Nach uns die Sintflut?

4. Juni 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Anfang der 70er Jahre erklärten die Vereinten Nationen den 5. Juni zum »Tag der Umwelt«. Das ist Anlass auch für Christen zum Nachdenken über Schöpfungsverantwortung und den eigenen Lebensstil.

Das Zitat von Erich Fried wurde von einem Künstler an der »East Side Gallery« entlang der Mühlenstraße in Berlin nahe dem Ostbahnhof gestaltet.

Das Zitat von Erich Fried wurde von einem Künstler an der »East Side Gallery« entlang der Mühlenstraße in Berlin nahe dem Ostbahnhof gestaltet.

Das Weltklima und damit die irdischen Lebensbedingungen verändern sich im Zeitraffer. Ursache: Seit der ersten industriellen Revolution sind Weltbevölkerung (Zehn Prozent aller je auf der Erde lebenden Menschen leben heute) sowie Ressourcen- und Energieverbrauch exorbitant gewachsen. Fortschrittsoptimismus hat viel Verantwortungsgefühl des (un-)getreuen Schöpfungs-Haushälters Mensch verdrängt. Nie gehabter materieller Wohlstand pervertiert nicht selten gedankenlos in Maßlosigkeit. Intensiviert wird dies durch kollektives menschliches Fehlverhalten, das in egozentrischen Fragen wie »Warum denn ich?« bzw. »Warum denn ich nicht?« sein fatales Credo findet. Das gilt für Käufer und Verkehrsteilnehmer, bei der Freizeitgestaltung und in der Wahlkabine.

Dem biblischen Auftrag »Machet euch die Erde untertan« ist das Menschengeschlecht sehr wörtlich gefolgt. In dieser ein­seitigen Auslegung biblischer Botschaft sehen einige sogar die historische Ursache der ökologischen Krise. Nun befinden wir uns in ­einer ähnlichen Lage wie Noah, dem ­prophezeit wurde, es werde eine große Flut kommen und er solle rechtzeitig Vorkehrungen treffen …

Umweltschutz hat eine geistliche Dimension
Die Forschung beschreibt unsere Biosphäre als ernsthaft gefährdet. Vorboten endlicher Schöpfung? Dennoch scheinen die verheerenden Menetekel der ökologischen Bestandsaufnahme und Zukunftsprognose ihre Schockwirkung verloren zu haben. Sie sind unpopulär, fordern sie doch eigentlich »mich« heraus. Offensichtlich ist nichts so unglaublich wie die Wahrheit. Wenn dann Phantasten das Heil in noch mehr Konsum suchen, entspricht das einer Politik des »nach uns die Sintflut«! Die Probleme wurzeln in ethisch-geistlichen Defiziten. Wir zögern, unser Leben an Jesus Christus auszurichten, geschweige umzukehren. Aber der biblische Ruf zur Umkehr trifft uns beim Thema Umwelt ganz neu. Zwischen unserem Wissen über die Umweltbefindlichkeiten und unserem nicht umweltgerechten Verhalten liegen Welten.

Wir leiden am Unvermögen, unsere Erkenntnisse in geeignetes Handeln umzusetzen. Vor 20 Jahren, scheint mir, waren wir schon einmal weiter. Die damals von der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gefundenen Orientierungen sind wegweisend bis in unsere Tage.
Daran müssen wir anknüpfen, sind wir doch Pflichtverteidiger der uns von Gott anvertrauten Schöpfung. Wir sollen sie nutzen und mit den zu Pflugscharen umgeschmiedeten Schwertern pfleglich bebauen. Und bewahren! Dieser Auftrag ist inzwischen von nie gehabter Brisanz. Deshalb muss er öffentlich wahrnehmbares Glaubenszeugnis werden, wenngleich die kirchliche Lehrtradition dafür kaum »Rezepte« liefert.

Weiter wie bisher geht nicht. Und: »Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt«, sagte Erich Fried. Also dürfen wir nicht lediglich ­Zuschauer sein. Nein, wir müssen uns zeichensetzend einmischen. Wer, wenn nicht wir? In der uns geschenkten Zeit sind wir berufen, im Geist Jesu Christi für die Bewahrung der Schöpfung einzustehen. Können, Dürfen, Nichtdürfen und Sollen müssen wir mit Inhalt versehen und vorbildschaffend leben. Anderenfalls haften unsere Kinder und Enkel, von denen wir die Welt nur geliehen haben, für ihre Eltern. Und – die Buddenbrooks werden zum Modellfall für die überwiegend satte Spaß- und Überflussgesellschaft!

Für Selbstverpflichtung ganzer Landeskirchen
Gottlob gibt es in vielen Gemeinden dankenswerte Initiativen zur Bewahrung der Schöpfung. Doch nicht genug. Vielleicht ist es Denkhilfe, zu fragen: »Was hindert mich eigentlich, das zu tun oder zu unterlassen, was ich von anderen erwarte?« Der Zukunft verpflichtete Wege werden erst dann zu Wegen, wenn wir sie beschreiten. Etwa durch Kaufentscheidungen nach regionalen (kauft sächsisch, thüringisch, sachsen-anhaltisch …) und saiso­nalen Angeboten, freiwilligen Bezug von Öko-Strom, Beteiligung an kirchgemeindlichen Photovoltaikanlagen oder Bürgerkraftwerken, streng reglementierten Kauf und Gebrauch von Pkw, Haushaltgeräten, Chemikalien, Kontrolle von Zimmertemperatur und Waschmaschine, Ausschalten von Beleuchtung und Stand-by-Funktionen bei Nichtbedarf – Botschaften einfachen Lebens.

Über Bewahrung der Schöpfung »nur« zu predigen und zu beten, ist nicht genug. »Ich« muss das mir Mögliche tun! Dies umso mehr, als wir Licht der Welt und Salz im großen Diner des Lebens sind bzw. sein sollen. Unsere Landeskirchen sollten wie die Nationen in Kioto eigene Verpflichtungen benennen. Gemeindeglieder sollten sich diesen zuordnen können. Allein im Bereich energisch Energie sparen schlummern riesige Reserven. Oder was spräche dagegen, wie in anderen Landeskirchen zumindest zweijährlich einen Umweltpreis auszuloben? Und die Proklamierung einer Öko-Dekade ist längst überfällig!

Fazit: Viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten können durch viele kleine Schritte mit Gottes Hilfe sehr wohl das Antlitz der Welt verändern. Viele Wenig machen ein Viel. Mögen also viele Noahs unter uns erwachen. Jedes Engagement zur Bewahrung der Schöpfung ist sinnvoll. Wie sonst könnten wir hoffend für unsere Erde weiterleben, vertrauten wir nicht dem von Gott in uns geweckten Glauben? Freilich – an Gottes Segen ist ­alles gelegen!

Ulrich Böhme
OKR i. R. Dr.-Ing. habil. Ulrich Böhme war von 1981 bis 2002 Baureferent der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

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