“Und genau das nenne ich Erpressung!”

30. März 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Interview: Paul Oestreicher zum israelisch-palästinensischen Konflikt und warum Kritik an Israel notwendig ist

Paul Oestreicher, Quelle: epd-bild

Paul Oestreicher, Quelle: epd-bild

Als die Kirchenzeitung vor einigen Wochen einen ­israelkritischen Beitrag Uri ­Avnerys von der israelischen ­Friedensbewegung veröffentlichte, führte das zu kontroversen Leserdiskussionen. Harald Krille sprach darüber mit dem anglikanischen Pfarrer und Versöhnungsaktivisten Paul Oestreicher.

Herr Oestreicher, Kritik an Israel und seiner Politik steht schnell unter dem Generalverdacht des Antisemitismus.

Oestreicher: Diese Behauptung ist eine Form der Erpressung. Israel in eine Schutzzone zu stellen, die kein anderes Land genießt, ist für mich auch eine Form der Diskriminierung Israels. Man muss von Israel ein genauso anständiges Verhalten wie von jedem anderen Staat verlangen. Juden sind nicht besser als andere Menschen und sind nicht schlechter als andere Menschen. In Großbritannien, wo ich lebe, ehrt es mich als Enkel von jüdischen Großeltern, die von den ­Nazis ermordet wurden, dass ich – obwohl ich inzwischen Christ bin – mitarbeiten darf in einem jüdischen Verein mit dem Namen “Juden für Gerechtigkeit für die Palästinenser”. Das ist kein ganz kleiner Verein und der sagt zum Beispiel: Wir müssen Israel kritisieren, weil wir Israel lieben.

Dann gehört dieser Verein zu denjenigen, bei denen der Spiegel- und Tagesspiegelkolumnist Henryk M. Broder jüngst eine spezielle Form des jüdischen Selbsthasses diagnostiziert und sie “jüdische Antisemiten” nennt?

Oestreicher: Und genau das nenne ich Erpressung. Damit will er die Menschen einschüchtern, zum Schweigen bringen. Denn diese Behauptung würde im Umkehrschluss bedeuten: Wer zu Nazizeiten die Politik Adolf Hitlers kritisiert hat, der war antideutsch. Auch das ist eine Lüge.

Manche Christen tun sich schwer mit Kritik an Israel, weil sie das alttestamentliche Bild des “auserwählten Volkes” mit dem heutigen Staat Israel gleichsetzen.

Oestreicher: Theologisch muss man da sicher ganz große Fragezeichen machen. Aber selbst wenn wir annehmen, es stimme, dann frage ich: War Jeremia im Alten Testament ein Prophet Gottes oder ein Antisemit? Er sah, dass sein Volk die Gebote Gottes nicht einhielt und er wetterte dagegen. Ist Uri Avnery, der wirklich einen prophetischen Geist hat, ein Antisemit?

Aber spielt solche Kritik nicht den real existierenden Antisemiten in die Hände?

Oestreicher: Wissen Sie, wenn man die Wahrheit ausspricht, ist es immer so, dass gewisse Gruppen, die man gar nicht leiden kann und gar nicht leiden soll, das aufnehmen und daraus Propaganda machen. Aber darf man sich durch diese Leute einschüchtern lassen, die Wahrheit nicht zu sagen?

Nun gibt es aber Gruppen, die sich zur Vernichtung Israels bekennen, wie dies etwa auch in der Charta der PLO gefordert wird.

