Kirchen so groß wie Stadthallen

29. Mai 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Für die rund 80000 Lutheraner in Polen bedeuten die Feierlichkeiten einen wichtigen Höhepunkt – und sind auch ein kleiner Schritt für die zaghafte Ökumene.

Die Gnadenkirchen im heutigen Polen stehen dieses Jahr im Mittelpunkt von Feierlichkeiten der Lutheraner Polens - hier die Kirche Jelenia Gora (Hirschberg) Foto: Steffen Giersch

Die Gnadenkirchen im heutigen Polen stehen dieses Jahr im Mittelpunkt von Feierlichkeiten der Lutheraner Polens - hier die Kirche Jelenia Gora (Hirschberg) Foto: Steffen Giersch

Das Gotteshaus gleicht in seinen Ausmaßen fast einer Stadthalle. Wer die Kirche »Zum Kreuz Christi« im rund 50 Kilometer von der heutigen deutsch-polnischen Grenze entfernten Jelenia Gora (Hirschberg) betritt, dürfte aber nicht nur von der Größe des Hauses mit seinen 4000 Sitzplätzen überwältigt sein. Den Besucher ziehen auch monumentale Decken-Fresken, ein barocker Altar sowie eine der größten und bedeutendsten schlesischen Orgeln in den Bann.
Kaum zu glauben, dass die heutige katholische Garnisonkirche mit mehreren Beichtstühlen und Bildnissen von Papst Johannes Paul II. die längste Zeit ihrer Geschichte, nämlich bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, evangelisch war. Das nach dem Vorbild der Stockholmer Katharinenkirche errichtete Gebäude gilt als die bedeutendste der ehemals sechs protestantischen Gnadenkirchen in Schlesien. Deren Bau startete vor 300 Jahren.
Nach Einschätzung der Kunsthistorikerin Andrea Langer mehrten die Sakralbauten nicht nur die geringe Zahl protestantischer Zentren. In hohem Maß dienten sie auch dem Prestigebedürfnis ihrer evangelischen Auftraggeber aus Handel und Adel, die zum Teil überregional bedeutsame Künstler engagierten.

Gegenreformation und Druck durch die Schweden

Wie die zum UNESCO-Welterbe gehörenden schlesischen Friedenskirchen verdanken auch die Gnadenkirchen ihre Entstehung den Schweden. Die militärisch gut gerüstete Nordmacht trotzte den katholischen Habsburgern in der »Altranstädter Konvention« von 1707 Vergünstigungen für die schlesischen Protestanten ab. In Nachverhandlungen stimmte der Habsburger Joseph I. sogar dem Bau neuer Gotteshäuser zu und das – wie er meinte – lediglich aus rein kaiserlicher Gnade.
Für die von der Gegenreformation bedrängten Protestanten kam es mit der Konvention zu merklichen Erleichterungen. Außer Hirschberg bauten auch die über ganz Schlesien verteilten Städte Militsch, Teschen und Landeshut Gnadenkirchen aus Stein oder Fachwerk. Sie waren für Gläubige aus einem weiten Gebiet bestimmt und boten deswegen Tausende Plätze. Zwei weitere Gotteshäuser in Sagan und Freystadt überstanden zwar sämtliche Kriege, wurden aber 1965 und 1975 bis auf die Türme gesprengt.
In den kommenden Monaten stehen in den vier verbliebenen Gnadenkirchen die 300-jährigen Jubiläen für Baugenehmigung oder Grundstein legung an. Die Feste sind für die schlesischen Lutheraner ein Höhepunkt in diesem Jahr, bestätigt Pfarrvikar David Mendrok von der evangelischen Gemeinde in Wroclaw (Breslau).
Eröffnet wurden die Festveranstaltungen in der vergangenen Woche in Teschen (Cieszyn). Dazu gehörte unter anderem ein zweitägiges Geschichtsseminar, ein Umzug in der Stadt sowie am vergangenen Sonntag ein großes Festprogramm mit Gottesdienst. Mit 7000 Lutheranern gilt die in den schlesischen Beskiden direkt an der Grenze zu Tschechien gelegene Kleinstadt als die Hochburg der insgesamt 80000 Mitglieder zählenden Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.
Zudem ist die Teschener Jesuskirche mit ihren 8000 Plätzen die einzige Gnadenkirche, die noch von einer evangelischen Gemeinde genutzt wird. Pfarrvikar Mendrok bezeichnet sie als lutherische Mutterkirche in Polen. Die 300-Jahr-Feiern werden am 1. Juni in Hirschberg fortgesetzt. In der Stadt am Fuße des Riesengebirges sind eine Prozession sowie ein ökumenischer Gottesdienst in der Gnaden kirche geplant, die auch zur deutsch-polnisch-tschechischen Touristenroute »Via Sacra« gehört.
Zu den dortigen Initiatoren der Feier zählt der 80-jährige Paul Gerhard Eberlein aus Schwäbisch Gmünd. Der Pfarrer und ehemalige Hirschberger gehörte bis 1945 der evangelischen Gemeinde der Gnadenkirche an und wurde später vertrieben. Dass in dem heutigen katholischen Gotteshaus eine deutsch-polnische Feier vorbereitet wird, bezeichnet er als »großen Erfolg«. Für die katholische Seite »ist das schwieriger als für uns«, betont Eberlein.

