise lasse sich Tübkes Werk jedoch nicht instrumentalisieren, betont Lenssen.

Vielmehr sei es ihm um eine Verbindung zentraler Botschaften mit den Lebenserfahrungen und »Heilssehnsüchten« der Menschen gegangen. Bekanntestes Beispiel dafür ist der 1997 eingeweihte Flügelaltar in der evangelischen St.-Salvatoris-Kirche von Clausthal-Zellerfeld im Westharz. Die Geschichten der Bibel seien Urbilder, auf die man im Leben immer wieder zurückkomme, bekannte der Künstler während der dreijährigen Arbeit an dem Altar. Das Thema habe ihn »persönlich geprägt«. Er selbst aber habe in der DDR keine Beziehung zur Religion gehabt, fügte Tübke damals hinzu.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Die Ausstellung »Tübke. Die Retrospektive zum 80. Geburtstag« ist bis 13. September 2009 im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag bis Sonntag – 10 bis 18 Uhr, Mittwoch – 12 bis 20 Uhr, montags geschlossen, Eintritt 8,00 Euro

Iran: Ehemalige Muslima wie Aussätzige gemieden

30. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: Daniel Cubillas, sxc.hu

Foto: Daniel Cubillas, sxc.hu

Nadereh legt den Telefonhörer auf. Sie ist froh über das Gespräch mit ihren Eltern. Denn seit langem liegt ein tiefer Graben zwischen ihnen. Vor neun Jahren wurde die einst glühende Islam-Anhängerin Christin. Damit ­begann für die heute 35-Jährige ein Leben geprägt von Feindschaft, Demütigung und Überwachung. Ihren richtigen Namen will sie nicht in der Zeitung gedruckt sehen. Sie wird ­beobachtet. Von der Geheimpolizei, Nachbarn und wer weiß von wem noch. Ihre Hausgemeinde trifft sich nur heimlich. »Wir telefonieren nicht untereinander. E-Mails schreiben wir uns seit langem nicht mehr«, erzählt sie. Man kann nie wissen, wann die Polizei vor der Tür steht und alle mitnimmt. Wieder und wieder verhören sie Geheimpolizisten. Sie drohen mit Folter, wollen wissen, zu wem sie Kontakt hat. »Einmal kamen sie während der Arbeit und nahmen mich fest. Es war schrecklich.«

Wie viele der Demonstranten in Iran wünscht auch sie sich den Wandel. Unter Präsident Ahmadinedschad wurde es für Christen immer schlimmer. Besonders ehemalige Muslime spüren das. Festnahmen und Razzien in Hausgemeinden sollen einschüchtern. Wer den Islam verlässt, wird hart bestraft – wenn er nicht umkehrt. Männer sollen sterben und Frauen ­lebenslang hinter Gitter: So sieht es ein verschärftes Strafrecht für Apostasie (Abfall vom Glauben) vor. Noch muss der Wächterrat dem zustimmen. Bestraft würden dann Iraner, die ihre Religion selbst gewählt haben. Und davon soll es immer mehr geben: Satelliten senden christliche Programme in die islamische Republik. Im Internet berichten Konvertiten von ihrer Bekehrung; Muslime suchen nach ­Erklärungen, wenn sie von Jesus träumen. Wie ­Nadereh sprechen sie darüber mit Christen oder beginnen, in der Bibel zu lesen.

Wie viele Konvertiten es im Iran gibt, weiß niemand genau. Von der insgesamt viertel Million Christen könnten es ca. 100000 sein, schätzt Open Doors. Darunter einst strenge Islam-Verfechter wie Nadereh. Ihre ­Eltern und Brüder wollten den neuen Glauben aus ihr herausprügeln. Schande brachte sie über die Familie. Doch sie kehrte nicht um, sondern zog schweren Herzens aus. Von einem Managerposten versetzte man sie an eine schlechter bezahlte Position. In einem Rundschreiben teilte die Firmenleitung allen Angestellten mit: Nadereh ist unrein. Fortan sollte niemand mehr mit ihr sprechen, sie berühren, mit ihr essen.

Da geschätzt für ihren liebevollen Umgang mit Menschen, besuchen sie Kollegen heimlich daheim. »Sie sind neugierig und ich erzähle ihnen dann von Jesus.« Jede Woche telefoniert sie mit ihren Eltern. Einmal im Jahr kommen sie zu Besuch. »Dass ich den Islam verlassen habe, wollen sie nicht akzeptieren«, erzählt sie. »Doch einmal sagten sie, ich sei ein besserer Mensch geworden. Ich spürte, wie schwer es ihnen fiel, mir das zu sagen.«

Romy Schneider

www.opendoors-de.org

Ein äthiopischer Bonhoeffer

23. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Der afrikanische Kirchenführer und Märtyrer Gudina Tumsa wurde am 28. Juli vor 30 Jahren ermordet

Weil für ihn Weltliches und Geistliches untrennbar zusammengehörte kam er in Konflikte mit dem Kaiser wie der sozialistischen Diktatur.

Der vor 30 Jahren ermordete Generalsekretär der Mekane-Yesus-Kirche, Gudina Tumsa. Foto: Archiv

Der vor 30 Jahren ermordete Generalsekretär der Mekane-Yesus-Kirche, Gudina Tumsa. Foto: Archiv

Als Gudina Tumsa nach seiner zweiten Verhaftung die Möglichkeit eröffnet wird, nach Tansania ins Exil zu gehen, weist Gudina dies – wie Bonhoeffer 1939 das mögliche Exil in den USA – als Versuchung zurück. »Wie kann ich mein Land verlassen, meine Kirche?«, fragt er. In seinem letzten Text, der als sein Testament gilt, schreibt er wenige Tage vor seiner Ermordung: »Wie jemand (sprich: Bonhoeffer in »Nachfolge«) gesagt hat, wenn ein Mensch in die Nachfolge Christi gerufen wird, dann erreicht diesen Menschen der Ruf zu sterben … eine Umorientierung des Ziels seines Lebens, nämlich seinen eigenen Wünschen zu sterben.« Für Gudina – wie für Bonhoeffer in der NS-Diktatur – heißt das, die Gesetze eines Unrechtsstaates um Gottes und der Menschen willen zu übertreten, wenn dieser befiehlt, gegen Gottes Gebot zu handeln.

Der äthiopische Kaiser Haile Selassie war 1974 gestürzt worden. Die Militärregierung rief 1975 den Sozialismus aus. Anfang 1977 übernahm Mengistu Haile Mariam nach der Ermordung seines Rivalen Teferi Benti die ganze Macht. Damals begann der Rote Terror. Die Leichen von Oppositionellen lagen zur Abschreckung auf den ­Straßen Addis Abebas. Die sozialistische Militärdiktatur bedeutete für den Volksstamm der Oromo wie für die vielen anderen nicht-amharischen Völker eine Fortsetzung des amharischen Zentralismus des einzigen afrikanischen Kolonialreiches. Neu war, dass jetzt auch Christentum und Islam unterdrückt wurden. Hunderte von Kirchengebäuden der lutherischen Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus (EECMY) wurden umfunktioniert oder zerstört, Kirchenälteste und Pfarrer verhaftet, gefoltert, getötet. Gudina wandte sich öffentlich gegen die Verletzungen der Menschenrechte und die Einschränkung kirchlicher Tätigkeit. Er engagierte sich für die Unterstützung der Verfolgten und Flüchtlinge, darunter viele Oro­mo. Und er ließ sich als einer der führenden Köpfe der Oromo nicht vom Regime für dessen Zwecke kooptieren.

DDR-Bischof setzte sich für den Verhafteten ein
Am 28. Juli ist es 30 Jahre her, dass Gudina Tumsa von der sozialistischen Militärdiktatur ermordet wurde, in der Nacht seiner Entführung nach einer Bibelstunde. Seine Frau wurde mit ihm verhaftet. Sie überlebte zehn Jahre im Gefängnis. Seine Kinder, drei Töchter und ein Sohn, konnten sich nach Deutschland ins Exil retten. Die Regierung behauptete, er sei entweder im Exil oder im Busch. 13 Jahre lang hielt sie diese Lügenversion aufrecht. Die Kirchen weltweit nahmen ihn in ihre Fürbitten auf. Durch das Berliner Missionswerk wurden Kampagnen zu seiner Freilassung durchgeführt, amnesty international eingeschaltet. Bischof Werner Krusche und Oberkirchenrat Gerhard Linn vom Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR setzten sich in der äthiopischen Botschaft in Ost-Berlin – sehr zum Verdruss des Staatssekretariats für Kirchenfragen – für Gudina Tumsa ein.

Für Gudina der sich unter anderem während eines dreijährigen Studienaufenthaltes in den USA mit Martin Luther King und Bonhoeffer beschäftigte, konnte der Mensch nicht aufgespalten werden in religiös-geistlich und weltlich-politisch: »Es ist unmöglich für einen Afrikaner, das Weltliche vom Religiösen zu trennen, Geist vom Leib, Glauben von Entwicklung. … Afrikanische Kirchen unserer Zeit müssen eine ›Confessio Africana‹ entwickeln, relevant für die afrikanische gesellschaftliche, politische und ideologische Wirklichkeit.«

Schon in Zeiten des Kaisers hatte Gudina deswegen auf der Generalversammlung der Kirche 1972 die ­ausstehende Landreform zum Thema gemacht. Wegen der Verweigerung politischer Reformen hörte er auf, im Gottesdienst für den Kaiser zu beten – eine geistlich-politische Demonstration.

Theologie der Befreiung ­kontra Marxismus-Ideologie
Den von den Militärs ausgerufenen Sozialismus hat er vor Beginn des Roten Terrors 1977 zunächst als Chance für mehr Gerechtigkeit für die Armen und für die Gleichberechtigung aller Völker Äthiopiens gesehen. In der eigenen Kirche wollte er einen Anfang machen. Er forderte Anhebung der unteren Gehälter und Reduktion der oberen. Er setzte sich dafür ein, Menschen der verschiedenen Völker Äthiopiens in kirchlichen Führungspositionen zu berücksichtigen und die Sprachen aller Völker als gleichberechtigt anzuerkennen – statt der Vorherrschaft des Amharischen.

