Das Paradies als Ort der Sehnsucht
11. Juni 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
»Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden« – über die geistliche Dimension von Gärten (Teil I)
Um Gärten in der Bibel und im Alltag geht es in einer neuen dreiteiligen Serie unserer Kirchenzeitung.
Wer von Gärten redet, muss bei Adam und Eva anfangen und der Geschichte vom Paradies, dem Garten aller Gärten. Im älteren der beiden alttestamentlichen Schöpfungsberichte wird erzählt, dass Gott nach der Erschaffung des Menschen als Erstes einen Garten anlegte: »Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.« (1. Mose 2,8-10.15)

Erinnerung: Wer aus dem Garten kommt, vergisst nicht, wie gut es einmal war, und sehnt sich danach, dass es wieder einmal so sein könnte. Nikolaus Hermann
Trotz paradiesischer Zustände war auch dieser Garten demnach kein Schlaraffenland, wo man die Hände in den Schoß legen kann, sondern verlangte nach Gestaltung und Pflege. Aber die Voraussetzungen waren optimal: Wasser die Fülle, fruchtbares Land und schattige Bäume, schön anzusehen und nützlich zugleich. Für jeden ein Traum von einem Garten, für Nomaden und Wüstenbewohner in ganz besonderem Maße. In dieser heilen Welt leben Mensch und Natur im Einklang. Und nicht nur das. Hier kann man Gott begegnen und mit ihm reden. Ein Garten für Leib und Seele also, ein ganzheitliches Erlebnis.
Mit dem Sündenfall hat das ein Ende. Die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis treibt Adam und Eva aus dem Paradies. Vorbei das Leben in der Geborgenheit einer geschützten Zone, vorbei die selbstverständliche Fülle an allem Guten. Das Böse bleibt nicht mehr außen vor. Leid und Schmerz, Zwietracht und Gottferne ziehen ein. Harte Arbeit, Misserfolge, die Sorge um das tägliche Brot bestimmen den Alltag. Disteln und Dornen wachsen auf dem Acker. Die Natur, die im umhegten und gestalteten Garten dem Menschen freundlich begegnet, wird zur Bedrohung. Das Leben ist mühselig geworden und gefährlich.
Aber die Erinnerung ans Paradies bleibt im Gedächtnis, der Garten Eden wird zum Sehnsuchtswort, das die bitteren Erfahrungen im Überlebenskampf hinter sich lässt. So schön könnte das Leben sein, wenn Einigkeit herrschte zwischen Mensch, Natur und Gott. Diese Gartengeschichte am Anfang der Bibel, vor nahezu 3000 Jahren aufgeschrieben, gehört bis heute zu den Schlüsseltexten jüdischer und christlicher Überlieferung und hat selbst profanes Denken geprägt. »Wer aus dem Garten kommt, vergisst nicht, wie gut es einmal war, und sehnt sich danach, dass es wieder einmal so sein könnte.« (Nikolaus Hermann)
Der Versuch, mit einem Garten ein Stück Paradies auf Erden zu schaffen, kann nur sehr unvollkommen gelingen, obwohl es jedes Gartenbuch verspricht. »Hol dir das Paradies nach Hause«, heißt der aktuelle Werbeslogan eines Gartenmarktes. Ganz so simpel geht das nicht, weil dazu mehr gehört als ein paar Pelargonien und Schneckenkorn. Und doch können auch irdische Gärten Leib und Seele gut tun, schön anzusehen und nützlich zugleich sein. Sie ermutigen uns, mit der Natur zusammenzuarbeiten, statt uns über sie zu erheben. Sie können Orte werden, wo Menschen, Pflanzen und Tiere in Frieden miteinander auskommen. Und manch einer fühlt sich Gott näher als sonst, wenn er dem großen Gärtner auf der Spur ist, sich an der Schöpfung freut und selbst schöpferisch tätig wird. Ein Garten Eden wird das anvertraute kleine Stück Erde niemals werden können. Aber eine Vorstellung davon vermitteln schon.
Christine Lässig

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