“Und genau das nenne ich Erpressung!”

30. März 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Paul Oestreicher zum israelisch-palästinensischen Konflikt und warum Kritik an Israel notwendig ist

Paul Oestreicher, Quelle: epd-bild

Paul Oestreicher, Quelle: epd-bild

Als die Kirchenzeitung vor einigen Wochen einen ­israelkritischen Beitrag Uri ­Avnerys von der israelischen ­Friedensbewegung veröffentlichte, führte das zu kontroversen Leserdiskussionen. Harald Krille sprach darüber mit dem anglikanischen Pfarrer und Versöhnungsaktivisten Paul Oestreicher.

Herr Oestreicher, Kritik an Israel und seiner Politik steht schnell unter dem Generalverdacht des Antisemitismus.

Oestreicher: Diese Behauptung ist eine Form der Erpressung. Israel in eine Schutzzone zu stellen, die kein anderes Land genießt, ist für mich auch eine Form der Diskriminierung Israels. Man muss von Israel ein genauso anständiges Verhalten wie von jedem anderen Staat verlangen. Juden sind nicht besser als andere Menschen und sind nicht schlechter als andere Menschen. In Großbritannien, wo ich lebe, ehrt es mich als Enkel von jüdischen Großeltern, die von den ­Nazis ermordet wurden, dass ich – obwohl ich inzwischen Christ bin – mitarbeiten darf in einem jüdischen Verein mit dem Namen “Juden für Gerechtigkeit für die Palästinenser”. Das ist kein ganz kleiner Verein und der sagt zum Beispiel: Wir müssen Israel kritisieren, weil wir Israel lieben.

Dann gehört dieser Verein zu denjenigen, bei denen der Spiegel- und Tagesspiegelkolumnist Henryk M. Broder jüngst eine spezielle Form des jüdischen Selbsthasses diagnostiziert und sie “jüdische Antisemiten” nennt?

Oestreicher: Und genau das nenne ich Erpressung. Damit will er die Menschen einschüchtern, zum Schweigen bringen. Denn diese Behauptung würde im Umkehrschluss bedeuten: Wer zu Nazizeiten die Politik Adolf Hitlers kritisiert hat, der war antideutsch. Auch das ist eine Lüge.

Manche Christen tun sich schwer mit Kritik an Israel, weil sie das alttestamentliche Bild des “auserwählten Volkes” mit dem heutigen Staat Israel gleichsetzen.

Oestreicher: Theologisch muss man da sicher ganz große Fragezeichen machen. Aber selbst wenn wir annehmen, es stimme, dann frage ich: War Jeremia im Alten Testament ein Prophet Gottes oder ein Antisemit? Er sah, dass sein Volk die Gebote Gottes nicht einhielt und er wetterte dagegen. Ist Uri Avnery, der wirklich einen prophetischen Geist hat, ein Antisemit?

Aber spielt solche Kritik nicht den real existierenden Antisemiten in die Hände?

Oestreicher: Wissen Sie, wenn man die Wahrheit ausspricht, ist es immer so, dass gewisse Gruppen, die man gar nicht leiden kann und gar nicht leiden soll, das aufnehmen und daraus Propaganda machen. Aber darf man sich durch diese Leute einschüchtern lassen, die Wahrheit nicht zu sagen?

Nun gibt es aber Gruppen, die sich zur Vernichtung Israels bekennen, wie dies etwa auch in der Charta der PLO gefordert wird.

Oestreicher: Dass dies in den Grunddokumenten der Widerstandsbewegung der Palästinenser steht, ist kein Wunder. Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels, hat es selbst gesagt: Wenn er ein Palästinenser wäre, würde er auch so denken. Denn um die zionistische Idee durchzusetzen, habe man Dörfer zerstören und Palästinenser vertreiben müssen …

Aber: Die große Mehrheit in der PLO unter Arafat hatte sich längst ­damit abgefunden, dass Israel zu zerstören eben nicht möglich ist. Doch was hat Israel getan? Aus Arafat einen Gefangenen gemacht. So war das palästinensische Volk von der PLO zunehmend enttäuscht und wurde radikalisiert. Eine Frucht davon ist die Hamas. Das ist eine fundamentalistische, extrem brutale Gruppe, daran besteht gar kein Zweifel. Aber die Hamas ist das Produkt israelischer Politik. Man hat zu keinem vernünftigen Kompromiss gefunden, weil ständig in der israelischen Politik rechte Gruppen praktisch ein Vetorecht haben. Nicht nur die Palästinenser sind radikalisiert, auch die israelische Bevölkerung ist radikalisiert.

Manchmal hat man den Eindruck, als litten die Israelis geradezu unter einer Angstneurose?

Oestreicher: Muss ein Volk nicht neurotisch werden, wenn es durch 2000 Jahre ins Exil getrieben und immer wieder gejagt und ermordet wurde? Ich hab es ja als kleines deutsch-jüdisches Flüchtlingskind in Neuseeland erlebt, wie ich auf dem Schulhof gejagt wurde: “Hunts the hun” – “Jagt den Hunnen”, hieß das Spiel. Hunne war das Schimpfwort für Deutsche schon während des Ersten Weltkrieges. Und dann stand ein kleines Mädchen an der Seite, die rief den anderen zu: “Der ist nicht nur deutsch, der ist sogar ein Jude.” Also doppelt verdammt …

Wenn ein Volk so lang verfolgt wird, dann kommen Neurosen hoch. Und Angst erzeugt Wut, Wut erzeugt Hass, Hass erzeugt das, was die Israelis den Palästinensern antun. Und natürlich wird der Hass mit Hass beantwortet und das führt wieder zu noch mehr Hass …

Die Ursachen der Probleme reichen also weit in die Vergangenheit zurück?

Oestreicher: Natürlich, dazu gehören 2000 Jahre schandhafte christliche Verfolgung des jüdischen Volkes. Das ist der Hintergrund zu dieser Tragödie. Wir Christen sind nicht nur schuldig am jüdischen Volk, wir sind damit auch schuldig an dem, was jetzt den Palästinensern geschieht. Ohne den Holocaust, ohne den Massenmord am Judentum, würde es Israel in der Form, wie es heute besteht, gar nicht geben können.

Heute sehen sich die Palästinenser manchmal in der gleichen Rolle wie früher die Juden in Deutschland …

Oestreicher: Israel ist nicht dabei, einen Massenmord an Palästinensern durchzuführen. Man darf also das, was heute in Palästina geschieht, auch wenn es wahnsinnig ungerecht ist, nicht mit Auschwitz vergleichen. Und trotzdem leiden die Palästinenser an Israel. Übrigens: Öffentliche Meinungsumfragen in Israel haben immer wieder gezeigt: Heute reden die meisten – nicht alle – Israelis über Palästinenser genauso, wie die meisten – nicht alle – Deutschen im Jahr 1938, über die Juden geredet haben. Ich musste damals als kleines jüdisches Kind versteckt werden.

Gibt es überhaupt Hoffnung für die beiden Völker?

Oestreicher: Das Wunderbare ist, dass es in beiden Völkern Menschen gibt, die nicht mehr mitmachen. Die sagen: Ohne uns, wir sind nicht bereit, diesen Hass mitzumachen. Das sind natürlich Minderheiten. Aber so ist es immer – die Guten sind meist in der Minderheit. Eines der schönsten Beispiele für mich ist das ­wunderbare “West-Eastern-Divan-Orchestra” von Daniel Barenboim, in dem jüdische und palästinensische Musiker zusammenspielen. Auch ­Barenboim ist kein Antisemit, aber er ist einer der radikalen Kritiker der Politik Israels. Er gehört ebenso wie Uri Avnery und andere zu denen, die ­ihren Mitisraelis sagen: Durch diese Politik zerstört ihr Israel.

Schöne Einzelbeispiele – doch wie kann es politisch weitergehen?

Oestreicher:
Die Politik handelt mit Realitäten. Auch Deutschland hat sich damit abgefunden, dass gewisse Gebiete nicht mehr deutsch sind. Und die Israelis werden sich damit abfinden, dass sie mit einem palästinensischen Staat als Nachbarn leben müssen. Der Schlüssel dazu liegt in Washington. Denn der Staat Israel ist von Amerika abhängig: wirtschaftlich, politisch und sogar psychologisch. Die bedingungslose Unterstützung Israels durch die USA hat ein gut Teil zur jetzigen Tragödie beigetragen. Wenn die amerikanische Politik sich ändern und Amerika zu Israel sagen würde: “So nicht, wir unterstützen das nicht mehr” -, dann würde sich zwangsweise auch die Haltung israelischer Politiker radikal zum Besseren ändern. Darin liegt die politische Lösung.

Was würden Sie den Christen in Mitteldeutschland im Blick auf Israelis und Palästinenser ans Herz legen?

Oestreicher: Wir sollten diese beiden Völker, das eine Volk genau wie das andere, lieben und für beide beten. Und wir sollten uns im Klaren sein: Wenn wir Israel mehr lieben als andere Völker, und wenn wir die Palästinenser weniger lieben als Israel, dann ist das Verrat am Geist des Evangeliums. Und wir tun Israel damit langfristig auch im geistlichen, theologischen Sinn keinen guten Dienst.