Doch seine Theologie der Befreiung wies ebenso den Totalanspruch des Marxismus zurück: »Das Evangelium von Jesus Christus ist die Macht Gottes, die jeden rettet, der daran glaubt. Es ist die Macht, die von ewiger Verdammnis rettet, von wirtschaft­licher Ausbeutung, von politischer Unterdrückung. … Das Evangelium von Christus kann nie ersetzt werden durch irgendeine der Ideologien, die die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten erfunden haben. … Nationalismus hat einen eigenen Stellenwert, aber kann nie das Evangelium von Jesus Christus ersetzen.« (Aus Gudinas Memorandum an seine Kirche, 1975)

Nach Gudinas Tod kamen noch zwölf Jahre einer immer brutaleren Diktatur. Auch danach blieb Äthiopien ein Unrechtsstaat. Gudina wurde wie Bonhoeffer zum Märtyrer.


Von Gerd Decke

Gerd Decke war von 1993 bis 2005 Horn-von-Afrika-Referent des Berliner Missionswerks und ist Mit-Herausgeber der Schriften Gudinas durch die Gudina-Tumsa-Stiftung.

Große Literatur überlebt, egal, wo sie entstanden ist

23. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Über die Beurteilung von in Ostdeutschland entstandener Belletristik

Quelle: GKZ

Quelle: GKZ

Als die Schriftstellerin Monika Maron im Juni den Deutschen Nationalpreis erhielt, hat sie die Dankesrede auch dafür genutzt, über die Rezeption von Literatur zu sprechen, »die in der DDR entstanden ist oder sie als Erfahrungsmaterial verwendet«. Dabei stellte sie fest, diese Literatur werde stärker »nach ihrer geografischen Herkunft oder ihrem politischen Standort« beurteilt und weniger nach ihrer künstlerischen Qualität. Immer noch werde erwartet, »darin endlich eine Erklärung zu finden für dieses unverständliche Land mit seinen ebenso unverständlichen Bewohnern«.

Diese Betrachtung von DDR-Literatur hat eine längere Geschichte; sie reicht bis in die DDR selbst zurück. Spätestens seit Mitte der 60er Jahre haben wir die in der DDR entstandene Belletristik (und zunehmend die aus der Sowjetunion übersetzte) auch daraufhin gelesen, wie sie die politische, gesellschaftliche Wirklichkeit darstellt und beurteilt. Nicht ausschließlich, aber dieser Gesichtspunkt hat unter wachen, kritischen und oppositionellen Lesern eine Rolle gespielt. Monika Marons Roman »Flugasche«, der in der DDR nicht erscheinen durfte und 1981 in der BRD herauskam, gab Anlass für viele Gespräche, aber weniger über seine ästhetische Qualität als über die Umweltzerstörung im Raum Bitterfeld, die darin unter anderem dargestellt wurde.

Oder Hanns Cibulka (1920–2004), der beständig und unaufgeregt die Form des literarischen Tagebuchs pflegte und vielen jüngeren Lesern zu betulich und bieder erschien: als 1982 »Swantow. Die Aufzeichnungen des Andreas Flemming« im Mitteldeutschen Verlag Halle/S. herauskam, war dieses Buch in vieler Munde, weil hier zum ersten Mal öffentlich über Umweltverschmutzung in der DDR geschrieben wurde. Und was veröffentlicht war, war zitierbar; damit konnte in Diskussionen argumentiert werden. Nur wenige Literaturinteressierte haben sich mit der durchaus eigenen, diskussionswürdigen literarischen Form auseinandergesetzt.

Die Beispiele ließen sich fortführen von Rolf Schneiders unangepassten Erzählungen »Brücken und Gitter« (1965) über Erich Loests Roman »Es geht seinen Gang« (1978) und Marianne Bruns’ Erzählung »Der grüne Zweig« (1979) bis zu Christoph Heins Roman »Der fremde Freund« (1982) – um nur einige zu nennen. Die Bücher von Christa Wolf und Franz Fühmann wurden immer auch daraufhin gelesen, was sie an politischen »Botschaften« enthielten.

Erklärbar ist diese Art der Lektüre mit dem Fehlen einer freien Publi­zistik. Da zum Beispiel über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl öffentlich nicht gesprochen werden durfte, bot Christa Wolfs Erzählung »Störfall« (1987) fast die einzige Möglichkeit, den Umgang mit Atomenergie öffentlich zu thematisieren. Dass der ­Literatur diese Bedeutung zukam, hat ihr als Kunst nicht gut getan.

Seit 1990 sind die Publizistik und die Literatur im Osten Deutschlands frei. Und die Dichtung kann sich auf das konzentrieren, was nach Monika Maron ihr ureigenstes ist: »Im einzelnen Menschen verstehen, was uns ­allen innewohnt, und die Umstände erkennen, die es zutage fördern können.« Literatur als »intuitiver Weg der Erkenntnis«, wobei man »den Menschen, von dem er liest, auch in sich selbst finden kann«. Maron meint, sie habe »nicht die DDR erklärt«, sondern sie habe »erzählt, was mit Menschen geschieht, wenn sie Verhältnissen ­unterworfen sind, in denen sie eine relative materielle Sorglosigkeit mit ihrer geistigen Freiheit bezahlen«.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Stimmt Monika Marons Behauptung? Ja, sie stimmt, aber nicht so absolut, und sie stimmt nur für den Bereich der alten Bundesrepublik. Wir kritischen Leser in der DDR haben die hier entstandene Literatur meist im Zusammenhang der gesamten deutschen Literatur zu sehen versucht, zunehmend freilich auch im Zusammenhang mit der Literatur anderer sozialistischer Länder, in den 80er Jahren vor allem derjenigen der Sowjetunion. Stephan Hermlin hat beharrlich auf der bleibenden Existenz einer deutschen, das heißt: gesamtdeutschen, Nationalliteratur bestanden. Wir haben die literarische Entwicklung in Westdeutschland aufmerksam verfolgt, wohingegen westdeutsche Leser sich oft nur für die aus politischen Gründen spektakulären Fälle inte­ressierten. Marcel Reich-Ranicki war einer der wenigen westdeutschen ­Kritiker, die sich kontinuierlich mit in der DDR entstandener Literatur beschäftigten.

Viele in der DDR bekannt gewordene Schriftsteller sind längst in der deutschen Gegenwartsliteratur angekommen. Die von Maron genannten Willi Bredel, Kuba und Louis Fürnberg sind auch im Osten nur noch ­wenigen bekannt, während Heiner Müller, Thomas Brasch und Sarah Kirsch, die Maron ebenfalls nennt, schon vor 1990 »gesamtdeutsche« ­Autoren waren.

Wenn ich die großen realistischen deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts, Keller und Storm, Raabe und Fontane, lese, dann achte ich auch ­darauf, wie sie ihre Zeit wahrgenommen und dargestellt haben, da erkläre ich mir die Unterschiede zwischen Keller und Storm zum Beispiel auch mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen in der Schweiz und in Deutschland. Ich lese Christa Wolf anders als Marie Luise Kaschnitz. Beide stellen sensible, ­wache, verletzliche, um Aufrichtigkeit bemühte Frauen dar, aber in jeweils gegensätzlichen politischen Verhältnissen, die auf unterschiedliche Weise das Leben dieser Frauen beeinflussen. Aber ich reduziere meine Sicht auf die Prosa dieser Dichterinnen nicht auf das Politische, sondern sehe, um noch einmal Maron zu zitieren, die »Übertragbarkeit« ihrer Erfahrungen »auf andere Lebenswelten«.

Es ist nach meiner Überzeugung durchaus berechtigt, wenn wir, die wir die DDR und die alte BRD erlebt ­haben, die Zeit berücksichtigen, in der die jeweilige Literatur entstanden ist, wenn wir unser geschichtliches Wissen nicht verleugnen. Aber, und da stimme ich mit Monika Maron vollkommen überein, es ist ärgerlich, wenn die im Osten entstandenen Texte »vor allem auf ihren DDR-Bezug gelesen« und erst danach als Kunstwerke gewürdigt werden. Große Literatur wird »überleben«, unabhängig davon, wo sie entstanden ist. Maron beendete ihre Rede mit dem Satz: »Aber das entscheiden nicht wir.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

Jürgen Israel

Der Glaube ermöglicht den Unglauben

23. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Christliche Frömmigkeit (1): Reformatorische Erkenntnisse lösen alte Sinn- und Vergewisserungswelten ab

Vielleicht kann nur jemand, der im Katholizismus zu Hause war, so von der Stärke und den Vorzügen des Protestantismus überzeugt sein wie es Fulbert Steffensky ist. Der Autor unserer dreiteiligen Beitragsserie über den christlichen Glauben wurde katholisch erzogen, er studierte katholische und evangelische Theologie, bevor er 1969 zum lutherischen Bekenntnis konvertierte. Im ersten Teil der Serie erinnert er sich an seine vom katholischen Glauben geprägte Kindheit und Tradition, um dann den durch die Reformation angestoßenen religiösen Neuanfang zu würdigen.

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

Der Theologe Fulbert Steffensky, Foto: Privat

In meiner katholischen Kindheit hatten wir schon esoterisches, innerliches Wissen vorweggenommen, lange bevor religiöse Innerlichkeit modern wurde. Wir lebten in ­kräftigen und furchterregenden Welten, in bergenden und gefährlichen, eben in heiligen Welten. Heilig war ein Grundwort dieser Welten. Nicht alles war heilig, es gab heilige und andere Zeiten. Heilige Zeiten waren etwa solche, an denen man besondere Ablässe gewinnen konnte wie etwa an Allerheiligen und Allerseelen oder in einem heiligen Jahr. Die Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönige waren heilig.

Es gab heilig-kräftige Orte, etwa die Wallfahrtsorte, an denen man in besonderer Weise beten konnte: Für die Gesundheit der Augen, der Galle oder für einen guten Ehemann und dessen Treue. Es gab natürlich Personen, die mit besonderer heiliger Gewalt ausgestattet waren: Subdiakone, Diakone, Priester und Bischöfe. Je nach ihrem Stand hatten sie einen abgestuften Anteil an der Macht über das Heilige. Es gab heilige Formeln, die genau ­einzuhalten waren, wenn sie wirken sollten, zum Beispiel die Absolutionsformel bei der Beichte und die Einsetzungsformeln in der Messe.

Die Schöpfung war noch nicht ganz verdorben. Es gab in ihr Stellen, Zeiten, Formeln und Personen, die gesegnet waren, die einen besonderen Zugang zum Heiligen eröffneten. Der Begriff »heilig« hatte in dieser Welt wenig mit sittlicher Vollkommenheit zu tun. Man konnte ihn fast gleichsetzen mit kräftig, und sein Gegenteil ist nicht böse, sondern kraftlos. Das Profane war das Alltäglich-Kraftlose.

