Zwischen die Fronten geraten

27. Februar 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Türkei: Das Schicksal der Christen im Tur Abdin am Beispiel des Klosters Mor Gabriel

Von Kamal Sido

Bis heute das geistige Zentrum der aramäisch/assyrischen Christen in der Türkei: Das Kloster Mor Gabriel im Südosten des Landes. In einem Rechtsstreit droht ihm die Enteignung. Foto: GfbV

Bis heute das geistige Zentrum der aramäisch/assyrischen Christen in der Türkei: Das Kloster Mor Gabriel im Südosten des Landes. In einem Rechtsstreit droht ihm die Enteignung. Foto: GfbV

Das Kloster Mor Gabriel in der Türkei ist eines der ältesten christlichen Klöster überhaupt. Jetzt drohen ihm umfangreiche Enteignungen.

Ende 2008 wurde das Kloster Mor Gabriel von drei kurdisch-muslimischen Dorfvorstehern verklagt. Daraus entstand ein Gerichtsverfahren, dessen Ende nicht absehbar ist. Die Vorsteher der drei Dörfer im südanatolischen Bezirk ­Midyat zeigten das Kloster wegen »Aneignung fremden Bodens« an. Es besitze viel zu viel Land, welches von den umliegenden Dörfern als Weideland genutzt werden könnte.

Noch heute Residenz eines Metropoliten
Mor Gabriel ist das berühmteste ­Kloster der Region des Tur Abdin und bis heute geistlicher Mittelpunkt der ­syrisch-orthodoxen Kirche. Gegründet wurde es durch Mor Samuel Savroyo im Jahr 397. Das Kloster erlebte in den folgenden Jahrhunderten Höhen und Tiefen, Zeiten der Zerstörung und des Wiederaufbaus. Lange Zeit war es Sitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten des Tur Abdin. Auch heute residiert der Metropolit wieder im Kloster. Der Komplex wurde in den letzten 35 Jahren vollständig renoviert, saniert und erweitert. Derzeit leben und arbeiten dort etwa 75 Personen – Mönche, Nonnen, Lehrer mit ihren Familien und 30 Schüler.

Ein Vertreter der syrisch-orthoxen Kirche sagte der in Istanbul erscheinenden, linksliberal ausgerichteten Tageszeitung Radikal: »Die Bevölkerung wird gegen uns Suriani/Syrer (syrisch-orthodoxe) aufgehetzt.« Das Ziel der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP sei es dabei, die pro-kurdische Partei DTP bei den Ende März stattfinden Kommunalwahlen zu schlagen und somit »den Osten« zu erobern.
Tatsächlich versuchen lokale Anhänger der AKP, an deren Spitze der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan steht, seit einigen Jahren, die Kurden und Christen in der überwiegend von Kurden bewohnten Südosttürkei gegeneinander aufzuhetzen. Und jeder, der die Umstände in der Türkei kennt, weiß, dass die kurdischen Dorfvorsteher nicht ohne Zustimmung der AKP und des Militärs gegen das Kloster Mor Gabriel hätten klagen können.

Glücklicherweise hat sich die kurdische Nationalbewegung umgehend von den klagenden Dorfvorstehern distanziert. Der Fraktionschef der DTP im türkischen Parlament, Ahmet Türk, erklärte erst bei einem Besuch des Klosters Ende Dezember 2008 die ausdrückliche Solidarität seiner Partei mit Mor Gabriel und den christlichen Assyro-Aramäern im Tur Abdin.

Aramäer fliehen seit 30 Jahren aus dem Land
Die Volksgruppe der Aramäer/Assyrer im Tur Abdin zählte noch bis Mitte der 1960-er Jahre 130000 Menschen, nachdem sie in den Jahren 1915/16 hunderttausende Angehörige durch den türkischen Genozid unter Beteiligung vieler kurdisch-muslimischer Agas (»Anführer«) verloren hatte. In den letzten 30 Jahren gerieten sie jedoch immer mehr zwischen die Fronten beim Kampf der türkischen Armee und Beamten auf der einen und der Rebellen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) auf der anderen Seite. Die überwältigende Mehrheit der Aramäer/Assyrer ist deshalb in den letzten 30 Jahren nach Mittel- und Nordeuropa geflüchtet. Heute ist die Größe der christlichen Gemeinschaft im Gebiet von Tur Abdin auf etwa 2000 Personen geschrumpft.

Die Aufhebung des Ausnahmezustandes im Jahre 1999 hatte eine kurzzeitige Verbesserung der Situation der Christen zur Folge. Im Zuge der Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Türkei hat die türkische Regierung den Aramäern/Assyrern eine Rückkehr zugesichert. In den Dörfern Kafro, Sare und Midin wurden bereits Häuser gebaut, damit die Menschen in ihre alte Heimat zurückkehren können. Etliche sind dem Ruf bereits gefolgt, vorgesehen ist die Rückkehr von jährlich 15 Familien.
Jede Agenturmeldung aus der Südosttürkei über Übergriffe gegen Christen in Anatolien, insbesondere im Tur Abdin, führt allerdings bei den wenigen noch im Land geblieben Christen zu noch mehr Verunsicherung. Die gefühlte Unsicherheit steckt zudem aramäischer Familien aus Deutschland an, die eine Rückkehr in ihre alte Heimat planen. Es wäre schade, wenn dieses zarte Pflänzchen der christlichen Rückkehrerbewegung wieder zerstört würde.

Sowohl deutsche Kirchenleiter als auch die Konferenz Europäischer Kirchen sowie der Auswärtige Ausschuss des EU-Parlaments haben deshalb in den vergangenen Wochen gegen die Enteignungsbestrebungen protestiert. Doch: »Bei der Religionsfreiheit gibt es in der Türkei nach wie vor keinerlei Fortschritte«, so die bittere Bilanz der CDU-Europaabgeordneten Renate Sommer.

Der Autor ist Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen.

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