Angaben zu Paul Oestreicher:

Paul Oestreicher wurde 1931 in Meiningen (Südthüringen) geboren. 1939 musste seine Familie wegen der jüdischen Abstammung des Vaters Deutschland verlassen. Er wuchs in Neuseeland auf, studierte ­Germanistik und Politische Wissenschaft, wurde 1960 anglikanischer Priester. Später arbeitete er als Domkapitular und Leiter des Ökumenischen Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry. Seit 1998 ist Oestreicher im Ruhestand.

Ergänzung:

Persönlich in Israel erlebt

Paul Oestreicher berichtete am Rande des Interviews von zwei Erlebnissen bei seiner jüngsten Israelreise:

“Ich war bei einer befreundeten jüdischen Familie am Sabbatabend in Jerusalem. Wir saßen um den Tisch und feierten, da kam die Tochter nach Hause, die ihren Armeedienst leistet. Sie stellte das Gewehr in die Ecke, setzte sich an den Tisch und fing bitterlich an zu weinen. Nach dem Essen fragte ich sie, was los sei. Ihre Antwort: ›Weil ich mich schäme, diese Uniform zu tragen. Wenn ich sehe, wie wir zum Teil die Knochen der palästinensischen Kinder brechen … Und trotzdem liebe ich mein Land und will es verteidigen. Aber ich schäme mich.‹

Am nächsten Tag mietete ich ein Auto, um nach Nazareth in Galiläa zu fahren. Und wie das in Israel üblich ist, nahm ich einen Anhalter mit. Ein junger ­Soldat, dessen Ziel auf halbem Wege lag. Ich fragte ihn, ob er auch Dienst tue in Judäa und Samaria, wie die palästinensischen Gebiete in Israel nur ­genannt werden? Ja, sagte er. Und, frage ich unter dem Eindruck des ­Erlebnisses vom Vorabend, wie fühlst du dich? Seine Antwort: ›Ich bin richtig wütend, denn unsere Offiziere erlauben uns nicht, dieses Pack einfach ­niederzuschießen. Wenn jeder von uns jede Woche 20 von denen niederschießen würde, dann wäre das Problem schnell gelöst.‹

Auf meine Frage, was er im Privatleben von Beruf sei, antwortete er, dass er an einem orthodoxen Rabbinerseminar studiert. Ich habe also mit einem Theologiestudenten gesprochen. Diese zwei Erlebnisse nebeneinander ­gestellt, das ist das heutige Israel.”

In einem neuen Leben angekommen – Menschen erzählen von schweren Zeiten

30. März 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Passionszeit stellen wir Menschen vor, die Leid erlebt haben. Jens Hackbarth erzählt, wie eine Krankheit sein Leben veränderte.

Foto von Jens Hackbarth, Quelle: Privat

Foto von Jens Hackbarth, Quelle: Privat

Wenn Jens Hackbarth von jenem einschneidenden Ereignis spricht, welches sein Leben in ein Vorher und ein Danach teilte, macht er keinen Hehl daraus, dass er glaube, Gott hätte dabei seine Hand mit im Spiel gehabt.

Hackbarth arbeitete bei der Sparkasse in Apolda, wie er sagt, in einer Welt der Zahlen und harten Fakten. »Hier war alles geplant, Wohltätigkeit unterlag strengem politischem Kalkül und war ergebnisorientiert.«

Häufig hatte er Kopfschmerzen, die er aber soweit es ging ignorierte. »Die durfte es nicht geben in diesem System des Funktionierens.« In seiner Freizeit trieb er intensiv Sport, joggte und fuhr Rad, forderte von sich immer Höchstleistungen – bis zu jenem Ereignis am 1. Oktober 2002.

Hackbarth war gemeinsam mit seiner Frau Katy nach Rapid City in den USA gereist.

Gewohnt, regelmäßig zu trainieren, stand der damals 36-Jährige früh auf, zog seine Sportsachen an und verließ das Haus. Beim Laufen machte sich wie so oft wieder ein heftiger Kopfschmerz bemerkbar, der sich diesmal nicht verdrängen ließ. Plötzlich spürte Hackbarth in seinem Kopf einen »Knall« und es war, als ob sich ein ­warmer, zunehmend heißer Erguss in seinem Körper ausbreitete. Die Beine wollten ihm ihren Dienst versagen. Er suchte nach irgendeiner Stütze. »Bloß nicht liegen bleiben«, sagte er sich und raffte alle Kräfte zusammen. Irgendwie kam er vorwärts, langsam und taumelnd zwar, aber er erreichte die Wohnung der Freunde, bei denen er und seine Frau zu Gast waren.

Nach etlichen Tagen erwachte er aus der Bewusstlosigkeit. Als er in den Spiegel blickte, sah er an seinem Kopf eine große Narbe. Die Ärzte und seine Frau erzählten ihm, was geschehen war. Während seines Morgenlaufes war in seinem Kopf ein Aneurysma (Erweiterung des Querschnitts von Blutgefäßen) geplatzt und hatte eine Blutung im Gehirn verursacht.

Die Operation hatte Hackbarth gut überstanden, bald stabilisierte sich sein Gesundheitszustand so weit, dass er die Reise nach Deutschland antreten konnte, wo ein umfangreiches Rehabilitationsprogramm begann.

»Ich wollte wieder so werden wie vorher«, sagt er. Es kam sogar der Tag, an dem er seine alte Arbeit in der Sparkasse aufnahm. Doch so sehr sich Hackbarth auch anstrengte, er brachte nicht die Leistung, die von ihm erwartet wurde. Als das Arbeitsverhältnis schließlich vonseiten der Bank beendet wurde, sei er sehr betroffen ­gewesen, sagt er. »Das tat sehr weh.«

Die amerikanischen Freunde waren es, die ihm Mut machten, sich neu zu orientieren. Doch es dauerte eine Zeit lang, bevor Hackbarth einsehen und akzeptieren konnte, dass nichts mehr so sein würde wie früher. Die Krankheit hatte ihn verändert. In ­Gesprächen könne er sich mitunter nicht mehr so artikulieren wie vor der Erkrankung. Er sei schneller erschöpft und die Konzentration lasse eher nach. »Ich reagiere emotionaler, in ­bestimmten Situationen kommen mir die Tränen«, schildert er.

Es war eine schwere Zeit, bis er anerkennen konnte, dass seine Kräfte begrenzt sind. Hackbarth, der bis ­dahin nicht an Gott geglaubt hatte, las viel, auch christliche Bücher und Zeitschriften, in denen er nach Antworten auf seine vielen Fragen suchte. Die amerikanischen Freunde, die Christen sind, vermittelten ihm die Zuversicht, dass sich im Leben eine neue Tür öffnen kann, nachdem eine andere zugeschlagen wurde. Und tatsächlich erschloss sich mit dem Glauben an Gott eine neue Perspektive. Hackbarth nahm an einem Glaubensseminar teil, er ließ sich taufen und absolvierte eine Lektorenausbildung.

Mittlerweile ist er ganz in seinem neuen Leben angekommen, das er viel schöner und lebenswerter findet als sein früheres. In dem gemütlichen Wohnzimmer seiner Apoldaer Wohnung sitzend, erzählt er wie glücklich er ist. »Ich habe so eine nette Familie.« Und er sei froh, dass er den Weg zu Gott gefunden habe.

Er ist invalide, arbeitet an drei ­Tagen pro Woche jeweils drei Stunden in einer privaten Firma, wo er sich um die Buchhaltung kümmert. Dass er nicht mehr so leistungsfähig ist, ­darauf hat er sich eingestellt und tritt entsprechend kürzer. Zählte früher nur die Arbeit, sind heute Gespräche und Begegnungen mit Menschen wichtig. Sein 19-jähriger Sohn habe ihm bescheinigt, dass er ihn als Vater jetzt viel sympathischer finde. Dies sei eines der schönsten Komplimente gewesen, sagte Hackbarth.

Er ist jetzt 43 Jahre alt, seine Frau Katy 42. In diesen Tagen steht ein sehr freudiges Ereignis ins Haus. Die Hackbarths erwarten die Geburt ihres zweiten Kindes.

Sabine Kuschel

»Mannsbilder« verändern sich

30. März 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Studie: Moderne Männer haben mehr Interesse an Religion, Familie und Kindern

Das Männerbild ist in Bewegung, wie eine Studie der kirchlichen Männerarbeit jetzt belegt.

Foto: Richard Dunstan (SXC)

Foto: Richard Dunstan (SXC)

Unter Männern wächst das Interesse an Religion und Familienleben. Das ergab eine bundesweite Studie zum Rollenverständnis von Männern, die die Evangelische Männerarbeit und die Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands (GKMD) unter dem Titel »Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland« jetzt vorstellten. Im Vergleich zu ­einer ähnlichen Studie von 1998 sei »die Verbundenheit der Mitglieder mit ihrer jeweiligen Kirche und die Sympathie von Nichtmitgliedern« stärker geworden, sagte der römisch-katholische Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick.