In dieser Welt lebten die Menschen geborgen, weil sie wussten, was zu tun war, aber auch geängstigt, weil man immer in der Gefahr war, den heiligen Vollzug, die heilige Formel, die heilige Person zu verletzen. Wer in einer ­katholischen Welt groß geworden ist, weiß zum Beispiel sehr genau, welche Ängste vor göttlicher Strafe sich aus der Verletzung des Gebots der Nüchternheit vor dem Empfang der Kommunion ergaben. Aber das Hauptgefühl in der katholischen Welt war nicht Angst, sondern Geborgenheit.

Man kannte die heiligen Kräfte, konnte sie nutzen und die Gefahren vermeiden. Oft galten sie in sich selber, und sie waren keineswegs immer mit Gott verbunden. Wenn man Halsschmerzen hatte, betete man zum heiligen Blasius, und wenn ein großes Gewitter war, zündete man eine Kerze für den Apostel Judas Thaddäus an. Sie waren eben zuständig.

Eine erste Entzauberung dieser Welt erlebte ich in einem Benediktinerkloster, in dem ich viele Jahre lebte. Die Frömmigkeit dieses Ortes hatte eine andere Intensität. Es gibt keine größeren Störer in verzauberten Welten als die Aufklärung. An allen Orten religiöser Radikalität stürzen die Bilder und werden die Landschaften, in denen alles so säuberlich in profan und heilig eingeteilt ist, verwüstet. Jeder religiöse Neuanfang bedeutet einen Bruch mit den alten Sinn- und Vergewisserungswelten.

Das Herz und das Gewissen werden zu Orten religiöser Entscheidung, nicht Orte, Zeiten, Formeln oder Personen. Das Herz also ist die Stelle der Reinheit oder der Unreinheit, nicht ein Ort, eine Zeit oder eine Formel. Heiligkeit wird nicht mehr einem Ort oder einem Ding zugesprochen, sondern sie ist das Attribut Gottes. Er ist der heilige Gott, über den nicht mit Formeln und Techniken verfügt werden kann. Die Heiligkeit der Kirche und ihrer Menschen sind Gaben dieses Gottes. Der Geist heiligt, sagt der Römerbrief, und der neue Mensch, den wir anziehen sollen, ist nicht ­unser Produkt. Er ist nach Gott geschaffen.

Das nun ist die wiederentdeckte ­Erkenntnis der Reformation, jenes ­immensen religiösen Neuanfangs: Wir sind eben nicht Produzenten unserer eigenen Heiligkeit und Ganzheit. Wir bezeugen uns nicht selbst, sondern, so sagt Römer 8,16, der Geist Gottes ist der Zeuge unseres Lebens. Aus gebrochener Existenz heraus macht ­jener Geist uns liebenswürdig und ­unser Leben heilig. Die Lehre von der Gnade und der Glaube an die Geborgenheit allein durch Gottes Güte hat eine anarchistische und bilderstürmerische Kehrseite: Alle Mächte und Gewalten, alle Einrichtungen und Institutionen, die sich als wichtig, als unerlässlich, als lebensrettend und heilsnotwendig aufspielen, können hinterfragt und bezweifelt werden.

Skeptisch befragt werden alle Heiligkeits- und Rettungsagenturen, seien es Personen, Orte, Zeiten oder Techniken. Du sollst keine fremden Götter neben mir haben! Du sollst nicht glauben, dass dich etwas anderes rettet oder birgt als jener Blick, mit dem du angesehen bist! Der Glaube ermöglicht den Unglauben und das Misstrauen gegen alles, was sich als unberührbar, als unumstößlich und als heilig gibt. Es ist ein Grund gelegt, und mehr Grund und Begründung brauchen wir nicht.

Wer darf evangelischer Bischof sein?

23. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kirchenrecht: Die Wogen um die »besondere Weihe« eines Pfarrers schlagen hoch – eine Positionsbestimmung

Franz Schwarz, Pfarrer mit Hang zur Hochkirchlichen Bewegung und Prior einer evangelischen Bruderschaft im thüringischen Werningshausen, hat sich zum Bischof weihen lassen. Prompt wurde er von seiner Landeskirche beurlaubt. Zu Recht?

Der Hirtenstab gehört zu den traditionellen Zeichen des bischöflichen Amtes und wird in der katholischen Kirche jedem geweihten Bischof verliehen. Hier in ­einer Darstellung an einer Statue des Klosters auf dem Monte Cassino in Italien. Foto: BilderBox.com

Der Hirtenstab gehört zu den traditionellen Zeichen des bischöflichen Amtes und wird in der katholischen Kirche jedem geweihten Bischof verliehen. Hier in ­einer Darstellung an einer Statue des Klosters auf dem Monte Cassino in Italien. Foto: BilderBox.com

Bei einer Auseinandersetzung wie der im thüringischen Werningshausen, wo ein verdienter Pfarrer in Verkennung der Reichweite seines Tuns sich insgeheim zum Bischof hat weihen lassen, die Weihe ­widerrufen, den Widerruf aber auch zurückgenommen hat und wo die ­Kirchenleitung eine einstweilige Suspendierung des betreffenden Pfarrers vom Dienst ausgesprochen hat – in solcher scheinbar unentwirrbaren ­Situation klären sich die aufgeworfenen Fragen durch Verständigung auf die von allen Seiten unbezweifelten Grundlagen der evangelischen Kirche, des kirchlichen Amts und des Bischofsamts.

Die Kirche ist nach gemein evangelischem Verständnis die Gemeinschaft der Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden (Confessio Augustana (CA), Artikel 7; Art. 8, Kirchenverfassung (KVerf.) Thüringen; Artikel 2 KVerf. EKM). Da alle Christen vor Gott gleich sind, gibt es in der evangelischen Kirche keine Unterschiede des geistlichen Standes. Damit wandte sich die Reformation und seitdem alle evangelischen Kirchen gegen die Unterscheidung von Klerus und Laien. Dies ist einer der Hauptpunkte, in dem sich die römische Kirche von denen der Reformation abgrenzt. Dort gilt die Unterscheidung von geweihten Klerikern und Laien und die hierarchische Abstufung der Leitungsämter als kons­titutive Grundlage der Kirche.

Keine Hierarchie, aber besondere Aufgaben

Die Gleichheit der Christen bedeutet aber nicht Freiheit zur Willkür, sodass jeder auch ohne fachliche Kompetenz für alles zuständig sei. Um den Glauben zu erlangen hat Gott, wie die Bekenntnisschriften auf der Grundlage des Neuen Testaments es formulieren, das Predigtamt, genauer den Predigtdienst, eingerichtet (CA 5, Art. 15 KVerf. EKM). Niemand soll in der ­Kirche öffentlich predigen oder die Sakramente reichen, ohne ordnungsgemäße Berufung (CA 14). Die Würde dieses einen Amtes der Kirche gründet sich auf die zentrale Aufgabe der Wortverkündigung und der Sakramentsverwaltung. In dieser geistlichen Leitung von Gemeinde und ­Kirche durch das Wort (sine vi sed verbo, CA 28) sind alle Amtsträger gleich.

Natürlich gibt es in einer Kirche überregionale Aufgaben, für die es seit jeher Funktionsträger gab, Pfarrer, denen der Dienst der geistlichen Leitung im Dekanat, der Propstei oder für den Bereich der Landeskirche übertragen sind. Visitation und Ordination sind hier an erster Stelle zu nennen, weil sie, wenn diese Formulierung erlaubt ist, den geistlichen Gleichschritt der Gemeinden und der Landeskirchen sicherstellen sollen. Aber es gibt auch weitere, in der Kirchenverfassung im Einzelnen aufgezählte Aufgaben (Art. 47 f., 69 f. KVerf. EKM). Diese Unterschiede zwischen den Amtsträgern beruhen auf menschlichem, also auf änderbarem Kirchenrecht und nicht auf einer besonderen Weihe oder ­unterschiedlicher geistlicher Qualität. Pröpste, Dekane, Superintendenten, Landesbischöfe sind Pfarrer mit besonderer Aufgabenzuweisung (Art. 65 KVerf. EKM Art. 57, 88 f. KVerf. Thür).

Das protestantische ­Verständnis von Sukzession
Die Pfarrer treten mit der Ordination in die Verantwortung für die Lehre und ein christliches Glaubensverständnis der Väter ein. Das ist der Sinn richtig verstandener apostolischer Sukzession. Sie findet in der Handauflegung seit Urzeiten ihren sichtbaren Ausdruck.

Die römische Kirche setzt hier insbesondere seit der Gegenreformation andere Akzente. Darüber ist an dieser Stelle nicht zu urteilen. Jedenfalls hat die Kirchenleitung mit einer befristeten Suspendierung des geheimnisvoll neu geweihten Pfarrers als Geheim­bischof richtig gehandelt. Eine so weitgehende Unklarheit im Zentrum des Kirchen- und Amtsverständnisses durfte sie nicht schleifen lassen.

Bereicherung ja, aber ohne häretische Tendenzen
Von der römischen Kirche kann man viel lernen. Nicht zuletzt, wie man einen liturgisch feierlichen Gottesdienst abhält. Auch hochkirchliche Bewegungen haben in der evangelischen Kirche ihr Recht und können in Zeiten gottesdienstlichen Wildwuchses eine hilfreiche Erinnerung an die Wohltat eines liturgisch geordneten Gottesdienstablaufs sein. Aber auch das darf kein Selbstzweck mit häretischen Tendenzen werden. Die Kirche von England zeigt seit über hundert Jahren, welche Versuchungen und Gefahren hier lauern. Geheimbünde oder Sonderweihen kann es in der evangelischen Kirche nicht geben. Selbstverständlich kann eine Bruderschaft eines ihrer Mitglieder mit besonderen Aufgaben betrauen.

Dabei wird sie aber darauf achten müssen, dass sie keine abergläubischen Missverständnisse hervorruft, als ob die Pfarrer der reformatorischen Kirchen von Anfang an nur ein fehlerhaftes Amt übertragen bekommen hätten, dessen Defizite durch heimliche Weihen von irgendwoher geheilt werden müssten. Klug ist es deshalb immer, auch solche Schritte im Einvernehmen mit der ­Kirchenleitung zu tun.

