»Sozialismus mit Gänsehaut«

25. Juni 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Jan Sokol erinnert sich:

Jan Sokol, Foto: Archiv

Jan Sokol, Foto: Archiv

Fragt jemand, was für mich ein Wunder ist«, sagt Jan Sokol, »dann antworte ich ihm: Die Art und Weise, wie der Kommunismus in der Tschechoslowakei gefallen ist.« Niemand im Land habe sich Ende der 80er-Jahre vorstellen können, wie das Regime anders hätte fallen sollen als mit schrecklicher Gewalt, erzählt der tschechische Philosoph, Bürgerrechtler und Politiker in einem Vortrag in der Dresdner Frauenkirche. Jan Sokol, 73, war Mechaniker und Goldschmied, ehe er es auf dem zweiten Bildungsweg zunächst zum Mathematiker und Programmierer, nach 1990 zum Philosophen brachte. Auch Politiker war er. Er hat sich an einer ökumenischen Bibelübersetzung beteiligt, 2004 ein Buch mit dem Titel »Mensch und Religion« veröffentlicht.

Alle Phasen der jüngsten tschechoslowakischen Geschichte hat er durchlebt. Die schlimmen 50er-Jahre mit mehr als 100000 politischen Gefangenen. Die Lockerung in den 60er-Jahren. Dann den Prager Frühling 1968. Als der niedergeschlagen wurde, befand er sich gerade auf einer Reise in Moskau. »Am 21. August erschienen keine Zeitungen«, erinnert er sich. »Düsenjäger flogen über die Stadt.« Ständig musste er den desinformierten Sowjetbürgern erklären, dass ihre Soldaten die Tschechoslowakei nicht von einmarschierenden NATO-Truppen befreiten.

Was folgte, sei keine schreckliche, aber eine traurige und hoffnungslose Zeit gewesen. Statt »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« nun, wie man auf der Straße sagte, »Sozialismus mit Gänsehaut«.
Immer wieder, erzählt er, seien es »Kleinigkeiten« gewesen, die am Ende ungeahnt gewaltige Folgen für die Politik hatten. 1976 wurden nach einem Konzert die Musiker der »Plastic People of the Universe« verhaftet, eine der wichtigsten Rockgruppen der unabhängigen Kulturszene. Künstler, Intellektuelle, Arbeiter, Priester, ehemalige Kommunisten schrieben eine Petition gegen Menschenrechtsverletzungen. Sokol gehörte zu den Erstunterzeichnern. Berühmtheit erlangte diese »Charta 77« erst durch Berichte in den Westmedien.

»Wir machten die Erfahrung: Man kann etwas bewirken.« Einige Unterzeichner wurden verhaftet. »Es sah schon so aus, als sei unsere Aktion gescheitert.« Dann aber wurde eine Bürgerrechtsbewegung daraus. Wie wichtig sie war, sollte sich aber erst im Herbst 1989 zeigen. »Die Erst­unterzeichner waren sofort als Sprecher der Opposition legitimiert.«

Die politische Trennung der Tschechen und Slowaken habe er zunächst bedauert, sagt Sokol. Damals saß er für das Bürgerforum (OF) in der tschechoslowakischen Föderalversammlung, war stellvertretender Parlamentsvorsitzender. Später begriff er, dass es nicht anders ging.

Als Minister für Jugend und Schule erlebte er die übereilte Privatisierung der tschechischen Wirtschaft. »Ein Erdbeben mit bedenklichen Folgen.« Eine davon: Die ­riesige Korruption. Eine andere: Da die Geldinstitute nicht privatisiert wurden, kam es zu einer Finanz- und Bankenkrise. »Vielleicht aber haben deswegen die tschechischen Banken heute weniger Probleme. Wir haben die Krise bereits erlebt.«

Tomas Gärtner

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