Oestreicher: Dass dies in den Grunddokumenten der Widerstandsbewegung der Palästinenser steht, ist kein Wunder. Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels, hat es selbst gesagt: Wenn er ein Palästinenser wäre, würde er auch so denken. Denn um die zionistische Idee durchzusetzen, habe man Dörfer zerstören und Palästinenser vertreiben müssen …

Aber: Die große Mehrheit in der PLO unter Arafat hatte sich längst ­damit abgefunden, dass Israel zu zerstören eben nicht möglich ist. Doch was hat Israel getan? Aus Arafat einen Gefangenen gemacht. So war das palästinensische Volk von der PLO zunehmend enttäuscht und wurde radikalisiert. Eine Frucht davon ist die Hamas. Das ist eine fundamentalistische, extrem brutale Gruppe, daran besteht gar kein Zweifel. Aber die Hamas ist das Produkt israelischer Politik. Man hat zu keinem vernünftigen Kompromiss gefunden, weil ständig in der israelischen Politik rechte Gruppen praktisch ein Vetorecht haben. Nicht nur die Palästinenser sind radikalisiert, auch die israelische Bevölkerung ist radikalisiert.

Manchmal hat man den Eindruck, als litten die Israelis geradezu unter einer Angstneurose?

Oestreicher: Muss ein Volk nicht neurotisch werden, wenn es durch 2000 Jahre ins Exil getrieben und immer wieder gejagt und ermordet wurde? Ich hab es ja als kleines deutsch-jüdisches Flüchtlingskind in Neuseeland erlebt, wie ich auf dem Schulhof gejagt wurde: “Hunts the hun” – “Jagt den Hunnen”, hieß das Spiel. Hunne war das Schimpfwort für Deutsche schon während des Ersten Weltkrieges. Und dann stand ein kleines Mädchen an der Seite, die rief den anderen zu: “Der ist nicht nur deutsch, der ist sogar ein Jude.” Also doppelt verdammt …

Wenn ein Volk so lang verfolgt wird, dann kommen Neurosen hoch. Und Angst erzeugt Wut, Wut erzeugt Hass, Hass erzeugt das, was die Israelis den Palästinensern antun. Und natürlich wird der Hass mit Hass beantwortet und das führt wieder zu noch mehr Hass …

Die Ursachen der Probleme reichen also weit in die Vergangenheit zurück?

Oestreicher: Natürlich, dazu gehören 2000 Jahre schandhafte christliche Verfolgung des jüdischen Volkes. Das ist der Hintergrund zu dieser Tragödie. Wir Christen sind nicht nur schuldig am jüdischen Volk, wir sind damit auch schuldig an dem, was jetzt den Palästinensern geschieht. Ohne den Holocaust, ohne den Massenmord am Judentum, würde es Israel in der Form, wie es heute besteht, gar nicht geben können.

Heute sehen sich die Palästinenser manchmal in der gleichen Rolle wie früher die Juden in Deutschland …

Oestreicher: Israel ist nicht dabei, einen Massenmord an Palästinensern durchzuführen. Man darf also das, was heute in Palästina geschieht, auch wenn es wahnsinnig ungerecht ist, nicht mit Auschwitz vergleichen. Und trotzdem leiden die Palästinenser an Israel. Übrigens: Öffentliche Meinungsumfragen in Israel haben immer wieder gezeigt: Heute reden die meisten – nicht alle – Israelis über Palästinenser genauso, wie die meisten – nicht alle – Deutschen im Jahr 1938, über die Juden geredet haben. Ich musste damals als kleines jüdisches Kind versteckt werden.

Gibt es überhaupt Hoffnung für die beiden Völker?

Oestreicher: Das Wunderbare ist, dass es in beiden Völkern Menschen gibt, die nicht mehr mitmachen. Die sagen: Ohne uns, wir sind nicht bereit, diesen Hass mitzumachen. Das sind natürlich Minderheiten. Aber so ist es immer – die Guten sind meist in der Minderheit. Eines der schönsten Beispiele für mich ist das ­wunderbare “West-Eastern-Divan-Orchestra” von Daniel Barenboim, in dem jüdische und palästinensische Musiker zusammenspielen. Auch ­Barenboim ist kein Antisemit, aber er ist einer der radikalen Kritiker der Politik Israels. Er gehört ebenso wie Uri Avnery und andere zu denen, die ­ihren Mitisraelis sagen: Durch diese Politik zerstört ihr Israel.