Kirchliche Bruderschaften, Gebetsgemeinschaften, liturgische Bewegungen usw. sind ein Reichtum für das geistliche Leben in einer Landeskirche. Sie werden durch die Verfügung der Landeskirche in ihrer Wertschätzung nicht berührt. Aber es muss klar sein, dass sie sich von der gemeinsamen Basis reformatorischen Christentums nicht entfernen dürfen.

Von Axel Freiherr von Campenhausen

Zum Autor: Axel Freiherr von Campenhausen war unter anderem Professor für Öffentliches Recht und Kirchenrecht an der Georg-August-Universität in Göttingen und leitete von 1970 bis 2008 das Kirchenrechtliche Institut der EKD.

»Brot«: Spendenrückgang auch in Mitteldeutschland

16. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Quelle: epd-bild

Quelle: epd-bild

Einen leichten Spendenrückgang verzeichnet das christliche Hilfswerk »Brot für die Welt«. Kamen 2007 noch 52,8 Millionen Euro aus Spenden und Kollekten zusammen, waren es 2008 nur 51,4 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang von 2,7 Prozent. 2006 hatte das Hilfswerk allerdings ebenfalls nur 51,5 Millionen Euro Spendeneinnahmen zu verzeichnen. Größte Spender waren auch im abgelaufenen Jahr die Christen in Bayern, deren Spendenergebnis sich von 7,73 Millionen Euro auf 7,88 Millionen steigerte. In Mitteldeutschland hingegen sanken die Spenden durchgehend: In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens um gut 200000 Euro von 1,84 auf 1,64 Millionen Euro, in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland um gut 120000 Euro von 1,32 auf 1,20 Millionen Euro und in Anhalt um 4600 Euro – von 132639 auf 128047.

Damit freilich hat die kleine anhaltische Landeskirche immer noch ein deutlich besseres Spendenergebnis erzielt, als die größere West-Kirche von Schaumburg-Lippe, die im vergangenen Jahr auf lediglich 98704 Euro kam. Die größten Verluste verzeichnete »Brot für die Welt« im Übrigen in der westfälischen Landeskirche, deren Spendenergebnis von 4,2 auf 3,3 Millionen Euro sank, sowie bei den evangelischen Freikirchen, von denen einige die Spenden des vergangenen Jahres allerdings zum Stichtag noch nicht überwiesen hatten.

Vor Journalisten in Berlin warnte die Direktorin des Hilfswerks, Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel, vor den Folgen des Klimawandels für die Entwicklungsländer. »Wenn wir die Finanz- und Wirtschaftskrise eine Jahrhundertkrise nennen, geht es beim Klimawandel um eine Jahrtausendkrise«, sagte die Brot-für-die-Welt-Direktorin. »Die in den letzten Jahrzehnten geförderten Entwicklungsfortschritte werden durch den Klimawandel erbarmungslos zerstört.« »Brot für die Welt« habe daher den Kampf gegen den Klimawandel zu einem Schwerpunkt der eigenen Arbeit erhoben. In Bangladesch, der Südpazifikregion und der Sahelzone bemühe man sich um eine Anpassung der örtlichen Landwirtschaft an die Folgen des Klimawandels.

»Teilweise ist die Bodenzerstörung aber auch schon so weit fortgeschritten, dass Landwirtschaft nicht mehr möglich ist«, sagte Füllkrug-Weitzel. Allein in der Hauptstadt von Bangladesch, Dhaka, würden deswegen täglich Hunderte Familien als Klimaflüchtlinge stranden. Ihre Zahl werde in den nächsten Jahren zunehmen.

Benjamin Lassiwe

Das Christentum – ein Fundament unserer Kultur

16. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Essay: Zum Konflikt in Leipzig um das Kreuz in einer Trauerkapelle und christliche Lieder beim Bach-Fest

Ob es Atheisten wahrhaben wollen oder nicht, unsere deutsche Kultur ist vom Christentum geprägt.
Wer es aus dem öffentlichen Leben drängen will, riskiert einen Kulturverlust.

Friedrich Schorlemmer ist Theologe und Publizist. Von 1992 bis 2007 war er Studienleiter der Evangelischen ­Akademie Sachsen-Anhalt. Er lebt im Ruhestand in Wittenberg. Foto: epd-bild

Friedrich Schorlemmer ist Theologe und Publizist. Von 1992 bis 2007 war er Studienleiter der Evangelischen ­Akademie Sachsen-Anhalt. Er lebt im Ruhestand in Wittenberg. Foto: epd-bild

Unsere deutsche Kultur als Teil der europäischen Kultur ist vom Christentum geprägt, mit allen Brüchen und Ambivalenzen, Glanzvollem und Schreckenerregendem, mit Humanität Förderndem, Humanes Verratendem und Bestialität Duldendem, mit Tiefbewegendem und Markerschütterndem, mit vielfältigen Zeugnissen großer Kultur in Malerei, Musik, Architektur, Sprache und Literatur, mit Liedern und Gedichten, mit der Hochschätzung des Individuums zumal, dass sich stets seinem Nächsten verpflichtet weiß. Es verband sich mit viel Volksbrauchtum und politisch Missbrauchtem, mit Befriedendem und Konfliktschürendem, mit Philosophischem und Populistischem. Infragestellung des historisch ­Gewordenen weist auf das ­Ursprüngliche, immer wieder: ad fontes! Zurück zu den nicht verunreinigten Quellen!

Atheismus bleibt ein Stachel des Glaubens, weil ein ­unlösbares Warum aufschreit, im Kreuz von Golgatha und in jedem Kreuz, das Menschen zu schwer wird zu tragen. Vulgär-Atheismus mit Vergleichgültigung allen existenziellen Fragens hat längst den reflektierten Atheismus als Teil der Selbstbefreiung von höherer Fremdbestimmung abgelöst. Inzwischen fürchten hierzulande einige Intoleranz des Christlichen, die selber jahrzehntelang antichristliche Intoleranz im Namen einer historischen Wahrheit mit Parteimacht ausgeübt oder schweigend hingenommen hatten.

Nach dem Jahrhundertereignis von 1989, das zur »Wende« verfälscht und verkleinert wurde, hatten freilich ­Kirchen und einige ihrer Strategen ­religiöse Morgenluft gewittert. Wo rot gewesen war, kehrte wieder schwarz ein. Kirchen und ihre Repräsentanten gehörten wieder zum geachteten Establishment, obwohl nur ein Fünftel der Bevölkerung sich als christlich verstand und versteht. Die Kirchen schienen zeitweilig nicht nur unbestritten zu sein – sie wurden auch als Träger einer gewaltig-gewaltlosen Revolution kurzzeitig heroisiert, bevor sie erneut denunziert wurden – als ­angeblicher Hort von Denunzianten. Und nun wieder marginalisiert. Lang wirkende antikirchliche und antichristliche Mentalitäten wurden sichtbar.

»Warum soll ein schlichtes Kreuz trauernde Menschen in einer
Friedhofskapelle stören? Solange das Kreuz niemanden zu irgend-
welchen religiösen Bezeigungen ­nötigt, ist es zumutbar«

Der sogenannte wissenschaftliche Materialismus mutierte im Kapitalismus schnell zum konsumistischen Materialismus. Östlich und westlich geprägte Kirchenfeindlichkeit vereinigten sich schnell, selbst wenn sie politisch weit voneinander entfernt sind, wie der Streit um die Leipziger Universitätskirche St. Pauli zeigte.
Nun dreut neuer Konflikt in einer Stadt, die beim Angriff gegen die Sonntagsruhe in Konsumtempeln vorangegangen war, wo nun ein schlichtes Kreuz in einer Trauerkapelle abgehängt wurde, da religiös Ungebundene sich daran stören, wo ein Jesuslied beim Bachfest für Ethikschüler nach Meinung einer Schulleiterin nicht für zumutbar gehalten wird, wo gar die enge Verbindung von Thomaskirche und Thomanerchor mit finanziellem Drohfinger infrage gestellt wird.

Das Kreuz gehört zweifellos zu den zentralen christlichen Symbolen. Aber das Kreuz hat viele Konnotationen: Grabkreuze oder ein Kreuz hinter dem Namen eines Verstorbenen, Unfallkreuze an den Straßenalleen Mecklenburgs, Gefallenenkreuze auf den Totenfeldern von Verdun, Goldkreuze als Schmuck auf dem ­Dekolleté. Sein Kreuz auf sich nehmen, sein Kreuz machen, sein Kreuz schlagen – bis hin zum »Siebten Kreuz«. Das Kreuz im Doppelsinn von Tod und Leben trotz Tod.

Warum soll ein schlichtes Kreuz trauernde Menschen in einer Friedhofskapelle stören? Solange das Kreuz niemanden zu irgendwelchen religiösen Bezeigungen nötigt, ist es zumutbar. Schließlich ist das Kreuz kein Hakenkreuz, auch kein roter Stern über Stalinschem Unwesen. Freilich hat das Kreuz herhalten müssen für mancherlei Missbrauch. Als Protestant hab ich in der Tat Schwierigkeiten, es in Schulen hängen zu sehen – gar als ­Repräsentanz einer Kirche, die sich als Besitzerin der Wahrheit geriert.

»Toleranz heißt zu ertragen: dass es Bürger gibt, die unsere christlich geprägte Kultur nicht bloß als etwas Museales, sondern als einen Weg zum gültigen Leben begreifen«

Wo wir allerdings das Christliche aus dem öffentlichen Leben herausdrängen, ist dies verbunden mit einem Kulturverlust. Immerhin ließ man in den Friedhöfen, ob kirchlich oder kommunal, Kreuze selbst in der DDR zu. Doch was hatte unsereins in kommunistischer Zeit an Symbolik fraglos zu ertragen?

Eine Schulleiterin, die es für Ethik-Schüler nicht zuträglich hält, während des Bach-Festes ein Lied im offenen Singen mitsingen zu lassen, das Jesus und Freude in einen Zusammenhang bringt, ist mir solange unbegreiflich, wie damit keine religiöse Nötigung verbunden ist. Sollte der Name Jesu wieder getilgt werden, ganz so, wie die DDR es einst (vergeblich) versuchte, jegliche religiöse Anklänge in populären Liedern zu tilgen? Das Lied »Kein schöner Land« blieb in den Versen eins und zwei bestehen, die religiös geprägten Verse drei bis fünf wurden gestrichen und ein religiös gereinigter Vers drei hinzugefügt. »Wir wollen es hegen, in Liebe pflegen, für alle Zeit«, war der Ersatz für das ursprüngliche »Gott mag es schenken, Gott mag es lenken, er hat die Gnad.«

Im Lied »Der Mond ist aufgegangen« wurden alle Verse mit Gottes-­Bezügen gestrichen, vor allem aber der letzte so wichtige Vers: »Lass uns ruhig schlafen und unseren kranken Nachbarn auch.«
Der atheistische Staat DDR ließ Pflege religiösen Kulturgutes nicht nur zu, er förderte es bisweilen großzügig. Man denke an die Kultur von Kreuz- und Thomanerchor, an die Oratorien zu den großen Festen, an Aufführungen von Brahms’ »Requiem« oder Händels »Messias«.

