Beten in der eigenen Sprache

7. April 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Bericht: Die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein hat auch eine selbstständige Kirchenstruktur

Minderheit: Langst finden nicht mehr alle Dänen in Deutschland den Weg in ihre Kirche. Foto: Benjamin Lassiwe

Minderheit: Langst finden nicht mehr alle Dänen in Deutschland den Weg in ihre Kirche. Foto: Benjamin Lassiwe

Ein kleiner Glockenstuhl auf dem Rasen, ein schmiedeeisernes Kreuz an der Hauswand. Davor weht der ­Dannebrog, die Nationalfahne Dänemarks: die dänische Kirche im deutschen Städtchen Leck.

Das Ende der 1950er Jahre gebaute Gemeindezentrum ist die Heimat einer von insgesamt 35 Kirchengemeinden, die heute die »Dansk Kirke i Sydslesvig« bilden. Nach jahrzehntelangen nationalen Konflikten, die im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 und der gemeinsamen Eroberung Schleswigs durch Preußen und Österreicher gipfelten, war die deutsch-dänische Grenze in ihrer heutigen Form nach dem Ersten Weltkrieg festgelegt worden. Auf beiden Seiten bildeten sich Minderheiten: Deutsche in Nordschleswig und Dänen in Südschleswig.

Und es entstanden kirchliche Strukturen, die diesen Verhältnissen Rechnung trugen: In Nordschleswig werden die dort lebenden Deutschen von der mit der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche verbundenen »Nordschleswigschen Gemeinde« sowie vier von der dänischen Volkskirche angestellten deutschen Pfarrern betreut. Südlich der Grenze, von Flensburg bis zum Nord-Ostsee-Kanal, gibt es die vom dänischen Staat und der Volkskirche unterstützte ­»Dänische Kirche von Südschleswig«.

»Natürlich sprechen wir im Gottesdienst dänisch«, sagt der Pastor in Leck, Jörgen Holm. Wenn Pastoren wie Holm oder sein Flensburger Kollege Preben K. Mogensen in ihre Gemeinde blicken, sehen sie den »harten Kern« der landesweit rund 50000 Mitglieder zählenden dänischen Minderheit vor sich. »Wer unsere Gottesdienste besucht, für den ist die dänische Sprache so wichtig, dass er sogar in ihr betet«, sagt Mogensen.

Zwischen sechs und acht Prozent seiner rund 750 Gemeindeglieder begrüßt Mogensen in einem normalen Sonntagsgottesdienst. Damit liegt die Gemeinde deutlich über dem Durchschnitt der EKD und der dänischen Volkskirche, mit einer protestantischen Freikirche allerdings kann sie sich trotz ähnlicher Strukturen nicht vergleichen. »Die dänische Minderheit ist nicht religiöser als der Rest der Bevölkerung«, sagt Mogensen. »Wenn trotzdem mehr Menschen in den ­Gottesdienst kommen, dann liegt das daran, dass sich die Menschen in ­unserer Kirche engagieren, weil sie dänisch ist, und man sich für Anliegen der Minderheit als Teil der Minderheit eben engagiert.« Den dänischen Pastor freut so etwas natürlich. Dennoch: Während früher so gut wie alle Jugendlichen dänischer Schulen zur Konfirmation gingen, sei die Zahl der Konfirmanden heute durchaus »verbesserungsfähig«.

Doch auch mit der Sprache hapert es zuweilen. »Wir haben immer wieder Amtshandlungen in Familien, bei denen Teile der Familie kein Dänisch können«, sagt Hans Parmann, ehemaliger Pfarrer der dänischen Ansgar-Kirche in Schleswig. Schon seit vielen Jahren bemüht sich der Theologe zusammen mit einer Handvoll Mitstreitern deswegen um die deutsche Übersetzung dänischer Kirchenlieder.

Einen Gottesdienst nur mit dänischen Übersetzungen deutscher Lieder kann er sich ebenso wenig vorstellen, wie eine Gemeinde, von der nur ein kleiner Teil überhaupt versteht, was gesungen wird. Zusammen mit einigen Kollegen gründete er daher in den 1970er Jahren die Grundtvig-Werkstatt. Mittlerweile haben die Pastoren mehr als 100 Texte übersetzt und in einem kleinen Buch herausgegeben. »Manches können wir allerdings auch nicht ändern«, sagt Parmann. »Vor Gud han er så fast en borg« – die dänische Version von Martin Luthers »Ein feste Burg ist unser Gott« – kann nicht zusammen mit dem deutschen Text gesungen werden: Die in Dänemark verbreitete Melodie weicht an etlichen Stellen von der deutschen Version ab.

Dennoch ist das zweisprachige Gesangbuch bezeichnend für die gute Zusammenarbeit, die es heute vielerorts zwischen Minderheit und Mehrheit gibt. »Wenn ein neuer Pfarrer zu uns kommt, wird er dem Schleswiger Bischof der Nordelbischen Kirche vorgestellt«, sagt Jytte Nickelsen, die die »Dansk Kirke i Sydslesvig« als Geschäftsführerin leitet. Das geschieht, weil es seit 1968 ein Kirchengesetz gibt, dass die Bestätigung der dänischen Pfarrer durch den Schleswiger Bischof fordert, auch wenn sie weiterhin in Dänemark, bei der Dänischen Seemanns- und Auslandskirche angestellt sind.

Doch auch menschlich steht man sich im Norden nahe. So war der Lutheraner Hans-Christian Knut der erste deutsche Bischof, der beim Kirchentag der dänischen Minderheitenkirche im vergangenen Jahr im Gottesdienst die Predigt hielt – und das auch noch auf Deutsch. »Früher wäre so etwas in der Minderheit undenkbar gewesen, jetzt erhielt Knuth stehenden Applaus«, berichtet Nickelsen.

Doch ein Zusammengehen, etwa der dänischen Minderheitenkirche mit den Nordelbiern, bleibt selbst im Zeitalter protestantischer Fusionitis trotz aller guten Nachbarschaft für den dänischen Pfarrer schlicht undenkbar: »Für uns Dänen ist die eigene Kirche einfach ein Teil der Identität.«

Von Benjamin Lassiwe

Wer über Kenntnisse in einer skandinavischen Sprache verfügt, erhält weitere ­Infos zur Dansk Kirke i Sydslesvig im Internet:

www.kirken.de

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