Nur noch eine Kirche in protestantischer Nutzung
Auch in den Militscher und Landeshuter Gnadenkirchen erinnern im Juni und Oktober ökumenische Festgottesdienste an den Baustart im Jahr 1709. Die Feiern können allerdings kaum verdecken, dass die Kirchen in den zurückliegenden Jahrhunderten ihr Gesicht verändert haben. Zu Eingriffen kam es vor allem nach 1945.
In der Landeshuter Kirche wurden Altar, Kanzel, Orgel, Glocke und Uhr abgebaut. Teile der Ausstattung kamen nach Angaben der Kunsthistorikerin Andrea Langer in eine Warschauer Kirche. Ähnliches ereignete sich auch in Militsch. Langer berichtet zudem, dass die Fachwerkkirche in Freystadt vor ihrer Zerstörung als Lager für kanadische Weizenhilfs lieferungen an Polen diente.    (epd)

Marius Zippe

Wo Hans ist, spielt die Musik

29. Mai 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Posaunenchöre sind das akustische Markenzeichen des Protestantismus. Die Kirchenzeitung begleitete in Bremen eine Bläsergruppe.

Maritimes Flair mit Dickschiffen im Hintergrund; Hans Hecklau beim Einsatz in Bremerhaven, Foto: Harald Grille

Maritimes Flair mit Dickschiffen im Hintergrund; Hans Hecklau beim Einsatz in Bremerhaven, Foto: Harald Grille

Bremens Innenstadt kocht. Menschenmassen schieben sich in Richtung Dom und weiter zum Weserufer zum Abend der Begegnung. Ich bin mit Hans Hecklau verabredet, dem Leiter des Posaunenchores in Bad Kösen. Etwas ratlos schaue ich vom Sockel des Bremer Rolands über die Köpfe der Menschenmenge, als plötzlich ein Hut vor mir auftaucht. Freundlich lächelt das Gesicht darunter mich an: »Ich bin Hans.« In seiner Begleitung ist Frank Plewka, einer der beiden Landes posaunenwarte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), und noch vier weitere Musiker des Bad Kösener Chores: Manuela Werner, Anja Meinhardt, Anett Thiel und Christoph Paul. Sie gehören zu den 4379 offizielle angemeldeten Bläsern und tragen das Etikett »Mitwirkende«.
»Ohne die Bläser wäre der Kirchentag arm«, gibt sich Hans überzeugt, als wir durch das Gewühl eine freie Bank in einem Biergarten gefunden haben. Er muss es wissen: Frankfurt, Berlin, Hannover, Köln … bei allen Kirchentagen der letzten Jahre waren Hans und seine Getreuen dabei. Umgehend werde ich eingeweiht in den Bläserkomment: »Blechbläser reden sich mit ›Du‹ an«. Und: »Sängerchöre trinken Wein, Posaunenchöre trinken Bier«, heißt es mit einem Augenzwinkern weiter.