»Wen das Christliche in unserer Kultur stört, der möge sich am Karfreitag und auch
zu den drei christlichen Festmontagen nicht genötigt ­sehen, freizumachen«

Die spitze Frage erlaubt: nicht verkneifen: Wie viel Widerstand haben heutige Akteure (und deren Eltern) geleistet, als die Quasi-Religion der allmächtigen Wahrheit des Marxismus-Leninismus tägliche diverse Unterwerfungsakte verlangte, wo selbstverständlich alle mitzusingen hatten, wenn der Kleine-Trompeter-Mythos oder Gesänge diverser Fahnenträger intoniert wurden?

Die kulturelle Substanz würde vergleichgültigt, wenn der Thomanerchor nicht mehr regelmäßig in der Thomaskirche Bach zur Motettenzeit singen würde; schließlich ging es ­Johann Sebastian Bach, dem viel-
leicht größten Musiker unseres Kulturkreises, immer um S. D. G. soli Deo gloria – Gott allein die Ehre.
Toleranz heißt zu ertragen: ertragen, dass es Atheisten, dass es Christen gibt. Ertragen, dass es Bürger gibt, die unsere christlich geprägte Kultur nicht bloß als etwas Museales, sondern als einen Weg zum gültigen ­Leben begreifen – zu dem niemand je mehr genötigt, aber jedermann ­eingeladen ist.

Religiös Ungebundene mögen unbelästigt in die »Kaffeekantate« oder in die »Bauernkantate« gehen, die H-Moll-Messe und die Motetten meiden. Letztere haben ihren natürlichen Ort in der Kirche, verknüpft auch mit Schriftauslegung und Gebet. Wen das Christliche in unserer ­Kultur stört, der möge sich am Karfreitag und auch zu den drei christlichen Festmontagen nicht genötigt sehen, freizumachen.

Kirchen sollten weiterhin »für jedermann offen«, (aber nicht für alles) offen bleiben. Das gilt nicht bloß in Zeiten rassistisch- oder welterlöserisch-totalitärer Systeme. Und möglichst alle mögen die Offenheit gewinnen, über Kirchenschwellen zu treten, ganz so, wie zu Zeiten der friedlichen Oktoberrevolution von 1989.

Von Friedrich Schorlemmer

Ein Opfer, das in keine Kategorie passt

16. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

20. Juli 1944: Stauffenbergs Bombe tötete nicht nur Nationalsozialisten und Militärs – Erinnerung an den Stenografen Heinrich Berger

Auch in diesem Jahr wird rund um den 20. Juli wieder des gescheiterten Hitlerattentats von Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg gedacht. Für zwei Menschen in Mitteldeutschland hat dieser Tag eine tiefe persönliche Bedeutung.

Heinrich Berger, Quelle: privat

Heinrich Berger, Quelle: privat

Als an jenem 20. Juli 1944 in der Lagebaracke des Führerhauptquartiers »Wolfschanze« bei Rastenburg im fernen Ostpreußen gegen 12.42 Uhr die Sprengladung explodiert, kommt der große (Ver)»Führer« Adolf Hitler mit einigen wenigen Blessuren und zerfetzten Hosenbeinen davon. Tödliche Folgen hat die von Stauffenberg abgestellte Aktentasche mit der Bombe dennoch für vier der insgesamt 24 bei der militärischen Lagebesprechung anwesenden Personen: Oberst Heinz Brandt erliegt am nächsten Tag seinen schweren Verletzungen. Am 22. Juli verstirbt der lebensgefährlich verletzte Luftwaffengeneral Günther Korten. Und nach langem Aufenthalt im Lazarett erliegt schließlich am 1. Oktober der glühende Hitleranhänger Generalleutnant Rudolf Schmundt den Folgen der Bombenexplosion. Das vierte Opfer, das noch am gleichen Tag stirbt, ist der Stenograf Heinrich Berger. Er ist zugleich das einzige zivile Opfer des Anschlags.

Dorothea Jost, geborene Berger, ist das jüngste Kind des dreifachen Familienvaters. Die heute in Erfurt ­wohnende Seniorin war zwei Jahre alt, als ihre von Berlin wegen der vielen Luftangriffe nach Ströbitz bei Cottbus evakuierte Familie die Todesnachricht erhielt. Ihren Vater kennt sie im Wesentlichen aus den Erzählungen der Mutter. Doch sie weiß, dass er alles andere als ein Nazi war. Und in die ­unmittelbare Nähe des »Führers« kam der damals 39-jährige Reichstagsstenograf mittels einer Zwangsverpflichtung. Weil Hitler seinen Generalen misstraute, ließ er seit den ersten schweren Niederlagen im Russlandfeldzug alle Lage- und sonstigen ­wichtigen Besprechungen aufzeichnen.

So sollten die unfehlbaren Eingebungen des »größten Feldherrn aller Zeiten« – im Volksmund deshalb auch »Gröfaz« genannt, der Nachwelt erhalten blieben. Dass Heinrich Berger, der als einer der besten Stenografen Deutschlands galt, diesen Beruf überhaupt ausübte, ist auf verworrene Weise ebenfalls ein Ergebnis der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Denn eigentlich hatte Berger Ende der 20er Jahre in Berlin Jura studiert. Dieses Studium ­finanzierte er durch sein Hobby: die Stenografie. Schon damals zählte er zu den Besten dieses Fachs. Noch als Student trat er im Alter von 21 Jahren als Stenografenanwärter in die ­ preußische Landtagsverwaltung ein, wurde später von der Reichstagsverwaltung übernommen.

Von Anfang an in Konflikt mit den neuen Machthabern
Die avisierte juristische Laufbahn allerdings nahm ein jähes Ende: Seine Doktorarbeit über das »Ehrenwort« erregte 1933 bei den neuen Machthabern Ärgernis – sein erworbener akademischer Titel wurde aberkannt. Berger, von seinem protestantischen Elternhaus tief geprägt, lehnte ideologische Kompromisse ab und machte sein Hobby schließlich zum Beruf.

»Sicher war unser Vater kein aktiver Widerstandskämpfer, aber er lehnte das Regime ab«, sagt Dorothea Jost. Mit ihren Kindern hat sie oft darüber diskutiert. Oft hätten diese gefragt, warum die Großeltern nicht direkt ­gegen das Regime gearbeitet haben. Aber: »Wie haben wir uns denn in der DDR verhalten?«, fragt die auch in DDR-Zeiten in der Kirchengemeinde aktive Christin zugleich zurück.

Dass ihr Vater den Ungeist des NS-Regimes durchschaute, bestätigt auch der in Magdeburg lebende Wolfgang Berger. Der älteste Sohn des Attentatsopfers war damals neun Jahre alt. Er erinnert sich, dass sein Vater einmal sorgenvoll äußerte, wenn die Nazis den Krieg gewönnen, »dann kommen wir Christen dran, wie jetzt die Juden«. Unmittelbar vor dem in vieler Hinsicht so verhängnisvollen 20. Juli verbrachte die Familie noch eine gemeinsame Urlaubswoche in Oberschlesien. »Wenn der Krieg zu Ende ist, komme ich nach Hause, dann fange ich an, euer Vater zu sein«, sagte Heinrich zu den Kindern. Wenige Tage später verblutete er, dem die Bombe beide Beine abgerissen hatte, vor der Rastenburger Lagebaracke. Sein Freund und Kollege Heinz Buchholz, der als zweiter Stenograf bei der »Mittagslage« Dienst tat, hatte ihn ­vergeblich noch aus den rauchenden Trümmern gezogen.

»Dieser Tag hat unser Leben total verändert«
»Dieser Tag hat unser Leben total verändert«, blickt Sohn Wolfgang zurück. Er hat in der DDR Germanistik studiert und ebenfalls als Stenograf gearbeitet. Nach der Wende sogar für den neugegründeten Landtag in Sachsen-Anhalt. Die Mutter lehnte damals ein »Staatsbegräbnis« zwar ab, bestand auf einer kirchlichen Bestattung. Ein offizieller Kranz, eine Abordnung der Partei, waren dennoch nicht zu vermeiden. Nach dem Krieg galt Berger den DDR-Machthabern deshalb als »Nazi«. »Über das ganze Thema durfte jahrelang nicht offen gesprochen werden, nicht einmal einen richtigen Grabstein mit Namen und Lebens­daten durfte mein Vater erhalten«, empört sich Sohn Wolfgang. Hinzu kam, dass die Familie ohne Ernährer dastand: »Wir haben jahrelang Hunger und Mangel erlebt.«

Sowohl Dorothea als auch Wolfgang lesen seit Jahren alles, was über Stauffenberg und den 20. Juli veröffentlicht wird, verfolgen jeden Film und jede Fernsehdokumentation. Doch immer auch mit gemischten Gefühlen. Beide sind sich bewusst, dass Stauffenberg Gutes wollte und die Beseitigung Hitlers ein ehrenvolles und notwendiges Ziel war. »Dennoch« – Wolfgang Berger ringt nach den richtigen Worten, bevor er langsam fortfährt – »so lange ich auch darüber nachdenke, für mich bleibt Stauffenberg eben auch der Mörder meines Vaters.«

Vor einigen Jahren war Wolfgang Berger zu einer offiziellen Gedenkfeier nach Berlin geladen. Ein Sohn Stauffenbergs war anwesend. Wolfgang suchte das Gespräch, stellte sich vor. Sehr hätte er sich ein Wort des Verständnisses, der Anteilnahme, ­wenigstens des Interesses gewünscht. Doch seine Hoffnung wurde enttäuscht. Vielleicht wäre manches leichter, wenn einer der Fernsehdramaturgen auch einmal das Leben dieses tragischen Opfers des 20. Juli beleuchten würde. Denn ein Opfer ist Heinrich Berger in jedem Fall. Freilich ein Opfer, das in keine Gedenkkate­gorie passt.

