Ein fröhlicher Geburtstag
4. Juni 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Eine Welt
Kuba: Protestantische Lieder in den Straßen Havannas – Christen auf Kuba leben zwischen Hoffnung und Angst
Besonders seit den 90er Jahren wachsen auf der traditionell katholischen Karibikinsel auch die evangelischen Gemeinden.

Armut und liebevoll gepflegte alte amerikanische Straßenkreuzer gehören ebenso zum Alltag auf Kubas Straßen wie Gastfreundschaft und Lebensfreude. Foto: epd-bild/Rolf Schulten
Die Dunkelheit der Nacht verleiht den eng bewohnten Stadteilen der kubanischen Hauptstadt Havanna eine unbestreitbar romantische Atmosphäre. Plötzlich ertönt ein melodisches Summen. Gitarren werden gestimmt. Dann beginnt der Gesang von zehn talentierten Stimmen: »Zum Geburtstag viel Glück!« Ein morsches Holzfenster wird geöffnet. Die Silhouette eines schwarzen Kopfs taucht auf, mit leuchtenden Augen und einem freudigen, weißen Lachen. Der Gesang geht weiter: »Alles Gute liebe Analie, zum Geburtstag viel Glück!«
Evangelikale Kirchen sind auf dem Vormarsch
Vor einigen Jahren hat sich Analie einer evangelikalen Kirche angeschlossen. Wie überall in Lateinamerika wächst die evangelikale Bewegung auch auf Kuba. Heute engagiert sich Analie für den Aufbau einer christlichen Jugendgruppe. Sie sagt, ihr Glaube gebe ihr die Kraft, die sie im Alltag braucht, um die Entbehrungen hinzunehmen. Wie gerne würde sie zum Geburtstag eine Umarmung ihrer Mutter bekommen. Doch seit zwei Jahren kann sie nicht mehr in ihren Heimatort fahren. Dafür reicht das Geld nicht.
Vor der Revolution im Jahr 1959 waren die meisten Kubaner Katholiken, doch nur zehn Prozent von ihnen waren regelmäßige Kirchgänger. Die Protestanten bildeten eine kleine Minderheit, die vorwiegend auf dem Land lebte und zu den ärmeren Teilen der Gesellschaft gehörte. Als sich die Revolutionsregierung dem Marxismus-Leninismus zuwendete und die Partei nur noch Atheisten in ihren Reihen aufnahm, wurde das Leben für Christen schwieriger. 140 katholische Priester wurden des Landes verwiesen, 400 gingen freiwillig ins Exil. Die meisten Protestanten jedoch blieben auf Kuba. In den kompromisslosen Zeiten der 70er und 80er Jahre war es ihnen verboten, in die kommunistische Partei einzutreten. Bestimmte Studiengänge an den Universitäten, vornehmlich in den humanistischen Fächern, blieben für Christen geschlossen.
Heute ist Analies 25. Geburtstag. Sie eilt die Treppenstufen hinunter zur Straße, um ihre Freunde zu umarmen, insbesondere Giosvani, einen Jungen mit asiatischen Gesichtszügen und einem großen Talent im Umgang mit der Gitarre. Zudem hat er die Gabe, gute Laune zu verbreiten. »Wir preisen den Herrn«, erklärt er. »Wir danken ihm für Analie. Sie ist eine bemerkenswerte Frau.«
Vorsichtige Reformen und neue Freiheiten
Viele der protestantischen Gemeinden Kubas sind im Laufe der 90er Jahre entstanden. Von der Regierung wird diese Zeit als »periodo especial«, spezieller Zeitabschnitt, bezeichnet. Damals ist der Kommunismus als Staatspolitik fast im gesamten Rest der Welt verschwunden. Die kubanische Regierung verlor ihren wichtigsten Alliierten, die Sowjetunion. Damals suchten viele Kubaner Unterstützung in der Religion. Einige hofften auf konkrete Hilfen durch die evangelikalen Gruppierungen, die gute Kontakte zu kanadischen und US-amerikanischen Missionaren pflegten.
Analie hat ihre Familie in der kubanischen Provinz Camagüey schon als Jugendliche verlassen, um in der Hauptstadt Havanna zur Schule gehen zu können. Wegen ihres schauspielerischen Talents hat der Staat ihr schon früh ein Stipendium gegeben. Heute arbeitet sie als Schauspielerin und ist bekannt für ihre Professionalität in der Ausübung der Kunst. Sie verdient das übliche Gehalt von 280 kubanischen Pesos, etwa 12 Euro im Monat. Sie ist zufrieden mit dem, was sie in ihrem Beruf erreicht hat: »Ich bin Afrokubanerin. Meine Hautfarbe war nie ein Problem. Hier auf Kuba ist es nicht wichtig, woher du kommst. Bauern oder Arbeiter, Männer oder Frauen, alle haben die gleichen Möglichkeiten. Das ist etwas, worauf wir Kubaner stolz sein können.«
Seitdem die Verfassung 1992 überarbeitet wurde, hat sich vieles geändert in der Beziehung zwischen der kubanischen Regierung und den christlichen Kirchen. Vermerke, die den Staat als marxistisch-leninistisch bezeichnen, wurden getilgt. Die Trennung zwischen Staat und Kirche führte zu einer Öffnung der Zivilgesellschaft für Christen. Innerhalb weniger Jahre vervielfachte sich die Zahl der protestantischen Kirchgänger, was auch auf aggressive Missionsbemühungen aus Nordamerika zurückzuführen ist. Immer mehr evangelikale Glaubensrichtungen wie die Adventisten und die Pfingstbewegung breiteten sich aus. Heute sind offiziell rund 300000 protestantische Christen auf Kuba registriert.
Mit den politischen Reformen sind die Möglichkeiten der Kirchen zur Evangelisation größer geworden. Hier und da werden Missionsveranstaltungen in öffentlichen Sälen oder Stadien genehmigt und jeden Sonntag kann man im staatlichen Rundfunk zwei Ansprachen von protestantischen Predigern hören.
Dennoch: Die Angst vor Repressionen bleibt
Es ist Zeit für Geburtstagsgeschenke. Analie bekommt eine Zahnbürste, ein Kästchen Streichhölzer, einen Bleistift und als besondere Überraschung, eine parfümierte Seife. Freudestrahlend atmet sie den Duft ein und fühlt sich reich beschenkt.
Wenig später verabschiedet sie sich mit einem Kuss auf die Wange. Sie ist schon fast in der Dunkelheit verschwunden, als sie sich noch einmal umdreht. Mit besorgtem Gesicht sagt sie: »Wenn du etwas veröffentlichst, erwähne bitte nicht unsere wirklichen Namen. Keiner von uns hätte dir ein Interview geben sollen. Für uns ist das ein großes Risiko. Du wirst Kuba verlassen, aber wir werden bleiben. Ich kann es mir nicht leisten, meine Arbeit zu verlieren. Ich bitte dich, identifizier uns nicht.«
Andreas Boueke