Die Kirche werde von Männern sowohl als Bewahrerin traditioneller Lebensmodelle als auch als »innovativer Motor für Neues« gesehen. 31 Prozent der bundesweit repräsentativ befragten Männer ­erwarteten von den Kirchen demnach »Unterstützung bei der Neugestaltung ­ihrer Männerrolle«. 1998 waren das lediglich zwölf Prozent.

Insgesamt hat sich das Rollenverständnis der Männer deutlich gewandelt. Mittlerweile befürworten 19 Prozent der Männer eine »gleichberechtigte, partnerschaftliche Arbeitsteilung von beruflichem und familiärem Leben«. Aus Sicht der Autoren der Studie, dem katholischen Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner und dem evangelischen Düsseldorfer Sozialwissenschaftler Rainer Volz, sind das die sogenannten »modernen Männer«.

Traditionelle Männer, die sich als alleinigen Ernährer sehen, gibt es dagegen nicht mehr. In der Studie wird das konservativste Männerbild, dem 27 Prozent der Befragten zustimmen, als »teiltraditionell« bezeichnet: Auch die ursprünglich traditionellen Männer betrachten die ­Berufstätigkeit von Frauen und Müttern nicht mehr als etwas Negatives. Die größte Gruppe jedoch bilden die »Suchenden«, die ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden haben. Ihr ­gehörten 30 Prozent der Befragten an. »Männer sind insgesamt stärker bereit, sich im Haushalt zu engagieren – wenn auch weniger mit Bügeln und eher mehr mit Autowaschen«, resümiert Zulehner.

Eine neue Sicht vermittelt die Studie auch auf das Eheverständnis: Denn die Ehe sei auch für »moderne Männer« kein Auslaufmodell, sagt Zulehner. »Heute ist aber eine partnerschaftliche und keine patriarchale Ehe gefragt.« Zugleich warnte der Theologe aber vor einer »Überromantisierung« der Ehe: Wo Treue und Verpflichtungen zu hoch bewertet würden, wachse die Zerbrechlichkeit einer Beziehung. Die Kirche dagegen sehe sich vor die Aufgabe gestellt, »ein modernes, weil gerechtes und gegenseitige Entfaltung ermöglichendes Verständnis von Ehe und Partnerschaft zu fördern«, so der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber.

Besorgt äußerten sich die Bischöfe und Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) dagegen über einen nach wie vor hohen Anteil an Gewaltbereitschaft unter den Männern. So würden es 48 Prozent der »teiltraditionellen« und 25 Prozent der »modernen Männer« akzeptieren, etwa in der Kindererziehung Gewalt anzuwenden. Der Studie zufolge sind unter ihnen Anhänger der Linkspartei und der rechtsextremen Republikaner deutlich überrepräsentiert. »Der Schlüssel gegen Gewalt sind Erziehung und Bildung«, sagte von der Leyen.

Aus Sicht der Ministerin finden sich noch immer zu wenig Männer dagegen in den Bereichen der Pflege und der Kindererziehung. In Kindertagesstätten arbeiteten zu 97 Prozent Frauen, in der Pflege seien es 85 Prozent, beklagte von der Leyen. »Hier sehe ich eine Chance für die Kirchen, den Weg der Modernisierung zu gehen.« Immerhin gehörten sie zu den größten Trägern sowohl von Pflegeangeboten als auch von Kindertagesstätten.

Von Benjamin Lassiwe
Die komplette 416-seitige Studie kann kostenlos im Internet heruntergeladen werden:

www.ekd.de/download/maennerstudie2009-03-18.pdf

An allen biblischen Orten zu Hause

30. März 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Quelle: www.bobdylan.com

Quelle: www.bobdylan.com

Bob Dylan, einer der bedeutendsten Sänger und Dichter kommt nach Deutschland

Einer der bedeutendsten Sänger und Dichter der vergangenen 50 Jahre kommt wieder nach Deutschland: Bob Dylan. Am 2. April wird er auch ein Konzert in der Erfurter Messehalle geben, und schon jetzt diskutieren seine Fans, welche Stücke der inzwischen knapp 68-jährige »Picasso of Song« darbieten wird – keines seiner Konzerte gleicht dem anderen. ­Eines der meistgespielten Lieder auf seinen beiden letzten Tourneen war sein altersweises Meisterwerk »Ain’t talkin’, just walkin’« von der 2006 veröffentlichten CD »Modern Times«.

In dem Lied, das wie ein Vermächtnis anmutet, erzählt Dylan die Geschichte eines müden, erschöpften Wanderers, der durch eine ebenso »erschöpfte Welt der Leiden« pilgert – eine sparsame Instrumentierung und schleppende, dunkle Moll-Töne unterstreichen die Illusionslosigkeit und den Schmerz. Man habe ihm gesagt, dass Gebete die Kraft haben zu heilen, singt der Sänger, und so bittet er seine Mutter, für ihn zu beten. Er bemühe sich, seinen Nächsten zu lieben und Gutes zu tun, »aber, oh Mutter, es läuft gar nicht gut«. Im menschlichen Herz könne ein »böser Geist« wohnen, und so nähmen Schmerz und Kummer kein Ende.

Neun Minuten dauert dieser Weg, der den Sänger bis zum äußersten Rand der Welt führt. Doch dann, allen Erwartungen zum Trotz und einer Erlösung gleich, der Schlussakkord: aus den Tiefen des irdischen Jammertals aufsteigend zu einem himmlischen A-Dur. Live an der Orgel gespielt – und der Konzertsaal verwandelt sich in eine Kathedrale.

»Wer sagt, dass ich keine himmlische Hilfe bekommen kann?«, fragt Dylan und drückt damit aus, was ihn umtreibt: Es ist die Sehnsucht nach dem Paradies, nach einer anderen, besseren Welt, nach der goldenen Stadt, nach dem himmlischen Jerusalem – in der Hoffnung, dass er »noch rechtzeitig an die Himmelstür klopft, bevor das Tor geschlossen wird«.

Die Religion sei ein »zentrales Thema« für Dylans Kunst, sagt Professor Heinrich Detering. »Kritisches Bewusstsein ist bei Dylan über weite Strecken identisch mit religiösem Bewusstsein – allerdings auf eine höchst eigenwillige Weise«, lautet seine These. Detering ist einer der wenigen deutschen Dylan-Exegeten, die Dylans Religiosität als eigenständiges Thema würdigen. Während in den USA Rabbiner und Theologen diskutieren, ob Dylan nun Jude, Christ, Judenchrist, Agnostiker, Zyniker oder ­alles zusammen sei, wird Dylans Glaube hierzulande weitgehend schamhaft verschwiegen – »als handele es sich um einen Schandfleck«, so der Musikwissenschaftler Richard Klein.

Betrachtet man die über 500 Songs, die der Kandidat für den Literatur-Nobelpreis geschrieben hat, und seine mehr als 50 Alben, lässt sich nicht leugnen: Der 1941 als Shabtai Zisel ben Avraham (so sein jüdischer Name) geborene Bob Dylan hat Zeit seines Lebens mit Einem gerungen: mit Gott. Von seinen Anfängen als junger Folk- und Protestsänger Anfang der 1960er Jahre bis zu seinem Spätwerk sind Gericht und Gnade, Sünde und Erlösung, Heil und Unheil, Himmel und Hölle Dylans zentrale Stoffe. Abraham und der Erzengel ­Gabriel, David und Goliath, Jesus und der Teufel, Verführer und Verführte bevölkern seine Songwelt. Von der Sintflut zur Bergpredigt, vom Garten Eden bis zum Garten Gethsemane, von Armageddon bis Jerusalem – Dylan ist an allen Orten der biblischen Überlieferungen zu Hause. Und das nicht nur in seiner »Born-Again«-Phase, in der er zwischen 1979 und 1981 drei ­Alben mit evangelistischen Texten veröffentlichte.

Ende 1978 hatte sich Dylan der evangelikalen Vineyard-Gemeinde in Kalifornien angeschlossen und sich taufen lassen. Evangelikale Christen versuchen bis heute immer wieder, Dylan für sich zu proklamieren: »Das Urgestein der tiefsinnigen Liedtexte übergab vor 30 Jahren sein Leben ­Jesus. Damit ist er zugleich der wohl bekannteste messianische Jude unserer Zeit«, so das Medienmagazin »Pro« (Januar-Ausgabe).

Doch Dylan selbst haben sie nicht auf ihrer Seite. Der »Rock-Messias« gibt sein Glaubensbekenntnis in »«Ain’t talkin’« preis – sinngemäß übersetzt: »Ich praktiziere einen Glauben, der schon lange abhanden gekommen ist. Es gibt keine Altäre auf diesem langen und einsamen Weg.«

Dylan gehöre zweifelsohne einer Religion an, meint der jüdische Dylan-Experte Jay Michaelson. Diese ­Religion sei eine, die über das Leiden und die Sünde Bescheid wisse und in der ein bekennender Sünder der wahre Heilige sei. Und so darf man ­gespannt sein, welchen weiteren Weg der rastlose Prophet und Pilger Dylan gehen wird – noch in diesem Frühjahr soll Gerüchten zufolge ein neues Album erscheinen.