Harald Krille

Gewissensnot
Claus Schenk Graf von Stauffenberg hat die eigene Gewissensnot im Blick auf das Attentat so beschrieben:
»Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der ­etwas zu tun wagt, muss sich ­bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er ­jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem Gewissen. Ich könnte den Frauen und Kindern der Gefallenen nicht in die Augen sehen, wenn ich nicht alles täte, dieses sinnlose Menschenopfer zu verhindern.«

Zitiert nach: Kershaw, Ian: Hitler. 1936–1945, DVA 2000, ISBN 3-421-05132-1, Seite 861

Unterwegs mit Gottes Schutz und Segen

13. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Für eine unbeschadete Reise gibt es keine Garantie, aber der Segen zum Start tut gut

Auf Wiedersehen:  Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.  Segensspruch, Foto: BilderBox.com

Auf Wiedersehen: Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand. Segensspruch, Foto: BilderBox.com

Ein Chor aus der Partnerkirche in Südindien ist zu Gast in Deutschland. Für diesen Tag ist ein gemeinsamer Ausflug geplant. Alle sind zur Abfahrt bereit – es kann losgehen. Doch die indischen Gäste machen noch keine Anstalten, einzusteigen. Der gastgebende Pfarrer fragt: »Was ist los?« Ihre Antwort: »Let us pray« (Lasst uns beten). Die spontane Reaktion des Deutschen: »So gefährlich ist es auch wieder nicht.« Doch die Gäste bleiben beharrlich, bis es dem Pfarrer dämmert: Es geht hier gar nicht um eine spezielle Gefahr, es geht um etwas ganz Normales: Wer sich in den Reiseverkehr begibt, kann darin auch in Unfälle geraten, sogar zu Tode kommen. Und genau deshalb ist es gut, sein Leben für diese Fahrt in Gottes schützende Hand zu geben.
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Der Reisesegen hat eine lange Geschichte
Mögen die Straßen in Deutschland vielleicht sicherer sein als in Indien und mag die Unfallstatistik hierzulan­de deutlich weniger Unglückstote aufweisen als in Asien – macht das die Bitte um den Segen für die Reise überflüssig? Wie selbstverständlich durchzog das segnende Handeln von Christen über die Jahrhunderte das tägliche Leben. Das neue Haus wurde beim Einzug gesegnet, das tägliche Brot mit der Segensbitte gebrochen, dem Kranken wurde segnend die Hand aufgelegt, die Kinder wurden mit einem Segen in den Schlaf geschickt und am Morgen nicht ohne einen ­Segen in den Schultag entlassen.

Der Reisesegen kann mit vielen Beispielen aus dem Alten Testament auf eine lange Geschichte zurückblicken. Und bei allen Errungenschaften der Technik: Die Abstürze von Flugzeugen machen schlagartig deutlich, wie bedroht unser Leben trotz allem Fortschritt ist.

Jetzt beginnt für viele Menschen in ganz Europa wieder die Urlaubszeit. Der Reisesegen sollte dann am Anfang stehen. Wenn alle Koffer gepackt und alle wichtigen Unterlagen beisammen sind, ist dieses Innehalten heilsam und hilft zur Ruhe. Wer keine eigenen Worte findet, kann sich an den im Evangelischen Gesangbuch angebotenen Segensbitten orientieren (EG 902) oder im Internet über eine Suchmaschine und das Stichwort »Reisesegen« weitere Texte aufspüren.

Meditation und Gebet auf dem Flughafen

Wer von einem Flughafen aus startet, findet dort – zumindest in den ­größeren Abflugsorten – kleine Kapellen, die auf die Bedürfnisse von Reisenden aller Religionen ausgerichtet sind. Auch hier kann eine Pause zu Meditation und Gebet eingelegt oder für die sichere Heimkehr gedankt ­werden.

Das Ritual des Reisesegens wird, je nach Familie, Reisegruppe und Bedürfnis, unterschiedlich gestaltet. Gut tut es, den Segen von jemandem zugesprochen zu bekommen. Man kann sich zur Bekräftigung während oder am Ende des Segens die Hände reichen.

Harald Mallas

»Den Gestank kann sich keiner vorstellen«

13. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  Der Arzt Wahid Mounir arbeitet in Kairo mit sogenannten »Müllmenschen«

Mit den »garbage collectors« will keiner in der ägyptischen Gesellschaft etwas zu tun ­haben. Mitten in einem der größten Müllsammler-­Gebiete nahe Kairo betreibt Wahid Mounir eine Klinik. Annika Falk sprach mit dem Arzt und koptischen Christen.

»Ich bin kein Araber, ich bin Ägypter«, sagt der Arzt ­Wahid Mounir stolz von sich. Der koptische Christ wehrt sich dagegen, dass die Christen in Ägypten als verschwindende Minderheit dargestellt werden. Foto: Uwe Winkler

»Ich bin kein Araber, ich bin Ägypter«, sagt der Arzt ­Wahid Mounir stolz von sich. Der koptische Christ wehrt sich dagegen, dass die Christen in Ägypten als verschwindende Minderheit dargestellt werden. Foto: Uwe Winkler

Herr Mounir, wie viele Menschen ­leben rund um Kairo als Müllsammler?
Mounir:
Darüber gibt es nur Schätzungen. Statistiken fehlen, denn gäbe es sie, wüsste die Regierung offiziell, wie viele Krankenhäuser, soziale Einrichtungen und Schulen sie für diese Anzahl an Menschen schaffen müsste. Alleine in Mokattam, dem ­Gebiet, in dem ich arbeite, leben ­geschätzte 200000 Müllsammler. Ohne sie wäre Kairo eine Insel des Mülls. Aber die Menschen werden nicht als Menschen gesehen. Von der Gesellschaft werden sie ignoriert, deshalb sorgt die Kirche für sie. Fast 95 Prozent der Müllsammler sind Christen.

Auch Schweinezüchter sind meist Christen. Was geschah vor wenigen Wochen während der Schweinegrippe in Ägypten?
Mounir:
Nach dem Bekanntwerden des ersten Schweinegrippe-Falls wurde innerhalb von 24 Stunden eine Erklärung abgegeben. Das Parlament entschied, alle Schweine in Ägypten zu töten. Das Problem sind dabei aber nicht die Schweine, da man sich nicht dadurch ansteckt, indem man Schweinefleisch isst, sondern die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch.

Diese Regelung war also ein Angriff auf die Christen im Land. Die koptischen Christen befinden sich im muslimischen Ägypten in einer Minderheit …
Mounir:
… als eine Minderheit würde ich uns nicht bezeichnen. Das würde bedeuten, dass Ägypten nicht unser Land ist. Christen waren aber einmal die wirklichen Einwohner Ägyptens, bis das Land von den Moslems eingenommen wurde. Heute gibt es wesentlich weniger Christen als Moslems, nur 25 Prozent der 80 Millionen starken Bevölkerung. Unser Präsident spricht manchmal davon, dass wir nur zwei Millionen sind.

Wie werden Christen in Ihrem Land behandelt?
Mounir:
Manchmal werden Menschen verhaftet, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind. Manche werden einfach abtransportiert und wir wissen nicht, was mit ih-
nen geschieht. Ein weiteres Problem ist, dass Europäer, Amerikaner, Kanadier oder Australier denken, dass ein Ägypter Moslem und Araber ist. Aber ich bin kein Araber, ich bin ­Ägypter.

Neben den Konflikten zwischen den Kulturen und Konfessionen hat Ägypten ein Problem, da es riesige Müllsammler-Gebiete gibt. Wie kam es dazu?
Mounir:
Viele zogen bereits in den 60er Jahren vom Land in den Großraum Kairo oder in die Nähe der Pyramiden nach Gizeh. Es gab allerdings keine Arbeit und zu wenige Wohnungen. Zu dieser Zeit hatte Kairo kein Müllverwertungssystem, also sammelten die Zugewanderten den Müll. Die aussortierten Dinge verkauften sie. Ihre Häuser richteten sie mit ­Sachen ein, die sie auf den Müllhalden fanden. So entwickelte sich das Geschäft der Müllsammler. Früher waren sie ausschließlich Christen, heute ziehen auch viele Moslems in diese Gebiete.

Mitten in dieser Region betreiben Sie seit 1993 eine Klinik, um den Menschen zu helfen. Vor drei Jahren standen Sie beinahe vor dem Aus …
Mounir:
Mein medizinisches Sozialzentrum Sankt Simon ist der einzige Hilfsdienst für zigtausende Menschen. 2006 hatte ich keine finanziellen Hilfsmittel mehr, um die Klinik zu managen. Dazu kam, dass einer unserer größten Unterstützer Bischof in Los Angeles wurde. Er nahm fast alle Mitarbeiter, die für uns gearbeitet und von der Kirche bezahlt wurden, mit in die USA. Wir starteten dann das Projekt »Zero«, fingen sprichwörtlich von Null an. Jetzt sortieren die Menschen bei uns Müll, recyceln ihn und wir verkaufen die Dinge weiter. Mittlerweile habe ich wieder 30 Mitarbeiter. Ich bezahle sie von den geringen Einnahmen. Außerdem betreiben wir eine Vorschule.

Sie haben im Ausland einige Unterstützer, auch in Deutschland. Mitglieder des Naomi-Vereins und Schwestern des Trinitatis-Rings aus Leipzig haben Sie im Frühjahr ­besucht. Wie haben Sie den Besuch erlebt?
Mounir:
Schwester Gudrun und die anderen Reisenden haben unzählige Fragen gestellt. Und sie haben Geld gesammelt für unser Projekt. Am meisten beeindruckt alle Besucher der Geruch. Man kann versuchen, die Region zu beschreiben, aber den ­Gestank kann sich keiner vorstellen. Daneben aber beeindruckt, dass diese Menschen immer lächeln. Sie sollten von der Gesellschaft endlich auch als Menschen wahrgenommen werden.

Kontakt:
Naomi e.V.,
Elsteraue 3, 04159 Leipzig

Telefon (0341)9610975,
E-Mail: jmd@naomi-leipzig.de
Internet: www.naomi-leipzig.de

Gezeugt und selektiert: die Rettungsgeschwister

13. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Künstliche Befruchtung hat schon manchem Paar zum gewünschten Nachwuchs verholfen. Doch ist es auch ethisch vertretbar, Kinder als potenzielle Gewebespender für kranke ältere Geschwister im Reagenzglas zu zeugen und zu selektieren?