Massenquartier, zum Duschen 500 Meter …
Donnerstag ist ein Auftritt mit anderen Bläsern vor der Strandhalle in Bremerhaven geplant. Pünktlich acht Uhr stehe ich vor dem Eingang zu einem Berufsschulkomplex, drei Straßenbahnstationen vom Hauptbahnhof entfernt. Hans begleitet mich über schier endlose Treppen nach oben. Hier unter dem Dach schlafen die Bläser aus Thüringen – Männlein, Weiblein, Kinder: gemeinsam auf Luftmatratzen oder Liegen. Eine Duschgelegenheit befindet sich rund 500 Meter entfernt … »Ein prima Quartier«, re-
sümiert Manuela mit etwas dunklen Augenringen. »Das einzige Problem ist, man kann nicht schlafen.«
Bepackt mit Instrumentenkoffern, Noten und Notenständern geht es per Regionalbahn nach Bremerhaven. Fast eine Stunde fährt der Zug durch ländliche Idylle. Hier ist vom Protestantentreffen nichts zu spüren – keine Fahnen, keine Plakate, keine Menschen mit bunten Schals, keine Musik. Aber auch kein Stadtplan. Wo bitte ist die Strandhalle? Allen Klischees von den »kühlen Nordlichtern« zum Trotz zeigt es sich, dass die Bremer überaus freundlich und hilfsbereit gegenüber ihren Gästen sind. Wir verpassen dennoch den richtigen Ausstieg und müssen ein langes Stück Weg vorbei an Jachthafen und Schleuse zurücklaufen. Und Hans immer vorneweg. »Der hat ja auch nur eine Blockflöte zu schleppen«, sagt jemand mit Blick auf seine Trompete. Dennoch ist Hans’ Elan erstaunlich, hat der 54-jährige doch erst vor wenigen Jahren ein künstliches Hüftgelenk erhalten.
Je näher die Zeit rückt, umso mehr Bläser treffen ein. Instrumente werden ausgepackt, Notenständer aufgestellt. »Blaues Heft, Nummer 55«, sagt Matthias Schmeiß, der zweite EKM-Landesposaunenwart, und schon übertönt ein Choral das Geplärr diverser »Vatertagsgesellschaften« mit ihren Hupen und Tröten. Es gehört zu den Besonderheiten der Posaunenarbeit, dass sie auf das Zusammenspiel unterschiedlicher Chöre orientiert ist. Gleiche Bläserhefte und gleiche Standards erleichtern diese spontane Harmonie. Menschen bleiben stehen, kommen von umliegenden Bänken näher: Die Musiker sind hier wirklich Botschafter des Kirchentags.

