»Viele Menschen beteten für uns«

Foto: Dez Pain (SXC)

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Passionszeit: Menschen erzählen von Leid und schweren Zeiten

Dass eine schwierige Lebensphase keineswegs trostlos sein muss, zeigt die Geschichte von Lydia Holmer. In der Passionszeit stellen wir in einer losen Folge Menschen vor, die Leid erlebt haben.

Ich bin vom Typ her niemand, der sich schwere Gedanken macht. Ich lasse die Dinge an mich rankommen, mache mich nicht schon vorher heiß«, so die Selbsteinschätzung von Johannes Holmer. Als er gemeinsam mit ­seiner Frau im Februar 2007 nach El Salvador reiste, um dort die damals 23-jährige Tochter zu besuchen, ahnte die Familie nicht, welch eine schwere Zeit ihr bevorstand. Lydia Holmer war nach ihrer Ausbildung als Kinderkrankenschwester zunächst nach Schweden gegangen und von dort nach El Salvador, wo sie in einem Kinderheim arbeitete. Ende 2006 bekam sie sehr starke Schmerzen im Bein, konnte nicht mehr sitzen und sich nur unter Mühen bewegen. Zuerst dachten die Ärzte an einen Bandscheibenvorfall. Doch als die junge Frau im April 2007 nach Deutschland zurückkehrte und hier ärztlich untersucht wurde, stand die Diagnose schnell fest: ein Chondrosarkom, ein bösartiger Knochenkrebs.

»Es ist schwer zu beschreiben, was in mir vorging«, erinnert sich ihr Vater. »Es war niederschmetternd, sehr deprimierend.«
Bei der schwierigen Operation musste außer dem Tumor auch ein großer Teil des Beckens ­entfernt und andere körpereigene Knochen verpflanzt werden. Die Ärzte bereiteten die Patientin auf mögliche Komplikationen vor, auch auf das Risiko, den Ischiasnerv zu beschädigen.

Doch trotz der befürchteten Komplikationen und der geringen Heilungschancen war Holmer sicher, dass seine Tochter ihr Schicksal annehmen wird. »Ich wusste, dass sie alles, was kommen würde, aus Gottes Hand nimmt.«
Bei der Operation trat ein, was die Ärzte vorausgesagt hatten. Der ­Ischiasnerv musste bei der Operation mit entfernt werden, so dass das Bein taub ist, der Fuß unbeweglich.

Und auch sonst war der Krankheitsverlauf dramatisch mit vielen Komplikationen, die Chemotherapien eine Tortur. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so heftig kommen würde«, sagt Lydia Holmer. Weil sich die Blutwerte lebensbedrohlich verschlechterten, musste die Chemotherapie voriges Jahr vorzeitig abgebrochen werden. Doch seitdem erholt sich die junge Frau. Bei den regelmäßigen Untersuchungen werden glücklicherweise kei­ne Krebszellen mehr nachgewiesen.

Die 25-Jährige lebt bei ihren Eltern im Pfarrhaus in Bülow (Mecklenburg-Vorpommern), genießt die schöne Umgebung, die Lage am See. Überdies geht es im Pfarrhaus turbulent zu, ­immer ist etwas los, ein Kommen und Gehen, und sie hat teil daran.
Mit den körperlichen Einschränkungen und Schmerzen ist der Alltag freilich beschwerlich. Wenn die junge Frau am Morgen aufwacht, braucht sie ein sehr starkes Schmerzmittel. Bevor dieses seine Wirkung entfaltet, dauert es etwa eine dreiviertel Stunde. Doch wenn die Schmerzen dann gedämpft sind, reitet sie zum Beispiel mit großer Freude ihr Pony, beteiligt sich an den Gesprächen in der Jugendgruppe, trainiert mit der Physiotherapeutin. Lydia Holmer hadert nicht mit ihrem Schicksal. »Ich habe Frieden mit dieser Krankheit«, sagt sie, und fügt hinzu: »Wenn Gott alle unsere Wünsche erfüllen würde, gebe es ein heilloses Durcheinander.«

Der Krebs setzte einen Schlusspunkt unter ihr Engagement in El Salvador, wo sie sich um Waisen und um Kinder aus zerrütteten Familien kümmerte. Auch in ihrem Beruf als Kinderkrankenschwester wird sie nicht mehr arbeiten können. Sie möchte gern eine Ausbildung als Mediadesignerin machen. Zurzeit ist die junge Frau zu einer Rehabilitationskur, von der erhofft sie sich, körperlich stabiler und schmerzfrei zu werden.

»Wir sind sehr dankbar, dass es so ausgegangen ist«, sagt ihr Vater. »Eine Riesenermutigung war, dass in der schwierigsten Zeit viele Menschen für uns beteten. Deshalb haben wir in dieser Zeit gar nicht so leiden müssen. Das war wie ein Wunder. Wir wurden Stück für Stück durchgetragen.« Obwohl die Belastungen und Turbulenzen groß und vielfältig waren, beschreibt die ­Familie diese schwierige Lebensphase als menschlich bereichernd.

Und Lydia Holmer selbst sagt: »Wir haben in dieser Zeit mehr gelacht als vorher.«

Sabine Kuschel

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