Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Ernährung

7. April 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Gentechnik: Mit einem Buch entlarvt Marie-Monique Robin den Weltkonzern Monsanto und seine globalen Ziele

Deutschland steht derzeit an einem Scheideweg: Wird dem Anbau gentechnisch veränderter Organismen Tür und Tor geöffnet? Im April beginnt die Aussaat von Maispflanzen.

buchtitelErstmals soll in diesen Tagen gentechnisch verändertes Saatgut der Sorte MON810 in beträchtlichem Umfang ausgesät werden. Die Landwirtschaftsministerin könnte dies noch verhindern. Doch hinter MON810 steckt die geballte Macht des weltgrößten Saatgutkonzerns Monsanto. Bei diesem Namen sollte man misstrauisch werden. Spätestens nach der Lektüre von Marie-Monique Robins Buch »Mit Gift und Genen«.

Drei Jahre hat die französische Journalistin intensiv recherchiert. Das Ergebnis: Monsanto strebt durch die Patentierung seiner genmanipulierten Nutzpflanzen danach, die gesamte Welternährung zu kontrollieren. Schon jetzt stammen über 90 Prozent des genveränderten Sojas, Mais und Raps aus dem Hause Monsanto – ein weltweiter Gen-Feldzug. Robin bezeichnet ihn als »ein riesiges hegemoniales Projekt, das eine Bedrohung für die Ernährungssicherheit der Welt ebenso wie für das ökologische Gleichgewicht des Planeten ist«. Doch Robins Buch ist keine billige Weltverschwörungsliteratur. Es liefert eine enorme Masse an Informationen und ist deshalb in erster Linie ein herausragendes Sachbuch.

Das Misstrauen ist mehr als begründet

Robins ausführlicher Blick in die ­Geschichte des einstigen Chemiekonzerns belegt: Misstrauen gegen Monsanto hat seinen Grund. So hat der Konzern lange Zeit die Giftigkeit ­seines Entlaubungsmittels »Agent Orange« bestritten. Dafür sind nach Robins Erkenntnissen auch wissenschaftliche Studien verfälscht worden. So konnte ein berüchtigter Großauftrag geangelt werden: die Herstellung von »Agent Orange« für den Vietnamkrieg (1962-71). Bis heute sind massenweise Missgeburten und Krebserkrankungen in Vietnam die Folge dieser ungeheuren Dioxinverseuchung, so Robin.

Auch das weltweit meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel stammt von Monsanto. Es wird nicht vom Markt genommen, obwohl Studien belegen, dass dessen Rückstände in der Nahrung »den ersten Schritt auf dem Weg zum Krebs auslösen«. Immer wieder handelt Monsanto Ausnahmen und Abkommen aus. Und bleibt im Geschäft.

Seit den 70er Jahren bastelt Monsanto an den Genen. Das Ziel: eine schädlings- und unkrautresistente Nutzpflanze mit höherem Nährgehalt. Diese soll zur Wunderwaffe gegen Hunger und Unterernährung werden. Doch damit habe ein Krieg gegen die Natur mit unabsehbaren Folgen begonnen, sagt Robin.

Seit 1994 hat Monsanto seine erste gentechnisch veränderte Sojabohne auf dem Markt. Die Zulassungsbehörden sind trotz warnender Studien lasch. »Meine größte Entdeckung war, dass die massenhafte Verbreitung von gentechnisch veränderten Organismen aufgrund von Manipulation, ja von Intrigen möglich war«, resümiert die Autorin. Sie berichtet von kritischen Wissenschaftlern, die stark unter Druck gesetzt wurden und immer wieder von Gerichtsprozessen gegen Monsanto-Kritiker.

Robin bringt sie zu Wort: »Der Konzern weiß, wenn er das Saatgut kontrolliert, kontrolliert er die Ernährung. Diese Strategie ist wirksamer als Waffen«, sagt die indische Öko-Aktivistin Vandana Shiva und bezeichnet die Patentierung von lebenden Organismen durch multinationale Konzerne wie Monsanto als »fortgesetzte Kolonisierung der Welt«. Dabei würden nicht nur Territorien erobert, sondern auch die dazu gehörenden Märkte.

Vorwurf: Eine neue Form des Kolonialismus

So machen sich die multinationalen Konzerne mit Unterstützung der Welthandelsorganisation über den genetischen Kuchen der Welt her. »Man kann wirklich von einer ›Sojafizierung‹ Südamerikas mit genmanipulierten Organismen sprechen«, berichtet der Soziologe Tomas Palau und ergänzt: »Die Patente dienen als endgültige Absicherung eines totalitären Projekts.«

Schließlich zeigt Robin die ungeklärte gesundheitliche Problematik der Gen-Nahrungsmittel. Ein naher Verwandter der Maissorte MON810 war die Sorte MON863. Diese wurde wieder zurückgezogen, weil geheimgehaltene Forschungsergebnisse bekannt geworden sind: Bei Ratten ­wurden Anomalien als Folge des MON863-Verzehrs festgestellt. »Niemand kann uns sicher sagen, dass gentechnisch veränderte Organismen nicht das Agent Orange von morgen werden«, warnt deshalb die Journalistin.

Das Buch ist eine eindringliche Warnung vor der gentechnischen Veränderung von Organismen und deren Patentierung. Nunmehr sind umfangreiche wissenschaftliche Ergebnisse und Hintergründe zum Thema Genmanipulation und Monsanto zugänglich. Hoffentlich noch zur rechten Zeit.

Von Stefan Seidel

Robin, Marie-Monique: Mit Gift und Genen. Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert, DVA, 446 Seiten, ISBN 978-3-421-04392-4, 19,95 Euro

Letzte Meldung: Umweltschützer und Bauern fordern Genmais-Verbot

In diesen Tagen beginnt in Mitteldeutschland die Aussaat von Mais. Foto: privat

In diesen Tagen beginnt in Mitteldeutschland die Aussaat von Mais. Foto: privat

Kurz vor Beginn der Aussaat haben der Deutsche Bauernbund und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) ein Verbot des Genmaises MON810 gefordert. ­Aigner hatte Mitte Februar angekündigt, die Zulassung zu widerrufen, sollten Unternehmen wie der Agrarkonzern Monsanto gegen Auflagen zur Kontrolle des Anbaus im sogenannten Monitoringplan verstoßen haben. Nach ­Angaben des BUND sollte der Plan am 31. März der Bundeslandwirtschaftsministerin zur Prüfung vorgelegt werden.

Bundesweit lägen derzeit Anmeldungen zur Genmais-Aussaat auf 3700 Hektar vor. In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Brandenburg sollen dabei nach BUND-Angaben 98 Prozent des angemeldeten Genmaises ausgesät werden.

(epd)

www.gentechnikfreie-regionen.de

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Ernährung”
  1. Dr. Raabe, Ferdinand sagt:

    Ein mutiges Buch, das offensichtlich auf Gefahrenpotentiale hinweist, gegen ein Weltunternehmen mit extremer medialer Macht. Die wirklichen Schadenspotentiale werden erst nächste Generationen beurteilen können, dann könnte es aber für die jetzt lebenden Menschen zu spät sein. Das hat nichts mit Fortschrittsfeindlichkeit zu tun, wie es manchmal von Gentechnikbefürwortern angeführt wird.