Auf der Suche nach dem richtigen »Groove«
Nicht nur heftige Regengüsse erschweren die Rückfahrt, die Gruppe verliert sich außerdem. Per Handy wird in Bremen neu koordiniert. Beladen wie Packesel treffen sich alle zu einem hochkarätigen Bläserkonzert in einer der Bremer Innenstadtkirche. Hier sind die Bad Kösener »nur« Zuhörer. Manuela ist allerdings nicht mehr dabei – übermüdet wie sie war hat sie über eine Freundin noch ein Privatquartier gefunden, mit richtigem Bett, ohne schnarchende Nachbarn. Der Rest zieht auf ein Bier noch einmal an die Weser.
»Sound – Rhythmus – Gänsehaut« heißt es am Freitagvormittag. Im Zentrum Kirchenmusik, untergebracht in einer riesigen alten Stückguthalle auf dem Bremer Güterbahnhof, steht ein Workshop auf dem Programm. Zwei Stunden Schwerstarbeit für fast 2000 anwesende Bläser: »Forte-Piano, das ist wie die Hand auf die heiße Herdplatte legen und anschließend zurückzucken«, erklärt Ingo Luis, Komponist und Bläser beim Westdeutschen Rundfunk. »Und das anschließende Crescendo ist, wenn man danach die Hand langsam wieder drauflegt.« Mit bildhaften Vergleichen arbeitet der drahtige Mann im roten Polo-Shirt am richtigen »Groove« diverser swing- und bluesbetonter Stücke. Denn längst spielen Posaunenchöre nicht mehr nur Kirchen- und Volkslieder.
Inzwischen sind Anett’s Mann sowie Tochter Susanne und Sohn Konrad von zu Hause nachgekommen. Die 24 und 20 Jahre alten Kinder sind schon lange vom »Blasenvirus« der Mutter infiziert. Seit dem letzten Weihnachten hat es auch Ehemann Holger gepackt: »Weil er nicht immer nur die Noten tragen wollte«, wie Susanne es aus ihrer Sicht kommentiert.
Vor dem Gebäude des finnischen Konsulats ist am Nachmittag der nächste Einsatz. Windböen und ein Regenguss zwingen die Bläser zunächst unter das Vordach. Doch als würden die Töne die Wolken vertreiben, bricht plötzlich die Sonne durch – Küstenwetter. Und wieder bleiben Passanten stehen, applaudieren. Leider gelingt die »Regenbeschwörung« wenig später am Hollersee nicht noch einmal. Nach zwei Stücken müssen Noten und Instrumente unter Bäumen in Sicherheit gebracht werden. Also zurück ins Zentrum Kirchenmusik, wo ab 18 Uhr gemeinsam mit Hunderten von Chorsängern die musikalische Gestaltung des Feierabendmahl-Gottesdienstes geübt wird. Ein anspruchsvolles Programm. Am Abend sind die Hintern auf den Kirchentagspapphockern platt gesessen …
Gut, dass Sonnabend frei ist und jeder individuell noch etwas vom Kirchentag erleben kann. Ob in der »Überseestadt«, wo die Museumsschiffe festgemacht haben oder auf dem Messegelände. »Das Bläserische steht bei uns natürlich im Vordergrund des Kirchentags«, resümiert Hans Hecklau. Erst recht am Sonntag: Aufstehen sechs Uhr, Frühstück, ein Ständchen für die Helfer im Massenquartier, Einblasen und dann der beeindruckende Abschlussgottesdienst auf der Bürgerweide. Hat es sich gelohnt? »Auf jeden Fall«, ist Hans überzeugt. Und nächstes Jahr in München wieder dabei? »Ich denke schon!«

Harald Krille

Ein Ja zu allem, was Gott liebt

29. Mai 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Mit dabei auf dem Evangelischen Kirchentag in Bremen: Maria Krämer (22), Studentin an der Fachhochschule für Religionspädagogik und Gemeindediakonie in Moritzburg.
Die Kirchenzeitung begleitete sie.

Maria Krämer: »Ich habe auf dem Kirchentag einen Eindruck bekommen, was es alles gibt.« 	Fotos: Steffen Giersch

Maria Krämer: »Ich habe auf dem Kirchentag einen Eindruck bekommen, was es alles gibt.« Fotos: Steffen Giersch

Nach den Eröffnungsgottesdiensten am Mittwochabend heißt es Bühne frei für Soul, Pop und Gospel, für Spiel und Spaß. Der Marktplatz in Bremen mit den berühmten Stadtmusikanten, die Wallanlagen und das Weserufer – eine einzige Kulturmeile. Originelle Kostüme und Masken, laute Musik, freundliche Menschen. Auf dem Stadtplan nach Orientierung suchend, schlängelt sich Maria Krämer durch die Gärten der Chöre in den Wallanlagen hin zum Flussufer. Gemeinsam mit einer Studentengruppe der Fachhochschule für Religionspädagogik und Gemeindediakonie am Evangelisch-Lutherischen Diakonenhaus Moritzburg e. V. hatte sie sich auf den Weg gemacht, um das angesagte Event in Bremen mitzuerleben.
Der erste Abend des Kirchentages neigt sich seinem Ende und dem Höhepunkt entgegen. Tausende Kerzen setzen kleine Lichtpunkte in der Dämmerung. Auf dem Domhof, in den Booten auf der Weser, am Ufer – überall Menschen in Erwartung der eigens für den Kirchentag geschaffenen Klang- und Lichtkomposition des Künstlers Rochus Aust. Der Abend der Begegnung klingt mit dem Abend-
segen aus.

