Für alle, die verbittert sind

Barabbas fühlte sich von Gott verlassen – Nachdenken über die Passionsgeschichte

Der freigelassene Barabbas in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhundert. Foto: privat

Der freigelassene Barabbas in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhundert. Foto: privat

Barabbas ist ein harter Mann. Das Leben hat ihn hart gemacht. Seine Mutter starb, als er noch ein kleiner Junge war. Den Vater zwangen sie, für Rom in den Krieg zu ziehen. Barabbas sieht sie noch vor sich, die Legionäre. Der Vater weigert sich, mit ihnen zu gehen. Brutal schlagen sie auf ihn ein. Sie fesseln ihn und führen ihn ab. Der Junge bleibt allein zurück. Niemand tröstet ihn. Verlassen von Gott und der Welt.

Als die Mutter so schwach wurde, betete er, der Herr möge sie gesund machen. Gott hat nicht auf ihn gehört. Als sie den Vater mitgenommen hatten, betete er, der Vater möge bald zurückkommen. Er brauchte ihn doch! Er brauchte doch wenigstens einen Menschen, der ihn liebte. Der Vater ist nie zurückgekommen. Seitdem betet Barabbas nicht mehr. Eines aber macht Barabbas bitter gegen den Herrn: Wenn er sich schon nicht um ihn kümmert, sein erwähltes Volk sollte er nicht so im Stich lassen. Gedemütigt wird es auf Schritt und Tritt von den römischen Besatzern. Das kann Gott doch nicht dulden! Oder wartet er, dass sein Volk selbst zu den Waffen greift?

Barabbas ist bereit zu kämpfen. Er trifft andere, deren Hass auf die Römer ebenso groß ist. Gemeinsam planen sie gezielte Angriffe auf römische Beamte. Sie gehen klug vor. So leicht lassen sie sich nicht erwischen. Aber dann geht es doch schief. So sitzt ­Barabbas also in Haft und hat plötzlich Zeit zum Nachdenken. Nicht mehr viel, das weiß er. Sie werden ihn sicher kreuzigen. Hoffentlich ist es schnell vorbei! Was hat er schon zu verlieren?

Heute haben sie diesen Wanderprediger Jesus verhaftet. Barabbas hat viel von ihm gehört. Er predigt überall vom Reich Gottes und nennt Gott seinen Vater. Die ganze Welt scheint er zu lieben, sogar die Huren und diese fiesen Zöllner, die sich bei den Römern lieb Kind machen. Warum sie dem den Prozess machen, kann Barabbas nicht begreifen. Dieser sanfte Mensch tut doch keiner Fliege etwas zu Leide! Und die Römer vertreibt der auch nicht!

Plötzlich, die Tür des Kerkers wird geöffnet. Barabbas wird Pilatus vorgeführt, und der stellt ihn neben Jesus.

Barabbas traut seinen Ohren nicht: »Welchen wollt ihr, dass ich euch losgebe?« – »Blöde Frage, Jesus natürlich!«, denkt Barabbas. »Dem haben sie doch alle zugejubelt. Und ich bin bei ihnen berüchtigt. Vor mir haben sie Angst.« Doch das Volk brüllt: »Barabbas! Gib uns Barabbas frei!« – »Sind die denn irre? Wieso wollen die, dass ich frei komme?«

Pilatus fragt weiter: »Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem ­gesagt wird, er sei der Messias?« – »Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!«, schreien sie wie wahnsinnig. Barabbas ist einiges gewöhnt, doch diese Wucht von Hass erschüttert ihn. Zum ersten Mal seit dem Weggang seines Vaters empfindet Barabbas so etwas wie Mitleid mit diesem wehrlosen Menschen. Einen Moment lang schauen sich beide an. Was ist das? Er, Barabbas, hat gegen die aufsteigenden Tränen zu kämpfen. Er, der nie geweint hat. Gehasst hat er statt zu ­weinen. Und jetzt, als der Hass einen anderen trifft als ihn, wird er weich. Schnell wendet er sich ab.

Doch er kann den Eindruck nicht auslöschen. Die sanften, traurigen ­Augen des Galiläers haben sich ihm eingeprägt. »Dieser Mensch blickt bis auf den Grund meines Herzens. Und er liebt mich trotzdem!«

Barabbas versteht sich selbst und die Welt nicht mehr. Pilatus lässt ihn frei. Jesus dagegen lässt er geißeln. »Mein Gott, wie kannst du so etwas zulassen?«, denkt Barabbas. »Wie kannst du zulassen, dass er an meiner statt leiden muss?« Die alte Bitterkeit gegen Gott kommt wieder in ihm hoch und mit ihr der Hass. Der Hass auf diese Soldaten und überhaupt auf alle, die diesen unschuldigen Menschen quälen.

Barabbas folgt dem Zug zur Hinrichtungsstätte. Warum, warum nur lässt Gott das zu? Durch Mark und Bein dringt ihm der Schrei des Gekreuzigten: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

Dieser fromme Mensch – von Gott verlassen? Barabbas denkt an die Zeit, als er fast kaputt gegangen wäre vor Kummer, weil er von der Mutter und vom Vater und von Gott verlassen war. Und wieder ist es ihm, als müsste er weinen – weinen über sein eigenes trostloses Leben, weinen über die Ungerechtigkeit, dass dieser Mensch voller Liebe so gehasst und so gequält wird. Einer, der Gott seinen Vater nannte, ist plötzlich von Gott verlassen. Und er, Barabbas, fühlt sich ihm so nahe. Nie wird er vergessen, wie Jesus ihn anschaute. In diesem Blick lag so viel Schmerz – um ihn, ­Barabbas. Und in dem Schmerz fand Barabbas Liebe – die Liebe des Vaters, die Liebe der Mutter, die Liebe Gottes.

Später erst, viel später begreift Barabbas, was an diesem Tag geschehen ist – für ihn, für alle, die sich von Gott verlassen fühlen, für alle, die schuldig sind auf dieser Erde, für alle, die verbitterten Herzens sind.

Brigitte Seifert

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