Schöne Einzelbeispiele – doch wie kann es politisch weitergehen?

Oestreicher:
Die Politik handelt mit Realitäten. Auch Deutschland hat sich damit abgefunden, dass gewisse Gebiete nicht mehr deutsch sind. Und die Israelis werden sich damit abfinden, dass sie mit einem palästinensischen Staat als Nachbarn leben müssen. Der Schlüssel dazu liegt in Washington. Denn der Staat Israel ist von Amerika abhängig: wirtschaftlich, politisch und sogar psychologisch. Die bedingungslose Unterstützung Israels durch die USA hat ein gut Teil zur jetzigen Tragödie beigetragen. Wenn die amerikanische Politik sich ändern und Amerika zu Israel sagen würde: “So nicht, wir unterstützen das nicht mehr” -, dann würde sich zwangsweise auch die Haltung israelischer Politiker radikal zum Besseren ändern. Darin liegt die politische Lösung.

Was würden Sie den Christen in Mitteldeutschland im Blick auf Israelis und Palästinenser ans Herz legen?

Oestreicher: Wir sollten diese beiden Völker, das eine Volk genau wie das andere, lieben und für beide beten. Und wir sollten uns im Klaren sein: Wenn wir Israel mehr lieben als andere Völker, und wenn wir die Palästinenser weniger lieben als Israel, dann ist das Verrat am Geist des Evangeliums. Und wir tun Israel damit langfristig auch im geistlichen, theologischen Sinn keinen guten Dienst.

Angaben zu Paul Oestreicher:

Paul Oestreicher wurde 1931 in Meiningen (Südthüringen) geboren. 1939 musste seine Familie wegen der jüdischen Abstammung des Vaters Deutschland verlassen. Er wuchs in Neuseeland auf, studierte ­Germanistik und Politische Wissenschaft, wurde 1960 anglikanischer Priester. Später arbeitete er als Domkapitular und Leiter des Ökumenischen Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry. Seit 1998 ist Oestreicher im Ruhestand.

Ergänzung:

Persönlich in Israel erlebt

Paul Oestreicher berichtete am Rande des Interviews von zwei Erlebnissen bei seiner jüngsten Israelreise:

“Ich war bei einer befreundeten jüdischen Familie am Sabbatabend in Jerusalem. Wir saßen um den Tisch und feierten, da kam die Tochter nach Hause, die ihren Armeedienst leistet. Sie stellte das Gewehr in die Ecke, setzte sich an den Tisch und fing bitterlich an zu weinen. Nach dem Essen fragte ich sie, was los sei. Ihre Antwort: ›Weil ich mich schäme, diese Uniform zu tragen. Wenn ich sehe, wie wir zum Teil die Knochen der palästinensischen Kinder brechen … Und trotzdem liebe ich mein Land und will es verteidigen. Aber ich schäme mich.‹

Am nächsten Tag mietete ich ein Auto, um nach Nazareth in Galiläa zu fahren. Und wie das in Israel üblich ist, nahm ich einen Anhalter mit. Ein junger ­Soldat, dessen Ziel auf halbem Wege lag. Ich fragte ihn, ob er auch Dienst tue in Judäa und Samaria, wie die palästinensischen Gebiete in Israel nur ­genannt werden? Ja, sagte er. Und, frage ich unter dem Eindruck des ­Erlebnisses vom Vorabend, wie fühlst du dich? Seine Antwort: ›Ich bin richtig wütend, denn unsere Offiziere erlauben uns nicht, dieses Pack einfach ­niederzuschießen. Wenn jeder von uns jede Woche 20 von denen niederschießen würde, dann wäre das Problem schnell gelöst.‹

Auf meine Frage, was er im Privatleben von Beruf sei, antwortete er, dass er an einem orthodoxen Rabbinerseminar studiert. Ich habe also mit einem Theologiestudenten gesprochen. Diese zwei Erlebnisse nebeneinander ­gestellt, das ist das heutige Israel.”

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