Die Qual der Wahl
Am Donnerstagmorgen gilt es aus dem reichhaltigen Programm eine Auswahl zu treffen. Die Moritzburger Studentin entscheidet sich nach der Bibelarbeit für einen Workshop: »Durch Krisen reifen«. Ausgehend von der biblischen Geschichte des Propheten Elia sei das Thema unter Beteiligung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer behandelt worden, berichtet Maria Krämer. In diesem Workshop habe sie beobachtet, dass Erwachsene bei der thematischen Auseinandersetzung ihre Biografie mit einbringen, stärker als dies Kinder und Jugendliche täten. Diese Erkenntnis sei ihr im Studienfach Erwachsenenbildung vermittelt worden und habe hier ihre Bestätigung erfahren, so die Studentin.
Auf dem Kirchentag kommt es gelegentlich darauf an, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Eigentlich wollte die Kirchentagsbesucherin aus Sachsen am Donnerstagabend zu einem Konzert der Berliner Sarah Kaiser Band gehen. Doch stattdessen fand sie sich vor der Bühne der »Wise Guys«, mitten in deren begeistertem Publikum.
Beim Kirchentag mit seinen vielen Alternativen gibt es keine verpassten Chancen.

Markt der Möglichkeiten
Der Markt der Möglichkeiten. Hier stellen rund 800 verschiedene Vereine, Verbände und ehrenamtliche Gruppen ihre Ideen und Projekte vor. An unterschiedlichen Standorten, auf dem Messegelände und in der Überseestadt gibt es viel Neues zu entdecken und »abzuspeichern«. »Ich habe einen Eindruck bekommen, was es alles gibt«, sagt Maria Krämer. Auf der Suche nach Impulsen für ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen entdeckt sie verschiedene kreative Projekte, von denen sie das eine oder andere irgendwann gern nachahmen möchte.
In seiner Bibelarbeit am Freitag legt der Pfarrer und Autor Klaus Douglass das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus. Dabei schlägt er den Bogen von der Gottes- über die Selbstliebe bis zur Nächstenliebe. »Christliche Liebe entsteht nicht dadurch, dass wir uns nach Kräften anstrengen und bemühen. Liebe entsteht durch Liebe. Darum ist es wichtig, dass wir zunächst einmal die Erfahrung der Liebe Gottes machen«, stellt Douglass fest. In seinen weiteren Ausführungen widmet er sich der Frage nach dem ewigen Leben, die er nicht als Frage nach dem Jenseits, sondern als Frage nach einem erfüllten Diesseits versteht. »Wie kriege ich den Himmel in mein Leben?« Seine Antwort: durch Liebe. Doch er weiß: In der Praxis hapert es mit der Liebe. »Die konkreten Menschen und die Umstände – die sind’s, die uns vom Lieben abhalten. Das Problem ist nur: Die konkreten Menschen und die Umstände – die sind’s, bei denen es überhaupt darauf ankommt, zu lieben!« Im Folgenden erläutert der Referent seinen Gästen, unter denen viele Jugendliche sind, was es heißt, jemanden zu lieben. Plausibel, praktikabel! Maria Krämers Kommentar zu Douglass’ Auslegung des biblischen Gleichnisses: »Nicht so abgehoben, sehr toll.«