Uwe von Seltmann

Bach singen ist eine Freude

12. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Foto: Matthew Ziegelbaum

Foto: Matthew Ziegelbaum

Katherine Brucker, US-Generalkonsulin für Mitteldeutschland ist begeisterte Chorsängerin im Leipziger Oratorienchor. Über ihre Leidenschaft für Musik sprach sie mit Matthias Caffier.

Woher stammt Ihre Leidenschaft für den Chorgesang?
Brucker:
Bereits als zehnjähriges Kind habe ich in St. Louis an musikalischen Aufführungen mitgewirkt; so habe ich z. B. die Mary Poppins gesungen. Zwei Jahre später begann ich mit dem Chorgesang in einem Schulchor. Das war wunderschön. Dort durfte ich zum ersten Mal Händels »Messias« mitsingen. Von da ab habe ich ständig in Chören mitgewirkt, an der Universität, später in einem Choralchor in Baton Rouge. Nach beruflich bedingten kurzen Pausen, begann ich 1996 wieder in Bonn in der Bach-Gemeinschaft mitzusingen, war anschließend aktives Mitglied der Bachgemeinde Wien und seit ich im Herbst 2008 meine Tätigkeit in Leipzig aufnahm, bin ich Mitglied des Leipziger Oratorienchores.

Stimmt mein Eindruck, dass Ihre ­besondere Vorliebe der Musik von Johann Sebastian Bach gilt?
Brucker:
Ja, und zwar deshalb, weil ich schon so viel Johann Sebastian Bach gesungen habe und es immer wieder gern tue. Er hat einfach wunderschöne Chorwerke geschrieben.
Aber ich singe natürlich auch gern Mozart, Verdi und Mendelssohn.

Bei der Auswahl an guten Chören, die es in Leipzig gibt, haben Sie sich gezielt für den Leipziger Oratorienchor (LOC) entschieden. Warum?
Brucker:
Als musikalische Autodidaktin bin ich nicht so gut, dass ich in einem Profi-Chor mitsingen kann. Deshalb suchte ich nach einem Chor, wo neben der Qualität vor allem die Leidenschaft der Sängerinnen und Sänger zu spüren ist. Und nach meinen Recherchen im Internet, die ich noch von Washington aus unternahm, war mir ziemlich klar, dass der LOC zu mir passt und ich habe gehofft, auch ich zu ihm.

Seit einem halben Jahr singen Sie im LOC mit; hat der Chor Ihre Erwartungen erfüllt?
Brucker:
Ja, unbedingt. Mir scheint, dass viele Sängerinnen und Sänger das Repertoire des Chores schon gut beherrschen, man also nicht so viel Zeit zum Einstudieren der Werke verwenden muss. Und dann gibt es wirklich sehr versierte Sänger, die die Neuen einfach mitziehen. Also ich singe sehr gern in diesem Chor mit und bin hier eine ganz normale Chorsängerin.

Zurzeit studieren Sie mit dem Chor unter Leitung von Martin Krumbiegel Bachs »Matthäus-Passion« ein; was ist für Sie das Besondere daran?
Brucker:
Ich bin keine Musikwissenschaftlerin; aber dieses Werk Bachs ist sicher eine der anspruchsvollsten und schönsten Passionsmusiken des Thomaskantors. Man spürt Bachs Leidenschaft in der Partitur und es ist für mich einfach eine Freude, diese schöne Musik singen zu dürfen.

Am 21. März, 17 Uhr wird die »Matthäus-Passion« mit dem Leipziger Oratorienchor, Capella Fidicina Leipzig, in der Leipziger Kirche Zum Heiligen Kreuz aufgeführt.

»Viele Menschen beteten für uns«

12. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Foto: Dez Pain (SXC)

Foto: Dez Pain (SXC)

Passionszeit: Menschen erzählen von Leid und schweren Zeiten

Dass eine schwierige Lebensphase keineswegs trostlos sein muss, zeigt die Geschichte von Lydia Holmer. In der Passionszeit stellen wir in einer losen Folge Menschen vor, die Leid erlebt haben.

Ich bin vom Typ her niemand, der sich schwere Gedanken macht. Ich lasse die Dinge an mich rankommen, mache mich nicht schon vorher heiß«, so die Selbsteinschätzung von Johannes Holmer. Als er gemeinsam mit ­seiner Frau im Februar 2007 nach El Salvador reiste, um dort die damals 23-jährige Tochter zu besuchen, ahnte die Familie nicht, welch eine schwere Zeit ihr bevorstand. Lydia Holmer war nach ihrer Ausbildung als Kinderkrankenschwester zunächst nach Schweden gegangen und von dort nach El Salvador, wo sie in einem Kinderheim arbeitete. Ende 2006 bekam sie sehr starke Schmerzen im Bein, konnte nicht mehr sitzen und sich nur unter Mühen bewegen. Zuerst dachten die Ärzte an einen Bandscheibenvorfall. Doch als die junge Frau im April 2007 nach Deutschland zurückkehrte und hier ärztlich untersucht wurde, stand die Diagnose schnell fest: ein Chondrosarkom, ein bösartiger Knochenkrebs.

»Es ist schwer zu beschreiben, was in mir vorging«, erinnert sich ihr Vater. »Es war niederschmetternd, sehr deprimierend.«
Bei der schwierigen Operation musste außer dem Tumor auch ein großer Teil des Beckens ­entfernt und andere körpereigene Knochen verpflanzt werden. Die Ärzte bereiteten die Patientin auf mögliche Komplikationen vor, auch auf das Risiko, den Ischiasnerv zu beschädigen.

Doch trotz der befürchteten Komplikationen und der geringen Heilungschancen war Holmer sicher, dass seine Tochter ihr Schicksal annehmen wird. »Ich wusste, dass sie alles, was kommen würde, aus Gottes Hand nimmt.«
Bei der Operation trat ein, was die Ärzte vorausgesagt hatten. Der ­Ischiasnerv musste bei der Operation mit entfernt werden, so dass das Bein taub ist, der Fuß unbeweglich.

Und auch sonst war der Krankheitsverlauf dramatisch mit vielen Komplikationen, die Chemotherapien eine Tortur. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so heftig kommen würde«, sagt Lydia Holmer. Weil sich die Blutwerte lebensbedrohlich verschlechterten, musste die Chemotherapie voriges Jahr vorzeitig abgebrochen werden. Doch seitdem erholt sich die junge Frau. Bei den regelmäßigen Untersuchungen werden glücklicherweise kei­ne Krebszellen mehr nachgewiesen.

Die 25-Jährige lebt bei ihren Eltern im Pfarrhaus in Bülow (Mecklenburg-Vorpommern), genießt die schöne Umgebung, die Lage am See. Überdies geht es im Pfarrhaus turbulent zu, ­immer ist etwas los, ein Kommen und Gehen, und sie hat teil daran.
Mit den körperlichen Einschränkungen und Schmerzen ist der Alltag freilich beschwerlich. Wenn die junge Frau am Morgen aufwacht, braucht sie ein sehr starkes Schmerzmittel. Bevor dieses seine Wirkung entfaltet, dauert es etwa eine dreiviertel Stunde. Doch wenn die Schmerzen dann gedämpft sind, reitet sie zum Beispiel mit großer Freude ihr Pony, beteiligt sich an den Gesprächen in der Jugendgruppe, trainiert mit der Physiotherapeutin. Lydia Holmer hadert nicht mit ihrem Schicksal. »Ich habe Frieden mit dieser Krankheit«, sagt sie, und fügt hinzu: »Wenn Gott alle unsere Wünsche erfüllen würde, gebe es ein heilloses Durcheinander.«

Der Krebs setzte einen Schlusspunkt unter ihr Engagement in El Salvador, wo sie sich um Waisen und um Kinder aus zerrütteten Familien kümmerte. Auch in ihrem Beruf als Kinderkrankenschwester wird sie nicht mehr arbeiten können. Sie möchte gern eine Ausbildung als Mediadesignerin machen. Zurzeit ist die junge Frau zu einer Rehabilitationskur, von der erhofft sie sich, körperlich stabiler und schmerzfrei zu werden.

»Wir sind sehr dankbar, dass es so ausgegangen ist«, sagt ihr Vater. »Eine Riesenermutigung war, dass in der schwierigsten Zeit viele Menschen für uns beteten. Deshalb haben wir in dieser Zeit gar nicht so leiden müssen. Das war wie ein Wunder. Wir wurden Stück für Stück durchgetragen.« Obwohl die Belastungen und Turbulenzen groß und vielfältig waren, beschreibt die ­Familie diese schwierige Lebensphase als menschlich bereichernd.