Ausgewählt nach Nützlichkeitskriterien? Die Möglichkeiten von künstlicher Befruchtung und genetischer Auswahl führen zu neuen ethischen Herausforderungen. 	Foto: BilderBox.com

Ausgewählt nach Nützlichkeitskriterien? Die Möglichkeiten von künstlicher Befruchtung und genetischer Auswahl führen zu neuen ethischen Herausforderungen. Foto: BilderBox.com

Nicht alle Kinder dieser Welt, so wünschenswert dies auch wäre, sind Wunschkinder. Insofern haben »Retortenbabys«, die durch künstliche Befruchtung »im Reagenzglas« entstanden sind, dem natürlich gezeugten Nachwuchs zumindest eines voraus: Die absolute Gewissheit, unbedingt gewollt zu sein. Dank des biomedizinischen Fortschritts werden inzwischen noch weitere Wunschkinder der besonderen Art geboren – sogenannte Rettungs- oder Helfergeschwister, deren Zell- oder Gewebespenden die Heilung eines schwer erkrankten älteren Geschwisters ermöglichen sollen.

Das erste weltweit bekannt gewordene Rettungsgeschwister wurde 2003 im britischen Sheffield geboren. Es heißt Jamie und kam zur Welt, um seinem vier Jahre älteren, krebskranken Bruder Charly zu helfen. Gefragt war nur ein Geschwisterkind, dessen Erbgut weitgehend mit dem Charlys übereinstimmt. Jamie hatte daher als Embryo einen Gentest zu überstehen. Denn erst die genetische Ähnlichkeit macht Jamies Blutstammzellen, die unmittelbar nach der Geburt aus seiner Nabelschnur gewonnen wurden, für Charlys Krebstherapie nutzbar.

Kinder als potenzielleZell- und Gewebespender
Rettungsgeschwister wie Jamie sind das Ergebnis zweier biotechnologischer Verfahren – zum einen der In-vitro-Ferti­lisation (IVF), zum anderen der Präimplantationsdiagnostik (PID). Bei der IVF werden Eizellen der Mutter mit Samenzellen des Vaters künstlich befruchtet, um Embryonen zu erzeugen. Die PID sorgt für die anschließende genetische Selektion.

Ursprünglich dafür entwickelt, um bei künstlich erzeugten Embryonen schwere Erbkrankheiten auszuschließen, wird die PID nunmehr auch dafür eingesetzt, optimale Zell- oder Gewebespender zu ermitteln. Denn von den »im Glas« ­erzeugten Embryonen wird jeweils nur der genetisch am besten geeignete in die Gebärmutter implantiert, um sodann normal ausgetragen zu werden. Die Gen-Diagnose entscheidet also, welcher Embryo als »Retter« infrage kommt und ­somit auch eine eigene Chance zum Überleben erhält.

Nach Jamie erblickten in Großbritannien noch mindestens fünf weitere Rettungsgeschwister das Licht der Welt – und zwar ohne explizite gesetzliche Grundlage. Erst im Mai 2008 legitimierte das britische Parlament nach heftiger Debatte die bereits existierende Praxis. Mit deutlicher Mehrheit wurde entschieden, dass Eltern gezielt Embryonen herstellen lassen dürfen, um das Leben eines kranken Geschwisterkindes zu retten.

Mittlerweile wird auch in anderen europäischen Ländern »optimaler« Nachwuchs aus therapeutischen Gründen erzeugt. So wurde Oktober 2008 mit Javier in Sevilla das erste Rettungsgeschwister Spaniens geboren. Javiers Stammzellen werden zur Therapie seines älteren Bruder Andrés benötigt. Und nach Ansicht der Ärzte ­liegen die Heilungschancen
bei 70 bis 90 Prozent. Wenn alles gut geht, ist Andrés in vier bis fünf Jahren völlig ­gesund.

Warnung vor der Zucht von »Menschen nach Maß«
In Deutschland ist die Erzeugung solcher Rettungsgeschwister nicht zulässig. Vor allem die bei der PID übliche Embryonen-Selektion ist grundsätzlich untersagt. Die IVF hingegen ist unter strengen Auflagen gestattet. Nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz ist es verboten, Embryonen für etwas anderes als eine Schwangerschaft heranzuzüchten.

Kritische Stimmen – nicht zuletzt auch aus den Reihen der deutschen Ärzteschaft – befürchten nun, dass Rettungs­geschwister den Weg für eine routinemäßige Herstellung von »DesignerBabys« ebnen. Denn was heute noch ein begründeter Einzel- bzw. Notfall ist, könnte auf längere Sicht jenem moralisch höchst verwerflichen Drang zur Perfektion Vorschub leisten: Nämlich der Zucht von »Menschen nach Maß«.

Eine solche »Embryonen-Optimierung«, bei der allein Qualitäts- und Nutzenerwägungen im Vordergrund stehen, würde den Menschen zur frei verfügbaren Biomasse degradieren. Denn eine Ethik der Selektion kennt keine unantastbaren, »letzten« Werte. Zumal in der »Bio-Ethik« ohnehin jeglicher menschlicher Anspruch auf Würde, Wert und Recht stets an Bedingungen wie Bewusstsein, Gedächtnis oder Kommunikationsfähigkeit geknüpft ist.

Die in immer kürzeren Abständen und mit immer größerer Wucht anbrandenden Wellen des biomedizinischen Fortschritts unterspülen unsere über Jahrhunderte entwickelten Moral- und Wertvorstellungen. Und je größer die therapeutischen Erfolge, desto durchlässiger werden auch die vormals als unverletzbar betrachteten ethischen Grenzziehungen. Stehen überhaupt verlässlichen Kriterien zur Verfügung, um einen durchaus notwendigen Wertewandel noch vom desaströsen Werteverfall unterscheiden zu können?

Gewiss, das Unbehagen in der Gesellschaft angesichts gentechnologischer Methoden wie die IVF und PID ist groß. Doch noch größer ist der Wunsch, sterbenskranke Kinder zu heilen. Angesichts leidender Kinder verliert selbst der alles überstrahlende Begriff von der »Unantastbarkeit der Menschenwürde« rasch an Leuchtkraft. Der hehre Begriff von der »Würde« ist schließlich recht abstrakt, die Aussicht auf gentherapeutische Heilung hingegen sehr konkret. Und so begegnen die Eltern des kleinen Javier auch allen Vorwürfen, ein »Designerbaby« bestellt zu haben, mit der schlichten Feststellung, dass sie sich doch ohnehin ein zweites Kind gewünscht hätten.

Zwischen Ethik der Würdeund Ethik des Helfens
Das schier unauflösbare Dilemma ist, sich jeweils zwischen einer allgemeinen Ethik der Würde und einer konkreten Ethik des Helfens entscheiden zu müssen. Und muss man rein menschlich nicht jedes Verständnis dafür haben, dass verzweifelte Eltern sich für ein Rettungsgeschwister entscheiden?

Eine andere Frage indes ist, was von unserer Menschlichkeit eigentlich übrig bleibt, wenn Kinder nicht mehr als Gabe empfangen, sondern nur noch als ein Produkt wissenschaftlichen Kalküls ausgesucht und bestellt werden? So gesehen bleibt jeder Anspruch, die genetischen Eigenschaften der nächsten Generation zu bestimmen, moralisch höchst beunruhigend – selbst dann, wenn Eltern dies allein zum Wohl ihrer Kinder tun.

Reinhard Lassek

Harmlose Träumerei oder Öl ins Feuer?

3. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Bericht: Die neuen »Tempelritter« – eine bizarre jüdische Gruppe will den Jerusalemer Tempel aufbauen!

Im Jahr 70 wurde der letzte jüdische Tempel in Jerusalem, dessen Bau bzw. Umbau auf Herodes den Großen zurückging, durch die Römer zerstört. Jetzt will eine Gruppe einen neuen Tempel errichten.

Am ursprünglichen Standort des jüdischen Tempels steht heute der Felsendom. Foto: KNA-Bild

Am ursprünglichen Standort des jüdischen Tempels steht heute der Felsendom. Foto: KNA-Bild

Die meisten der mehr oder weniger gewichtigen Vertreter der drei monotheistischen Religionen hatten sich schon aus dem Staub gemacht. Erst dann – und ganz bewusst getrennt – von dem Thesenaustausch über »den einen Gott in ­Judentum, Islam und Christentum«, wurde der Plan zum Bau eines dritten jüdischen Tempels auf dem Tempelberg in Jerusalem vorgestellt.

Die Stimmung passte großartig: Die untergehende Frühsommersonne tauchte die Mauern der Altstadt von Jerusalem in ein goldenes Licht. Im Hintergrund klimperte eine Harfe klassische und moderne, israelische Melodien. Zu Thunfischsandwich und Orangensaft präsentierten Rabbi Juval Scherlow, Joav Frankel und der Künstler-Architekt Ascher Oskar Fröhlich ein riesiges Ölgemälde im Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum des Jerusalemer Stadtteils Mischkenot Scha’ananim.

Traum von Harmonie in »Öl auf Leinwand«
Im Vordergrund des monumentalen Bildes von Ascher Fröhlich singen, musizieren und tanzen Menschen, die offensichtlich unterschiedliche Volks- und Religionsgruppen repräsentieren. Einmütig sind sie vereint zwischen dem islamischen Felsendom und einem Gebäude, das den gängigen Vorstellungen des herodianischen Tempels entspricht. Im Hintergrund strömen durch das geöffnete Goldene Tor Menschenmassen auf den Platz. Das ganze Bild der Reli­gionsharmonie steht unter einem ­Regenbogen – dem Zeichen des Bundes, den Gott mit Noah geschlossen hat (1. Mose 9,12ff).

Fünf Jahre lang haben Joav Frankel und sein Team geforscht, ob es nach jüdischer Tradition möglich wäre, den Tempelneubau um einige Meter nach Norden zu verlegen, das heißt, den Originalstandort des jüdischen Heiligtums den Moslems zu überlassen. Nach Beratungen mit »wichtigen Rabbinern in Israel« ist er zu der Überzeugung gekommen, dass es nach dem jüdischen Gesetz möglich wäre, den Tempel nicht am ursprünglichen Standort zu bauen. Denn an der Stelle sowohl des salomonischen als auch herodianischen Tempels steht heute der Felsendom. Um diesen Ort – auf dem Ölgemälde Fröhlichs wäre er ­einige Hundert Meter nördlich des Felsendoms – zu finden, wäre das Auftreten eines Propheten notwendig, der den genauen Ort bezeichnen müsste. Und natürlich müsste dieser Prophet von einer Mehrheit der jüdischen Welt anerkannt werden.