Theologisch tiefgründig Beeindruckt habe sie auch der Vortrag von Prof. Eberhard Jüngel zum Thema: Horizonte des Glaubens. Ausgehend vom Kirchentagsmotto, befasst sich der Theologe mit der Frage: »Wo ist ein Mensch, der glaubt? Wer diese Frage allein im Lichte der Vernunft beantworten zu können meint, antwortet: Der freie Mensch ist ganz und gar bei sich selbst.«
Demgegenüber »fähret der Christenmensch im Glauben über sich hinaus«, zitiert der Referent Martin Luther. »Über sich hinaus – das heißt: aus sich heraus. Wer glaubt, der bleibt nicht bei sich selbst. Der geht vielmehr aus sich heraus. Er verlässt sich – nämlich auf Gott«, erläutert Jüngel.
Die Studentin aus Moritzburg ist angetan von den Überlegungen des Theologen. In seinem Vortrag macht er deutlich, dass der Glaube, das Vertrauen zu Gott zu einer »kreativen Passivität« führe (»da muss man nichts tun, sondern nur sein). Und er schlussfolgert, welche Konsequenzen aus dem Glauben resultieren: »Wer glaubt, sagt Ja –, nicht zu allem und jedem, sondern zu genau dem, was Gott bejaht hat und zu bejahen nicht aufhören wird.« Dabei räumt Jüngel jedoch ein, dass Glaubende äußerst kritische Ja-Sager seien. Denn sie sagten klar und entschieden Nein zu allem, was dem göttlichen Ja widerspricht. Maria Krämer entdeckt in Jüngels Ausführungen den Hinweis, dass Glaubende in der Welt verwurzelt bleiben sollten, und dieser Gedanke gefalle ihr. Jüngel: »Wer glaubt, sagt nicht nur Ja zu Gott, sondern weil er Gott bejaht, sagt er auch Ja zu seinen Mitmenschen, sagt er Ja zu seiner sozialen und natürlichen Umwelt und zu sich selbst.«
Noch viele schöne Erlebnisse und Erfahrungen hält Bremen für die junge Frau aus Sachsen bereit, bevor das Christentreffen am Sonntagmorgen mit einem Gottesdienst zu Ende geht.
»Mit vielen Impulsen bin ich von Bremen zurückgekehrt und will schauen, was ich in den Alltag mit hinein nehmen kann«, sagt sie, als sie wieder zu Hause ist. Im Vergleich mit manchen negativen Erfahrungen in ihrem kirchlichen Alltag beschreibt sie das Christentreffen in Bremen als ein Kontrastprogramm.
Der schönste Ertrag ihrer Erfahrungen auf dem Kirchentag: »Ich habe ein positives Gefühl gegenüber Kirche und anderen Christen gewonnen.«

Sabine Kuschel

Frommes Genie, unterschätzter Neuerer

27. Mai 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 200 Jahren am 31. Mai starb der Komponist Joseph Haydn

Der Komponist Joseph Haydn (Punktierstich, koloriert) von Luigi Schiavonetti nach dem Gemälde, um 1791, von Ludwig Guttenbrunn. Foto: epd-bild

Der Komponist Joseph Haydn (Punktierstich, koloriert) von Luigi Schiavonetti nach dem Gemälde, um 1791, von Ludwig Guttenbrunn. Foto: epd-bild

Er war der populärste und gewiss auch begütertste Komponist der Welt, als er vor 200 Jahren in Wien starb: Joseph Haydn, geboren am 31. März 1732, gestorben am 31. Mai 1809 im Alter von 77 Jahren. Seine Musik wurde in ganz Europa gespielt, das Publikum bejubelte jedes neue Werk frenetisch, kaiserliche Hoheiten luden den Sohn eines Handwerkers und einer Köchin an ihren Tisch. Und doch hat sich Haydn zeitlebens vor Allüren gehütet. »Wenn es mit dem Komponieren nicht so recht fort will«, erzählte er einem Freund, »so gehe ich im Zimmer auf und ab, den Rosenkranz in der Hand, bete einige Ave, und dann kommen mir die Ideen wieder.«

Seine schlichte, vertrauensvolle Religiosität habe nichts Frömmelndes an sich gehabt, berichtet sein Freund und Biograf Georg August Griesinger: »Haydn ließ jeden Menschen bei seiner Überzeugung, und erkannte sie alle als Brüder. Überhaupt war seine Andacht nicht von der düstern, immer büßenden Art, sondern heiter, ausgesöhnt vertrauend, und in diesem Charakter ist auch seine Kirchenmusik geschrieben.« Im Marktflecken Rohrau im österreichischen Burgenland, nahe der ungarischen Grenze, kam Franciscus Josephus Haydn 1732 zur Welt. In der Großfamilie – 20 Kinder aus zwei Ehen – wurde viel gesungen.

Der Hofkapellmeister des Wiener Stephansdoms entdeckte die Begabung des Achtjährigen, der daraufhin als Chorsänger nach Wien ins »Kapellhaus« wechselte. Im Alter von 28 Jahren schließlich trat Joseph Haydn als Vize-Kapellmeister in die Dienste des Fürsten Esterházy von Eisenstadt, der aus einer der reichsten ungarischen Adelsfamilien stammte. Ein Vierteljahrhundert sollte er in der kulturellen Provinz bleiben. Im Schloss Esterházy war er zwar nicht mehr als ein livrierter Diener, wie das bei diesen Herrschaften üblich war, und der Fürst verlangte ihm gnadenlos immer neue Kompositionen und Inszenierungen im eigenen Opernhaus ab.