Und Lydia Holmer selbst sagt: »Wir haben in dieser Zeit mehr gelacht als vorher.«

Sabine Kuschel

Besonders beliebt ist der Chor

12. März 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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In der kleinen Kirche am Hafen von Puerto del Carmen auf Lanzarote wird samstags deutschsprachiger Gottesdienst gehalten. Foto: Ilsemarie Straub-Klein

In der kleinen Kirche am Hafen von Puerto del Carmen auf Lanzarote wird samstags deutschsprachiger Gottesdienst gehalten. Foto: Ilsemarie Straub-Klein

Als Ruhestandspfarrer auf der Vulkaninsel Lanzarote – Deutsche Gemeinde auch für Flüchtlinge aktiv

Die vor der Küste Marokkos liegende Inselgruppe der ­Kanaren erfreut sich ­zunehmender Beliebtheit bei Deutschen Touristen. Mehrere Tausend leben ständig auf der Insel.

Das Thermometer zeigt 15 Grad, und es weht ein leichter Wind. Normales Winterwetter auf der kanarischen Insel Lanzarote und ideal für einen Gottesdienst am Samstag Nachmittag in der kleinen katholischen Kirche am Hafen von Puerto del Carmen. Pastorin Thurid Poerksen ist dann auch mit der Anzahl der deutschsprachigen evangelischen Besucher zufrieden. In den heißen Monaten erhebt sich dagegen kaum einer aus seinem Liegestuhl, um in die Kirche zu kommen. Da ruhen dann die meisten Gemeindeaktivitäten.

Im spanischen Winter dagegen kommt ein Im spanischen Winter dagegen kommt einStamm von 25 bis 30 Deutschen in die Kirche von Puerto del Carmen. Weitere Gottesdienste werden sonntags am Mittag in der katholischen Kirche in Playa Blanca und nachmittags im Nachbarschaftshaus Avecost im Costa Teguise gehalten. Den Vertrag mit der EKD schloss Pastor Arend Bertzbach. Aus steuerlichen Gründen, wie er sagt. Denn seine Frau Thurid hat noch nicht das Ruhestandsalter erreicht. Für die Betreuung der Urlauber und der hier lebenden Deutschen ist auf Lanzarote keine ständige Stelle eingerichtet. Vielmehr kümmern sich pensionierte Geistliche um die seelsorgerlichen Belange. Das ist für die EKD bezahlbar. Für Lanzarote erhalten sie neben der Pension für Ruheständler noch eine Aufwandsentschädigung von 500 Euro sowie Wohnung und Auto gestellt.

Arend Bertzbach hatte sich in seiner Heimatgemeinde Bremen stark auf sozialem Gebiet engagiert. Dann musste er aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten. Nach der Grenzöffnung übernahm das Ehepaar eine neue Aufgabe in Saßnitz auf Rügen. Als sich Thurid Poerksen dann mit 60 Jahren pensionieren ließ, suchte das Pastorenehepaar nach einer neuen Herausforderung – auf liebsten auf einer Insel im Süden. 2006 zogen sie nach Lanzarote um.

Neue Aufgabe gesucht – am liebsten im Süden
Die Aufgaben teilten sie von Anfang an. Bertzbach engagierte sich für musikalisches Gotteslob, begleitet die Lieder im Gottesdienst und gründete einen Chor. Der wird sehr gut angenommen – auch von Jüngeren und solchen Deutschsprachigen, die wenig in die Kirche gehen. Seine Frau ist eine leidenschaftliche Predigerin.
Auf der Vulkaninsel im Atlantik fühlen sie sich sehr wohl. Mit vielen Deutschen, die hier ständig oder auch nur zeitweise wohnen, haben sie ein freundschaftliches Verhältnis. Sie um­armen sich, wenn sie sich treffen. Das »Du« ist selbstverständlich. So sind sie auch über die privaten Belange informiert, und manchmal wird dann zum Beginn des Gottesdienste bekannt gegeben, wer und aus welchen Gründen heute nicht dabei sein kann.

An ihrem Fahrzeug steht »Tourismuspfarramt«. Die Seelsorger gehen aber nicht an die Strände, um dort zu »missionieren« oder Freiluftgottesdienst zu halten. »Reiseleiter und große Hotels sind von unserem Angebot unterrichtet«, sagt Poerksen, »und wer kirchlich eingestellt ist, findet auch im Urlaub zu uns.« Dazu gehören auch die wöchentlichen Bibelstunden im Pfarrhaus. Hier wird der Predigttext des Sonntags bearbeitet und gründlich darüber diskutiert.
Nach Schätzungen leben 7000 bis 8000 Deutsche ständig auf Lanzarote. Zu den Senioren gesellen sich die jüngeren deutschsprachigen Dienstleister, die im Hotelgewerbe arbeiten oder sich selbständig mach­ten. Unter den jährlich 437000 Lanzarote-Touristen nehmen die Deutschen den zweiten Platz ein.

Sorgen bereitet den Geistlichen die zunehmende Vereinsamung der älteren Menschen. Sie leben seit vielen Jahren auf der Insel und haben ihre Kontakte nach Deutschland abgebrochen. Stirbt nun der Ehepartner und benötigen sie Hilfe, können sie diese auf Lanzarote mangels Sprachkenntnissen oft nicht in Anspruch nehmen. Ein Seniorenheim für Deutsche gibt es nicht. Bertzbach und Poerksen plädieren daher für den Bau eines Mehrgenerationenhauses auf der Insel. Und fordern die Residenten auf, es ihnen gleich zu tun und unbedingt Spanischkurse zu belegen.

Herausgefordert von der Flüchtlingsproblematik
Eigentlich endet die Amtszeit der beiden Geistlichen in diesem Jahr. Auf Antrag der Gemeindeglieder haben sie jedoch noch eine einjährige Verlängerung bewilligt bekommen, damit Begonnenes nicht wieder zum Erliegen kommt. Denn für die Pastoren ist das soziale Engagement besonders wichtig. Mit einem Kreis von Gleichgesinnten setzen sie sich für die Hilfe der Flüchtlinge ein, die vor allem aus dem nahen Mauretanien kommen, in dem Hunger herrscht.

Die Gruppe um die deutschen Seelsorger sucht nicht nur das Gespräch mit ihnen, sondern sammelt auch Nahrungsmittel. Vor jedem Gottesdienst werden Reis, Nudeln und andere haltbare Waren vor dem Altar gesammelt und später von der Hauptstadt Arrecife aus nach Afrika verschifft. Dabei setzen sie sich auch für eine Änderung des EU-Asylrechts ein, damit die angelandeten Afrikaner eine Zukunft haben und ihre Angehörigen in der Heimat unterstützen können.

Ilsemarie Straub-Klein

Kontakt: Arend Bertzbach und Thurid ­Poerksen, Calle Princesa Teguise 46, E-35310 Puerto del Carmen (Insel Lanzarote), Telefon und Fax 0034-928-511600.

Zwei Seiten einer Medaille

Glaube und Wissenschaft: Die Quantenphysik bietet neue Denkansätze – auch für den Glauben

Wie einst im Mittelalter der Mensch zu einem neuen Weltbild fand, sehen manche Physiker die Wissenschaft erneut vor einem Durchbruch zu einem neuen Weltbild. Die Abbildung im Stile eines mittelalterlichen Holzschnittes stammt allerdings aus dem Jahr 1888. Repro: akg-images

Wie einst im Mittelalter der Mensch zu einem neuen Weltbild fand, sehen manche Physiker die Wissenschaft erneut vor einem Durchbruch zu einem neuen Weltbild. Die Abbildung im Stile eines mittelalterlichen Holzschnittes stammt allerdings aus dem Jahr 1888. Repro: akg-images

Die kontroverse Diskussion um Evolution und/oder Schöpfung zeigt, wie schwer das Gespräch zwischen ­Religion und Wissenschaft ­zumindest in der Biologie ist. Anders sieht es im Bereich der Physik aus, insbesondere der Quantenphysik.

Kann die Wissenschaft einen Brückenschlag zur Religion anbieten? Diese Frage haben sich bereits Generationen von Naturwissenschaftlern und Philosophen ergebnislos gestellt. Neueste Ergebnisse aus der modernen Quantenphysik lassen jedoch darauf schließen, dass menschliches Bewusstsein auch außerhalb des Körpers existiert, was wiederum ein Hinweis auf eine unsterbliche Seele ist. Führende Physiker sprechen von einem Paradigmenwechsel, der unser Weltbild bereits in den nächsten Jahren von Grund auf ­revolutionieren könnte.

»Du kannst nicht von Gott reden, weil Gott eigentlich das Ganze ist. Und wenn er das Ganze ist, dann schließt es Dich mit ein.« Dieses Zitat stammt von keinem Theologen, sondern von dem ­Physiker Professor Dr. Hans-Peter Dürr, einem Schüler des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg. Dürr, der langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München war, zieht heute Bilanz über die Ergebnisse der modernen Quantenphysik und die daraus resultierenden Konsequenzen für unser gesamtes Weltbild. »Was wir Diesseits nennen, ist im Grunde die Schlacke, die Materie, also das, was greifbar ist. Das Jenseits ist alles Übrige, die umfassende Wirklichkeit, das viel Größere«, zeigt er sich überzeugt.