Nein, konkrete Bauanweisungen wollen sie nicht geben, betonen die Initiatoren – wobei es Frankel aber doch wichtig ist, dass der Künstler, der das Bild gemalt hat, Architekt sei. Ausdrücklich soll es nur darum gehen, den »Heiligen Berg Gottes« von einem Ort der Auseinandersetzung zu einem »Haus des Gebets für alle Völker« ­(Jesaja 56,7) zu transformieren. So sollen »die höchste Mission von Judentum, Christentum und Islam und der ursprüngliche Zweck des Tempels« ­erfüllt werden. Die ganze Welt soll
den einen Gott gemeinsam in Frieden anbeten.

Bislang bezeichnen Juden und Christen das Zentrum Jerusalems als »Tempelberg«. Muslime, die eine historische Existenz des jüdischen Tempels vehement bestreiten, bezeichnen den Platz, auf dem heute die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom stehen, dagegen als »Haram A-Scharif«, als »edles Heiligtum«. Nach Ansicht Frankels waren es der römische »Cäsar und seine Nachfahren durch die Geschichte«, die den Streitgeist unter die Völker gebracht und so den Tempelberg zu einem Ort der Auseinandersetzung gemacht haben.

Friedensvision mit fraglicher Tendenz
Wie die Mutation vom Zankapfel zur Friedenspfeife praktisch aussehen soll, lassen Frankel & Co. offen. Deshalb wurden auf dem Fröhlich-Bild die eigentlichen topografischen Gegebenheiten Jerusalems auch bewusst verdreht. Einzelheiten der Beziehungen zwischen den Religionen, etwa in den Bereichen der Liturgie oder Theologie, wollen die Tempelvisionäre ausdrücklich ausklammern. Man will ja Frieden und nicht Krieg stiften.

Eine gewisse Tendenz – ob von den Initiatoren des Bildes intendiert oder nicht – gibt das Gemälde indes aber doch vor. So ist innerhalb des Tempel­areals kein Mensch als Vertreter der Christenheit ausdrücklich erkennbar, etwa durch Priesterkragen oder Ordensbekleidung. Die Grabeskirche, das Allerheiligste des Christentums, steht draußen vor der Ummauerung des Wunschtempels – die Mauer wurde zu diesem Zweck vom Künstler von Ost nach West verlegt. Die der Wirklichkeit widersprechende Komposition des Bildes bringt eindrücklich zum Ausdruck, was der sephar­dische Oberrabbiner Josef Azran auf vorausgegangener Podiumsdiskussion gesagt hatte: »In einer Moschee darf ich beten, in einer Kirche könnte ich das niemals!«

Und auch innerhalb des Heiligtums wird auf dem Gemälde eine Tendenz sichtbar. Die Menschen auf der linken Seite des Bildes stehen unter einem eigentümlich grün-finsteren Einfluss, der vom islamischen Felsendom ausgeht – ganz im Gegensatz zur heutigen Realität, in der sich die Goldkuppel des ältesten islamischen Bauwerks die meiste Zeit des Jahres den Touristen in strahlendem Sonnenlicht präsentiert. Der Strom des Lebens, den der Prophet Hesekiel (Kapitel 47) beschreibt und der ganz bewusst in das Bild mit aufgenommen wurde, geht dagegen vom lichtvollen jüdischen Heiligtum auf der rechten Seite des Gemäldes aus.
Ist das alles Zufall – oder ein »freud’scher Vermaler« der jüdischen Visionäre? »Das ist wie beim Schachspiel«, hatte Joav Frankel im Fragenteil seiner Projektvorstellung erklärt: »Man opfert die Königin, um das Spiel zu gewinnen.« Fraglich ist, ob Christen und Muslime ausreichend kompromissbereit sein werden, um sich auf dieses Spiel einzulassen. Keineswegs Zufall war indes, dass sich die stets freundlich lächelnden christlichen, muslimischen und sogar jüdischen Dialogpartner vor der Präsentation des Bildes verabschiedet hatten.

Endzeitträumerei oder Kriegstreiberei?
Ob die Vorstellungen Frankels sich in der heutigen Realität als weltfrem­de Endzeitträumerei erweisen wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht werden sie von den unmittelbar Betroffenen ja nur freundlich-mitleidig belächelt. Das wäre der beste Fall. Das Bild von Fröhlich könnte aber auch zur Initialzündung für eine neue Runde der Gewalt werden. Möglicherweise werden gewisse Zeitgenossen auf skurrile Endzeitschwärmer in Jerusalem genauso wenig humorvoll reagieren, wie auf schamlos-kritische Karikaturisten in Kopenhagen. Seit der römische Prokurator Pilatus das Blut jüdischer Pilger mit ihren Opfern vermischt hat (Lukas 13,1), hat die ­Begeisterung für diesen Berg im Zentrum der Stadt ­Jerusalem Hundert­tausenden von Menschen das Leben gekostet. Das Blutvergießen reicht bis in die jüngste Gegenwart.


Johannes Gerloff

Durch den Schmerz ans Licht

3. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Neue Malerei und Grafik von Michael Morgner im Dom zu Meißen.

Blick in den Kirchenraum und auf die überdimensionalen Bilder von Michael Morgner. 	Foto: Kunstdienst/Steffen Krüger

Blick in den Kirchenraum und auf die überdimensionalen Bilder von Michael Morgner. Foto: Kunstdienst/Steffen Krüger

Wer in diesen Tagen den Dom zu Meißen besucht, der wird auf der Nordseite des Langhauses in den Jochen von sechs überdimensionalen Bildern überrascht, die sich fast mühelos in den schlichten Charakter des Kirchenbaus rhythmisch einfügen.

Unter dem Titel »Reliquie Mensch« schuf der in Einsiedel bei Chemnitz lebende Maler und Grafiker Michael Morgner (geb. 1942 in Chemnitz) in den vergangenen beiden Jahren Leinwandbilder, als Triptychons, Diptychons oder Einzelbilder, die den ­Leidensweg Christi zum Gegenstand haben und die im Meißner Dom erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Außerdem wird eine aus 15 Blättern bestehende Radierfolge unter dem ­Titel »Narben« gezeigt, die sich mit dem Tod Christi am Kreuz als großes Gleichnis auf das Leben und Leiden des Menschen beschäftigt.

Privates Unglück und Schmerz, auch der frühe Tod der Ehefrau Dörte 1986, führten verstärkt zu einer Auseinandersetzung mit dem Tod. In der Arbeit an den Bildern hat Morgner Trauerarbeit geleistet, die zu einmaligen Kompositionen führte. Aus den dunkel mit Asphalt und Farbe bedeckten Leinwänden leuchtet es geheimnisvoll heiter und hoffnungsvoll. Licht bricht sich Bahn; ohne im Überschwang zu dauern, verbirgt es sich und ändert seine Stimmung von Bild zu Bild. Die beiden Triptychons (I und II, 2009), gegen das hereinströmende, sonnige Gegenlicht sich behauptend, betonen die Vertikale, folgen dem Sturz des Lichtes in den Raum. Es rinnt über die reliefartigen Oberflächen, die in der »Lavage-Technik« in einem langen Prozess durchgearbeitet wurden. Tiefes Schwarz, stufiges Grau und knochiges Weiß machen aus den sakral angelegten Bildern Ikonen der Trauer.

Morgner hat zuvor die Leinwände geschunden, verletzt, mit einem Wasserstrahl gewaschen, um sie anschließend wieder neu zu bemalen. Das spürt man auch an den Reliefs, die sich über das ganze Bild breiten, als Collage und Decollage, mit Acryl geprägt und dort, wo er Asphalt auf Seidenpapier gelegt hat. Es ist das Existenzielle, das Morgner zwischen sich und der Leinwand aufspürt und im Bild manifestiert, Fragen nach dem Sinn menschlichen Lebens. »Das Ringen um den Tod ist bei Christus und bei Michael Morgner ein Ringen um das Leben.« (Beatrice Lavarin)

Mit den »Golgatha«-Themen beschäftigt sich der Künstler schon seit Ende der 80er Jahre, 1993 speziell mit dem Zyklus »Kalvarienberg«, sowohl in seiner expressiv-abstrakten Malerei als auch in seiner spröden, ausdrucksstarken, figürlichen Grafik.
Vier Einzelbilder auf der Nordseite des Doms widmen sich der »Golgatha-Situation«, die den Menschen in seinen Anfechtungen angesichts des Todes betrifft und wie sie durch den Theologen Dietrich Bonhoeffer in ­seinen Hafttagebüchern geschildert wurde.

Der Radierzyklus »Narben« (2003/2004) ist im Südwest- und Nordostturm, sowie auf der Empore über dem basilikalen Joch zu besichtigen. Das beigefügte Foto zeigt die Nahansicht eines zerschundenen Rückens, einen Ausschnitt der Holzskulptur des »Christus in der Rast«, die im Jahre 1500 von dem deutschen Bildschnitzer Peter Breuer geschaffen wurde. Von dieser Skulptur hat sich Morgner inspirieren lassen und sie in seiner Grafik zu 15 minutiösen Einzeldarstellungen verarbeitet.

Im Kreuzgang stehen oder liegen Bronzeskulpturen zwischen dem Efeu des Gartens, als »Schreitender«, »Gekreuzigter« oder »Embryo«, in denen Morgner spielend seine Themen auf neue Weise aufnimmt und in einem anderen Medium weiterführt.

Michael Morgner gehört zu den ­bedeutenden deutschen Malern der Gegenwart. Er studierte von 1961 bis 1966 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Fritz Fröhlich, Harry Blume, Heinz Wagner und Irmgard Horlbeck-Kappler. Er war Gründungsmitglied der »Galerie Oben« 1973 in Karl-Marx-Stadt. 1977 war er Mitbegründer der Gruppe »CLARA MOSCH«. 1982 setzte er sich künstlerisch mit Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers auseinander.

Heinz Weißflog

Die Ausstellung ist täglich bis 27. September zu sehen, Hochstift Meißen, Domplatz 7, 01662 Meißen, Telefon (03521) 452490. Führungen, Gottesdienste, Orgelmusik, Konzerte