Aber das Wirken in der Abgeschiedenheit von Schloss Esterházy barg auch Chancen: »Ich war von der Welt abgesondert«, bilanzierte Haydn im Rückblick, »niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.« Die musikalische Welt war längst auf den Kapellmeister aufmerksam geworden, der Dutzende von Symphonien und Streichquartetten schuf, dazu Messen und Opern (»Der Apotheker«, »Die Welt auf dem Monde«, »Liebe macht erfinderisch«), manche zeitlos bedeutsam, viele vergessen.

Man kannte seine Werke in Paris und Amsterdam, London und Rom. Wolfgang Amadeus Mozart war sein Freund, die beiden spielten gern miteinander Streichquartett. Über seiner gefälligen Melodik und den Anleihen bei der österreichischen und kroatischen Volksmusik vergisst man gern, dass Joseph Haydn ein hochkarätiger Neuerer war. Er erfand die Sonatenrondoform mit zwei ständig variierten Themen, reicherte die klassische Form mit Fugen an und hatte den Ehrgeiz, aus einfachen musikalischen Motiven heraus die komplexesten Strukturen zu entwickeln. Als 40-Jähriger hatte er noch einmal begonnen, die komplette Kompositionstechnik zu studieren.

Vor allem in England wurde die Musik aus dem abgelegenen Burgenland mit Enthusiasmus aufgenommen. Der Londoner Konzertagent Salomon verpflichtete Haydn für eine Reihe von 20 Konzerten, für die er jeweils ein neues Werk zu komponieren hatte. Nach Österreich heimgekehrt, schuf der gefeierte Komponist seine letzten großen Messen, die mit ihrer brausenden Orchestrierung und sinnlich- erdhaften Frömmigkeit eine von Schubert und Bruckner fortgesetzte Tradition begründeten. Und er komponierte die Oratorien »Die Schöpfung « und »Die Jahreszeiten« – Meilensteine der Musikgeschichte, die pionierhaft auf Beethovens »Pastorale« und Carl Maria von Webers romantische Opern vorauswiesen. Im Jahr 1809 »entschlief unser guter Papa selig und sanft«, wie sein treuer Diener Johann Elssler notierte. 1820 wurde Haydns Leichnam von Wien nach Eisenstadt überführt.

Als dabei der Sarg geöffnet wurde, stellte man fest, dass der Schädel fehlte. Ermittlungen ergaben, dass auf Betreiben des Sekretärs des Fürsten Esterházy acht Tage nach der Beisetzung der Schädel entwendet worden war. Der Sekretär schwärmte für die damals populären Thesen des Anatomen Franz Joseph Gall, der aus der Schädelform Rückschlüsse auf Gehirn und Charakter zog. 1895 schließlich gelangte der Schädel in den Besitz der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde, 1954 wurde er nach Eisenstadt überführt und in Haydns Sarkophag bestattet.

Auf seine letzten Visitenkarten hatte Joseph Haydn ein paar Takte aus einem kurz zuvor entstandenen Chorwerk drucken lassen: »Hin ist alle meine Kraft, alt und schwach bin ich.« Aber über seinem Grabstein in der Bergkirche von Eisenstadt ist ein Vers aus dem 118. Psalm in die Mauernische gemeißelt: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Werke des Herrn künden!«

Christian Feldmann (epd)

Erfahrungen mit dem Heiligen Geist

27. Mai 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Zu Pfingsten beginnt ein neues Zeitalter, es bringt Trost, Licht und Leben

heiliger-geistZu Pfingsten beginnt ein neues Zeitalter: das Zeitalter des Heiligen Geistes. Die Kirche feiert an diesem Fest ihren Geburtstag. Vielen Evangelischen ist Pfingsten jedoch ferngerückt: Sie möchten an den Feiertagen einfach nur neuen Atem schöpfen und sonnige Tage im Freien genießen. Viele wissen nicht, was sie sich unter dem Heiligen Geist vorstellen sollen. Angesichts dieser Situation ist es gut, sich klarzumachen, dass der Geist Gottes ganz praktisch im Alltag erfahrbar ist. Ein altes Gebet von Stephen Langton, der im 13. Jahrhundert Bischof von Canterbury war, kann dabei helfen. Regelmäßig gebetet, wird es zur Fundgrube für Alltagserfahrungen mit dem Geist Gottes. Ich möchte drei Punkte herausgreifen.