Die Basis für die atemberaubende These liefert das quantenphysikalische Phänomen der Verschränkung. Bereits Albert Einstein ist auf diesen seltsamen Effekt gestoßen, hat ihn aber als »spukhafte Fernwirkung« später zu den Akten gelegt. Das Verschränkungsprinzip besagt Folgendes: Ändert ein Teilchen seinen Zustand, so erfolgt diese Änderung wie durch Geisterhand zum exakt gleichen Zeitpunkt auch bei dem anderen mit ihm verschränkten Teilchen. Diese Verschränkung bleibt auch dann erhalten, wenn die Wechselwirkung weit in der Vergangenheit stattgefunden hat und die beiden Teilchen weit voneinander entfernt sind. Wissenschaftler gehen seit kurzem davon aus, dass große Teile des Universums seit dem kosmischen Urknall vor 13,7 Milliarden miteinander verschränkt sind.

Diese fundamentale Eigenschaft des Universums hat wiederum dramatische Auswirkungen auf jedes einzelne Individuum. Das liegt daran, dass der menschliche Körper aus Organen, Zellen und ­Molekülen besteht, die ihrerseits von atomaren Teilchen gebildet werden. Da diese Teile auch Wellencharakter haben, lässt sich wiederum folgern, dass auch unser Gehirn über Welleneigenschaften verfügt. Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass Teile der belebten und der unbelebten Welt miteinander verschränkt sind und auf subtile Weise miteinander kommunizieren.

Ein Physikerteam aus Genf unter der Leitung von Professor Nicolas Gisin hat im August 2008 erstmals die Geschwindigkeit des Informationsaustausches zweier miteinander verschränkter Teilchen messen können. In einer komplizierten Berechnung kamen sie zu dem Ergebnis, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit der »spukhaften Fernwirkung« mindestens 100000 Mal größer sein muss als die Lichtgeschwindigkeit. Demnach scheint sich die Theorie zu bestätigen, dass die »wahre« Ausbreitung der Information unendlich schnell – also simultan ­erfolgt.

Tief beeindruckt zeigte sich der englische Quantenphysiker Terence Graham Rudolph vom Londoner Imperial College. Die Nachricht aus Genf kommentierte er wie folgt: »Das Ergebnis zeigt, dass in der Quantenmechanik das in unserer Vorstellungskraft herrschende Raum-Zeit-Gefüge überschritten wird.« Mit anderen Worten: Die Konsequenzen des ­Versuches könnten die Fugen unseres Weltbildes nicht minder dramatisch erschüttern wie zur Zeit der kopernikanischen Wende. So wird bereits darüber spekuliert, dass das Verschränkungsprinzip der Quantenphysik eine Pionierbrücke zwischen der Wissenschaft und der Spiritualität schlagen könnte.
Für den amerikanischen theoretischen Physiker Jack Sarfatti ist die Quantenverschränkung der Beweis dafür, dass Geist und Seele den Körper überdauern können. Der 1939 in New York geborene Wissenschaftler hat sich auch als Autor von populären Werken über Quantenphysik und Bewusstsein einen Namen gemacht. Sarfatti ist davon überzeugt, dass das Paradigma, welches Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften trennt, in Kürze zusammen­brechen wird. »Nichts geschieht im menschlichen Bewusstsein, ohne dass irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere eigene kleine Festplatte, sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert«, lautet sein Credo.
Sollten sich die Theorien der Quantenphysiker in weiteren Versuchen bestätigen, dann würden sich auch Naturwissenschaft und Religion fortan nicht mehr als Gegensätze gegenüberstehen. Vielmehr könnten sie sich komplementär ergänzen – geradewegs wie die zwei Seiten ein und derselben Münze.

Rolf Froböse

Zum Autor:
Rolf Froböse, studierte Chemie in Göttingen. Nach seiner Promotion 1977 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Gmelin-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Frankfurt am Main. Später war er unter anderem deutscher Korrespondent der NASA sowie Redakteur bei Wissenschaftszeitungen. Seit 1995 ist Froböse freier Wissenschaftsjournalist und Buchautor. In seinem – kontrovers diskutierten – Buch führt er die obigen Gedanken weiter aus:
Froböse, Rolf: Die geheime Physik des Zufalls. Quantenphänomene und Schicksal. Kann die Quantenphysik paranormale Phänomene erklären?«, Edition BoD, 128 Seiten, ISBN 978-3-8334-7420-0, 14,90 Euro

Du bestimmst selbst, wer dich anfassen darf

4. März 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: Kat Callard (SXC)

Foto: Kat Callard (SXC)

Sexueller Missbrauch: Prävention für Jugendliche, die flügge werden

Wie können Kinder und ­Jugendliche vor sexuellem Missbrauch geschützt ­werden? In einer zweiteiligen Serie stellen wir Tipps und Erfahrungen vor. Während es im ersten Teil um kleinere Kinder ging, widmet sich dieser Beitrag den Teenagern.

Aus dem Gröbsten raus« sind Kinder für viele Nicht-Eltern ab den höheren Grundschulklassen. Alt genug, alleine unterwegs zu sein. Aufgeklärt und selbstsicher seien sie, heißt es. Aber wer mit Eltern spricht, hört von Töchtern, die sich mit elf Jahren schon »zu fett« finden. Von Streit zwischen 13-Jährigen mit Ausdrücken, die hier nicht wiedergegeben werden können. Von Internetsucht und Lehrstellenmangel, Drogen im Freundeskreis und schwieriger ­erster Liebe.

»Aus dem Gröbsten raus« hatte man sich anders vorgestellt. ­»Sexuellem Missbrauch vorbeugen« ist da nur ein Anliegen von Dutzenden, und zahlreiche Teenies wollen von Mama, Papa, Oma und Opa sowieso keine Tipps hören. Viele lesen auch lieber entsprechende Zeitschriften, als dem Biolehrer zuzuhören. Gerne nutzen Eltern wie Lehrer darum die Angebote von Fachleuten wie Polizei oder Psychologen, Jugendämter, Kinderschutzbund.

Tipp 1: Eltern müssen die Welt der Kinder kennenlernen
Für den Alltag zu Hause gilt: »Zeigen Sie Interesse an Ihrem Kind, lernen Sie seine Freunde kennen und sammeln Sie Wissen über seine Welt«, rät Hauptkommissarin Birgit Horländer. Sie ist beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg für Vorbeugung zuständig und empfiehlt unter anderem, dass Eltern sich mit dem Internet vertraut machen sollten. »Ohne geht es heute nun mal nicht mehr«, sagt die Hauptkommissarin. Mit dem weltweiten Netz haben Gefahren ins Kinderzimmer Einzug gehalten, die Eltern kennen sollten.

Tipp 2: Kinder stark machen gegen Internet-Täter
Murat aus Asbach-Bäumenheim war 15, als er in einem Internet-Chatroom zwei Männer kennenlernte. Der Junge traf die beiden 2004 an einem Bahnhof. Gemeinsam fuhren alle in den Wald, wo die Männer den Jugendlichen misshandelten und ermordeten. Natürlich ist das ein Extremfall, doch die Polizei warnt vor Chatrooms: ­Pädophile und psychisch gestörte Menschen tummeln sich in vielen, ­belästigen andere Nutzer und tun Schlimmeres. Erwachsene, die sich in Jugend-Chatrooms bewegen, versuchen immer wieder, dort sexuelle Kontakte zu Kindern oder Jugendlichen anzubahnen. Sie erfinden sich eine neue Identität, tun so, als seien sie selbst noch Schüler. Lassen sich die jugendlichen virtuellen Brieffreunde dann auf ein Treffen im echten Leben ein, schweben sie in großer Gefahr. Darum, meinen Experten, sollten Eltern erste Besuche der Kinder im Chatroom begleiten. Erwachsene müssen darauf achten, wo ihre Kinder sich bewegen, mit wem sie kommunizieren und was sie von sich preisgeben. »Alter, Adresse, Telefonnummer, Angaben zu Kleidergröße und Ähnliches haben weder in Schülerverzeichnissen im Netz noch beim Chatten etwas zu suchen«, sagt Birgit Horländer. Kommunikative junge Menschen finden inzwischen übrigens zahlreiche Chatrooms und Foren, die als relativ sicher gelten. Bei einigen müssen Eltern ihren Kindern die Teilnahme schriftlich erlauben,
oft verfolgen Moderatoren die virtuellen Gespräche und greifen im Ernst-
fall ein.

Tipp 3: Am besten in Gemeinschaft ausgehen
Soll man den Kindern Disconächte einfach verbieten? Damit ist es spätestens vorüber, sobald ein junger Erwachsener auszieht. Polizei und Experten empfehlen Eltern, im Rahmen der Jugendschutzbestimmungen den Jugendlichen das Ausgehen zu erlauben, am besten in Gemeinschaft mit anderen, den Eltern bekannten jungen Leuten. »Mit wem du losziehst, mit dem kehrst du auch wieder zurück!« Das ist eine bewährte Regel.