Höchster Tröster
Trost hat im gegenwärtigen Sprachgebrauch den Beigeschmack von Sentimentalität im Sinne von Vertröstung. Von seiner Grundbedeutung her meint es jedoch Festigkeit und Standvermögen. Einen Menschen trösten heißt, ihm beizustehen, ihm Mut und Zuversicht zu vermitteln. In diesem Sinne braucht jeder Mensch Trost: Einen Grund, auf dem das Leben ruht; Orientierung, die in einer oft bedrängenden Lebenswirklichkeit Kraft gewährt und Zukunft eröffnet. Diesen Trost gibt der Heilige Geist. Er lässt Menschen neue Hoffnung gewinnen und bewahrt sie davor, zu verzweifeln und mutlos zu werden. Keiner muss angesichts der Überfülle zu bewältigender Aufgaben verzagen. Der Geist Gottes lässt Menschen Lebensängste überwinden, indem er sie auf ihrem Lebensweg begleitet und sie in Entscheidungen berät. »Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.« (2. Timotheus 1,7)

Glückseliges Licht
Der Heilige Geist »dringt bis auf der Seele Grund« und erleuchtet uns mit seiner Klarheit. Er lässt uns die Wahrheit erkennen. Der Geist Gottes ermutigt, wahrhaftig zu werden gegenüber mir selbst und meinen Mitmenschen, auch gegenüber Gott. Weil er die Tiefen meiner Persönlichkeit kennt, vermag er mich von unguten Bindungen an die Vergangenheit zu lösen. Er schenkt mir den Mut, hinzuschauen und mich mit Schuld und Versagen auseinanderzusetzen. Ich darf Sünder sein! Schuldigwerden gehört zum Menschsein dazu. Indem ich meine Schuld eingestehe – vor Gott und meinem Nächsten – mache ich ernst damit, dass ich ein begrenzter Mensch bin. Der Heilige Geist hilft mir, den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf zu wahren. Ich muss nicht länger mehr sein wollen als ein Geschöpf Gottes und darf heilsam bei mir selbst einkehren. Gerade dadurch erhalte ich Anteil an einem freien und sorglosen Leben vor Gott.

Lebensspender

Leben hat mit Bewegung und Beziehung zu tun. Ein eingefahrenes Leben ist steril, Leben ohne Beziehungen verkümmert. Wie oft lassen wir uns von anderen auf ein bestimmtes Bild festlegen. Der Geist Gottes jedoch will Menschen verändern. Keiner braucht bleiben, wie er ist! Jeder Mensch ist vom Geist begabt. Das Wissen darum befreit von Minderwertigkeitskomplexen und Allmachtsfantasien. Während meiner Tätigkeit als Pfarrer einer evangelischen Kommunität konnte ich beobachten, wie unsichere und farblose junge Erwachsene ihre Begabungen entdeckten und in das gemeinsame Leben einbrachten, angeregt durch Herausforderungen der Gemeinschaft und durch Ermutigung vonseiten anderer Mitglieder. Bisweilen staunte ich nur so, mit welcher Geschwindigkeit sie sich zu selbstbewussten und engagierten Männern und Frauen entwickelten. Gottes Geist: Er bringt Trost, Licht und Leben. Daran will uns das Pfingstfest erinnern.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Gedicht
Komm herab, o Heilger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.
Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt, komm,
der jedes Herz erhellt.
Höchster Tröster in der Zeit, Gast,
der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,
in der Unrast schenkst Du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.
Komm, o Du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.
Ohne Dein lebendig Wehn kann
im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.
Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile Du, wo Krankheit quält.
Wärme Du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt, lenke,
was den Weg verfehlt.
Gib dem Volk, das Dir vertraut,
das auf Deine Hilfe baut,
Deine Gaben zum Geleit.
Lass es in der Zeit bestehn,
Deines Heils Vollendung sehn und
der Freuden Ewigkeit.
Amen. Halleluja.


Stephen Langton