So schützen sich Jugendliche
Junge Frauen dürfen gerne zu zweit auf die Toilette gehen – so haben dort lauernde mögliche Täter keine Chance.
Ein »Nein« ist zu jedem Zeitpunkt erlaubt. Wer einen Drink spendiert oder einen Kuss bekommen hat, darf noch lange nicht mehr einfordern.

Wer bedrängt wird, darf sich wehren und um Hilfe rufen.
Jugendliche sollen aufpassen, dass ihnen niemand etwas in Getränke hineinschüttet.
Niemand sollte allein durchs Dunkel laufen müssen. In Gruppen gehen schützt, ein Taxi rufen oft auch. Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs bieten in vielen Städten, sogenannte »Frauen-Nacht-Taxis« zum ermäßigten Preis an.
Wer sich selbst gut schützen will, muss Situationen schnell erfassen und sich wehren können. Darum: ­wenig Alkohol und keine Drogen.

Missbrauch passiert auch älteren Erwachsenen: bei Überfällen, unter vermeintlichen Freunden, in der Ehe. Umso wichtiger ist es, dass Eltern wie Großeltern ihrem Nachwuchs von Anfang an klarmachen: »Dein Körper ist gut und wertvoll. Du bestimmst, wer außer dir ihn anfassen darf. Und wenn dir jemand zu nahe tritt, darfst du dich jederzeit wehren und Hilfe holen – ein Leben lang.«

Petra Plaum

Eine Geschichte der Suche

4. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die Hauptdarsteller Alexander Beyer und Annika Blendl am Eingang der Dresdner Schifferkirche »Maria am Wasser« vor der Deutschlandpremiere des gleichnamigen Films in dieser Kirche. Foto: Steffen Giersch

Die Hauptdarsteller Alexander Beyer und Annika Blendl am Eingang der Dresdner Schifferkirche »Maria am Wasser« vor der Deutschlandpremiere des gleichnamigen Films in dieser Kirche. Foto: Steffen Giersch

Die Zeit scheint seit 20 Jahren stehen geblieben zu sein in dem winzigen Nest an der Elbe. »Maria am Wasser« heißt seine Kirche, »Frohe Zukunft« das Waisenhaus auf der anderen Seite des Flusses, in dem noch die Bilder aus DDR-Zeiten an den Wänden hängen. Und Maria (Marie Gruber) heißt auch dessen Leiterin. Alles ist düster, die Kirche verfallen, ihre Orgel kaputt. Der Pfarrer Conrad (Falk Rockstroh) mag sie seit langem nicht mehr spielen. Der Schäfer Hannes (Hermann Beyer) hat sich dem ­Alkohol ergeben, kann nicht mehr klar denken – nur noch schreiben, die Chronik des Dorfes.

Und da kommt plötzlich ein junger Mann, der sich als Marias Sohn ausgibt, den aber keiner erkennen will. Zu sehr erinnert er alle an ein dunkles Kapitel: Das Unglück auf der Elbe, als die Kinder des Waisenhauses mit einem Schwimmpanzer untergingen. Der junge Mann, Markus Lenz (Alexander Beyer) heißt er, will die Orgel der Kirche wieder reparieren. Und er will seine Vergangenheit finden. Denn er war vor 20 Jahren auch auf dem Panzer. Doch er hat das Unglück benutzt, um der strengen Zucht seiner Heimleiter-Mutter zu entkommen.

Es ist wie ein Märchen, das Regisseur und Drehbuchautor Thomas Wendrich in seinem ersten längeren Spielfilm erzählt. Der ausgebildete Schauspieler ist 1971 in Dresden geboren. »Maria am Wasser« heißt auch die Schifferkirche am Rande der Elbemetropole. Er habe schon immer ­einen Film machen wollen, der an diesem Ort spielt, sagt er. Seit 1999 hat er sich mit der Geschichte beschäftigt. Doch als das Drehbuch fertig war, kam 2002 die Flut. Die Dresdner Schifferkirche stand meterhoch im Wasser und war als Drehort denkbar ungeeignet. So entstand der Film schließlich 2006 im erzgebirgischen Dittersbach und in Neuhirschstein bei Riesa. Mit den Schauspielern hat Wendrich eine erstklassige Wahl getroffen. Der Film ist sogar für den Deutschen Filmpreis nominiert, der im März vergeben wird.

Es ist ein nachdenklicher Film, der selbst in traurigen Momenten nicht seinen leisen Humor verliert. Und es ist ein Film voller Mut und Hoffnung.
Thomas Wendrich sagt von sich, dass für ihn 1990 der spannendste ­Abschnitt seines Lebens begann. Doch für viele andere Menschen sei bald danach eine ziemliche Ernüchterung gekommen. »Der Galgenhumor der Figuren ist vom Wissen um die Endlichkeit des Lebens geprägt«, sagt er zu seinem Film. Und als Zeichen für den Untergang einer ganzen Epoche sei ihm ein Panzer gerade gut genug gewesen.

Mit seiner Anwesenheit holt der Filmheld Markus die Erinnerungen der Dorfbewohner hervor und sie damit in die Gegenwart zurück. Und so wie die Orgel die Seele jeder Kirche ist, scheint das Dorf seine Seele wiedergefunden zu haben, als die Orgel wieder klingt. Und zum Schluss gibt es sogar ein Happy End mit Alena (Annika Blendl), die wie Markus auf der Suche ist.
Die Dresdner Kirchgemeinde von »Maria am Wasser« kam am vergangenen Sonntag in den Genuss der Deutschlandpremiere des Films »Maria am Wasser«. Schauspieler und Regisseur waren gekommen und stellten sich den Fragen der Zuschauer. Eintritt verlangten sie nicht. Doch die Kollekte des Abends geht nach Brenna in den polnischen Beskiden an die Partnergemeinde der Dresdner Schifferkirche – für den Bau ihrer Orgel.

Christine Reuther

Am 26.Februar kommt der Film in die ­Kinos: Metropolis in Dresden, Puschkino in Halle, Capitol in Jena, Moritzhof in ­Magdeburg

Fasten und Schweigen – beredte Zeit

4. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Foto: Dmytro Samsonov (SXC)

Foto: Dmytro Samsonov (SXC)

Fastenzeiten geben viel Raum und Zeit für neue religiöse Erfahrungen

Fasten ermöglicht tiefe Erkenntnisse und seelische Erfahrungen, umso mehr, wenn während dieser Zeit auch geschwiegen wird. Evangelische Kommunitäten bieten der biblischen Tradition folgend Fastenzeiten an. ­Voriges Jahr hat die Autorin ­dieses Beitrages an einer Fastenzeit teilgenommen und schildert ihre ­Beobachtungen. Sabine Kuschel

30 Frauen und Männer im Alter von Mitte 20 bis Mitte 70 versammeln sich in der Kapelle der Communität Christusbruderschaft Selbitz e.V. und erzählen, warum sie knapp eine Woche fasten und schweigen wollen.

Ein Ehepaar will sich nach einer anstrengenden Phase voller Stress im Beruf und beim Bau am eigenen Haus eine Auszeit gönnen.
»Ich will hören, was Gott mit mir vorhat«, sagt ein Mann, der sich beruflich und privat neu orientieren möchte.

Eine Teilnehmerin deutet an, dass sie unter Mobbing an ihrer Arbeitsstelle leidet.
Die Vorstellungsrunde, in der sich die Frauen und Männer über ihre Erwartungen an die Fastenwoche austauschen, ist die letzte Zusammenkunft verbaler Verständigung. Danach werden sie von Montagabend bis Sonnabend schweigen und fasten.

Die »Mahlzeiten« werden gemeinsam eingenommen, gesprochen wird dabei nicht. Morgens und abends gibt es Tee, Wasser und Saft, mittags eine klare schmackhafte Gemüsebrühe. Während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Sechsergruppen an den weiß gedeckten Tischen sitzen, lauschen sie der Musik, schauen zum Fenster hinaus und – schweigen.

Neben den »Mahlzeiten« bestimmen die gemeinschaftlichen Gebete in der Kapelle den Tagesrhythmus.
Thematisch geht es in der Passionszeit um das Leiden Jesu Christi, wobei das Kreuz im Mittelpunkt der Betrachtungen und Bibelarbeiten steht. Die geistlichen Impulse der ­Referentinnen und Referenten regen dazu an, mit den biblischen Passionsgeschichten in einen Dialog zu treten, sie vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen zu reflektieren. Viel Raum und Zeit, die eigene Lebensgeschichte und Situation zu bedenken, Unsicherheiten wahrzunehmen, Fragen und Zweifel zuzulassen.

Hätte ich mich in dieser oder jener Situation anders entscheiden sollen? Hat mein Leben einen Sinn? Schaut Gott mit gütigen Augen auf mich? Wie wird es mir und meinen Angehörigen in Zukunft gehen?

»Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch«, heißt es im 1. Petrusbrief 5, Vers 7. Und die neutestamentlichen Passionsgeschichten vermitteln die Botschaft, dass Christus am Kreuz alle unsere Schuld trägt und wir befreit sind.
Was das bedeutet, kann bei einer geistlichen Übung erfahren werden. In der Kapelle liegt ein großes Holzkreuz auf dem Fußboden. Es lädt ein, alles, was bedrückt und beschwert, in einer symbolischen Geste darauf abzulegen. Der biblischen Zusage folgend, dass Christus Schuld und Last für uns trägt.
Nacheinander treten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu dem am Boden liegenden Kreuz, knien nieder, legen ihre Hände darauf und verweilen, bevor sie wieder aufstehen und zu ihrem Platz zurückkehren. Alles Bedrücken­de und Belastende liegt nun hinter ihnen. Auf dem Kreuz Christi.

Später, nachdem das Schweigen gebrochen ist, lacht ein Mann über seine Erfahrung. Aufgeräumt erzählt er: »Ich habe alles Jesus aufs Kreuz ­gelegt. Die Verwandten, die nächste Woche kommen sollen und vor denen mir so graut, habe ich auch mit abgelegt.« Der bevorstehenden Begegnung mit den nervenden Angehörigen sieht er offenbar gelassener entgegen.

Welche Kraft von Ritualen ausgeht, kann bei verschiedenen Gelegenheiten während der Fastenwoche erlebt werden. So schildert zum Beispiel eine Frau, dass sie unter ihrem zu hohen Selbstanspruch leidet. »Ich denke immer, ich müsste viel mehr schaffen.« Geholfen habe auch ihr das Kreuz, eine andere Übung, bei der ­jeder und jede mit ausgebreiteten Armen wahrnimmt: Das ist mein Maß. Das bin ich, nicht mehr und nicht weniger! Diese Übung, so die Teilnehmerin, sei für sie eine heilsame Erfahrung gewesen, weil sie deutlich gespürt habe, bis wohin ihre Grenzen und damit ihre Kraft reichen.

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Hunger stellt sich kaum ein, wenn doch, lässt er sich durch Wasser oder Tee ­besänftigen.

Die Stille – ein Segen. Das Fasten und Schweigen führt zu tieferen Erkenntnissen und intensiven seelischen Erfahrungen. Frei von beruflichen und familiären Verpflichtungen, ohne Handy, Zeitung und Fernsehen, bleibt viel Zeit und Raum für Gebete, für religiöse Erfahrungen. Von solchen berichten nach dieser Woche des ­Fastens und Schweigens die meisten. »Ich fühle mich reich beschenkt«, konstatieren einige, weil sie wieder gewiss seien, dass trotz mancher

Unwägbarkeiten und ungeklärter Fragen Gott in ihrem Leben wirkt. Eine Einsicht, die froh und dankbar macht. Im Fall der Teilnehmerin, die zu Beginn andeutete, dass das menschliche Miteinander an ihrer Arbeitsstelle nicht zum Besten bestellt sei, und sie darunter leide, hört sich das so an. In ­ihrem Resümee benennt sie zwar ihren Ärger und Unmut, ihre Bitterkeit, doch sie lächelt, als sie ­abschließend sagt: »Ich bin auch ein bisschen glücklich.«

Der Prediger von Chemnitz

Interview: In vier Wochen startet die überkonfessionelle Großevangelisation ProChrist 2009 –Ein Gespräch mit Ulrich Parzany

Ulrich Parzany

Ulrich Parzany

Vom 29. März bis 5. April werden per Satellit und Internet die Veranstaltungen von ProChrist aus dem sächsischen Chemnitz in mehr als 1000 Gemeinden übertragen. Benjamin Lassiwe sprach mit dem ProChrist-Prediger Ulrich Parzany.

Herr Parzany, wie kommt es, dass ProChrist dieses Mal in Chemnitz stattfindet?
Parzany: Wir hatten mehrere Einladungen, aber für Chemnitz war es ausschlaggebend, dass dort fast 70 Gemeinden der unterschiedlichsten Konfessionen bereit waren, ProChrist zu unterstützen. Vor ­allem die Gemeinden der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens ­haben sich in Chemnitz für ProChrist ins Zeug gelegt. Und auch der Veranstaltungsort, die Chemnitz-Arena, ist mit rund 6000 Plätzen für uns ideal.

Haben Sie keine Angst, dass im säkula­risierten Ostdeutschland die Halle zur Hälfte leer bleibt?
Parzany: Es ist natürlich ein großes Wagnis. Wir hatten im Januar einen Impulsgottesdienst, bei dem die Chemnitzer ­Gemeinden ihre Sonntagsgottesdienste ausfallen ließen, 5800 Menschen kamen in die Chemnitz-Arena. Wenn die im März alle wieder kommen, kriegen wir die Halle voll.

Aber ist es denn Sinn von ProChrist, dass die schon in Gemeinden integrierten Christen zu den Veranstaltungen kommen?
Parzany: Wir wollen natürlich Menschen erreichen, die außerhalb der Gemeinden stehen. Aber das geht nur über persönliche Beziehungen. Die Christen müssen sich als Gastgeber empfinden, gleichgültig, ob wir jetzt von der Chemnitz-Arena oder den vielen hunderten Gemeinden reden, die die ProChrist-Veranstaltungen mit Hilfe einer Videoleinwand oder eines Fernsehers in ihre Räume übertragen. Nur wenn die Christen ihre noch nicht christlichen Bekannten mitbringen, kann ProChrist gelingen.

Wie viele Menschen sind denn in den letzten Jahren auf diese Weise tatsächlich zum Glauben gekommen?
Parzany: Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass 2006 rund 46000 Menschen an den lokalen Veranstaltungsorten nach vorne, zum Kreuz, gingen und dort um ein Gespräch mit einem Seelsorger oder ein Gebet baten. 30000 Menschen haben anschließend Kontakt zu einer der Gemeinden aufgenommen und ihre Adresse hinterlegt. Wie viele dann etwa einen Glaubenskurs besucht haben oder in die Gemeinde eingetreten sind, ließ sich nicht mehr herausbekommen.

Was bedeutet es denn für eine Gemeinde, wenn sie bei ProChrist mitmacht?
Parzany: Das ist doch glasklar: Wer neue Menschen einladen will, muss sich auch darauf einstellen, dass neue Menschen kommen. Wer einfach nur so weitermacht wie bisher wird damit rechnen müssen, dass auch nach ProChrist nicht mehr Menschen in die Gottesdienste kommen als zuvor. Sonst wären sie ja schon längst gekommen. Wer dagegen seine Arbeit an den Menschen orientiert, die vom Glauben noch keine Ahnung ­haben, und offen auf sie zugeht, der wird nach ProChrist ­erleben, dass Menschen bleiben und mit ihren ganz speziellen ­Gaben und Fähigkeiten die Gemeinde ­bereichern. ProChrist kann immer nur ein erster Anstoß, eine Initialzündung sein. Die richtige ­Arbeit beginnt erst ­danach – in den Gemeinden.

Was wird bei ProChrist in Chemnitz ­anders sein als in den Jahren zuvor?
Parzany: Wir haben die Veranstaltung musikalisch stärker durchgeplant. In jeder Veranstaltung wird es Lebensberichte von Menschen geben, die schwierige ­Situationen in ihrem Leben mit Hilfe von Gott gemeistert haben. Und es kommt der Mikrobiologe Professor Scherer, der über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube sprechen wird.

Damit geht ProChrist auch auf die aktuelle Debatte um Evolution und Kreationismus ein – wird die Evangelisation also politisch?
Parzany: Wir werden nicht parteipolitisch. Aber wir beteiligen uns an der ­Debatte um Fragen, die das Leben der Einzelnen und der Gesellschaft betreffen.

Dennoch ist Sachsen ein Land, in dem der politische Extremismus in linker wie rechter Gestalt im Landtag, in Kreistagen und Gemeindevertretungen zu finden ist. Wird ProChrist darauf eingehen?
Parzany: Ich glaube, dass eine Evangelisation dadurch wirkt, dass Menschen, die Jesus Christus folgen, zu Hoffnungsträgern werden. Sie lernen, ihre Feinde zu lieben und werden von Gott als Werkzeuge des Friedens und der Liebe gebraucht. Das kann wiederum der Demokratie dienen und einen glaubwürdigen Gegenpol zu extrem rechten oder linken Ideologien bilden. Menschen, die sich ernsthaft bemühen Jesus Christus nachzufolgen, werden die Menschenrechte bejahen und sich für das Wohl der Menschen einsetzen. Denn die Menschenrechte haben meiner Überzeugung nach ihre Wurzeln in der Botschaft der Bibel.

Gleichwohl werden evangelikale Christen in den letzten Monaten gesellschaftlich immer schärfer kritisiert und stehen unter Fundamentalismusverdacht.
Parzany: Im Gegensatz zu Fundamentalisten sind wir gesprächsfähig und dialogbereit. Das Evangelium von Jesus Christus verträgt sich nicht mit Gewalt oder Zwangsmitteln, sondern kann nur in Freiheit und Freiwilligkeit angeboten und ­angenommen werden. Die freie Gesellschaft braucht aber den öffentlichen ­Diskurs, in dem wir als Christen auch ­unseren Glauben an Christus in aller Deutlichkeit vertreten werden.